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Carmen Figlestahler: Bloß keine Lücke im Lebenslauf

Cover Carmen Figlestahler: Bloß keine Lücke im Lebenslauf. Institutionelle Interventionen und Ausgrenzungsrisiken im Übergang in Arbeit aus Perspektive junger Erwachsener. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 210 Seiten. ISBN 978-3-7799-3818-7. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Carmen Figlestahler widmet sich in ihrer Forschungsarbeit, die 2017 als Dissertation an der Universität Kassel angenommen wurde, einem Feld, das bislang eher vernachlässigt wurde: dem sogenannten Übergangssystem sowie seinen Adressat*innen, d.h. in diesem Fall jungen Erwachsenen mit brüchigen Übergängen in Schule, Ausbildung und Beruf. Aus subjektorientierter Perspektive untersucht die Autorin die Deutungen und Aneignungsweisen junger Erwachsener mit diskontinuierlichen Verläufen in Ausbildung und Arbeit in Bezug auf die institutionelle Strukturierung dieser Übergänge. Von Interesse ist darüber hinaus der Zusammenhang zu Ausgrenzungsrisiken, mit denen diese institutionelle Strukturierung verbunden sein kann.

Autorin

Dr. Carmen Figlestahler ist seit 2015 als wissenschaftliche Referentin am Deutschen Jugendinstitut in Halle tätig. Ihre Promotion hat sie 2017 an der Universität Kassel im Rahmen der Hans-Böckler-Nachwuchsgruppe „Junge Erwachsene zwischen Aktivierung und Prekarisierung – Institutionelle Interventionen und biographische Verarbeitungen im Wohlfahrtsstaat“ abgeschlossen. Zuvor hat sie Soziologie, Ethnologie und Volkswirtschaftslehre an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg studiert.

Aufbau

Figlestahlers Forschungsarbeit ist in sechs Kapitel unterteilt. Nach einer kurzen Einleitung, in der das Erkenntnisinteresse der Arbeit vorgestellt wird, folgt im zweiten Kapitel die Darlegung der theoretischen Untersuchungsperspektiven. Das methodische Vorgehen wird im dritten Kapitel dargestellt. Im vierten Kapitel werden sechs Einzelfallanalysen präsentiert. Eine vergleichende Ergebnisdiskussion wird im fünften Kapitel vorgenommen. Die Arbeit endet mit einem ausblickenden Fazit.

Zu Kapitel 2

Nach der Einleitung entwirft Figlestahler im zweiten Kapitel umfangreich in drei Schritten die theoretische Untersuchungsperspektive.

  • In Kapitel 2.1Übergänge in Arbeit im Zeichen des Aktivierungsparadigmas“ wird das Aktivierungsparadigma als ein zentraler Ausgangspunkt der Untersuchung am Beispiel der Hartz-Reformen diskutiert und es werden entsprechende Folgen für Übergänge in Arbeit dargestellt. Eine individualisierende Perspektive wird dabei als seit den 1980-er Jahren „dominantes gesellschaftliches Wahrnehmungsschema“ (16) aufgeführt, die dazu führt, dass die Verantwortung für gelingende Übergänge zunehmend den Individuen selbst zugeschrieben wird. Zudem wird das meritokratische Prinzip diskutiert, welches neben einer individualisierenden Perspektive als zweites Deutungsmuster Ausgrenzungsrisiken befördern kann. Figlestahler verdeutlicht das Feld ihrer Untersuchung im weiteren Verlauf des Kapitels anhand der Darstellung der „Lebenslagen junger Menschen im Grundsicherungsbezug“ (20) sowie dem „Übergangssystem der Berufsbildung“ (26).
  • In Kapitel 2.2 „Ausgrenzungsrisiken im Übergang in eine erwerbszentrierte Gesellschaft“ werden die Konzepte Ausgrenzung, Exklusion und Prekarisierung „mit einem besonderen Fokus auf eine subjektorientierte Perspektive“ (11) diskutiert. Ein von Martin Kronauer entwickeltes Modell zur Betrachtung von Ausgrenzung nutzt die Autorin als Heuristik. Auf diese Weise werden die drei in dem Modell als relevant erachteten Dimensionen – Einbindung in Arbeit, soziale Nahbeziehungen und soziale Rechte – bei der Analyse betrachtet.
  • In Kapitel 2.3 „Institutionelle Strukturierungen und subjektive Aneignungsweisen“ wird in Rückgriff auf die Ausführungen von Berger und Luckmann das „Verständnis für den wechselseitigen Prozess von Strukturierung und Strukturiertheit“ (12) aufgezeigt. Analog zum Erkenntnisinteresse ihrer Arbeit gibt die Autorin an ausgewählten Stellen im Kapitel einen Hinweis auf relevante Forschungsarbeiten zu ihrer Thematik.

