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Inka Bormann, Sigrid Kamp-Hartong u.a. (Hrsg.): Bildung unter Beobachtung

Cover Inka Bormann, Sigrid Kamp-Hartong, Thomas Höhne (Hrsg.): Bildung unter Beobachtung. Kritische Perspektiven auf Bildungsberichterstattung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 195 Seiten. ISBN 978-3-7799-3603-9. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema

Ziel des vorliegenden Sammelbandes ist es, die Anwendung der indikatoren- und datenbasierten Bildungsberichterstattung als Steuerungsinstrument für die Weiterentwicklung des Bildungssystems, der Bildungsprozesse sowie der Bildungserfolge kritisch zu hinterfragen und zu diskutieren. Dies geschieht sowohl theoretisch als auch auf der Basis von exemplarischen Analysen vor allem von lokalen bzw. regionalen Bildungsberichten. Im Fokus der kritischen Auseinandersetzung mit den Bildungsberichten und der Bildungsberichterstattung stehen verschiedene Problematiken, deren Bearbeitung sich in allen Beiträgen des Sammelbandes mehr oder weniger wiederfinden. So wird danach gefragt, welche Art von Realität mit den Daten der Bildungsberichte entworfen und hervorgebracht wird. Ebenso von Bedeutung ist die Thematisierung der unterschiedlichen Wirkungen, die Bildungsberichte entfalten können. Daneben wird auch die Frage nach den administrativen, politischen und wissenschaftlichen Akteuren gestellt, die an der Konzeption und Umsetzung einer Bildungsberichterstattung beteiligt sind. Schließlich wird darüber diskutiert, welche Rangordnungen und Machtkonstellationen im Feld der Bildung mit der Erarbeitung von Bildungsberichten entstehen können und welchen Einfluss diese auf die weitere Gestaltung der Bildung vor Ort und überregional haben können.

Herausgeberinnen und Herausgeber

  • Prof. Dr. Inka Bormann ist Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Freien Universität Berlin. Sie bearbeitet Projekte aus den Bereichen wissensbasierte Governance im Bildungsbereich, Vertrauen gegenüber Institutionen und Personen im Bildungsbereich sowie Bildung für nachhaltige Entwicklung.
  • Dr. habil. Sigrid Hartong ist Privatdozentin an der Helmut Schmidt Universität Hamburg. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen auf den Themen Bildungssysteme im internationalen und historischen Vergleich, Transnationalisierung von Bildung in föderalstaatlichen Strukturen, New Educational Governance: Big Data/Digitalisierung, „Governance by numbers“, Standardisierung, neue Netzwerkstrukturen, Qualitative Netzwerk- und Feldanalyse sowie (neue) Probleme inklusiver Bildung.
  • Prof. Dr. Thomas Höhne ist Professor für Erziehungswissenschaft, insbesondere gesellschaftliche, politische und rechtliche Grundlagen von Bildung und Erziehung an der Helmut Schmidt Universität Hamburg. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Ökonomisierung und Bildung, Schulbuch- und Bildungsmedienforschung, Bildungspolitik sowie Politische Ökonomie der Bildung

Aufbau

Das Buch beinhaltet insgesamt neun Beiträge von Autorinnen und Autoren vorrangig aus der Erziehungswissenschaft und Pädagogik. Der einleitende Beitrag der Herausgeber thematisiert die Entwicklung der Bildungsberichterstattung und die derzeitige Situation des Bildungsmonitorings. In diese Ausführungen wird ein Überblick über die einzelnen Beiträge eingebettet.

  1. Im ersten Teil des Sammelbandes befassen sich drei Beiträge mit theoretischen Überlegungen zu unterschiedlichen Aspekten, die im Rahmen der Bildungsberichterstattung problematisiert werden.
  2. Anschließend folgen im zweiten Teil des Sammelbandes vier Artikel, die sich anhand ausgewählter regionaler Bildungsberichte eher empirisch mit unterschiedlichen Fragestellungen zu den Voraussetzungen, Bedingungen und Prozessen der Entstehung und Konstruktion der (lokalen) Bildungsberichterstattung auseinandersetzen.
  3. Schließlich folgen in einem dritten Teil des Sammelbandes zwei weitere empirisch ausgerichtete Beiträge, die aus unterschiedlichen Perspektiven und anhand einzelner konkreter inhaltlicher Themenstellungen die Nutzung, Produktion und Wirkung von Bildungsstandards und Tests der PISA-Studien verdeutlichen sollen.

