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Monika Nöcker-Ribaupierre (Hrsg.): Musik in Therapie und Medizin

Cover Monika Nöcker-Ribaupierre (Hrsg.): Musik in Therapie und Medizin. 25. Musiktherapie-Tagung am Freien Musikzentrum München e.V. (4.-5. März 2017). Dr. Ludwig Reichert Verlag (Wiesbaden) 2018. 106 Seiten. ISBN 978-3-95490-300-9. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR.
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Thema

Die Beiträge des Buches beschäftigen sich mit verschiedenen Betrachtungsweisen, mit der Bedeutung, dem Einsatz, dem Umgang mit (der) Musik in medizinischen und therapeutischen Arbeits- und Forschungskontexten.

Herausgeberin

Die Herausgeberin, Dipl. Kapellmeisterin, Dipl. Musiktherapeutin Dr. sc. mus. Monika Nöcker-Ribaupierre ist neben vielfältigen anderen Aufgaben und Wirkungsbereichen Vice President der International Society for Music in Medicine ISMM und im Editorial Board des International Journals Music in Medicine. Die Autorinnen und Autoren der einzelnen Beiträge kommen aus unterschiedlichen, überwiegend musiktherapeutischen Arbeitsfeldern, die alle in der Verbindung von Musik in Therapie und Medizin stehen.

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band enthält die Beiträge der 25. Tagung des Freien Musikzentrums München, das jährlich Fachtagungen zur Musiktherapie mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten durchführt. Die Tagung „Musik in Therapie und Medizin“ fand vom 4.-5. März 2017 statt.

Aufbau

Die Dokumentation der Tagungsbeiträge trägt aus verschiedenen Richtungen kommend beispielhaft Bedeutungen und Betrachtungsweisen der Musik im Kontext von Medizin und Therapie zusammen. Sie kommen sowohl aus aktueller Forschung, als auch aus der Praxis und geben in einem Fall zudem einen Überblick darüber, wie sich das Verhältnis zur Musik und ihre Nutzung im Laufe der Zeit mit der Weiterentwicklung von Medizin und Therapie verändert haben.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Bereits in der kurzen Einführung in die Thematik wird die Komplexität des Themas deutlich, wenn auf wenigen Seiten die Verknüpfung von Historie, Entwicklungen (mit Bezug auf einige der Kasseler Thesen, die einst als schulenübergreifender Konsens für die Musiktherapie formuliert wurden) und aktuellem Geschehen innerhalb der Musiktherapie bzw. der therapeutisch-medizinischen Nutzung von Musik hergestellt wird. Aufbau und inhaltlicher Rahmen werden skizziert und den LeserInnen wird vermittelt, wie unterschiedlich die Anwendungsgebiete und persönlichen Erfahrungen der AutorInnen sind.

Die Musik stellt die Verbindung zwischen den unterschiedlichen Beiträgen und gleichsam das Zentrum der Auseinandersetzungen dar. Diese werden im Folgenden kurz dargestellt. Da die Blickwinkel durchaus unterschiedlich sind, werden zu Beginn erst die einzelnen Artikel vorgestellt, im Anschluss erfolgt die Diskussion.

Ausgehend von der Lehre des Schmerzerlebens (Algesiologie) führt Ralph Spintge die LeserInnen in das Feld der MusikMedizin. Er erläutert die Grundlagen des Handelns mit der Musik, die sich an der Definition von Gesundheit der WHO ausrichten. Daher kommend, leitet er unter Einbezug der Idee der Salutogenese über zur Nutzung „medico-funktionaler Musik“ im Bereich der Schmerzmedizin. Er erklärt die Bedeutung von Schmerz, erläutert Messinstrumente und veranschaulicht schließlich über methodisch-praktische Herleitungen die individuelle Wirksamkeit der Musik in der Schmerzbehandlung, deren haupttragender Parameter der Rhythmus darstellt. Dieser wird in anderen Beiträgen des Buches ebenfalls hervorgehoben. Mittels einiger Tabellen macht der die Effekte, Wirkmechanismen und mögliche Therapieplanungen in übersichtlicher Form zugänglich.

