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Ulf Sauerbrey: Öffentliche Kleinkinder­erziehung

Cover Ulf Sauerbrey: Öffentliche Kleinkindererziehung. Eine Theorie. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 308 Seiten. ISBN 978-3-7799-1275-0. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 64,30 sFr.
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Autor

Ulf Sauerbrey, Jg. 1982, Dr. phil. ist Privatdozent am Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik und Theorie der Sozialpädagogik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der historisch-systematischen und empirischen Erforschung öffentlicher und familialer Kleinkinderziehung sowie im Bereich der Schnittstellen von Pädagogik und Medizin.

Die hier vorliegende Arbeit ist an der Universität Jena als Habilitationsschrift mit dem Titel „Öffentliche Kleinkinderziehung. Eine deskriptive Theorie“ angenommen worden.

Thema und Ziel

Die von Ulf Sauerbrey vorgelegte Schrift hat zum Ziel eine deskriptive Theorie zur öffentlichen Kleinkinderziehung vorzulegen. Es geht ihm dabei im Grundsatz um die Frage zu rekonstruieren, was unter einer öffentlichen Kleinkinderziehung zu verstehen ist und wie sich diese so auch theoretisch abbilden lässt. Er will dabei die öffentliche Kleinkinderziehung als einen Kern einer Pädagogik der frühen Kindheit in einen sachlich aber vor allem auch begrifflich begründeten Zusammenhang stellen.

Aufbau und Inhalt

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

In einem ersten einführenden Abschnitt legt der Autor sein Erkenntnisinteresse sehr ausführlich dar. Dabei stellt er seine Arbeit in den Kontext vorhandener Ansätze und Beiträge einer bisher vorhandenen elementarpädagogischen Theorie und schließt damit an historische wie gegenwärtige Diskurslinien an. Zudem führt er in diesen einführenden Überlegungen in den methodischen Ansatz seiner Veröffentlichung ein.

Im Folgenden unterteilt er nun seine Schrift in folgende große Abschnitte:

I Voraussetzungen

In Anlehnung an Volker Kraft (2010) beschreibt Sauerbrey die anthropologischen Erkenntnisse als eine erste Grundannahme seiner Theorie der öffentlichen Kleinkinderziehung. Diese ergänzt er durch weitere biologische, leibliche Voraussetzungen für eine Pädagogik der Kindheit.

Zentrale anthropologische Erkenntnisse sind für ihn, dass Menschen soziale Wesen sind, dass ein jeder in seiner Ontogenese eine begrenzte Zeitspanne zwischen seiner Geburt und Tod erlebt sowie dass ein Weitergeben der Kenntnisse und Fertigkeiten an jüngere Generationen funktional für die Gattung Mensch ist. Diese Überlegungen münden in die Klärung eines systematischen Verhältnisses von Betreuung und Erziehung im Prozess der öffentlichen Kleinkinderziehung.

Als zweite Grundannahme erörtert der Autor die Abhängigkeit öffentlicher Kleinkinderziehung von historisch-Kulturellen Zusammenhängen. Er nimmt dabei unterschiedliche disziplinspezifische Perspektiven ein und beschreibt so ein vielschichtiges Geflecht historischer Voraussetzungen öffentlicher Kleinkinderziehung. Ergänzend dazu verweist er auf die historisch entwickelten wissenschaftlichen Ideen und Disziplinen im Kontext der öffentlichen Kleinkindpädagogik.

II Begriff

Das Kapitel 5 ist dem Begriff der öffentlichen Kleinkinderziehung gewidmet. Dies erfordert aus der Sicht des Autors zunächst eine systematische Erfassung des Begriffs öffentlich versus privat. Er setzt sich dabei nicht nur mit dieser Unterscheidung auseinander, sondern bemüht sich sehr ausführlich darzulegen, was öffentlich bzw. das öffentliche Interesse an sich ist. Dies endet mit der Klärung von Öffentlichkeit als Begriff in der öffentlichen Kleinkinderziehung. Des Weiteren stellt Sauerbrey das Kleinkind als lernendes Subjekt, als soziale Konstruktion sowie als Lebensabschnitt in der Moderne vor. „Das Kleinkind kann nicht einseitig-nominal als rein biologisch oder rein kulturelles Wesen beschrieben werden. Kleinkind, frühe Kindheit und Kleinkindalter bilden einen Komplex zwischen Biologie und Kultur“ (S. 136)

Mit den abschließenden Überlegungen zum Verhältnis von Aneignung und Lernen auf Seiten des Kindes und Vermitteln und Zeigen auf Seiten der Pädagogik leitet er zum nächsten Abschnitt über.