Inhalte

Der Beitrag von Matthias Rürup befasst sich mit der grundsätzlichen Frage, ob im Rahmen der derzeit praktizierten Bildungsberichterstattung überhaupt über Bildung berichtet wird. Dazu zieht er unterschiedlich nebeneinanderstehende erziehungswissenschaftliche Sichtweisen, die sich mit dem Bildungsbegriff auseinandersetzen, heran. Er kommt auf der Grundlage seiner Analyse einer funktionalistisch begrenzten Berichterstattung zu dem Schluss, dass die regionale Bildungsberichterstattung mit Darstellungen von zivilgesellschaftlichen Akteuren zu erweitern ist, um so die vielfältigen Perspektiven auf Bildung abbilden und diskutieren zu können.

Der Artikel von Achim Brosziewski behandelt aus theoretischer Perspektive den Beobachtungsbegriff. Aus systemtheoretischer Sicht setzt sich der Autor mit dem Bildungsmonitoring als Beobachtung zweiter Ordnung auseinander. Dazu bezieht er sich auf die Medien Schrift, Listen, Tabellen und Skalen und ihre Bedeutung für die Bildungsbeobachtung.

Martin Karcher verknüpft das derzeit praktizierte systematische Bildungsmonitoring mit der Universalwissenschaft der Kybernetik. Er stellt dar, welche Ziele und Funktionen das in den 1990er Jahren aufgekommene Instrument erreichen soll und wie sich dieses in den Kontext der Neuen Steuerung einordnen lässt.

Holger Gärtner und Wolfgang Wendt beschäftigen sich am Beispiel des regionalen Bildungsberichts Berlin-Brandenburg mit den Erwartungen, die mit der Erstellung und der Nutzung einer Bildungsberichterstattung verbunden sind. Dazu reflektieren sie 6 Erwartungskomplexe aus ihrer Erfahrung bei der Erarbeitung des regionalen Bildungsberichts Berlin-Brandenburg. Die beiden Autoren resümieren, dass sowohl von Wissenschaftler*innen als auch von Politik und Verwaltung zu hohe und unrealistische Erwartungen an die Bildungsberichterstattung gestellt werden. Sie stellen abschließend fest, dass Bildungsberichte sich einerseits zu einem wichtigen Orientierungsrahmen einer objektiven und datenbasierten Politikgestaltung entwickelt haben, andererseits stellen sie jedoch die Frage, welchen Einfluss verschiedene Informationsquellen, die über Bildung berichten, u.a. der regionale Bildungsbericht, auf Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse haben können.

Thomas Brüsemeister widmet sich den an der Bildungsberichterstattung beteiligten Akteuren und deren Zusammenarbeit. Für seine Ausführungen zieht er das Bildungsmanagement im Rahmen des Programms „Lernen vor Ort“ heran. Im Rahmen der Bildungsberichterstattung befinden sich die beteiligten Akteure in einer Arena, in der ausgehandelt wird, was, wie, auf welcher Datengrundlage beobachtet wird. Dieser Aushandlungsprozess wird als politischer Prozess um Unterstützung dargestellt, in dem die einzelnen Akteure ihr Wissen, ihre Erfahrungen und ihre Informationen i.S. einer Bildungsberichterstattung als Steuerungsinstrument einbringen und zur Diskussion stellen.

Susanne Timm thematisiert am Beispiel des Lübecker Bildungsberichts, welchen Einfluss und welche Wirkungen er auf bestimmte kommunale Sozialplanungsprozesse ausübt und welche Wechselwirkungen im Hinblick auf die Steuerung und die Gestaltung von Maßnahmen und Interventionen damit verbunden sein können. Sie stellt fest, dass der Bildungsbericht zwar einerseits dazu beiträgt, an bereits stattgefundene Planungsprozesse anzuknüpfen, andererseits Diskussion und Kommunikation in Bezug auf die Nutzung der Berichte nur unter den relevanten Akteuren stattfindet, andere Akteure, die beteiligt werden müssten, jedoch außen vor bleiben und parallel zur datenbasierten Berichterstattung in ihrer Arbeit im Bereich der Bildung weiter zu Geltung kommen.

