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Andreas Speck, Ingmar Steinhart (Hrsg.): Abgehängt und chancenlos? (schwere psychische Beeinträchtigungen)

Cover Andreas Speck, Ingmar Steinhart (Hrsg.): Abgehängt und chancenlos? Teilhabechancen und -risiken von Menschen mit schweren psychischen Beeinträchtigungen. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2018. 165 Seiten. ISBN 978-3-88414-682-8. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR.

Landesverband Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern e. V. (Hrsg.).
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Thema

Während die Sozialpsychiatrie, verstanden als Umstrukturierung der psychiatrischen Versorgung in Richtung auf Gemeindenähe, in den letzten vier Jahrzehnten eine erhebliche Veränderung der Institutionen bewirkte, wird in den letzten Jahrzehnten zunehmend die geringe Forschungsförderung und -aktivität beklagt.

Der Landesverband Mecklenburg-Vorpommern unterstützt die Verzahnung von Wissenschaft und Praxis und sieht die Versorgungsforschung als einen wichtigen Baustein zwischen diesen beiden Systemen. Diese ist auch dringlich im Hinblick auf die neuen Anforderungen durch die UN-BRK und das Bundesteilhabegesetz. Im Rahmen der BAESCAP-Studie (Bewertung aktueller Entwicklungen der sozialpsychiatrischen Versorgung auf Basis des Capabilities-Approaches und der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen) wurden Nutzerinnen und Nutzer in vier Bundesländern (Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg, Teile von Westfalen, GPV Ravensburg in Baden-Württemberg) zu ihren aktuellen Lebenslagen befragt. Hierzu musste Teilhabe theoretisch mittels des Capability Approachs fundiert werden. Die Studienergebnisse erlauben Schlussfolgerungen für Praxis und Politik.

Herausgeber

Die Herausgeber – ein Landesverband und zwei Personen- erklären sich durch die persönlichen und räumlichen Verbindungen:

  • Steinhart, Psychologe, ist Vorstandsmitglied der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel und Direktor des Instituts für Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern Greifswald,
  • Speck, Professor an der Hochschule Neubrandenburg, ist Mitglied des Vorstandes des vorgenannten Instituts.

Entstehungshintergrund

In der Reihe „Forschung für die Praxis – Hochschulschriften“ veröffentlicht der Psychiatrie-Verlag einschlägige Publikationen, die diesem Anspruch gerecht werden. Berichtet wird über die BAESCAP-Studie, die initiiert wurde, da psychisch erkrankte Personen, die Eingliederungshilfe erhalten nach § 53 SGB XII und in stationären Wohn- und Pflegeeinrichtungen versorgt werden, in der Regel bei Befragungen nicht berücksichtigt werden.

Aufbau

Nach einem Vorwort der Vorstandsvorsitzenden und der Geschäftsführerin des Landesverbands Mecklenburg-Vorpommern folgen

  • Andreas Speck, Von der Teilhabe zur Befähigung
  • Rolf Schmachtenberg, Politik braucht Informationen: Zahlen, Daten, Fakten und die Sicht Betroffener
  • Anja Höppner, Marcel Daum, Methodik: >>Wir haben die Menschen gefragt<<
  • Marcel Daum, Teilhabechancen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung
  • Anja Höppner, Fokus Wohnen: >>Ambulant (immer) vor stationär?<<
  • Marcel Daum, Fokus Arbeit und Beschäftigung: >>Bildung und Arbeit für alle?<<
  • Ingmar Steinhart, Fokus Komorbidität: >>Gesundheitslast psychische Erkrankung<<
  • Andreas Speck, Fokus Stigma: Ein Teilhaberisiko?
  • Marcel Daum, Welche Befähigungen eröffnen sich Menschen in der Eingliederungshilfe?
  • Michael Conty, Teilhabestärkungsgesetz – wird das Bundesteilhabegesetz (BTHG) die Lebenslagen schwer psychisch kranker Menschen verbessern?
  • Ingmar Steinhart, >>Ein gutes Leben für schwer psychisch kranke Menschen in Deutschland – sieben Thesen

