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Ilke Crone: Das vorige Jetzt. Familien­rekonstruktion in der Praxis

Cover Ilke Crone: Das vorige Jetzt. Familienrekonstruktion in der Praxis. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2018. 234 Seiten. ISBN 978-3-8497-0217-5. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Ilke Crone stellt in ihrem Buch „Das vorige Jetzt. Familienrekonstruktion in der Praxis“ in einer transgenerationalen Perspektive insbesondere die Aspekte von Bindung und Trauma in den Mittelpunkt ihrer systemisch-konstruktivistischen und entwicklungsorientierten Erörterungen. Thematisiert werden anhand von fünf Fallbeispielen von angehenden Familientherapeuten grundlegende Fragen zur Praxis und Wirksamkeit von „Aufstellungsformaten“. Besonders thematisiert wird in den Fallbeispielen die Bedeutung des Zweiten Weltkrieges und des Nationalsozialismus für die Kriegskinder, Nachkriegskinder und Kriegsenkel. Zudem beinhaltet das Buch eine Auseinandersetzung mit vergleichbaren Aufstellungsformaten, sowie einen abschließenden Ausblick.

Autorin

Die Diplom-Psychologin Ilke Crone arbeitet in freier Praxis in der systemischen Beratung, Therapie, Supervision und dem Elterncoaching. Zudem ist sie als lehrende Therapeutin/Supervisorin (SG, DGSF); Heilpraktikerin für Psychotherapie/tiergestützte Pädagogik und im Feld der systemischen Traumapädagogik und der traumazentrierten Fachberatung (DeGPT/BAG-TP) tätig.

Entstehungshintergrund

Das Buch erscheint in der Reihe „Systemische Therapie und Beratung“ des Carl-Auer Verlages. Ilke Crone fasst ihre langjährigen Erfahrungen als Lehrende des Bremer Instituts für systemische Therapie und Supervision zusammen. Ein wichtiges Anliegen ist ihr die Bedeutung von Familienrekonstruktionen als Bestandteil einer systemischen familientherapeutischen Ausbildung zu betonen, da diese und andere Formen von Selbsterfahrung in vielen familientherapeutischen Ausbildungen ein „Schattendasein“ (S. 15) führen würden. Das Buch richtet sich daher besonders an angehende systemische BeraterInnen und TherapeutInnen, die ihr Wissen mithilfe eines erlebnisorientierten Verfahrens erweitern wollen. Insbesondere sollen die vorgestellten Bezüge zwischen bindungstheoretischen Aspekten und Erkenntnissen der Traumaforschung hilfreiche Anregungen zur Hypothesenbildung zum Verständnis der Lebensgeschichte geben.

Aufbau

Nach einem Vorwort von Tom Levold und einer ausführlichen Einleitung werden im zweiten Kapitel Erkenntnisse über die familiäre Bindungsproblematik und im dritten Kapitel über „Traumata“ zusammengefasst. Im vierten und fünften Kapitel werden diese Aspekte zusammengeführt, um dann im sechsten Kapitel methodische Aspekte der Familienrekonstruktion vorzustellen. Im siebten Kapitel erfolgt eine Fallbeschreibung, im achten wird das Thema Rituale fokussiert. In den folgenden Kapiteln werden Erkenntnisse der beispielhaft vorgestellten Familienrekonstruktionen zusammengefasst (Kap. neun), Gemeinsamkeiten und Unterschiede mit anderen Formaten erörtert (Kap. 10), um dann die Erkenntnisse zusammenzufassen und ein Weiterdenken anzuregen (Kapitel 11 u. 12). Im Literaturverzeichnis findet sich zudem ein Verzeichnis von Filmen und Romanen zur Thematik des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges.

Inhalt

Im ersten Kapitel der Einleitung stellt die Autorin ihren Ansatz vor, beschreibt den Aufbau des Buches, definiert kurz ihren Begriff der Familie und benennt Grundaspekte von Konstruktionen von Wirklichkeiten. In einem Unterkapitel geht sie darauf ein, dass aus ihrer Perspektive in familientherapeutischen Ausbildungen Familienrekonstruktionen ein „Schattendasein“ führen würden. Zudem wird kurz abgrenzend auf die Aufstellungsarbeit nach Bert Hellinger eingegangen und die allgemeinen Ziele der Familienrekonstruktion zusammengefasst.

Im zweiten Kapitel „Familie und Bindung“ werden einführend Bindungsbegriffe und -grundlagen und Formen von Bindungsstilen zusammengefasst und mit Kurzbeschreibungen von Herkunftsfamilien von angehenden Familientherapeuten (aus der Perspektive der Erwachsenen) erörtert. Im Unterkapitel 2.3 „Innere Arbeitsmodelle und Mentalisierung“ werden Zusammenhänge zwischen Bildungsprozessen und Mentalisierungskonzepten vorgestellt, um dann im folgenden Unterkapitel die Bedeutung der Resilienzfaktoren zu betonen.