Zu Kapitel 3

Figlestahler beschreibt im dritten Kapitel das methodische Vorgehen. Die Perspektive der jungen Erwachsenen wird in den Fokus der Studie gesetzt, wobei gleichzeitig „ihre Einbettung in gesellschaftliche Verhältnisse“ (85) berücksichtigt wird. Auf diese Weise soll eine gegenstandsbegründete Theoriebildung zu sozialen Ausgrenzungsrisiken möglich werden. Dem Grundgedanken des „Wechselspiel[s] zwischen Theorie und Empirie“ folgend basiert die Studie auf einer Grounded-Theory-Methodologie, die sich in einem iterativen Forschungsprozess widerspiegelt. Figlestahler zeichnet den Forschungsprozess konzis nach und ermöglicht auf diese Weise einen Einblick in „erste Explorationen im Feld und Zugänge zur Untersuchungsgruppe“ (86).

Die Autorin hat themenzentrierte, leitfadengestützte Interviews mit jungen Frauen und Männern geführt, die „Erfahrungen mit Maßnahmen des Übergangssystems haben“ (9). Zugleich hat sie diese mit einer „egozentrierten Netzwerkdarstellung“ (89) kombiniert, ein Instrument aus der qualitativen Netzwerkanalyse, mit dem die Autorin bereits zuvor gearbeitet hatte. In diesem früheren Kontext zeigte sich, dass „sich die Netzwerkkarten gut als Narrationsgeneratoren eignen“ (91), da sie Erzählungen über Beziehungsgeflechte erleichtern. Die Interviews wurden mit „kategorisierenden und hermeneutischen Methoden“ (92) ausgewertet.

Im Anschluss an die kategorisierende Auswertung nach Schmidt wurde die Fallstruktur eines Einzelfalls mit dem hermeneutischen Verfahren nach Soeffner rekonstruiert. Hier lag der Fokus auf den Eingangspassagen der Interviews sowie weiterer Passagen, „die Rückschlüsse auf institutionelle Interventionen versprachen“ (94).

Zu Kapitel 4

Im vierten Kapitel werden die sechs Einzelfallanalysen vorgestellt. Interviewausschnitte verdeutlichen die Analyse und Zusammenfassungen am Ende der Einzelfallanalyse verdichten die zentralen Erkenntnisse der Analyse mit Blick auf die Fragestellung.

Zu Kapitel 5

Die Ergebnisse der Untersuchung werden im fünften Kapitel vergleichend diskutiert. Figlestahler verlässt damit die „Logik des jeweiligen Einzelfalls“ (166) und setzt die Fälle „unter Rückbezug auf die anfänglichen theoretischen Ausführungen zueinander in Beziehung“ (ebd.). Dies erfolgt in drei Schritten: zunächst werden „subjektive Deutungen des Übergangssystems“ (ebd.) in den Blick genommen und aufgezeigt, wie ambivalent die Maßnahmen wahrgenommen werden. Besonders hervorzuheben ist m.E., dass die „jungen Erwachsenen in für sie teilweise sinnlosen Situationen dennoch versuchen, einen subjektiv kohärenten Sinn herzustellen“ (ebd.).

Im nächsten Schritt werden die „Ausgrenzungsrisiken im Übergangssystem“ (171) aus Sicht der jungen Erwachsenen diskutiert. „Für junge Erwachsene, die im Bezug von Transferleistungen sind, spielt der Zwang zur Teilnahme an Maßnahmen eine wichtige Rolle hinsichtlich der institutionellen Beeinflussung von Übergangspfaden“ (186). Die Annahme der Maßnahmen und die daraus resultierenden Konsequenzen hängen in hohem Maße davon ab, ob sie subjektiv als passend empfunden werden oder nicht.

