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Christa Olbrich: Pflegekompetenz

Cover Christa Olbrich: Pflegekompetenz. Hogrefe (Bern) 2018. 3., überarbeitete und ergänzte Auflage. 349 Seiten. ISBN 978-3-456-85847-0. 34,95 EUR.
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Thema

Christa Olbrich beschäftigt sich in der 3., überarbeiteten und ergänzten Auflage ihres Buches mit dem Erwerb und der Anwendung der pflegerischen Kompetenz. Der Begriff der Kompetenz hat in der heutigen Diskussion um die Professionalität der Pflege eine zentrale Bedeutung. Die erfahrene Autorin geht der Frage auf den Grund, was sich im Pflegealltag an Können und Wissen als Kompetenz der Pflegeperson manifestiert. Mit der Forschungsmethode der Grounded Theory leitet sie vier Dimensionen des pflegerischen Handelns ab und legt die Grundlage für ein theoriegeleitetes und praxisrelevantes Konzept der Pflegekompetenz. Sie erweitert diese Auflage um zwei neue Kapitel, die sich mit der Idiolektik und der Spiritualität beschäftigen.

Autorin

Professorin (em.) Dr. phil. Christa Olbrich war bis 2012 Professorin für Pflegewissenschaft und Pflegedidaktik an der Katholischen Fachhochschule in Mainz. Die gelernte Krankenschwester, Supervisorin, Diplom Pädagogin, Kurzpsychotherapeutin IG und Dozentin für Idiolektik gibt Seminare im Bereich von Weiterbildung zu Inhalten der Pflegekompetenz und Kommunikation und agiert an Hochschulen mit Lehraufträgen.

Aufbau

Das Buch Pflegekompetenz hat sich seit fast zwei Jahrzehnten bewährt und erscheint in 3., überarbeiteter und ergänzter Auflage. Frau Olbrich erweitert es um zwei Kapitel, die sich mit den Themen Idiolektik und der Spiritualität beschäftigen. Das Buch enthält 343 Seiten, die sich in zwölf Kapitel mit anschließenden Verzeichnissen gliedern.

  1. Verständnis und Konzepte von Kompetenz
  2. Kompetenzforschung
  3. Kompetenzforschung in der Pflege
  4. Theorie der Pflegekompetenz
  5. Analyse und Interpretation der Pflegekompetenz
  6. Europäischer Qualifikationsrahmen
  7. Kompetenzentwicklung in Lehr- und Handlungsdimensionen
  8. Individuelle Kompetenzentwicklung
  9. Institutionelle Kompetenzentwicklung
  10. Zusammenfassung und Ausblick
  11. Idiolektische Kompetenz
  12. Spirituelle Kompetenz

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Im ersten Kapitel setzt sich die Autorin mit dem Kompetenzbegriff auseinander und ordnet die Begriffsvielfalt unter den Anforderungen unterschiedlicher Abstraktionsniveaus und des Weiteren unter Kompetenzprofilen ein. Deutlich wird, dass sich Kompetenz nicht nur in objektbezogenen Handlungsstrategien zeigt, gemeint ist auf der Basis von Wissen und Fertigkeiten, sondern ein hoher Abstraktionsgrad in der Metakompetenz erkennbar wird, die Werte und Normen in selbstreflexiver Einbindung umfasst. Kompetenzprofile dienen der Bündelung und Systematisierung von Kompetenzen. Olbrich beschreibt beispielhaft verschiedene Kompetenzprofile (z.B. der WHO, des Deutsche Bildungsrats, der KMK) und leitet über die verschiedenen Anforderungen und Abstraktionsniveaus von Kompetenzen auf das Kapitel der Kompetenzforschung über.

Im zweiten Kapitel werden wesentliche Elemente der Kompetenzforschung aufgezeigt und deren Erweiterung auf internationaler Ebene.

