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Sabrina Zajak, Ines Gottschalk: Flüchtlingshilfe als neues Engagementfeld

Cover Sabrina Zajak, Ines Gottschalk: Flüchtlingshilfe als neues Engagementfeld. Chancen und Herausforderungen des Engagements für Geflüchtete. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. 260 Seiten. ISBN 978-3-8487-4449-7. 49,00 EUR.
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Thema

Im Zusammenhang mit dem bürgerschaftlichen Engagement sind diejenigen Freiwilligen, die sich für Flüchtlinge, und zwar auch schon weit vor dem Herbst 2015, einsetzten, wenig thematisiert worden. Seither hat die staunende Öffentlichkeit registriert, dass spontan und enthusiastisch, aber auch sachverständig und effizient, Tausende von Bundesbürgerinnen und -bürgern die „Willkommenskultur“ praktisch herstellten und gestalteten.

Ein neuartiges, großes Handlungsfeld ist zu vermessen, das die Sicht auf die Freiwilligen und ihr Selbstverständnis, ihr Verhältnis zu den Flüchtlingen wie auch zu den staatlichen Strukturen und politischen Optionen umfasst.

Herausgeberinnen, Autorinnen und Autoren

Der vorliegende Sammelband wird von der Juniorprofessorin Dr. Sabrina Zajak und der Wissenschaftlichen Mitarbeiterin Ines Gottschalk MA, herausgegeben, die an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Ruhr-Universität Bochum tätig sind und das dortige Lehrforschungsprojekt zum bürgerschaftlichen Engagement leiteten.

Die Beiträge stammen von Studierenden, die an diesem Projekt mitwirkten.

Entstehungshintergrund

Das Lehrforschungsprojekt zum bürgerschaftlichen Engagement in der Flüchtlingshilfe in Nordrhein-Westfalen wurde zwischen Frühjahr 2016 und Frühjahr 2017 durchgeführt und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.

Aufbau

Der Sammelband hat zwei Teile.

  1. Die ersten fünf Beiträge befassen sich mit mit den Aktivitäten, dem Selbstverständnis und den Motiven der in der Flüchtlingshilfe engagierten Personen, aber auch mit den Einstellungen des jeweiligen Umfeldes diesen gegenüber.
  2. Im zweiten Zeil sind sechs Beiträge zu finden, die die Handlungsfelder beschreiben, gerade auch die besonderen Handlungsoptionen des bürgerschaftlichen Engagements im Unterschied zur staatlichen Versorgung.

Inhalt

Fabian Beckmann/Fabian Hoose/Anna-Lena Schönauer referieren Umfragen, die belegen, dass die in der Flüchtlingshilfe Tätigen anerkannt und wertgeschätzt werden, wenn auch weniger als jene Personen, die sich in der Altenhilfe engagieren. Positive Bewertungen finden diese Aktivitäten mehr bei Muslimen, Frauen, Bildungsbürger/innen, politisch eher linksorientierte Personen als beim Durchschnitt. Die Aktiven selbst schätzen die Zugehörigkeit zur Gruppe der Engagierten, räumen ein Nachlassen der Anfangseuphorie und auch manche Frustration durchaus ein, die freilich manche durch die „Dankbarkeit der Geflüchteten“ ausgeglichen sehen. Mitunter rechneten Aktive mit Anfeindungen oder Bedrohungen durch Rechtsextreme, glücklicherweise blieben solche Erfahrungen aus.

Gerd Mutz/Lisa Wolff gehen noch intensiver auf die „Besonderheiten“ dieses Engagements, etwa auf die hohe Zahl von Muslimen, aber auch die Sportvereine ein, die sich hier beteiligen. Augenfällig ist auch der hohe Grad an Selbstorganisation, der andere Bereiche des bürgerschaftlichen Engagements weit übertrifft.

Judith Vey stellt eine Studie aus Brandenburg vor, zu der im März 2015 Bewohner von Gemeinschaftsunterkünften wie auch Unterstützerkreise interviewt wurden. Letztere werden in vielfältiger Weise aktiv bzw. aktiviert, insbesondere dort, wo es sich „eigentlich“ um „Regelversorgung“ handelt: Erklären von Formularen, Begleitung zu Behörden (sogar Erstanhörung!), Kinderbetreuung, Fahrdienste usf. Deutlich wird das Problem auch daran, dass die wenigsten Bundesländer so etwas wie „Mindeststandards zum Schutz von Kindern, Jugendlichen und Frauen in Flüchtlingsunterkünften“ erlassen haben (und kontrollieren). Erst recht dann, wenn Flüchtlinge von Abschiebung bedroht sind oder mögliche Wege zur Berufsausbildung blockiert werden, bleibt den Akteuren gar nichts anderes übrig, als ihr soziales Engagement auch als politische Teilhabe zu begreifen.Dies bestätigt Cornelia Bauer nach Befragung von 6 Experten. Anna-Lena Langer erläutert die Vernetzung der Akteure in Bochum.

Der zweite Teil beginnt mit der Kritik von Helena Emken/Johannes Engelhardt an der medizinischen Versorgung von Flüchtlingen, welche eine komplizierte Antragstellung und Bewilligung im Sozialamt voraussetzt und auf „akute Erkrankungen und Schmerzzustände“ beschränkt, also recht unbestimmt ist. Personen, die ohne Aufenthaltsgenehmigung oder Duldung im Lande sind, befürchten im Krankheitsfall Statusaufdeckung. Der Ausweg ist die ehrenamtliche Versorgung durch Ärzte und Ärzte bzw. stationäre Aufnahme in nicht-staatlichen Kliniken, wobei die Material- oder Aufenthaltskosten mit Privatspenden an den dazu gegründeten Verein oder – idealerweise – wie in München über einen kommunalen Notfallfonds finanziert werden.

