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Veronika Wöhrer, Teresa Wintersteller u.a.: Praxishandbuch sozialwissen­schaftliches Forschen mit Kindern und Jugendlichen

Cover Veronika Wöhrer, Teresa Wintersteller, Karin Schneider, Doris Harrasser, Doris Arztmann: Praxishandbuch sozialwissenschaftliches Forschen mit Kindern und Jugendlichen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 139 Seiten. ISBN 978-3-7799-3834-7. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 23,90 sFr.
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Autor_Innen

Die Autor_Innen sind überwiegend junge Wissenschaftler_Innen im Bereich Pädagogik, Sozial- und Kulturwissenschaften sowie Pädagog_Innen und Lehrkräfte aus pädagogischen Praxisfeldern. Der Band stellt die Erfahrungen und Ergebnisse von zwei Forschungsprojekten in Österreich vor und wurde mithilfe der Universität Graz und Klagenfurt publiziert.

Thema und Zielsetzung

Das Buch ist als Grundlagen- und Praxishandbuch konzipiert; es bietet sowohl einführende Texte zu Grundbegriffen der empirischen Sozialforschung und der partizipativen Aktionsforschung aber auch genaue und praxisnahe methodische Anleitungen sowie konkrete Praxisbeispiele.

Es richtet sich an junge Wissenschaftler_Innen, Lehrkräfte und Pädagog_Innen sowie Betreuungspersonen, die in ihrer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sozialwissenschaftliche Methoden der Feldforschung erproben möchten. Ziel solcher Forschungen ist es, mit den Kindern und Jugendlichen gemeinsam deren Lebenswelt zu erforschen; das haben die Autor_Innen in zwei größeren Forschungsprojekten getan und stellen nun ihre Erfahrungen und Erkenntnisse mit 9 bis 12 jährigen Schüler_Innen dar. Bei diesem Ansatz der partizipativen Feldforschung wurden Themen aus der Lebenswelt der Kinder wie Chatten, Fußball, Geschwisterbeziehungen, Mehrsprachigkeit, Graffiti usw. gewählt. Die Autor_Innen betonen dabei besonders die kreative Zusammenarbeit mit den Kindern und Jugendlichen und die bereichernde und interessante Erkenntnisproduktion, die in den Projekten gesammelt wurde. Sie verstehen die Aufsatzsammlung als eine Art Plädoyer und eine Anleitung für diese Form der partizipativen Feldforschung bzw. Aktionsforschung.

Aufbau

Das Buch präsentiert eine Zusammenschau von 29 Fach-Beiträgen zu dem Schwerpunktthema.

Es beginnt mit einem Dankeswort an die unterstützenden Universitäten und einer Einleitung, in der Thema, Ziele und Aufbau des Buches vorgestellt werden. Es folgen Fachartikel, die Grundlagenwissen, methodische Anleitungen und Praxisbeispiele bieten.

Insgesamt umfasst das Buch 2 große Teile:

  • Im Teil I (Kapitel 1–7 ) finden sich einführende Texte zu wissenschaftlichen Hintergründen, wie „forschende Haltung“, „Forschungsethik“, „Forschungszyklus“ u.ä.
  • Im Teil II (Kapitel 7-29) stehen Forschungsverfahren und -methoden und konkrete Beschreibungen sowie anschauliche Beispiele im Mittelpunkt. Hier werden Methoden behandelt wie z.B. das Forschungstagebuch, Soziometrie u.ä. oder die Möglichkeiten, wie eine Forschungsfrage entwickelt werden kann. Im weiteren werden Methoden zur Datenerhebung vorgestellt (z.B. durch „Einzelinterviews“ Kap. 19 oder durch „Fragebögen“ Kap. 22) ebenso wie Verfahren zur Datenanalyse (Kap.23-26) und die Möglichkeiten zur Präsentation der Ergebnisse (etwas in Form eines „Quiz“ Kap.28).

Am Ende des Bandes findet sich ein Glossar, in dem wichtige Begriffe noch einmal aufgegriffen und erklärt werden.

Im Teil I, den einführenden Grundlagentexten, werden die wichtigsten Punkte und Aussagen in einem farblich anders markierten Kasten zusammengefasst und dargeboten, was sie Prägnanz und Nachhaltigkeit der Inhalte leserfreundlich erhöht. Weiterhin findet sich bei fast jedem Kapitel ein Literatur- und Quellenverzeichnis. Leider fehlt am Ende des Buches eine Zusammenstellung der Autoren und Autorinnen.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Zu Teil I

Der Teil I bietet interessante und informative Texte über die Grundlagen für eine partizipative Aktionsforschung mit Kindern und Jugendlichen; in mehreren Beiträgen wird auch internationale Literatur mir einbezogen.

Im 2. Kapitel („ Warum sozialwissenschaftliches Forschen mit Kindern und Jugendlichen“ ) betont Frau Doris Arztmann, dass der Partizipationsbegriff im Forschungskontext über eine kognitive Aktivierung hinausgeht und eine Beteiligung an Fragestellungen, Forschungsmethoden und Entscheidungen im Forschungsprozess meint. Kinder und Jugendliche werden zu Beteiligten, zu handelnden Personen, die Forschungsprozesse wie Forschungsergebnisse mitgestalten.

Im 3. Kapitel („Forschende Haltung“) ergänzt Frau Veronika Wöhrer, dass Wissen auf diese Weise gemeinsam produziert wird und so Kompetenzen gestärkt werden, die auch in anderen Lern- oder Berufsfeldern gute Anwendung finden. Dieses wird im 4. Kapitel („Forschungsethik“) durch die gleiche Autorin mit der Forderung nach Transparenz weiter ausgeführt.

