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Wolfram Eilenberger: Zeit der Zauberer (Philosophie 1919 - 1929)

Cover Wolfram Eilenberger: Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919 - 1929. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2018. 431 Seiten. ISBN 978-3-608-94763-2. D: 25,00 EUR, A: 25,80 EUR.
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Thema

„Denk ich an die Wissenschaft, werd' ich um den Schlaf gebracht“. Mit dieser (chuzpig) an die bekannten Heineschen Nachtgedanken angelehnte Klage geht es nicht um eine wohlfeile, durchaus berechtigte Kritik am allgemeinen Wissenschaftsbetrieb und das verwaltete Wissen, das Wissen schafft (vgl. dazu z.B.: Tilly Miller / Margit Ostertag, Hrsg., Hochschulbildung. Wiederaneignung eines existenziell bedeutsamen Begriffs, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/21859.php), sondern um die geisteswissenschaftliche Auseinandersetzung darüber, ob und ggf. was Philosophinnen und Philosophen heute zu sagen haben (vgl. dazu auch: Jos Schnurer, Wer philosophiert – lebt!, www.socialnet.de/materialien/174.php, 28. 1. 2014 ). Den Vorwurf, dass sich die deutschsprachige, akademische Philosophie in einem desolaten Zustand befände und durch „wattiertes Denken“ auffalle, wird lautstark vom Philosophen Wolfram Eilenberger erhoben. Er, der als „Zeit“-Kolumnist, als Moderator des Formats „Sternstunden der Philosophie“ im Schweizer Fernsehen, als Mitglied der Programmleitung der öffentlichkeits- und publikumswirksamen Veranstaltung „phil.cologne“ bekannt geworden ist und sich als praktischer Philosoph und Autor zu Wort meldet, gibt zu bedenken: „Wer glaubt, dass es beim Denken um anschlussfähige Thesen anstatt wahre Einsichten, um diskursiven Austausch anstatt um Kontrast geht, wird es sehr viel leichter haben, sich als Denkpersonna innerhalb der öffentlichen Förderungslogik einzurichten“ (in: DIE ZEIT, Nr. 10 vom 28.2.2018).

Es ist der Blick zurück, und gleichzeitig die Perspektive vorwärts, in dem der Autor in einem Epos auf die Zwanziger Jahre des vergangenen (deutschen) Jahrhunderts schaut. In den Jahren zwischen 1919 und 1929 waren Philosophen am Werk, deren Denken und Wirkungen die Zeitläufte charakterisierten, die Zeitphänomene in der Schwellensituation zwischen den Kriegen, zwischen Depression und Aufbruch aufdeckten und Perspektiven für ein humanes Leben der Menschen entwickelten. Er wählt vier „Zauberer“ jener Zeit aus, die für ihre Zeit Denkrichtungen bereiteten, und deren philosophisches Wirken auch für die heutige Zeit bedeutsam ist. Auf die Frage, warum er dabei vier und nicht zehn oder drei … Philosophen vorstellt, beantwortet er so: „Auf einer Liste der prägenden Philosophen des 20. Jahrhunderts mit zehn Namen würden diese vier immer stehen. Sie gehörten zu den einflussreichsten Denkern nicht nur der Philosophie, sondern der gesamten Geistes- und Kulturlandschaft“ (in: buchjournal eins.2018, S. 50). Er erinnert, dass Heidegger als Vater des Existentialismus und prägend für die französische Philosophie war, Wittgenstein als die Urfigur der analytischen Philosophie gilt, Benjamin als Begründer der Kritischen Philosophie und der „Frankfurter Schule“ bezeichnet werden kann, und ohne Cassirers Denken die heutige Kulturwissenschaft nicht denkbar wäre.

Damit sind die vier „Zauberer“ genannt, die Eilenberger symptomatisch und auch exemplarisch für das „große Jahrzehnt der Philosophie“ auswählt. Es sind Teile von deren Biographien, in besonderem Maße aber Analysen über ihr Wirken, ihre Einflüsse, Erfolge und Misserfolge ihres philosophischen Schaffens: Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951), Walter Benjamin (1892 – 1940), Martin Heidegger (1889 – 1976), Ernst Cassirer (1874 – 1945).

Aufbau und Inhalt

Eilenberger gliedert seine Erzählung darüber, wie es gelingen kann, ein Leben philosophisch zu führen und gleichzeitig lokal- und globalgesellschaftliche Botschaften und Einflüsse wirksam werden zu lassen, in acht Kapitel.

