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Annelinde Eggert-Schmid Noerr, Urte Finger-Trescher u.a. (Hrsg.): Zwischen Kategorisieren und Verstehen (Diagnostik)

Cover Annelinde Eggert-Schmid Noerr, Urte Finger-Trescher, Johannes Gstach, Dieter Katzenbach (Hrsg.): Zwischen Kategorisieren und Verstehen. Diagnostik in der psychoanalytischen Pädagogik. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2018. 220 Seiten. ISBN 978-3-8379-2710-8. 24,90 EUR.

Jahrbuch für Psychoanalytische Pädagogik 25.
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Thema

Der Band versammelt unterschiedliche Perspektiven bezüglich der allgemeinen Fragestellung, welche diagnostischen Fähigkeiten psychoanalytisch orientiert arbeitende PädagogInnen und SozialarbeiterInnen aufweisen müssen. Diesbezüglich interessiert weniger der Aspekt, die Manifestation pathologischer Persönlichkeitsentwicklungen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu eruieren, sondern vielmehr, inwieweit sich vor dem Hintergrund sozialer und institutioneller Zusammenhänge die – auch unbewusst – beschädigte Konstitution von Subjektivität herausschält. Dabei versteht sich quasi von selbst, dass nicht ‚Heilung‘, sondern Bildung und Erziehung Gegenstand und Ziel dieser diagnostischen Bemühungen sind.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in insgesamt vier Kapitel unterteilt, ergänzt um eine Literaturumschau über psychoanalytisch-pädagogische Publikationen zum Thema. Das erste Kapitel setzt sich im Sinne einer Positionsbestimmung grundlegend mit Diagnostik auseinander, die drei nachfolgenden Kapitel orientieren sich an der aufsteigenden Linie vom Kleinkind zum Erwachsenen. Das vollständige Inhaltsverzeichnis findet sich auf der Verlagshomepage.

Es beginnt mit einer gemeinsamen Einleitung der HerausgeberInnen Annelinde Eggert-Schmid Noerr, Urte Finger-Trescher, Johannes Gstach und Dieter Katzenbach zum Stellenwert der Diagnostik in Pädagogik und Jugendhilfe. Bereits hier wird das Typische am methodischen Vorgehen der Psychoanalytischen Pädagogik sichtbar, geht es doch um ihr Kernstück des szenischen Verstehens in seiner Relevanz für heutige Arbeitsfelder. Notabene wird damit ihr besonderer Ansatz, sich auf dem Wege einer dialogischen Beziehungsgestaltung und über das Verstehen der agierten Interaktionsmuster dem Eigensinn des Anderen zu nähern, inhaltlich ausgekleidet.

Der nachfolgende Beitrag im ersten Kapitel über sozialpädagogische Diagnosen im Anschluss vornehmlich an die Vorgehensweise von Mollenhauer und Uhlendorff fällt insgesamt ein wenig hinter sämtliche andere Texte zurück, was sicherlich damit zu tun hat, dass der Autor Stephan Cinkl mehr in der lebensweltorientierten Pädagogik verortet ist. Unbewusste Inhalte spielen dort keine große Rolle, und man kommt unumwunden zur Zielstellung bei der Hilfeplangestaltung. Danach problematisiert Helmuth Figdor mit Blick auf das in Österreich vor kurzem erlassene, rigide neue Psychologengesetz, inwieweit PädagogInnen überhaupt noch legitimiert sind, Diagnosen zu erstellen. Er kommt zum Schluss, dass sich nicht nur die Tätigkeitsbereiche deutlich voneinander unterscheiden und es vor allem nicht um die Klassifikation von Symptomen oder Syndromen geht, sondern allein um die hypothetische Rekonstruktion von Motivlagen.

Das zweite Kapitel zur Diagnostik im Kindesalter beginnt mit dem Beitrag von Judit Barth-Richtarz und Renate Doppel über die generelle Frage der Gestaltung von diagnostischen Verfahren, mit denen Entwicklungsrisiken in den Blick genommen werden sollen. Für eine gelingende pädagogische Intervention ist dies sicher notwendig, dabei stehen aber vor allem die Beziehungs- und Bildungsprozesse im Vordergrund. Um also die richtigen Schlüsse zu ziehen, gilt es insbesondere, das oftmals heftige Ineinander von Übertragungs- und Gegenübertragungsreaktionen reflexiv auszuleuchten. Ähnlich sieht es Inken Seifert-Karb, die sich im Anschluss daran mit der Verhaltensdiagnostik der unter Dreijährigen befasst. Gerade die frühkindliche Entwicklung wird ja stark durch die Spezifik der zwischenmenschlichen Beziehungsgestaltung beeinflusst, was sich bis hinein in die neuronale Strukturbildung des jungen Gehirns zeigen lässt, und gerade die Diagnostik in der Krippe muss sich deshalb auf diese Beziehungsdynamik fokussieren.