Literaturverzeichnis und Hinweise zu den AutorInnen schließen die Publikation ab. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Auf 23 Seiten entwickelt und fundiert Speck den Teilhabebegriff. Im Rückgriff auf die ICF beschreibt „Teilhabe …also zunächst die vage Qualität der Relation eines Menschen zu seinen Mitmenschen.“ (S. 12) Teilhabemöglichkeiten können in unterschiedlicher Aktivität realisiert werden, abhängig von den strukturellen Gegebenheiten und den individuellen Einsatzmöglichkeiten. Speck greift im weiteren den Capabilities Approach von Martha Nussbaum und A. Sen als Rahmentheorie auf, auf die gesellschaftliche und individuelle Potenziale als Teilhabechancen Einfluss nehmen. So lassen sich in einem weiteren Schritt sowohl sozialpolitische als auch personenorientierte Leistungen der Sozialpsychiatrie zuordnen und auch für die Transformation von Teilhabechancen in realisierte Teilhabe Unterstützung durch Peer-/Profi-Beratungsmix benennen.

Schmachtenberg stellt in seinem Beitrag heraus: „Die repräsentative Befragung zur Teilhabe von Menschen mit Behinderungen schafft darüber hinausgehend ein belastbares Fundament für künftige teilnahmepolitische Entscheidungen. Teilhabeforschung lässt Bedürfnislagen erkennen und nutzt durch die Einbeziehung der Zivilgesellschaft das Erfahrungswissen von Menschen mit Behinderungen.“ (S. 38)

Bei der BAESCAP-Studie handelt es sich einerseits um eine Fragebogenbefragung von Betroffenen, die über Einrichtungen erreicht wurden, andererseits um den Vergleich mit dem sozio-oekonomischen Panel (SOEP). Details werden in den Artikeln zur Methodik und zur Allgemeinbevölkerung dargestellt.

Im folgenden werden die Ergebnisse zu Wohnen, Arbeit und Beschäftigung, Komorbidität und Stigma aus der Betroffenenbefragung dargestellt. Die letzten drei Artikel öffnen den Blick auf aktuelle Veränderungen und schließt mit daraus abzuleitenden Thesen.

Diskussion

Die Befragung psychisch erkrankter Personen in stationären Wohn- und Pflegeeinrichtungen zu der von ihnen erlebter Teilhabe ist ein Desiderat, was meines Wissens mit der vorgelegten Studie erstmals angegangen wurde. Wenn überhaupt, wird die Situation der Professionellen in diesem Bereich in den Blick genommen. Die Systematik und die methodische Qualität der Studie überzeugen. Manche Ergebnisse wie die Diskriminierungserfahrungen in den unterschiedlichen Altersgruppen – jüngere berichten davon mehr als ältere – oder erlebter geringere Unterstützung im ambulanten Wohnen zeigen, dass die Erfahrungen der Betroffenen nicht mit Vorannahmen übereinstimmen müssen. Schließlich zeigt die Studie: sozialpsychiatrische Versorgungsforschung ist notwendig und ist mit ansprechender theoretischer Fundierung möglich.

Fazit

Die Studie gehört in jede Fachbibliothek mit Abteilungen zur Sozialpsychiatrie, Sozialer Arbeit und Pflegewissenschaft und sozialwissenschaftlichen Forschung. Darüber hinaus regt sie an, sie unter den Aspekten der Konzept- und Qualitätssicherung zu nutzen.


Rezensentin
Prof.em Dr. Alexa Köhler-Offierski
Seniorprofessorin Evangelische Hochschule Darmstadt
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Zitiervorschlag
Alexa Köhler-Offierski. Rezension vom 03.01.2019 zu: Andreas Speck, Ingmar Steinhart (Hrsg.): Abgehängt und chancenlos? Teilhabechancen und -risiken von Menschen mit schweren psychischen Beeinträchtigungen. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2018. ISBN 978-3-88414-682-8. Landesverband Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern e. V. (Hrsg.). In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24083.php, Datum des Zugriffs 27.03.2019.


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