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Klaus Grunwald, Andreas Langer: Sozialwirtschaft. Handbuch für Wissenschaft und Praxis

Cover Klaus Grunwald, Andreas Langer: Sozialwirtschaft. Handbuch für Wissenschaft und Praxis. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. 894 Seiten. ISBN 978-3-8487-3599-0. D: 58,00 EUR, A: 59,70 EUR.
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Herausgeber

Prof. Dr. rer. soc. Klaus Grunwald ist Prodekan der Fakulta?t Sozialwesen an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Stuttgart, Studiengangleiter fu?r die Studienrichtung „Soziale Arbeit in Pflege und Rehabilitation“. Schwerpunkte der Forschungs- und Publikationsta?tigkeit sind: Fragen der Sozialo?konomie / Sozialwirtschaft, Sozialmanagement als Leitung und Steuerung sozialwirtschaftlicher Unternehmen, Gestaltung und Entwicklung von Organisationen aus soziologischer Perspektive, Lebensweltorientierte Soziale Arbeit und Soziale Arbeit in Pflege und Rehabilitation.

Prof. Dr. Andreas Langer, HAW Hamburg, Fakultät Wirtschaft und Soziales, Department Soziale Arbeit, Professor für Sozialwissenschaften. Schwerpunkte der Forschungs- und Publikationstätigkeit liegen u.a. in der Sozialen Dienstleistungsentwicklung, der Bürgerbeteiligung, Professionalisierung Not for Profit Management, Professionssoziologie, Sozialwirtschaft und Social Entrepreneurship.

Das Handbuch der Herausgeberschaft umfasst Beiträge von insgesamt 50 Autoren und Autorinnen. Das Handbuch richtet sich an Fach- und Führungskräfte der Sozialwirtschaft, sowie an Forschende und Studierende der Sozialwirtschaft.

Entstehungshintergrund

Das Handbuch Sozialwirtschaft steht in der Tradition der Lehrbücher und Lexika zur Sozialwirtschaft die seit 1997 im Nomos Verlag von Bernd Maelicke und Ulli Arnold herausgegeben wurden. Später in der Erweiterung der Herausgeberschaft von Georg Hocher und Klaus Grunwald. Der letztgenannte war auch schon entscheidend an der der vollständig überarbeiteten 2. Auflage des Lexikons der Sozialwirtschaft beteiligt. Nun sei der Stab des „großen und langen Staffelaufs“ endgültig an Klaus Grunwald und Andreas Langer übergegangen, wie Bernd Maelicke im Vorwort zum neuen Handbuch Sozialwirtschaft anmerkt.

Thema

Die Entscheidung der Herausgeber ein neues Format als Handbuch zu wählen erschließt sich daraus, Sozialwirtschaft in einem institutionenorientierten Theorieverständnis zu verstehen und eine stärker integrative theoretische Ausrichtung ihrer Begriffe, Ansätze und Methoden zu betreiben. Die Autoren folgen dem Forschungskontext der Neo-Institutionalismus einerseits, um die spezifischen Anforderungen der Sozialwirtschaft darlegen zu können, und das bezugswissenschaftliche Wissen der Disziplinen der Sozialen Arbeit, Soziologie, Sozialpolitik, Rechtswissenschaft, Betriebs- und Volkswirtschaft sowie die Managementlehre komplementär einzubeziehen.

Aufbau

Die Herausgeber haben das Handbuch deshalb in sechs hierarchisch sinnvoll auf einander bezogene Themenschwerpunkte unterteilt:

  1. Grundlagen der Theorie der Sozialwirtschaft
  2. Rahmenbedingungen der Sozialwirtschaft
  3. Sozialwirtschaftliche Organisation und ihre Gestaltung
  4. Management sozialwirtschaftlicher Organisationen
  5. Sozialwirtschaftliche Kooperationsstrukturen
  6. Trend der Weiterentwicklung

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Damit ist entgegen der bisherigen Strategie des Lexikons ein möglichst großes Sample von sozialwirtschaftlichen Stichwörtern zu füllen, nun eine nachvollziehbare in sich schlüssige Schwerpunktzuordnung entstanden. Insbesondere wichtig als theoriebasierte Brücke zwischen ordnungspolitischen Rahmen der Sozialwirtschaft, sozialpolitische Verteilung, sozialer Dienstleistungsproduktion und dem diesbezüglichen Sozialmanagement inclusive kritisch reflexiver Bestandsaufnahmen.