Im dritten Kapitel, Kompetenzforschung in der Pflege, beschreibt Olbrich die Dimensionen des pflegerischen Handelns. Regelgeleitetes Handeln, situativ-beurteilendes Handeln, reflektiertes Handeln und aktiv-ethisches Handeln stehen in einer inneren Beziehung und bauen in einer hierarchischen Stufung aufeinander auf. Sie leitet Fähigkeiten und Kompetenzen aus den verschiedenen Dimensionen ab und verdeutlicht diese anhand von pflegerischen Situationen, die von Pflegepersonen beschrieben wurden. Sie identifiziert Kategorien, die sie als Komponenten des reflektierenden, empathischen und auf persönlicher Stärke beruhenden Handelns beschreibt. Alle Komponenten belegt sie mit Praxisbeispielen. Die unterschiedlichen Merkmale für kompetentes pflegerisches Handeln machen die Herausforderungen für Pflegende in emotional belastenden und existentiell bedrohlichen Situationen deutlich und drücken in diesem komplexen Kontext die höchste Form der Kompetenz aus.

Im vierten Kapitel widmet sie sich der weiteren wissenschaftlichen Bearbeitung der Dimensionen pflegerischen Handelns und den daraus abgeleiteten Kompetenzen zu einer bereichsbezogenen Theorie. Sie nimmt Begriffsdefinitionen vor. Sie unterscheidet Fähigkeit und Kompetenz anhand von Merkmalen. Pflege wird als zwischenmenschlicher Beziehungsprozess verstanden und wird als ein Zusammenwirken verschiedener Komponenten von Pflegeperson, Pflegeempfänger und Umwelt definiert. In den nächsten Unterkapiteln zeigt sie die Ausprägung einzelner Komponenten der Dimensionen in deren besonderer Ausprägung auf. Es wird die Routine als immanenter Bestandteil der Kompetenz, reflektierende Komponenten von Kompetenz, emotionale Komponenten von Kompetenz und aktiv-ethische Komponenten von Kompetenz beschrieben. Eine grafische Darstellung zeigt die auf eine Person bezogenen grundlegenden Prozesse, die Kompetenz bedingen. Zusammenfassend beinhalten diese:

  • kognitive Leistungen in Form von denken und reflektieren
  • emotionale Leistungen, in Form von fühlen und empathisch sein
  • aktionale Leistungen wie handeln, regelgeleitet, routinemäßig, wertgeleitet und personal
  • stark sein.

Im weiteren Verlauf setzt sie die Pflegekompetenz in Bezug zum Pflegeempfänger und zeigt in den Stufen der Dimensionen die sich in ihrer Komplexität verändernde Interaktion zwischen Pflegeperson und Pflegeempfänger auf. In der Dimension des regelgeleiteten Handelns richtet die Pflegeperson ihre Handlungsmaßnahme eindimensional auf den Pflegeempfänger aus, der Pflegeempfänger wird als Objekt betrachtet. In den nächsten Dimensionen wird der Pflegeempfänger als Subjekt erkannt und sein Umfeld wird mit einbezogen. In der Dimension des aktiv-ethisch Handelns gewinnt die Beziehung durch Werte und ethische Orientierung an Qualität. Im Unterkapitel Kompetenz in ihren Strukturen untersucht die Autorin die Kompetenz aus verschiedenen Perspektiven. Kompetenz zeigt sich in der Performanz und wird von unterschiedlichen Faktoren beeinflusst. Dies können z.B. Arbeitsbedingen ebenso wie Kompetenzen, die der Pflegeempfänger in Form von Lebens- und Krankheitsbewältigung, von Wissen und Können und seiner Ressourcen mit einbringt, sein. All diese Erkenntnisse fasst die Autorin in einem grafischen Modell zusammen. Im Zentrum steht das Phänomen der Kompetenz in seiner spezifischen Form als Pflegebezug zwischen Pflegeperson und Pflegeempfänger. Es gehören Prozesse und Strategien dazu und die Konsequenzen als Ergebnisse der Kompetenz pflegerischer Wirksamkeit. Der Bezugsrahmen Pflege (Pflegeverständnis, Geschichte der Pflege und Alltagsaktoren) stellen den äußeren Rahmen des Modells dar (S. 132).

Im fünften Kapitel unterzieht die Autorin den ausführlich definierten und in seinen Dimensionen beschriebenen Pflegekompetenzbegriff einer Analyse. Sie betrachtet

  • Kompetenz als ganzheitliches Handlungspotenzial
  • Kompetenz mit Subjekt- und Situationsbezug
  • Kompetenz als selbstorganisiertes Handeln
  • Kompetenz als Bewältigung komplexer Handlungen
  • Kompetenz als Fertigkeiten und Fähigkeiten
  • Kompetenz in verschiedenen Bereichen
  • Kompetenz und Performanz.