Das 5. Kapitel („Ablauf einer sozialwissenschaftlichen Forschung“) ist ebenfalls von Frau Veronika Wöhrer verfasst und beschäftigt sich mit den Ablauf des Forschungszyklus und stellt diesen anhand eines Beispiels und in einem Schaubild anschaulich dar.

Im 6. Kapitel („Beispielablauf eines Forschungsprojektes“) von Frau Teresa Wintersteller wird dieser Ablauf durch grundsätzliche Fragen und durch ein Beispiel mit vermuteten Zeitaufwand konkretisiert.

Zu Teil II

Der Teil II besteht aus zahlreichen sehr konkreten und an pädagogischen Praxisfeldern orientierten Texten. Es werden Fragen behandelt, was z.B. ist ein Forschungstagebuch und wozu ist dieses gut, wie arbeitet es sich mit Fachliteratur, mit Fotos, mit Zeichnungen oder mit bestimmten Experimenten, wie z.B. dem interessanten sozialwissenschaftlichen „Krisenexperiment“.

Weiterhin werden forschungsrelevante „Auflockerungsspiele“ beschrieben, Methoden zur Entwicklung von Forschungsfragen („Interviews“, „Fragebox“, „Museum für Sozialforschung“) und zur Datensammlung vorgestellt:

  • „teilnehmende Beobachtung“,
  • „qualitative Einzelinterviews“,
  • „Gruppendiskussionen“,
  • „Schulspaziergänge“,
  • „Fragebogen“.

Es folgt die Darstellung von sehr interessanten Möglichkeiten und Verfahren der Datenauswertung, wie die von „Beobachtungsprotokollen“, in dem profunden Beitrag von Karin Schneider, neue Möglichkeiten der „Interviewauswertung“, „Textanalysen von Chatprotokollen“ und die Auswertung von „Fragebögen“.

Im letzten sehr kreativen Beitrag des Teil II beschäftigt sich Frau Doris Hassauer mit dem Abschluss und der Präsentation von Ergebnissen und stellt hier verschiedenen Möglichkeiten (Referat, Quiz Forschungsrap Ausstellung Radiosendung etc. vor).

Diskussion

Welche Erwartungen stellen sich an ein Praxishandbuch über ein sozialwissenschaftliches Forschen gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen, das nicht nur für angehende Forscher_Innen sondern auch für Padagog_Innen in der Schule oder Hochschule gedacht ist? Es soll sowohl einen anschaulichen Überblick über relevante Grundlagenthemen geben, wie Rahmenbedingungen des Forschungsprozesses, Forschungsverfahren und -methoden und des weiteren Beispiele und Anleitungen über konkrete Projekte enthalten. Wenn es dann noch die Leserschaft zu Diskussionen und Ideen anregt, wäre das ein Glücksfall. Wer das erwartet, wird von diesem Praxisbuch sicher nicht enttäuscht werden.

Es ist ein stark an der pädagogischen Praxis orientierter Band mit informativen und kompetenten und auch sehr kreativen Beiträgen, alle liebevoll zusammengestellt. Die Autor_Innen wissen wovon sie sprechen, haben gute Praxiskenntnisse und Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Kindern. Sie geben eindrücklich ihre Überzeugung über die Relevanz einer partizipatorischen Aktionsforschung und ihr Anliegen, mit Kindern und Jugendlichen „in Augenhöhe“ zu forschen, wieder und motivieren durch diese Art der Wiedergabe und durch die gewählten Praxisbeispiele. So wird die Leserschaft gleich einbezogen und angeregt, demnächst selbst ein solches Forschungsvorhaben im Unterricht oder an der Hochschule oder in anderen Praxisbereichen durchzuführen.

Auch die qualitativ gute redaktionelle Bearbeitung passt zu einem Praxisbuch, wie etwa das handliche DINA4 Format mit breitem Rand zur Ergänzung durch Kommentare oder Markierungen, das einem Arbeitsheft ähnelt. Die eingefügten Fotos und Abbildungen aus den Projekten erhöhen die Anschaulichkeit und die Lebendigkeit des Geschriebenen. Auch die gewählte Sprache mit eher kurzen und wenig verschachtelten Sätzen sowie die klare Strukturierung und Gliederung eines jeden Beitrages bestätigen diesen guten Eindruck. Leider fehlt eine Vorstellung der Autor_Innenschaft.

Der Band hat natürlich auch bestimmte Begrenzungen; da es als ein Praxisbuch für die pädagogische Praxis konzipiert ist, fehlen Diskurse oder Diskussionslinien über andere Forschungsansätze als die der partizipativen Aktionsforschung oder ein Beitrag über die Grenzen der Aktionsforschung.

Fazit

Der vorliegende Band bietet ein äußerst anregendes Praxishandbuch; es liefert einen informativen, hilfreichen und anregenden Überblick über die Möglichkeiten des Forschens über und vor allem mit Kindern und Jugendlichen. Jeder Beitrag zeugt davon, wie lebendig und kreativ diese Form der partizipativen Aktionsforschung sein kann und welche Freude diese Forschenden und zu Beforschenden bereiten kann.

Die Rezensentin kann sich nur wünschen, dass der Band in Schulen und Hochschulen Verbreitung findet und der Funke der Begeisterung der Autor_innen auf die Leserschaft überspringen möge.


Rezensentin
Prof. Dr.med. Dipl.Psychol. Karla Misek-Schneider
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Zitiervorschlag
Karla Misek-Schneider. Rezension vom 09.10.2018 zu: Veronika Wöhrer, Teresa Wintersteller, Karin Schneider, Doris Harrasser, Doris Arztmann: Praxishandbuch sozialwissenschaftliches Forschen mit Kindern und Jugendlichen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3834-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24091.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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ISSN 2190-9245

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