Inhalte

Die Herausgeber bearbeiten in der Einleitung die grundlegenden Bestimmungen des Gegenstands, der Begriffe und Theorie der Sozialwirtschaft. Sie verweisen darüber hinaus auf den theoretischen Entwicklungsbedarf der Sozialwirtschaftsforschung jenseits einer rein betriebswirtschaftlichen Sichtweise, und betonen die sozialwirtschaftliche Dimension des Sozialen, als politische Dimension. Sozialwirtschaftsunternehmen müssen sich demnach als aktive Politakteure begreifen, wenn es z.B. um Fachberatung und Einfluss in Fragen der gesetzlichen Rahmenbedingungen geht. Hierzu gehören Themen der institutionellen Arrangements der Wohlfahrtsproduktion in der Versorgungsicherheit und die Vorrangigkeit der Sachzieldominanz in der Erstellung sozialer Dienstleistungen.

Im ersten Schwerpunkt A des Handbuches „Grundlagen der Theorie der Sozialwirtschaft“ werden dementsprechend geschichtliche Aspekte, neben der Systematisierung des Sozialen Dienstleistungsbegriffs behandelt.

Im Schwerpunkt B „Rahmenbedingungen der Sozialwirtschaft“ werden die volkswirtschaftlichen und sozialpolitischen Rahmenbedingungen im EU Binnenmarkt, in Deutschland, als auch die zentrale Bedeutung der kommunalen Ebene für die Versorgung mit sozialen Diensten erörtert. Daneben treten Beiträge über die wichtigsten Finanzierungselemente, das Leistungsrecht und das Leistungserbringungsrecht, welche abschließend durch theoriegeleitete Begriffsbestimmungen zur Meteorik und der kritischen Reflektion des Begriffspaars Ökonomisierung und Manageralisierung ergänzt werden. Hier fragt man sich, warum die Herausgeber diese beiden letztgenannten Diskurse nicht schon im Teil A unter Grundlagen der Theorie abgehandelt haben, wo sie systematisch besser verortet wären.

Während diese ersten Schwerpunkte sich mit der Makroebene des wirtschaftlichen und sozialpolitischen Systems befassen, wenden sich die Autoren im Schwerpunkt C „Sozialwirtschaftlichen Organisation und ihre Gestaltung“ der Mesoebene zu. Eingeleitet durch einen Artikel von Grunwald zur Perspektive von Organisationen aus sozialwissenschaftlicher, hauptsächlich organisationssoziologischer Perspektive, welche das heterogene Feld der sozialwirtlichen Organisationen erschießen soll. Gefolgt von einem Beitrag zum Organisation als pädagogischem Konzept, welche die Methoden der lernenden Organisation und organisationspädagogische Perspektiven verknüpft und diesbezügliche Forschungsperspektiven aufzeigt. Ergänzt durch Beiträge zur Wirtschafts- und Unternehmensethik der Sozialwirtschaft, der Verbindung von Rechtsformwahl- und Organisationsform, sowie der Beschreibung besonderer sozialwirtschaftlicher Organisationen der Wohlfahrtspflege und sozialwirtschaftlicher Banken. Gefolgt von Artikeln zur Privatisierung und Outsourcing, Change-Management und Organisationsentwicklung und zur Dienstleistungsfunktion von Beratungsunternehmen das mit über 140 Seiten den quantitativ größten Anteil am Gesamtwerk einnimmt.

Im Schwerpunkt D „Management sozialwirtschaftlicher Organisationen“ stehen Themen die sich zunächst, in kritisch reflexiver Absicht dem Management im Spannungsfeld zwischen Steuerungsskepsis, Dilemmata Management und Postheroischer Führung widmen. Gefolgt von einem begriffssystematisierenden Beitrag zum Sozialmanagement als Funktion und Institution mit Blick auf die Anschlussfähigkeit zu gesellschaftlichen Funktionssystemen Politik, Verwaltung und Wirtschaft. Ergänzt durch spezifische Managementfunktions-zuschreibungen im Verbandsmanagement, Public Management und Neuer Steuerung, Ressourcen- und Stakeholdermanagement sowie einem Bündel weiterer operativer Managementaufgaben und Kompetenzprofile im Personalmanagement, Arbeitsrecht, Finanzierung, Rechnungswesen, Controlling und Wirkungscontrolling, Risikomanagement und Sozialmarketing. Als auch einem Grundlagenartikel zum Gemeinnützigkeitsrecht, den man eher im Abschnitt C „Sozialwirtschaftliche Organisation und ihre Gestaltung“ erwartet hätte.