Nicht zuletzt für Kinder und Jugendliche in schwer belasteten Lebenssituationen spielen diese komplexen Zusammenhänge eine entscheidende Rolle, wie David Zimmermann zu Beginn des dritten Kapitels über die Diagnostik bei Kinder und Jugendlichen zu belegen weiß. Ohne die angemessene Berücksichtigung der biographischen wie auch äußeren Lebensrealität würde Diagnostik in verfälschender Weise auf eine individuelle, monokausal eingeengte Pathologie verkürzt. Er ergänzt, dass jedes Fallverstehen die institutionellen und professionstheoretischen Bedingungsfaktoren angemessen zu würdigen habe. Beinahe nahtlos schließt da der Beitrag von Christoph Kleemann an, der mit Blick auf die Situation von LehrerInnen im Schulalltag anmerkt, dass sie beim Versuch des Verstehens des oftmals merkwürdig anmutenden Verhaltens ihrer SchülerInnen hauptsächlich auf ihr unmittelbares Erleben angewiesen sind. Insofern kann ihnen das szenische Verstehen wichtige Erkenntnisse liefern, über die (selbst)reflexive Annäherung an das emotionale Verstricktwerden die ungelösten und daher sprachlos agierten Konfliktlagen zu entschlüsseln.

Das abschließende vierte Kapitel zur Diagnostik im Erwachsenenalter hebt an mit dem Text von Urte Finger-Trescher über psychosoziale Beratung, wobei sie die gesamte Thematik um den gruppendynamischen Aspekt von Teamprozessen erweitert. Bei der diagnostischen Einschätzung z.B. von Erstgesprächen kann der Gruppenprozess der Professionellen zum Verstehen Entscheidendes beitragen, wenn und insofern die Denk- und Handlungsansätze der einzelnen MitarbeiterInnen als Facetten des Ganzen genommen werden. Auch hier kommt der Aufdeckung des Übertragungsgeschehens, wie es sich im Beratungsprozess abzuspielen beginnt, eine wesentliche Erkenntnisfunktion zu. Im letzten inhaltlichen Beitrag von Margret Dörr, der sich um die Arbeit mit als psychisch krank geltenden Menschen zentriert, wird noch einmal Bezug genommen auf die bereits eingangs aufgegriffene sozialpädagogische Diagnostik. Dabei betont die Autorin, dass es primär um das Finden eigenständiger sozialpädagogischer Entscheidungskriterien, nicht aber um eine quasi referenzfrei formulierte biomedizinische Klassifikation geht, obwohl diese Lesart inzwischen leider auf sehr dominante Weise Einzug in die Human- und Sozialwissenschaften gehalten hat. Gerade, wenn wir von der Annahme eines ubiquitären dynamischen Unbewussten ausgehen, wird die Kurzsichtigkeit nosologischer Modelle, wie sie vor allem für das psychiatrische DSM-V-Verfahren typisch ist, auf erschreckende Weise evident. Erst das Dialoghandeln, in das die Selbstthematisierung wie selbstverständlich eingelassen ist, vermag gemeinsam hergestellte Bedeutungen zu generieren.

Die abschließende Literaturumschau von Barbara Neudecker und Alexandra Horak zeigt noch einmal mit aller Deutlichkeit auf, dass die zum Kreis der Psychoanalytischen PädagogInnen zählenden AutorInnen in ihren Texten zum diagnostischen Verstehen die in diesem Band aufgestellten Prämissen zu beherzigen wissen. Das vor allem deshalb, weil sie Psychoanalyse nicht auf ein therapeutisches Heilverfahren begrenzen, sondern sie in erster Linie als sozialwissenschaftliches Konzept über psychische Gesundheit und Krankheit zu nutzen wissen.

Diskussion

Der Band fasst ein für hermeneutisch und insbesondere tiefenhermeneutisch arbeitende PädagogInnen und SozialarbeiterInnen heißes Eisen an. Schließlich ist der Reflex, sich vehement gegen eine um naturwissenschaftliche ‚Exaktheit‘ bemühende Diagnostik des mainstreams abzugrenzen, dort weit verbreitet. Umgekehrt trägt ihnen diese Attitüde gerne den Vorwurf fehlender Wissenschaftlichkeit ein. Deutlich wird in den verschiedenen Texten, dass eine am dynamischen Unbewussten orientierte Form des (diagnostischen) Fremdverstehens, die nicht zuletzt vom reflektierten Selbstverstehen ausgeht, zu sehr viel differenzierteren und vor allem eine emanzipative Praxis antizipierenden Erkenntnissen gelangen kann. Der Dissens mit den positivistisch verkürzten, nur mehr deskriptiv gewirkten Manualen wie insbesondere dem DSM-V wird in einigen Beiträgen angedeutet, nicht aber vertieft ausformuliert. Das könnte man als kleines Manko bezeichnen, führt aber am Ende vielleicht sogar dazu, von dieser Seite keinen generellen Verriss zu provozieren.