Der Artikel von Simone Mazari befasst sich praxisbezogen mit der Erfassung und Operationalisierung des Merkmals des Migrationshintergrundes in Bildungsberichten. Sie diskutiert die unterschiedlichen Möglichkeiten der Operationalisierung und die daraus entstehenden Problematiken Beobachtungen zu den Bildungsprozessen im Zusammenhang mit dem Migrationshintergrund darzustellen und sichtbar zu machen. Sie setzt sich damit auseinander, welche Grenzen die heterogene Erfassung im Hinblick auf die Aussagekraft der Bildungsberichterstattung mit sich bringt und wie diese Problematik gelöst werden kann.

Sigrid Hartong beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit der Visualisierung von Bildungsbeobachtungen. Sie zeichnet anhand der nationalen Bildungsstandards der PISA-Studien nach, welchen Beitrag diese leisten, um unsichtbare Aspekte von Bildung sichtbar zu machen und der Öffentlichkeit durch Bildungsberichte zu erschließen. Dabei findet die Kommunikation der sichtbaren Gesichtspunkte auf einer Art Vorderbühne statt, die Bedingungen der Entstehung und Messung der Gegenstände der Berichterstattung werden auf der Hinterbühne ausgehandelt.

Abschließend analysiert Simone Bloem die Entwicklung der neuen PISA-Studie für Schulen, den sogenannten PISA based Test für Schools. Sie zeigt anhand von Expert*inneninterviews, dass die neue PISA-Studie eine Beobachtung bis auf Einzelschulebene zulässt und die OECD damit ihren Einfluss auf die Bildungspolitik vor Ort ausweiten kann.

Diskussion

Hervorzuheben ist, dass das Ziel des vorliegenden Sammelbandes, Bildungsberichterstattung in seiner vielfältigen Gestalt kritisch zu reflektieren, umfassend erfüllt wird. Dies gelingt durch die Verschränkung von theoretischen Überlegungen im Zusammenhang mit dem Thema der Bildungsberichterstattung und von empirischen Zugängen und Beispielen, die einzelne Kritikpunkte konkret und praxisbezogen diskutieren. Die Beiträge des Sammelbandes verdeutlichen detailliert, welchen Zweck die Bildungsberichterstattung verfolgt und weshalb sie mittlerweile zum Standardinstrument der Beobachtung und Steuerung von Bildungsprozessen avanciert ist. Darüber hinaus – und dies stellt sich als Mehrwert des Sammelbandes heraus – wird ein Blick „hinter die Kulissen“ geworfen, der die Lesenden dazu anregt, Bildungsberichte nicht unhinterfragt als in jedem Fall taugliches Instrument der Dauerbeobachtung anzunehmen und im Hinblick auf Entstehung, Bearbeitung, Aushandlung und politischer Unterstützung stets kritisch zu reflektieren und Fragen dazu zu stellen.

Fazit

Insgesamt bietet das Buch einen vertieften Einblick in die Prozesse des Bildungsmonitorings. Durch die Einbindung sowohl von theoretischen Beiträgen, die Bildung und Bildungsberichterstattung in einem erziehungswissenschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Kontext verorten, als auch von Artikeln, die praktische Erfahrungen in der Bildungsberichterstattung schildern und diese mit den theoretischen Überlegungen verknüpfen, eignet es sich für Lehrende, fortgeschrittene Studierende, die sich mit der Steuerung von überregionalen und kommunalen Bildungsprozessen beschäftigen, und für Praktikerinnen und Praktiker. Es stellt jeweils problembezogen eine Ergänzung und Unterstützung für die Darstellung und die Auseinandersetzung mit gegenwärtigen und zukünftigen Ansätzen der Bildungsberichterstattung dar.


Rezensentin
Prof. Dr. Isolde Heintze
Professur für Sozialpolitik und Soziale Arbeit an der Hochschule Mittweida, Fakultät Soziale Arbeit
Homepage www.sw.hs-mittweida.de/professuren.html
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Zitiervorschlag
Isolde Heintze. Rezension vom 25.03.2019 zu: Inka Bormann, Sigrid Kamp-Hartong, Thomas Höhne (Hrsg.): Bildung unter Beobachtung. Kritische Perspektiven auf Bildungsberichterstattung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3603-9.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24092.php, Datum des Zugriffs 16.06.2019.


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