Das dritte Kapitel „Trauma“ beginnt mit einer allgemeinen Einführung (3.1) und Ausführungen über Traumafolgen und Man-Made Disasters. Anschließend referiert die Autorin Erkenntnisse über Traumata durch Krieg und Flucht und deren transgenerationale Weitergabe in den Familien in der Folge des Nationalsozialismus. Auch hier werden erneut Zusammenhänge mit den Familiengeschichten der angehenden Familientherapeuten gezogen. Abschließend fasst Ilke Crone ihr persönliches Verständnis von Trauma (Kap. 3.4) zusammen. Hierzu gehört für sie, traumatisches Erleben als komplexes Geschehen in biologisch-psychisch-sozialen Systemen zu verstehen und zum Teil missverständliche oder herausfordernde Reaktionen als Lösungsversuche anzuerkennen (S. 87). Man-Made Disasters in menschenverachtenden politischen Verhältnissen benennt sie als soziopolitische Traumatisierungen.

Im vierten Kapitel „Bindung und Trauma“ stellt die Autorin Zusammenhänge zwischen der Bindungsproblematik, der Entstehung von Traumata und dem Nationalsozialismus her. Thematisiert werden u.a. die Bedeutung von Trennungen und Verlusten, z.B. bedingt durch die häufigen langandauernden sogenannten „Kinderlandverschickungen“ während des Krieges oder die Bedeutung des faschistoiden/autoritären Erziehungsstils für die Kinder. Für Crone produziert diese nationalsozialistische Erziehung ein unsicher-vermeidendes Bindungsverhalten, bei der die Mutter dazu beiträgt, dass junge Menschen in erster Linie Gehorsam, Unempfindlichkeit gegenüber Schmerz, Bindungs- und Wertlosigkeit lernen. Diese früher erworbene, d.h. erlernte Bindungslosigkeit trug zu einer Haltung unbedingten Gehorsams ohne Gewissen und Moral bei.

Im fünften Kapitel „Multikomplexität der Themen“ werden die im vorigen Kapitel verknüpften Themen nochmals in ihrer Multikomplexität in einen sozio-politischen Kontext gesetzt. Beschrieben wird, wie traumatisierende Ereignisse nicht nur auf der individuellen Ebene wirken, sondern darüber hinaus auf die umgebenden Umwelten und z.B. zum Auseinanderbrechen von Familie und sozialen Bezügen und einer Korrumpierung sozialer Werte beitragen. Geschädigt wird also nicht nur das Individuum und die Familie, sondern auch umgebende Mesosysteme.

Im sechsten Kapitel „Familienrekonstruktion“ werden Methoden der Familienrekonstruktion vorgestellt. Einführend wird die Bedeutung der Selbsterfahrung in der Ausbildung von FamilientherapeutInnen betont. Die von der Autorin vorgestellte Methode der Familienrekonstruktion findet in dem Bremer Institut in Gruppen statt. Vorab werden in diesem prozesshaften Geschehen jeweils Fragen, Anliegen und Ziele formuliert und Daten ausführlich mittels einer Genogrammerstellung erhoben. Zudem werden verschiedene Methoden, z.B. Fantasiereisen und Bildergalerien mithilfe von Fotos / Gegenstände, Beziehungsskulpturen genutzt.

Im siebten Kapitel wird ein Beispiel ausführlich vorgestellt, im achten Kapitel werden anschließend „Rituale als essenzielle Verdichtung“ fokussiert. Gemeint sind hier verkürzende, abschließende Interventionen, die zu einer rituellen Verdichtung führen sollen, ohne die Vielfalt von Möglichkeiten zu begrenzen. Hierzu kann zum Beispiel eine Fragestellung gehören, in der nach offen gebliebenen Themen gefragt wird oder die Anerkennung der Berechtigung von Bedürfnissen der Kindheit ausgesprochen wird. Rituale werden auch eingesetzt um Versöhnung und Integration zu ermöglichen. Vorgestellt werden in diesem Kapitel ebenfalls Rituale, in denen sich beispielsweise in Form einer Ausgleichshandlung (S. 193) die Gruppe der Männer vor die Gruppe der Frauen kniet und sagt: „Im Namen aller Männer entschuldigen wir uns für das, was dir angetan wurde.“ Der Einsatz solcher Rituale sollte sicherlich sorgfältig erwogen werden.

Im neunten Kapitel „Was bleibt?“ beschreibt Ilke Crone kurz aus der Rückschau Aspekte der Bedeutung der Familienrekonstruktionen für die vorgestellten TeilnehmerInnen.