Tonius Timmermann spannt den Bogen zur Musik in der Musiktherapie weiter. Mit seiner Darstellung begibt er sich zu einem anderen Pol der Wirksamkeit von Musik, die im Gegensatz zur Medizin durch die Subjektivität im therapeutischen Kontext deutlich schwieriger messbar ist. Er macht das Besondere an der Musiktherapie deutlich und unterstreicht die geschulte Intuition des Therapeuten, die einen Raum ermöglicht, in dem das therapeutische Handeln sich vollziehen kann. In seinem umfassenden und dichten Artikel geht er auf verschiedene Formen und methodische Möglichkeiten ein, die für eine Wirksamkeit sorgen, für welche er vier Ebenen benennt. Das Beziehungsgeschehen als besonders wichtiger Aspekt der Musiktherapie verknüpft er mit methodischen und theoretisch grundlegenden Ausführungen, die verdeutlichen, dass das musiktherapeutische Wissen über das Fach hinaus nutzbar werden sollte, um so weitreichend den Gedanken der Prävention darzustellen, bis hin zum Wunsch, dass dieses Wissen bis in die Ausbildung von Musikern hineintragen solle.

Den Blick wieder herein in das musiktherapeutische Geschehen bringt Volker Bernius, der sich sozusagen historisch mit der Musik in Fallbeschreibungen auseinandersetzt. Er geht der Frage nach, wie das „Mithören“ von etwas Akustischem in etwas Literarischem gelingen kann bzw. welche Veränderungen in den Jahren der musiktherapeutischen Entwicklungen vollzogen wurden. Er stellt dafür verschiedene Modelle vor, die Anwendung finden und gefunden haben. Das Hören, das eben nicht zeitgleich und real mit erfolgt, benötigt zur Nachvollziehbarkeit einerseits einen Adressatenbezug, andererseits erscheint die Musik, wie er Lars Ole Bonde zitiert, manchmal eher als eine „Blackbox in der Musiktherapie“. Um dennoch das gegenseitige Verständnis zu ermöglichen, bedarf das Kommunizieren über die Musik in seiner Ausführung nach Almut Seidel insbesondere der musikalischen Kompetenz der Musiktherapeuten. Bernius gibt im Verlauf einen Überblick über die Entwicklungen in der Musiktherapie in Bezug auf die Fallbeschreibungen und die Notwendig- bzw. Möglichkeiten (z.B. die symbolische Bedeutung der Instrumente zu nutzen), die sie für eine breite Leserschaft verstehbar machen können. In der Art der Beschreibungen (wie auch in der Entwicklung der Instrumente) spiegelt sich dementsprechend auch Geschichte der Musiktherapie wider und weist ebenso in die Zukunft, wenn der Blick auf die zunehmende Digitalisierung schweift. Ganz praktisch gibt er abschließend noch Hinweise zum Schreiben, inspiriert durch den Journalismus und das „Kreative Schreiben“, mit dem Ziel „Leser-Hörer“-freundlicher Ergebnisse.

Ausgehend vom wissenschaftlichen Gegenstand Musik und deren spezifischen sowie biografischen Bedeutung bzw. dem jeweiligen Kontext, zeigen Dorothee von Moreau und Eckhard Weymann in der von ihnen so genannten „Annäherung an die Musik in der musiktherapeutischen Forschung“ die beiden Paradigmen in der musiktherapeutischen Forschung auf: Das normative/positivistische und das interpretative/naturalistische Paradigma. Sie machen mit Bezug auf Bondes „Spektrum der Musikanalyse“ deutlich, welche Betrachtungsweisen und Methoden angewendet werden und damit wie abhängig der Blick auf die Musik von der jeweiligen Fragestellung (und damit vom jeweiligen Paradigma) ist. Bei aller Schwierigkeit einer umfassenden Ergründung der Musik beschreiben sie differenziert die unterschiedlichen Betrachtungsweisen und erläutern sie im musiktherapeutischen Zusammenhang. So wird nachvollziehbar ein weiter Bogen von universeller zu individueller Wirkung mit ihren Wechselbeziehung aufgespannt.

Im anschließenden Beitrag leitet Monika Nöcker-Ribaupierre zum musiktherapeutischen Praxisfeld der Neonatologie über, wenn sie sich mit der „Musik am Anfang des Lebens“ beschäftigt. Nach einem kurzen theoretischen Überblick über die Entwicklung des Hörsinns und des Hörens beschreibt sie für die Praxis hilfreiche Empfehlungen zur Nutzung und Gestaltung der Musik, verknüpft sie mit Entwicklungs- und Reifestadien Frühgeborener und schlägt schließlich den Bogen zur Entwicklung der Musiktherapie und deren Forschung und Praxis in diesem Feld.