Bei womöglich mehr als 40 % der Personen mit Fluchterfahrung, so berichten Stephan Daiber/Zakaria Rahmani, liegen posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) vor, die oft auch erst nach einigen Monaten manifest werden. Freiwillige verfügen selten über therapeutische Ausbildung, spielen jedoch für die Alltagsbewältigung und das Wohlbefinden (Vertrauensverhältnis) der Flüchtlinge eine große Rolle. Die Freiwilligen werden dabei durch Erzählungen, Fotos etc. mit Tod. Leid und Krieg konfrontiert; „sekundäre Traumatisierung“ droht, mit Symptomen, die denen der PTBS nicht unähnlich sind. Es ist die Kommunikation im freundschaftlichen Unterstützerkreis, die hier helfen kann. Tatsächlich sind unter den Akteuren, wie die Interviews zeigen, auch viele Paare, die voneinander lernen und sich unterstützen können, aber auch den privaten Bereich als Rückzugsraum achten und bewahren müssen.

Philipp Trautmann erinnert daran, dass die einzelne, ehrenamtliche Vormundschaft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge eine besondere Verantwortung bedeutet, aber, weil sie die Interessen des/der Jugendlichen auch gegenüber dem Jugendamt vertritt, transparenter ist als die übliche Amtsvormundschaft (für 30 oder 40 Jugendliche). Generell beklagten die vier ehrenamtlich Engagierten, die interviewt wurden, die Schwerfälligkeit der Behörden.

Anna-Katharina Döbrich/Philipp Pospieszny werfen einen Blick auf kulturelle Projekte im Ruhrgebiet, wobei die Grundlagen von Ziese/Gritschke (Rezension www.socialnet.de/php 21174 vom 11.10.2016) gelegt worden sind.

Katharina Knopf/Marie Steinhauer schildern die Situation von lesbischen, schwulen, bisexuellen, transsexuellen und intersexuellen Personen, die in ihren Herkunftsländern verfolgt und mit drakonischen Strafen, bis zur Todesstrafe, bedroht wurden. In Deutschland angekommen stehen sie vor der Frage, ob und wem sie ihre sexuelle Orientierung, selbst wenn sie der Hauptgrund ihrer Flucht war, offenbaren. Es ist zu befürchten, dass sie in Gemeinschaftsunterkünften von homophoben Mitbewohnern, etwa von Landsleuten, behelligt werden. Die Ehrenamtlichen empfehlen geschützte (auch virtuelle) Räume, Unterbringung n Privatwohnungen und die Teilnahme an Gruppen, die der Identitätsfindung hilfreich sein können.

Im Beitrag von Seher Kahraman/Berivan Songur geht es um das Engagement von Immigrantinnen und Immigranten, die – in einzelnen Interviews – für sich in Anspruch nehmen, sich in die Lage neu ankommender Personen gut einfühlen zu können, sie aber auch hilfreich zu begleiten (Übersetzungen!). Wie eine Befragung des BAMF ergab, wünschen sich 85 % der Frauen mit Fluchterfahrung mittelfristig einen Zugang zum Arbeitsmarkt und eigene Erwerbstätigkeit. Hier, wie zuvor auch schon bei den Sprachkursen, hängt die Realisierung vor allem davon ab, dass sie durch eine passende Kinderbetreuung unterstützt werden.

Diskussion

Die Beiträge in diesem Band beleuchten einzelne Aspekte der Flüchtlingshilfe auf der Basis von jeweils 5 bis 7 Interviews, sei es mit Freiwilligen, sei es auch mit Hauptamtlichen und Multiplikatoren, mitunter auch mit den Flüchtlingen selbst. In der Folge sind einige Beiträge eher einseitig und weniger ergiebig (etwa die zur kulturellen Bildung). Die meisten aber bringen Gesichtspunkte und Überlegungen ein, die im politisch aufgeladenen Diskurs vernachlässigt werden. Die Unterteilung in den beschreibenden 1. Teil und den praxisorientierten 2. Teil ist so sinnig nicht, zumal sich einige Themen (z.B. das Engagement von Muslimen) wiederholen.

Das „neue Engagementfeld“ wird jedenfalls sehr umsichtig erfasst und differenziert betrachtet. Die Lebenslage „Flucht“ hat soviel Dynamik und Vielfalt, die hier nur angedeutet werden konnte. Alle Fragen von Bildung und Ausbildung etwa sind praktisch ausgeklammert worden.

Die Beschränkung auf die Freiwilligen hat sich als sehr nützlich erwiesen.

Fazit

Mit diesem Bericht aus dem Bochumer Lehrforschungsprojekt liegen gut lesbare, anschauliche und empirisch fundierte Materialien, Überlegungen und Anregungen zur Freiwilligenarbeit vor, die auch die Hauptamtlichen und Profis der Sozialen Arbeit zur Kenntnis nehmen sollten.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 21.03.2018 zu: Sabrina Zajak, Ines Gottschalk: Flüchtlingshilfe als neues Engagementfeld. Chancen und Herausforderungen des Engagements für Geflüchtete. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. ISBN 978-3-8487-4449-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24106.php, Datum des Zugriffs 18.07.2018.


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