Im zehnten Kapitel werden die verschiedensten Formate mit ihren unterschiedlichen, teilweise widersprüchlichen Begriffen aufgezählt, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu anderen Formaten der Familienrekonstruktion benannt. Ein Unterschied liegt zum Beispiel darin, dass die Autorin weder in Beziehungsskulpturen eingreifen würde, noch sich als Repräsentantin zur Verfügung stellt. Im Folgenden werden theoretische Bezüge und Erläuterungen der Praxis dieser speziellen Form von Familienrekonstruktionen beschrieben. Im Anschluss grenzt die Autorin sich von der Methode des Familienstellens nach Bert Hellinger und seinen Nachfolgern ab, die häufig sehr bestimmend, lenkend und eingreifend tätig werden und in denen der Leiter oftmals besser Bescheid über die nächsten hilfreichen Schritte wisse als der Klient. Auch wenn es in ihren Familienrekonstruktionen manchmal darum gehen würde, bestimmte Ordnungen innerfamiliärer Beziehungen zu beschreiben, will I. Crone ein Angebot auf Augenhöhe machen und keinesfalls den Anspruch auf eine „richtige Ordnung“ erheben. Sie will im Sinne von Virginia Satir Familienrekonstruktionen als eine Möglichkeit nutzen, die eigenen Potenziale zu entdecken und mit dieser Methode respektvoll und achtsam die individuelle Kreativität und Möglichkeiten des Wachstums fördern.

In den kurzen abschließenden Kapiteln elf „Wer kann hier was von wem lernen?“ und dem zwölften Kapitel „Weiterdenken“ werden nochmals einzelne Aspekte zusammengefasst und gesellschaftliche aktuelle Veränderungen fokussiert, die sich auf die Familie auswirken und unter anderem dazu führen, dass die Ehe als Institution durch eine Vielfalt verschiedenster Beziehungs- und Lebensentwürfe ergänzt wird. Gleichzeitig führe dies dazu, dass sich die Vielfalt der Möglichkeiten von Lebensentwürfen erweitert, die oftmals als „missglückt“ (S. 192) zu bezeichnen wären. Bedeutsame aktuelle Themen seien die Trennung der Eltern und häufiger als früher auch Problematiken von Stief- oder Patchworkfamilien oder Ein-Elternfamilien.

Diskussion

Ilke Crone legt in ihrem Buch bei der Analyse der in den Seminaren in den Gruppen durchgeführten Familienrekonstruktionen mit angehenden FamilientherapeutInnen ihren Schwerpunkt die Themen Bindung und Trauma im Kontext des Nationalsozialismus. Auch die Autorin merkt an, dass Multikomplexität dazu beiträgt (S. 105), dass außenstehende Beobachter eben nicht genau entscheiden könnten, welches Thema für den Betroffenen das zentrale sei. Dies wird deutlich in einem Vergleich mit den Untersuchungen von Peter Kaiser aus dem Jahr 1989, der auf der Grundlage seiner Habilitationsschrift ebenfalls die Familiengeschichte von angehenden FamilientherapeutInnen, hier jedoch mit der Methode des Genogramms, untersuchte. Kaiser geht in seinen Untersuchungsergebnissen insbesondere auf die Funktionalität familiärer Strukturen, ihrer Regeln, Hierarchien, Rollen und Aufgaben, der Systemgrenzen ein und analysiert unter anderem Mythen, Geheimnisse, Vermächtnisse und Loyalitäten im Kontext mehrerer Generationen. Auch Kaiser benennt in seinen Ausführungen die Bedeutung der lebensweltlichen Auswirkungen des Kriegsgeschehens. Allerdings zeigt sich in den Analysen von Kaiser, dass dieses Thema nur ein bedeutsames von vielen bei der Beschreibung der Familien ist. Offen bleibt daher, inwieweit sich die von Ilke Crone vorgestellten Zusammenhänge verallgemeinern lassen und daher generell noch stärker zu thematisieren wären oder ob diese nur für einen kleineren Personenkreis bedeutsam sind.

Einen weiteren Aspekt möchte ich noch kritisch anmerken. Die Autorin hebt zu Recht die Bedeutung des Kontextes hervor. Meines Erachtens hätte dann auch noch ausführlicher darauf eingegangen werden können, dass Familienrekonstruktionen auch in einem Kontext zu betrachten sind, z.B. in denen des Psychodramas, der Gestalttherapie und der Transaktionsanalyse. Dort waren Familienrekonstruktionen bereits lange Alltagspraxis, bevor familientherapeutische Verfahren diese Methoden in ihr Repertoire aufnahmen.

Fazit

Den LeserInnen bietet dieses Buch einen anschaulichen und theoretisch fundierten guten Überblick über Methoden der Familienrekonstruktion. Den angehenden FamilientherapeutInnen wird eine umfassende Darstellung geboten, sie erhalten eine fundierte Einführung mit vielen praktischen Fallbeispielen in praxis- und ausbildungsrelevanten Themen.

Literatur

Kaiser, Peter (1989): Familienerinnerungen. Asanger, Heidelberg


Rezensent
Dr. Jürgen Beushausen
Hochschule Emden Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit (LfbA), Supervisor, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut
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Zitiervorschlag
Jürgen Beushausen. Rezension vom 19.04.2018 zu: Ilke Crone: Das vorige Jetzt. Familienrekonstruktion in der Praxis. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2018. ISBN 978-3-8497-0217-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24096.php, Datum des Zugriffs 28.05.2018.


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