Im sechsten Kapitel bindet die Autorin den europäischen Qualifikationsrahmen mit ein. Ziel des EQR war die Entwicklung vergleichbarer Qualifikationsreferenzen und die Förderung der Mobilität auf dem Arbeitsmarkt. Lernerergebnisse werden in acht Stufen definiert und jede Stufe als in sich zu unterscheidendes Qualifikationsmerkmal beschrieben. Lernerergebnisse setzen sich aus einer Kombination von Kenntnissen, Fertigkeiten und Kompetenzen zusammen. Für die Pflege bietet der EQR eine Chance, einerseits zur Orientierung und zum anderen zur gesamten qualitativen pflegeberuflichen Ausrichtung auf europäischem Niveau. Es folgt eine ausführliche Beschreibung der einzelnen EQR Stufen in der Spezifizierung der Pflegeberufe.

Im siebten Kapitel Kompetenzentwicklung in Lern- und Handlungsdimensionen wird der Frage nachgegangen, wie Kompetenz entwickelt und gefördert werden kann. Es geht um curriculare und methodisch-didaktische Aspekte in ihrer Bedeutung von Lernen in der Dimension des Pflegerischen Handelns. Es werden verschiedene Ebenen des Lernens beleuchtet (deklaratives Lernen, prozedurales Lernen, konditionales Lernen, reflexives Lernen und identitätsförderndes Lernen). Mit den höchsten Anforderungen wird das identitätsfördernde Lernen genannt, es ist die Ebene einer personalen Auseinandersetzung und wird erst durch ein angemessenes Pflege- und Berufsverständis ausgebildet. Lernprozesse werden nun auf die vier Dimensionen pflegerischen Handelns bezogen. Als Ergebnis zeigen sich Lernebenen pflegerischen Handelns, die eine hierarchische Ordnung haben und als aufeinander aufbauend betrachtet werden können.

Da allen Dimensionen ein entscheidendes Element von Urteilsvermögen zugrunde liegt, es zeigt sich im Bereich der Fähigkeit wie auch im Bereich der Kompetenz, widmet sich die Autorin mit besonderer Aufmerksamkeit der Entwicklung von Urteilskraft. Innerhalb dessen wird dem Beurteilen, Bewerten und Einschätzen eine zentrale Rolle zugeordnet. Sie beschäftigt sich mit dem Begriff der Selbstevaluation, deren Wesen in der Selbstreflexion liegt, die unabdingbar mit der kontinuierlichen Auseinandersetzung mit dem eigenen beruflichen Handeln verbunden ist. Sie zeigt beispielhaft verschiedene Evaluationsinstrumente für den Anfang, für laufende Lehr- und Lernprozesse und für Abschlussevaluationen auf. Sie beschreibt beispielhaft verwendbare Instrumente für das Einbeziehen von Vorerfahrungen Lernender (Basis-Papier), zur Bewusstmachung von Entwicklungen innerhalb von Lernprozessen (Prozess-Paper) sowie zur Einschätzung von Lernständen (Kontroll-Paper). Sie beschreibt Evaluationsinstrumente als längerfristige Programme (Reflexions- Supervisions- und narrative Gruppen). Die Unterschiede der Instrumente liegen im inhaltlichen Bereich, während Supervisionen für die Bearbeitung von individuellen Belastungen und Handlungsproblemen genutzt wird, dienen Reflexionen der Diskussion von Themen aus der Theorien oder Praxis. Narrative Evaluationen richten den Fokus auf Pflegesituationen von Pflegeempfängern, hier ist die Weiterentwicklung auf die Kompetenz einer ganzen Person gerichtet.