Schließlich werden im dritten Schritt „institutionelle Strukturierungsweisen“ (179) aufgezeigt. Die Ergebnisse zeigen, dass diejenigen Fälle, „die den Regelungen des SGB II unterliegen, in eine besondere Konstellation von Kontrolle, Zwang und Unterstützung eingebunden“ sind (179). Gleichzeitig wird deutlich, dass die Teilnahme an einer Maßnahme aus Sicht der jungen Erwachsenen als „sinnvolle äußere Strukturierung erlebt wird“ (182).

Im sechsten Kapitel fasst die Autorin die Ergebnisse ihrer Untersuchung ausblickend zusammen.

Diskussion

Die Arbeit folgt dem klassischen Aufbau einer Dissertationsschrift. Das zweite Kapitel zur theoretischen Rahmung ist mit rund einem Drittel der Seitenzahl umfangreich und führt detailliert in die Arbeit ein. Das methodische Vorgehen wird vergleichsweise kurz, nichtsdestotrotz ausreichend ausführlich dargestellt. Die Einzelfallanalysen, die wiederum rund ein Drittel der Arbeit einnehmen, präsentieren die rekonstruierten Deutungen und Aneignungsweisen der jungen Frauen und Männer. Sie ermöglichen einen umfassenden Einblick in die Erfahrungen, ausgewählte Interviewausschnitte pointieren die Analysen. Zusammenfassungen sowie Zwischenfazite führen die zentralen Gedanken an verschiedenen Stellen zusammen, was zur Nachvollziehbarkeit und Strukturierung der Arbeit beiträgt.

Die Autorin zeigt mit der gewählten Forschungsperspektive auf, dass junge Erwachsene als aktive Subjekte adressiert werden, deren Aufgabe darin besteht, sich eigenverantwortlich um den Weg in Ausbildung bzw. Erwerbsarbeit zu bemühen und wie sie mit dieser Adressierung umgehen. Die institutionelle Logik von Interventionen, wie bspw. Maßnahmen des Übergangssektors, besteht darin, das Verhalten und Handeln der jungen Erwachsenen zu steuern und dies, wie Figlestahler ausführt, „unter der vielzitierten Formel ‚Fördern und Fordern‘“ [H.i.O.] (8). Dass das „Narrativ der Leistungsideologie“ (59) zu einer Legitimierung sozialer Ungleichheitsverhältnisse beitragen kann, wird durch die Ergebnisse der Forschungsarbeit deutlich. Wie bereits der Titel der Arbeit andeutet, orientieren sich die jungen Erwachsenen an einem lückenlosen Lebenslauf. Dieser verliert „nichts von seiner normativen Prägkraft“ (186), auch wenn eigene Bildungs- und Erwerbsverläufe von diesem sogenannten Normallebenslauf abweichen.

Fazit

Forschungsarbeiten im Kontext des Übergangssektors, die eine subjektorientierte Perspektive auf das Geschehen einnehmen, sind bislang (noch) nicht oft durchgeführt worden. Carmen Figlestahler liefert einen wichtigen Beitrag zur Schließung dieser Forschungslücke. Die Forschungsarbeit ist sowohl für Personen lesenswert, die an Studien zu Benachteiligung im Übergang sowie Adressat*innenforschung der Sozialen Arbeit interessiert sind. Zugleich ermöglicht sie für die Praxis der Sozialen Arbeit, wie bspw. die Jugendberufshilfe und dort tätige Professionelle relevante Ansatzpunkte. Die Arbeit gibt darüber hinaus wichtige Hinweise für die Gestaltung von Maßnahmen des Übergangssektors und ist m.E. auch für Menschen interessant, die an der Ausgestaltung arbeitsmarktpolitischer Instrumente beteiligt sind und sich mit der Perspektive der an den Maßnahmen teilnehmenden jungen Frauen und Männer auseinandersetzen möchten.


Rezensentin
Diplom Sozialpädagogin Antje Handelmann
M.A., Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Leibniz Universität Hannover, Institut für Sonderpädagogik, Abteilung Berufsorientierung in inklusiven Kontexten
Homepage www.ifs.uni-hannover.de/de/abteilungen/berufsorient ...
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Zitiervorschlag
Antje Handelmann. Rezension vom 06.08.2019 zu: Carmen Figlestahler: Bloß keine Lücke im Lebenslauf. Institutionelle Interventionen und Ausgrenzungsrisiken im Übergang in Arbeit aus Perspektive junger Erwachsener. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3818-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24093.php, Datum des Zugriffs 11.12.2019.


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