Monika Baumann vollzieht einen Übergang entsprechend ihres Titels „Musik im Übergang – Die Improvisation in der (Früh-)Rehabilitation Hirnverletzter“ in eine sehr praxisnahe Darstellung ihrer Arbeit unter Einbezug dreier unterschiedlicher Fallbeispiele. Sie kombiniert Wissenschaftliches und eigene Erfahrung auf eine den Leser einbeziehende Weise. Sie äußert sich zur Rolle der Musik und zu den Möglichkeiten der Improvisation in diesem Übergangsfeld des Lebens und schließt mit sehr an der Praxis orientierten Gestaltungshinweisen.

Den Band beschließt Andreas Wölfl mit seinem Blick auf die „Musik in der Therapie mit Jugendlichen“. Zunächst führt er die LeserInnen, auch unter Zuhilfenahme zweier Studien, in die Bedeutung der Musik im Jugendalter und deren Entwicklung ein. Er stellt heraus wie unterschiedlich die Musik von den Jugendlichen genutzt wird, die in dieser Phase große Entwicklungsaufgaben zu bewältigen haben. Hier macht er detailliert positive und mögliche negative Aspekte der Nutzung deutlich. Durch die direkte Verschränkung der Theorie mit seiner persönlichen Arbeitsweise werden Vorgehen und Methodik plastisch vermittelt, sowie Unterschiede zwischen Einzel- und Gruppenmusiktherapie beleuchtet.

Diskussion

Als Tagungsband kann nur ein gewisses Spektrum möglicher Inhalte zu diesem großen Thema aufbereitet werden, die hier zudem nicht in fester Verbindung miteinander stehen. Der Titel würde vielleicht mehr Beiträge aus der Medizin vermuten und wünschen lassen, der medizinische Beitrag gibt jedoch einen guten Über- und Einblick in dieses Feld.

Dem Inhalt und den Forderungen des Artikels zur Musik in den Fallbeschreibungen folgend merkt man gut, wie wichtig der Bezug zum Leser ist, um ihn auf allen Etappen nachvollziehend mitnehmen zu können. Die Beiträge mit viel Verknüpfung zwischen Theorie und Praxis geben sowohl Hintergrundwissen als auch Überblick und Gedankenanstöße sein eigenes Handeln freundlich kritisch zu betrachten. Ohne dass ein inhaltliches Zentrum als solches dargestellt würde scheint der Beitrag zur „Musik in der Musiktherapie“ zentral zu sein, da er mit Rückbezug zum Titel des Buches deutlich macht, wie die „Musik in Therapie und Medizin“ sich in der Musiktherapie und darüber hinausweisend gut treffen, sich inspirieren und voneinander profitieren können.

Fazit

Die vorliegende Tagungsdokumentation bringt fachliche Fülle aus den mit Musik arbeitenden Bereichen Therapie und Medizin zusammen. Das Auffächern unterschiedlicher Arbeitsfelder macht die Vielfalt deutlich und gibt dem entsprechend einen leserfreundlichen Einblick in einige praktische Themen: Algesiologie, Neonatologie, Neurologische Frührehabilitation und die musiktherapeutische Arbeit mit Jugendlichen. Auf der Seite von Theorie und Forschung wird mit zum Teil geschichtlichem Bezug mehrgestaltig deutlich wie bunt und mannigfaltig, gleichsam aber auch nicht immer leicht fassbar das weite Feld der Musiktherapie in der Schnittmenge von Therapie und Medizin und darüber hinaus ist.

Ein angenehm zu lesende, zu Vertiefung einladende Zusammenfassung der Tagung in München im März 2017, die Informationen zum Nachlesen für das Fachpublikum der Tagung bereithält. Für die Fachfremden bzw. denjenigen, die nicht bei der Tagung sein konnten, mögen hier und da Audio- bzw. Videobeispiele fehlen, eine Annäherung an die Themen ist dennoch gut ermöglich.


Rezensent
Oliver Schöndube
Dipl.-Musiktherapeut (DMTG), Heilpraktiker für Psychotherapie
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Zitiervorschlag
Oliver Schöndube. Rezension vom 04.09.2018 zu: Monika Nöcker-Ribaupierre (Hrsg.): Musik in Therapie und Medizin. 25. Musiktherapie-Tagung am Freien Musikzentrum München e.V. (4.-5. März 2017). Dr. Ludwig Reichert Verlag (Wiesbaden) 2018. ISBN 978-3-95490-300-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24097.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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ISSN 2190-9245

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