Kapitel acht widmet sich der individuellen Kompetenzentwicklung und geht der Frage nach, wie sich Wahrnehmen, Bewerten, Entscheiden und Handeln stärker im Bewusstsein einer Person entfaltet. Da die Beantwortung der Frage grundlegende Kenntnisse aus der Neurowissenschaft voraussetzt, erfolgen zu jedem Begriff Ausführungen zum Grundlagenwissen sowie Aspekte zur Entwicklung und zur Integration. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass in der beruflichen Kompetenzentwicklung Angebote zur Wahrnehmung vorhanden sein müssen, Berufsanfänger wie auch Berufserfahrene lernen ständig aufgrund ihrer bisherigen Erfahrung, die gekoppelt mit Aufmerksamkeit und Wahrnehmung immer neue kognitive Strukturen ermöglicht. Bewertungen kommt eine hohe Bedeutung zu, denn sie bestimmt jedwede weitere Entscheidung und Handlung. Kompetenzentwicklung im Kontext Bewertung bedeutet durch bessere Begründung oder mehr Bewusstsein mehr Klarheit im Umgang mit Bewerten und Beurteilen zu haben. Entscheidungen werden kontinuierlich getroffen, sie unterliegen vielfältigen, auch oft unbewussten Bedingungen. Entscheiden können gelernt werden in realen Situationen und bedeutet gleichsam auch, an Fehlentscheidungen zu wachsen. Ethische Aspekte erfordern Pflegepersonen Mut und eine hohe Entscheidungskompetenz ab, die sich als aktiv-ethisches Handeln zeigt. Handlungen sind immer komplex und erhöhen die Anforderungen an Pflegepersonen, wenn Handeln in nicht vorhersehbaren Arbeitskontexten entscheiden werden muss. Die hierfür nötigen Komponenten der Kompetenz können in einer Bandbreite von kognitiven, emotionalen, pragmatischen und ethischen Handlungsparametern gesehen werden. Wahrnehmen, Bewerten, Entscheiden und Handeln können im Sinne einer Spirale gesehen werden, da sie aufeinander aufbauen und als sich gegenseitig bedingende Prozesse betrachtet werden können.

Im Kapitel neun Institutionelle Kompetenzentwicklung betrachtet die Autorin den Kompetenzbegriff im Kontext der gesellschaftlichen und umweltbezogenen Bedingungen des Lebens. Die Bedingungen der Organisation, in denen Menschen lernen und arbeiten, tragen zur Entfaltung der Potenziale von Kompetenz bei. Sie formuliert in der Systematik von drei Ebenen die wesentlichen Faktoren zur institutionellen Kompetenzentwicklung.

  1. Ebene Institution als Kompetenzbasis: Faktoren, die die das Fundament der Kompetenzentwicklung legen sind bspw. Leitbild, Führungsstil, Kompetenzprofile, Verantwortung, Lernen als Selbstorganisation.
  2. Ebene Performanz als sichtbare Kompetenz: auf dieser Performanzebene beschreibt sie Faktoren wie Wahrnehmen, Beobachten, Entscheiden, Handeln, kollektive Erfahrungen, Bewerten und Kommunikation.
  3. Ebene als Verständnis von Kompetenz: Kompetenz wird in der institutionellen Struktur gedacht und erfordert ein Umdenken von traditionellen Vorstellungen von betrieblicher Aus-, Fort- und Weiterbildung. In diesem Verständnis wird institutionelle Kompetenzentwicklung getragen von den Faktoren Kompetenz als Entwicklung, Entwicklung des Bewusstseins und Ethik.

In Kapitel zehn fasst die Autorin die Schwerpunkte der vorangegangenen Kapitel zusammen. Im Anschluss folgen die der Ausgabe neu hinzugefügten Kapitel Idiolektik und Spiritualität.

