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Werner Vogd: Selbst- und Weltverhältnisse

Cover Werner Vogd: Selbst- und Weltverhältnisse. Leiblichkeit, Polykontexturalität und implizite Ethik. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2018. 292 Seiten. ISBN 978-3-95832-144-1. 39,90 EUR.
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Thema

Die anthropologische, ontologische und erkenntnistheoretische Betrachtung des Menschseins geht davon aus, dass „wir Menschen nicht ein Sein vor(finden), sondern wir erschaffen innerhalb des Kreislaufs von Erkennen und Handeln miteinander unsere eigene Welt“. Im Selbst ist Welt! Im „sozial angelieferten Sinn“ erfahren, erlernen und erleben wir durch individuelles und kollektives Denken und Handeln die Sinnhaftigkeit unseres Lebens. Diese Einflüsse vollziehen sich im direkten, dialogischen Austausch, wie auch durch indirekte, bewusste und unbewusste Ereignisse. Dabei liegt auf der Hand, dass sich Glücks- und Unglückssituationen ergeben, Sinn- und Gipfelerlebnisse zeigen können, wie ebenso Sinnkrisen als Risse, Brüche und Fallen im individuellen und gesellschaftlichen Dasein auftreten. Bestätigungs- und Reparaturbetrieb ist gefordert (Eugenio Gaddini, »Das Ich ist vor allem ein körperliches«. Beiträge zur Psychoanalyse, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/19463.php). Dem bekannten „Ich denke, also bin ich“ ist das „Ich fühle, also bin ich“ zuzuordnen; denn im Körper und Geist vervollständigt sich der Mensch. Seine verstandesbewusste, rationale und emotionale Existenz ist es, die zu Problemlösungen führen kann und sollte. Und es sind die Lebensherausforderungen, die den Menschen eine „globale Ethik“ vorgibt, wie sie z.B. in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 von den Vereinten Nationen als „Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte (als) Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“ proklamiert wird (vgl. z.B. dazu auch: Hans Lenk, Human zwischen Öko-Ethik und Ökonomik, 2018, www,.socialnet.de/rezensionen/23859.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Mit der von Wittgenstein aufgeworfenen Frage: „Wie können wir gut mit unserer eigenen Blindheit umgehen?“ (vgl. dazu auch: Wolfram Eilenberger, Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919 – 1929, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/24111.php ) informiert und diskutiert der Soziologe von der Universität Witten/Herdecke, Werner Vogd, über Aspekte und Ergebnisse von Arbeiten aus der „Forschungswerkstatt“ der Hochschule. Es sind die immerwährenden Fragen und Herausforderungen, „wie unter Menschen mit Hilfe von Kommunikation eine bestimmte Form des Erkennens verstanden werden“ kann; oder mit anderen Worten ausgedrückt, wie es gelingen kann, Menschen davon zu überzeugen, dass sie aufgeklärt sein wollen (siehe auch: www.sozial.de).

Aufbau und Inhalt

„Dieses Buch handelt von der Beziehung des Menschen zu sich selbst“. Es ist kein „Ego-Tunnel“ (Thomas Metzinger), keine „Nabelschau“, sondern eine Relation des Selbst- und Weltverhältnisses „als ein dynamischer Prozess, immer in Bewegung und damit zugleich prekär und krisenhaft“. Vogd gliedert die Untersuchung, neben dem Vorwort und dem Einstieg, in weitere fünf Kapitel:

  • „Empirische Metaphysik – Rekonstruktion der Reflexionsverhältnisse“;
  • „Problematische Selbstverhältnisse und Vermittlung – das Beispiel einer Psychose und ihrer Behandlung“;
  • „Doing religion – doing ontology im Phowa-Kurs. Studien zum bewussten Sterben im Diamantweg-Buddhismus“;
  • „Die Inklusion des Todes – Versuche zu einer Epistemologie des Terrors“:
  • „implizite Ethik, Leiblichkeit und Polykontexturalität“.

„Die Welt ist polykontextural“ – was bedeutet, dass eine Möglichkeit, ein Zustand oder ein System von verschiedenen epistemischen Orten oder Situationen aus betrachtet werden kann: „Was an einem Ort gilt, muss nicht dem entsprechen, was an einem anderen Ort der Fall ist oder für wahr gehalten wird“. Die Konstellationen und ontologischen Zugänge zum „Selbst im Kontext von Leib, Sprache und Reflexion“ verwirklichen sich im „narrativen Selbst“. Sie bringen Typisierungen zustande, die gewissermaßen in Selbstverständlichkeiten münden: „Es erlebt und empfindet sich so“.

Mit der Darstellung eines therapeutischen Problems kommen die Kenntnisse und Forschungsaktivitäten des Anthropologen und Systemikers Vogd zur Geltung. Beim gestörten Selbstverhältnis kommt es darauf an zu erkennen, dass „das (personale) Selbst ( ) nicht unabhängig von seiner jeweiligen sozialen und kulturellen Situiertheit gesehen werden (kann)“. Mit der von Gotthard Günther entwickelten Methode der „Reflexionslogik“ lässt sich zeigen, dass die „Psychotherapie eine sprechende Intervention darstellt und für die Forschung neue Einsichten bereit stellt“ (vgl. auch: Joachim Bauer, Selbststeuerung. Die Wiederentdeckung des freien Willens, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/18891.php).

Die weitere Studie greift ein Phänomen auf, das einen Blick über den westlichen, anthropologischen und weltanschaulichen Gartenzaun ermöglicht: Es sind Reflexionen über das „bewusste Sterben“, wie es im tibetischen Diamantweg-Buddhismus praktiziert wird. Es ist die ganzheitliche, mehrdimensionale Einbeziehung von Körper, Bewusstsein, Gemeinschaft, Guru und heiligen Texten. Mit der so genannten „Phowa Praxis“ verdeutlichen sich Kommunikations- und Therapieformen, die als „doing religion“ Selbst- und Weltbezüge sichtbar, erkennbar, nachvollziehbar und lebbar machen.