III. Subjekttheoretischer Teil – Erziehungsverhältnis und -formen

Das Kapitel 6 klärt das Verhältnis von kindlichem Lernen und erzieherischen Vermitteln. Dabei stehen ganz grundsätzliche elementardidaktische Fragen im Vordergrund. Sauerbrey nennt sie die elementarpädagogische Struktur des Erziehungsverhältnisses und konzentriert sich dabei auf die Bisubjektivität in der Kleinkinderziehung und alle Formen des pädagogischen Handelns darin. Wie kann die vermittelnde Tätigkeit gestaltet werden? Dabei begreift der Autor das kindliche Tun als Aneignen bzw. Lernen, das Handeln von Pädagoginnen und Pädagogen als Vermitteln bzw. Zeigen im Bezug auf das Aneignungsobjekt. Zudem arbeitet er heraus unter welchen Bedingungen dieser Aneignungsprozess gelingen kann und in welchem Verhältnis Einwirkungen und situative Beziehungen zu stehen haben.

IV Objekttheoretischer Teil – Erziehungsinhalte

Im Abschnitt 7 geht der Autor der Frage nach dem Objektereich der Kleinkinderziehung nach. Die Frage nach dem Was. Er nimmt dabei zunächst einen kulturtheoretischen Blickwinkel ein und formuliert dazu einige Vorbehalte, welche er an dieser Stelle sehr gründlich ausführt. Inhaltlich konzentriert sich Sauerbrey dabei auf Fertigkeiten, Kenntnisse und Motive.

V Prozesstheoretischer Teil

In diesem Kapitel 8 werden die bisherigen Überlegungen mit prozesstheoretischen Veränderungen in der Zeit ergänzt und damit verbunden. So versteht er „Kleinkindererziehung als Prozess, der sich zeit- bzw. modaltheoretisch beschreiben lässt“ (S. 252). Er nimmt dabei sowohl eine Mikroperspektive (ein Prozess, der aus einer einzelnen Erziehungssituation hervorgeht), als auch eine Makroperspektive (den eines Prozesses mehrerer Erziehungssituationen) ein.

VI Schluss

Das Kapitel 9 beinhaltet die abschließenden Überlegungen dieser Arbeit.

Diskussion

Diese gesamt Schrift ist geprägt durch die Fragen:

  • Was ist öffentliche Kleinkinderziehung?
  • Was geht in öffentlichen kleinkindpädagogischen Institutionen strukturell vor, wenn Kinder und pädagogisches Fachpersonal erzieherisch miteinander umgehen?
  • Welche Tätigkeiten und Handlungsformen bilden die Struktur dieses Umgangs?
  • Was unterscheidet eine Situation öffentlicher Kleinkinderziehung von ihrem Prozess?

Es gelingt dem Autor sehr überzeugend diese grundlegenden Fragen frühpädagogischen Handelns sehr gründlich zu bearbeiten und auch zu beantworten. Eine besondere Stärke dieser Schrift liegt insbesondere in der sehr gelungenen Differenzierung der einzelnen Begriffe. Dabei versteht es Ulf Sauerbrey in präziser wissenschaftlicher Arbeit zum Kern der jeweiligen Aspekte vorzudringen. Hier unterscheidet er sich sehr positiv von vielen anderen Veröffentlichungen zu dieser Thematik. Zudem verarbeitet er hier einschlägige aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse und eröffnet so dem Leser, sozusagen im Nebeneffekt, einen eindrucksvollen Überblick über die aktuelle Forschungslandschaft. Hierin liegt sicherlich eine besondere Stärke dieser Veröffentlichung.

Seine sehr differenzierte Arbeitsweise und sein ausgeprägtes Bemühen den Begriffen in ihrer Differenziertheit auf den Grund zu gehen, entspricht einer sauberen wissenschaftlichen Arbeit. Gelegentlich ist es jedoch für den Leser auch sehr anstrengend hier den Überblick nicht zu verlieren und dem eigentlichen Argumentationsstrang zu folgen.

Fazit

In der Summe stellt Ulf Sauerbrey einen sehr beachtenswerten Beitrag zum aktuellen Bemühen eine Theorie einer Pädagogik der Kindheit zu entwickeln vor. Er stellt die richtigen Fragen und geht den diesen in großer Gründlichkeit auf den Grund.

Somit leistet er einen wertvollen Beitrag in den gesellschaftlich wie wissenschaftlichen Anstrengungen, den Kindern in unserer Gesellschaft ein gesundes und stabiles Aufwachsen zu ermöglichen.


Rezensent
Prof. Dr. Helmut Lechner
Hochschule München
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Zitiervorschlag
Helmut Lechner. Rezension vom 05.10.2018 zu: Ulf Sauerbrey: Öffentliche Kleinkindererziehung. Eine Theorie. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-1275-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24094.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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