Im elften Kapitel beschäftigt sich die Autorin mit der idiolektischen Kompetenz. Idiolektik wird definiert als die Eigensprache, die, wie der Fingerabdruck eines Menschen, in jedweder Situation einzigartig und einmalig und somit als individueller verbaler und nonverbaler Ausdruck eines Menschen gilt. Beispielsweise führt sie als immanente Elemente der idiolektischen Kompetenz das Schaffen einer warmen akzeptierenden Atmosphäre, dem Sorgen für Wohlbefinden, dem Beobachten von nonverbalen Mitteilungen und der Vermittlung von Anerkennung auf. Idiolektische Kompetenz entwickelt man durch Erfahrungen und erlernt sie in Gesprächen, Seminaren und Ausbildungen. Während der Kompetenzentwicklung reflektiert die Person ihre Haltung in Bezug auf sich selbst und ihr Menschenbild. Die Nutzung der idiolektischen Kommunikation innerhalb der Pflege hat einen hohen Stellenwert, da sie zur Gesundheitsförderung, zum besseren Umgang mit schwierigen Situationen und Konflikten und nachhaltig zu mehr Freude im Beruf beiträgt. In Gesprächsbeispielen aus verschiedenen Bereichen der Pflege wird idiolektische Kompetenz verdeutlicht. In einer Gegenüberstellung von Pädagogik und Idiolektik werden Gemeinsamkeiten beider Wissenschaften gezeigt, wie offene Fragestellungen, Ressourcenorientierung, Wertschätzung, Zieloffenheit und Selbstverantwortung. Idiolektische Kompetenz bedeutet in der Einordnung von Kommunikation in den Bereichen Dialog, Rhetorik und Idiolektik Wissen und Können zu haben und zu entscheiden, wann, wo, was und wie dieses Wissen und Können zum Einsatz kommt. Hinzu kommt das professionelle Handeln, in diesem Kontext hat die Idiolektik ihren Platz.

Im zwölften Kapitel beschäftigt sich die Autorin mit der Spiritualität, eine geistige Dimension, die sich von allem Materiellen abgrenzt. Spiritualität kann als Haltung eines Menschen gesehen werden, die auf Transzendenz oder die auf eine höhere Macht oder im religiösen Sinne auf Gott ausgerichtet ist. Olbrich verwendet den Begriff der spirituellen Dimension und beschreibt diesen auf drei Ebenen:

  1. Alltagsebene: Menschen haben eine Ahnung, eine Vorstellung von einer nicht näher bestimmbaren Macht. Diese wird angenommen, da viele Dinge im Leben nicht erklärbar sind. Sie sind nicht aktiv mit einer Religion verbunden und leben nichtnach allgemeingültigen ethischen Normen.
  2. Religiöse Ebene: Menschen glauben an eine höhere Macht, je nach Religionszugehörigkeit wird damit ein unterschiedliches Gottesbild verbunden.
  3. Transpersonale Ebene: Menschen befinden sich auf einer Seins-Ebene, die nur individuell ausgedrückt und über Erfahrungen erreicht werden kann. Sie wird als Wahres Sein erkannt und als Einssein mit den Menschen und dem Universum erkannt. Sie wird auch erkannt als universelle Verbundenheit und als umfassende Liebe.

Pflegekompetenz liegt in der Wahrnehmung einer spirituellen Gegebenheit, aus dem Können des Daseins, das Dabeibleiben und des Schweigens folgt. Auch folgen daraus Handlungen, die sich in ihrer Art und Weise vom nur manuellen oder zweckorientierten Handeln unterscheiden. Spirituelle Kompetenz drückt sich in der Haltung und Offenheit und in einer bewussten Ausrichtung auf eine geistige Dimension aus.

Im weiteren Verlauf geht die Autorin vertiefend auf drei Aspekte der Spiritualität, Bewusstsein, Gesundheit und Rituale, ein. Spirituelle Kompetenz setzt aktiv-ethisches Handeln voraus, Nach eingehender Beleuchtung spiritueller Werte wie Ehrfurcht, spirituelle Verbundenheit und Offenheit folgt der Blick auf die spirituelle Pflegepraxis, wo die entscheidenden Komponenten Dasein, Schweigen, Gebet und Mediation beleuchtet werden. Deutlich werden die Komplexität des Themas Spiritualität und die enge Verbundenheit von Ethik und Spiritualität. Pflegekompetenz ist immer der Ausdruck der Pflegeperson in ihrer Gesamtheit. Die Entwicklung zur Erweiterung des Bewusstseins auf eine geistige Dimension hin wird immer auch als eine Chance für jede Persönlichkeitsentwicklung gesehen. Diese Entwicklung ermöglicht eine Persönlichkeitsentfaltung und eine Stärkung der professionellen Pflegequalität.