Mit dem nächsten Text wird der Versuch dargestellt, eine „Epistemologie des Terrors“ zu entwickeln. In der Terrortat, wie auch der Selbsttötung und der Amoktat (siehe dazu: Jörn Ahrens, Die unfassbare Tat. Gesellschaft und Amok, www.socialnet.de/rezensionen/23292.php) stilisiert sich der Täter zum „Meister des Todes“, und zwar seines eigenen und anderer. Die differenzierte Auseinandersetzung mit den verschiedenen Motiven einer Tat und den unterschiedlichen, individuellen und gesellschaftlichen Zusammenhängen eines Täters lässt den Schluss zu, dass der Terror kein Substantiv oder Abstraktum ist, sondern sich jeweils als konkretes Arrangement darstellt, das „sich im Blick auf die Selbst- und Weltverhältnisse der Adepte, welche den Terrorakt dann begehen (müssen), deutlich unterscheiden, jedoch auf einer begrenzten Anzahl sozialpsychologischer Grundfiguren beruhen“.

„Das Ich-Selbst … in Koproduktion mit sozial angeliefertem Sinn. (ist) prekär“. Diese Feststellung durchzieht die Analysen über das Selbst- und Weltverhältnis des Menschen; wie sollte es bei der Frage nach der impliziten Ethik anders sein? Die phänomenologische Betrachtung zeigt, dass sich die dabei vorgenommenen Wertreferenzen „als wahrgenommene und empfundene Werte“ zeigen. Wo das Individuum sich an Werten orientiert, die ihm (ein gutes) Leben ermöglichen – das ist sogar beim nihilistischen Denken der Fall – regeln Werte, Gefühle und Identitäten die Prozesse der Selbst- und Weltfindung. Das Problem zeigt sich allerdings darin, dass bei der Frage nach der suchenden, angebotenen und regelnden Ethik eine (untrennbare?) Verbindung zu epistemologischen und ontologischen Aspekten vorhanden ist: „Ethik erscheint weniger als ein Sollen… denn als ein Wollen und Können, das sich aus den realisierten Selbst- und Weltverhältnissen einer Lebensform und den mit den mit ihr verbundenen Wertbezügen ergibt“. Eine mögliche Antwort auf dieses Dilemma gibt der Kybernetiker Heinz von Foerster ( vgl. dazu auch: Heinz von Foerster / Bernhard Pörksen, Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13980.php); wie auch der Philosoph Ernst Tugendhat, der mit seinem analytischen und moralphilosophischen Denken auf die Bedeutung der polykontexturalen Perspektive aufmerksam macht. Es sind (Sollens-)Werte wie „Schicklichkeit“, bei der deutlich wird, dass „in solchen Beziehungen gefühlsbestimmte Haltungen wie Sympathie oder Liebe nicht ausreichen können, um mit den sich hier typischerweise ergebenden sozialen Situationen angemessen umgehen zu können“. Es ist die Vielzahl der situativ und fundamental vorhandenen Ethiken, die eine jeweils bestimmte, „geschickte“ Orientierung und Wertfindung ermöglichen, wie etwa die auf rechtlichen Vorgaben beruhenden Einstellungen und Verhaltensweisen, die auf der gesellschaftlichen „Sittlichkeit“ basierte Loyalität, die auf dem sozialen Mitempfinden gründende „Mitleidschaft“, und auf dem utilitaristischen Kalkül aufbauenden Reflexionen. Zwangsläufig münden diese differenzierten, moralischen und faktischen Überlegungen in die Fragen nach der sozialen Gerechtigkeit, die der Mensch als „Ich-Sager“ in meist unbefriedigender, prekärer Weise beantwortet: „Aufgrund seiner Conditio humana erscheint der Mensch als ein unruhiges Wesen, das von seinen Ansprüchen hin und her getrieben wird, dabei im Hinblick auf unterschiedliche Rollenanforderungen nach Authentizität sucht und … von einer Sinnfrage aufgewühlt wird, die darin begründet ist, dass sie seine Fähigkeit zum abstrakten Denken, die Frage seines Lebens und seiner biographischen Verortung als Ganzes reflektieren lässt“. Die Rückgriffe auf Ludwig Wittgenstein und Stanley Cavell bieten die Chance, die „selektive Blindheit“ und die gefühlte wie konkrete „Bodenlosigkeit“ so zu verorten, dass nicht Chaos und Verzweiflung, sondern schließlich doch die Hoffnung auf ein gutes, gelingendes, glückliches Leben erkennbar wird.

Fazit

Im Schlussbeitrag führt der Autor die diskutierten, analysierten und problematisierten Aspekte zu den Selbst- und Weltverhältnissen zusammen. Die Erkenntnis, dass Lebensvollzüge und Wertbezüge eine Einheit bilden, sich epistemologische und ontologische Grundlagen miteinander verschränken und sich selbst in Differenz zum Selbst und zur Umwelt stellen, „epistemische Unbestimmtheit(en)“ hervorbringen und Entfremdung verursachen, sollte im interdisziplinären, wissenschaftlichen Diskurs um Gewalt berücksichtigt werden.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 28.03.2018 zu: Werner Vogd: Selbst- und Weltverhältnisse. Leiblichkeit, Polykontexturalität und implizite Ethik. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2018. ISBN 978-3-95832-144-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24084.php, Datum des Zugriffs 19.09.2018.


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