Auch die vorgenommenen Aktualisierungen psychoanalytisch-pädagogischer Positionen, wie es sich vornehmlich an der Diskussion ums szenische Verstehen zeigt, erweitern im Letzten die diagnostischen Möglichkeiten, ist es doch offenbar lässlich, die aus der Teilhabe an den unbewussten Inszenierungen gewonnenen Wissensbestände sogleich kategorial verorten und damit theoretisch absichern zu müssen. Hier hätte vielleicht noch in eine andere Richtung gedacht werden können: Geht es nämlich um den (beschädigten) Aufbau von Persönlichkeitsstrukturen, so reicht der Begriff der Szene hierfür wohl nicht aus – Lorenzers Vorstellung, wonach die Szene als Grundbaustein von Subjektstruktur zu gelten habe, vermag keine Bausteine zu liefern, wie diese Strukturierung vonstattengeht. An dieser Stelle hätte eine explizite Einbeziehung des Mentalisierungskonzepts, sofern dieses nicht, wie derzeit zu beobachten, wieder um die affektive Komponente beschnitten wird, eine theoretische Lücke schließen können. Auch der Referenz an die sozialpädagogische Diagnostik von Mollenhauer und Uhlendorff mangelt es ein wenig an kritischer Unterfütterung, fehlt doch dort genau jene Dimension des Unbewussten, die hier zentral ausgeführt wird. Ich selbst werde zwar häufig zitiert, aber eben jener Aufsatz von mir – „Sozialpädagogische Diagnosen aus Sicht der Psychoanalytischen Pädagogik“ – im Band von Franz-Josef Krumenacker „Sozialpädagogische Diagnosen in der Praxis“, der sich 2004, also zehn Jahre danach, an einer Aufarbeitung versuchte, bleibt leider unerwähnt.

Es sind aber Randphänomene. Der Wert des Buches liegt auf anderem Gebiet. Psychoanalyse im Allgemeinen und Psychoanalytische Pädagogik im Besonderen folgen einer eigenen inneren Logik, die quer liegt zu den meisten Auffassungen und Lehren vom Menschen. Dass mit dem Rückgriff darauf für eine gelingende dialogische Praxis der Boden bereitet wird, findet durch die sehr alltagsnah gestalteten Beiträge eine Bestätigung. Es zeigt sich, dass auf Kategorisierungen nicht zu verzichten ist, sofern sie durch ein tieferes Verstehen ergänzt und somit in ihrer Aussagekraft relativiert werden.

Fazit

Angeregt durch das von Mollenhauer und Uhlendorff Anfang der 1990er Jahre entwickelte Konzept der sozialpädagogischen Diagnosen präsentiert der vorliegende Band eine Weiterentwicklung in Richtung einer psychoanalytisch-pädagogischen Diagnostik. Kernstück eines solchen Vorgehens ist es, den jeweiligen Beziehungskontexten und dem damit verknüpften dynamischen Unbewussten die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken. Insofern erweitert er den erkenntnistheoretischen wie handlungsorientierten Referenzrahmen um entscheidende Dimensionen. Es ist das Verdienst des Buches, einen theoretisch wie methodisch sehr differenzierten und in die verschiedenen Arbeitsfelder variantenreich aufgefächerten Einblick in ein diagnostisches Herantasten an die historisch, gesellschaftlich und institutionell verortete Genese der Subjektivität der AdressatInnen von Pädagogik und/oder Sozialer Arbeit zu gewähren. Nicht zuletzt die Anreicherung der verschiedenen Beiträge durch viele Fallbeispiele belegt die praxistaugliche Bedeutung einer psychoanalytisch-pädagogisch orientierten Diagnostik, die eine Befreiung aus beengenden Beziehungsfallen vorbereitet, und dies verhilft nicht zuletzt dazu, den Begriff immer wieder selbst-kritisch zu hinterfragen.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Gerspach
lehrte bis 2014 am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt. Schwerpunkte: Behinderten- und Heilpädagogik, Psychoanalyti­sche Pädagogik sowie die Arbeit mit so genannten verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen. Seit 2015 lehrt er als Seniorprofessor am Institut für Sonderpädagogik der Goethe-Universität Frankfurt.
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Zitiervorschlag
Manfred Gerspach. Rezension vom 18.04.2018 zu: Annelinde Eggert-Schmid Noerr, Urte Finger-Trescher, Johannes Gstach, Dieter Katzenbach (Hrsg.): Zwischen Kategorisieren und Verstehen. Diagnostik in der psychoanalytischen Pädagogik. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2018. ISBN 978-3-8379-2710-8. Jahrbuch für Psychoanalytische Pädagogik 25. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24102.php, Datum des Zugriffs 23.10.2018.


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