Diskussion

Die Auseinandersetzung mit dem Pflegekompetenzbegriff hat sich seit fast zwei Jahrzehnten bewährt und verliert trotz dieser Zeit nicht an Aktualität und an Komplexität. Im Gegenteil: das theoriegeleitete und praxisrelevante Konzept der vier Dimensionen des pflegerischen Handelns macht dem Leser erneut und eindringlich die Wichtigkeit der Thematik deutlich. Durch die systematische Betrachtung der einzelnen Inhalte und Komponenten gelingt es der Autorin, die Vielschichtigkeit und das Ineinandergreifen von Pflegekompetenz zu analysieren und zu verdeutlichen. Durch Situationsbeschreibungen Pflegender aus der beruflichen Praxis werden die vier Dimensionen pflegerischen Handelns erläutert, aus deren Handlungsdimensionen Fähigkeiten und Kompetenzen abgeleitet werden.

Der Kompetenzbegriff wurde in den letzten Jahren einem Wandel unterzogen, indem er weniger auf einzelne Fähigkeiten und praktische Fertigkeiten, sondern, bedingt durch die gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen, auf die Disposition der Menschen als Individuum in ihrer kollektiven Einbettung abzielt. Lernende sollen in der Ausbildung lernen aktiv-ethisch zu handeln. Ziel der Ausbildung ist es, auch Kompetenzen wie die Idiolektik und die Spiritualität anzubahnen und sie im Sinne von lebenslangem Lernen immer wieder zu sensibilisieren und auszuprägen. Idiolektische Kompetenz als Eigensprache bereichert den Pflegenden selbst und den Pflegeempfänger, denn Gespräche sind ein eindeutiges Qualitätsmerkmal und von höchster Wichtigkeit für die Gesundheit und Zufriedenheit.

Auch die Spiritualität als eine Kompetenz Pflegender, die sich im Arbeitsalltag mit vielen Fragen des Seins und in Situationen von existentieller Bedrohung mit Pflegeempfängern auseinandersetzen, bekommt eine zentrale Bedeutung. Die Förderung der institutionellen Kompetenz bedarf eines Verständnisses der Kompetenzentwicklung. Eine Einrichtung wird getragen von Wissen und Können seiner Mitarbeiter. Führungspersonen haben die Verantwortung, diese kollektive Kompetenz zu fördern. Werden die vier Dimensionen des pflegerischen Handelns curricular zur Strukturierung und inhaltlichen Gestaltung von Ausbildungsinhalten hinterlegt, dienen sie als gemeinsame Sprache zur Gestaltung der praktischen und theoretischen Ausbildung. Die Kompetenz beginnt bei der Wahrnehmung und Beobachtung und sie gibt mit den weiteren Schritten die Richtung des bewussten Handelns, Entscheidens und Bewertens an.

Es muss zu einem Umdenken in der Pflegepädagogik kommen – eine kompetenzorientierte Ausbildung und Fort- und Weiterbildung setzt neue Lehr- und Lernwege voraus, die Denken und Handeln als Einheit verstehen. Durch das lebenslange Lernen und das permanente Reflektieren, beurteilen und bewerten des pflegerischen Handelns gelingt es, individuelle Kompetenzentwicklung zu fördern und weiterzuentwickeln. Aus pflegepädagogischer Sicht unterstützt das Buch die Neuentwicklung des Pflegeberufs nach dem Pflegeberufegesetz und ermöglicht auf Grundlage des Konzepts die Umsetzung der kompetenzorientierten Aus-, Fort- und Weiterbildung in der Pflege

Fazit

Mit diesem Buch liegt ein kreatives Werk vor, welches den pflegerischen Alltag, die pflegepädagogische Gestaltung von Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie Institutionen aller Couleur maßgeblich unterstützen kann. Lernende und Pflegende werden begleitet und entwickeln ihre Pflegekompetenz kontinuierlich weiter. Die Inhalte machen die Komplexität und die Vielseitigkeit des Pflegeberufes deutlich und zeigen auf, dass eine gute Pflege durch eine innere Haltung und das Wissen von Pflegenden entscheidet.


Rezensentin
Karin Sauerwein
Stellv. Leitung des Bildungsinstitutes Berufspädagogin im Gesundheitswesen (M.A.) CBG Christliches Bildungsinstitut für Gesundheitsberufe in Kassel
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Zitiervorschlag
Karin Sauerwein. Rezension vom 06.02.2019 zu: Christa Olbrich: Pflegekompetenz. Hogrefe (Bern) 2018. 3., überarbeitete und ergänzte Auflage. ISBN 978-3-456-85847-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24082.php, Datum des Zugriffs 21.04.2019.


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ISSN 2190-9245

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