Im Schwerpunkt E „Sozialwirtschaftliche Kooperationsstrukturen“ geht es dann noch einmal zurück auf die Organisationsprinzipien und intermediären Steuerungsschnittstellen von Makro- und Mesoebene mit dem Themengebieten Transformation der Subsidiarität, Kooperation sozialwirtschaftlicher Organisation, Sozialraum, Governance, Märkte der Sozialwirtschaft, Public Private Partnership, Sozialarbeitspolitik und Sozialarbeitslobbying, Netzwerken in der Sozialwirtschaft, Community Organizing, Gesundheitswirtschaft.

Im abschließenden Schwerpunkt F „Trends der Weiterentwicklung“ werden ungeachtet des fragwürdigen „Trendbegriffs“ die gegenwärtig wichtigen Entwicklungsthemen für die Sozialwirtschaft angesprochen. Beiträge zur Innovation in der Sozialwirtschaft, Professionalisierung, Investition, Wirkung, Social Return, Hybridisierung und Modernisierung und last but not least die Digitalisierung und Technisierung sozialer Dienstleistungen. Mit dessen Key- Kompetenzen sich die Sozialwirtschaft insgesamt kritisch-produktiv auseinandersetzen muss um eigene professionelle Kompetenzprofile zu entwickeln und meines Erachtens wichtiger noch um soziale und politische Kritikfähigkeit in Bezug auf einen neuen Gesellschaftsvertrag zu schärfen und mitgestalten zu können.

Diskussion und Fazit

Das Handbuch Sozialwirtschaft ist für sich betrachtet eine logische und gute Weiterentwicklung der von den Kollegen Maelicke und Arnold im Lehrbuch initiierten Kontur aus klassischem Management, sozialwirtschaftlicher Aufgabenstellungen, Funktionsbestimmungen der Betriebswirtschaftslehre und dem Lexikon der Sozialwirtschaft. Die Umstellung auf das Format des Handbuches passt besser zur theoriegeleiteten Entwicklung des Fachgebiets Sozialwirtschaft, vor allem hinsichtlich der Auswahl von relevanten Themen für die Wissenschaft und Praxis.

Grunwald und Langer haben viel produktive Energie in die wissenschaftliche Systematisierung und sozialwirtschaftliche Analyse der Organisationen auch in Verbindung mit der Neo-Institutionenlehre investiert. Leider wird diese Struktur nicht konsequent bis ans Ende des Werks durchgehalten. Ab dem Schwerpunkt D werden viele durchaus relevante Themen wie die Transformation der Subsidiarität, Kooperation sozialwirtschaftlicher Organisation, Sozialraum, Governance, Märkte der Sozialwirtschaft, Public Private Partnership, Sozialarbeitspolitik und Sozialarbeitslobbying, Netzwerken in der Sozialwirtschaft, Community Organizing, Gesundheitswirtschaft nur nebeneinandergestellt. Hier wäre eine Einführung in die jeweiligen Themenschwerpunkte hilfreich gewesen.

Fazit: Insgesamt betrachtet ist das Handbuch ein Meilenstein in der Entwicklung der Theorie der Sozialwirtschaft und des Managements sozialer Organisationen.


Rezensent
Prof. Dr. Volker Brinkmann
Diplom-Sozialwirt, Diplom-Sozialarbeiter/ Sozialpädagoge lehrt und forscht an der Diploma Hochschule, Fachbereich Soziale Arbeit (Sozialwirtschaft/Sozialmanagement, (https://www.diploma.de/forschungsstelle-soziale-arbeit); CM-Ausbilder (DGCC), Supervisor (DGSv), Wirtschaftsmediator. Redakteur bei socialnet für den Bereich International/Länderportraits
Homepage www.socialnet.de/ueber-socialnet/team/volker-brinkm ...
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Zitiervorschlag
Volker Brinkmann. Rezension vom 12.09.2018 zu: Klaus Grunwald, Andreas Langer: Sozialwirtschaft. Handbuch für Wissenschaft und Praxis. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. ISBN 978-3-8487-3599-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24105.php, Datum des Zugriffs 20.10.2018.


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