  1. Im ersten, dem „Prolog“ skizziert er gewissermaßen in Splittern, Denk- und Erinnerungsstücken Passagen aus Wittgensteins, Heideggers und Cassirers geisteswissenschaftlichen Theoriebildungen und Benjamins Erkenntnismethoden.
  2. Im zweiten Kapitel werden mit der Metapher „Sprünge“ persönliche und existentielle Situationen unserer „Zauberer“ charakterisiert: „Doktor Benjamin flüchtet vor seinem Vater, Leutnant Wittgenstein begeht finanziellen Selbstmord, Privatdozent Heidegger fällt vom Glauben ab, und Monsieur Cassirer arbeitet in der Elektrischen an seiner Erleuchtung“.
  3. Im dritten Kapitel werden mit „Sprachen“ die Symbolhaftigkeiten des menschlichen, existentiellen Daseins der Menschen, und zwar zeitstrukturiert für die Jahre 1919 – 1920, thematisiert: „Wittgenstein zeigt sich im Sturm, Heidegger erfährt die volle Wahrheit, Cassirer sucht seine Form und Benjamin übersetzt Gott“.
  4. Das vierte Kapitel widmet sich der „Bildung“, wie sie sich für die Philosophen in den Jahren 1922 – 1923 zeigte: „Heidegger ist kampfbereit, Cassirer außer sich, Benjamin tanzt mit Goethe und Wittgenstein sucht einen Menschen“.
  5. Das fünfte Kapitel wird mit „Du“ getitelt und analysiert die Jahre von 1923 bis 1925: „Wittgenstein flucht, Cassirer heilt, Heidegger wird dämonisch und Benjamin porös“.
  6. Mit „Freiheit“ wird das sechste Kapitel umschrieben, wie sie sich in den Jahren 1925 bis 1927 darstellte: „Benjamin trauert, Heidegger zeugt, Cassirer wird zum Stern und Wittgenstein zum Kind“.
  7. Im siebten Kapitel werden „Passagen“ diskutiert, wie sie sich in den Jahren von 1926 – 1928 entwickelten: „Wittgenstein baut vor, Benjamisn bricht durch, Cassirer wird gelockt und Heidegger kehrt heim“.
  8. Schließlich geht es im achten Kapitel um die „Zeit“, wie sie sich symbolisch und existentiell im Jahr 1929 für die Philosophen präsentierte: „Heidegger und Cassirer auf dem Gipfel, Benjamin schaut in den Abgrund und Wittgenstein entdeckt neue Wege“.

Es sind Gipfelerlebnisse, Fragen nach dem „aufrechten Gang“, und die immer wieder in der akademischen und alltäglichen Philosophie relevanten und herausfordernden Fragen „Was ist der Mensch?“, die von unseren Philosophen individuell und in ihren jeweiligen Lebenszusammenhängen positiv, kritisch und kontrovers diskutiert werden; etwa wenn Wittgenstein in seinem „Tractatus“ feststellt: „Zweifel kann nur bestehen, wo eine Frage besteht; und eine Frage nur, wo eine Antwort besteht, und diese nur, wo etwas gesagt (kursiv, JS) werden kann“. Die Frage „Was tun?“, in den Zeiten der Aggression, Regression und Ideologie, wird z.B. von Benjamin mit seiner These vom Selbstbezug der Dinge beantwortet: „Alles; was ist, steht nicht nur in einer dynamischen Beziehung zu anderen Dingen, sondern auch zu sich selbst“ … Oder wenn Cassirer, durchaus entgegen des angesagten Mainstreams, feststellt: „Was ein Ding ist, wer ein Mensch ist, zeigt sich in der Gesamtheit seiner Handlungen und Wirkungen anderen Dingen und Menschen gegenüber“. Oder wenn Wittgenstein bei seinem verzweifelten Bemühen bei der Suche nach der Wahrheit, seinen Visionen und Missverständnissen zur Einsicht gelangt: wenn „man sich wieder zurück sucht in die Umwelt – dann weiß ich, dass ich ganz u. absolut bei mir selbst u. vor allem bei der objektiven Welt der Probleme u. des Geistes war – hier ist keine Fremdheit – hier geht nichts außen vorbei – sondern man geht selbst mit u. bringt zum Gehen – im schöpferischen Leben ist alle Fremdheit verschwunden – umso zerreißender u. selbstwühlender ist dann jenes Am-anderen-Ufer stehen in der natürlichen Umwelt“.

Es sind immer wieder die Rückgriffe und das Besinnen auf die antiken Philosophen und späteren, auch zeitgenössischen Denker wie z.B. Spinoza, Descartes, Mill, Hume, Kierkegaard, Nietzsche, Schopenhauer u.a., die entweder von den „Zauberern“ herangezogen wurden, oder an deren Denken sie sich abarbeiteten: etwa wenn Cassirer bei der philosophischen Aufarbeitung der Weltkriegskatastrophe 1919 zur Einsicht gelangte: „Wir kennen dies ‚Leben‘ nur in seinen ‚Äußerungen‘: aber eben dies ist die Quintessenz unserer ganzen vorangehenden Betrachtung, dass die ‚Äußerung‘ nichts Zufälliges, Unwesentliches, ‚Äußerliches‘ ist, sondern dass sie die notwendige, die wahre und die einzige Offenbarung des ‚Innen‘ und des Wesens selbst ist“. Der Ruf nach dem Bewusstsein der „Vielheit“ der Menschheit korrespondiert mit der globalen Herausforderung zur „kreativen Vielfalt“, wie sie von der Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ 1995 als dringender Appell zum individuellen und globalen Perspektivenwechsel herausgestellt wurde: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ (Deutsche UNESCO-Kommission, Unsere kreative Vielfalt, 2., erweit. Ausgabe, Bonn 1997, S. 18):

Es sind die individuellen, egozentrischen wie gleichzeitig interdisziplinären und kosmischen Fragen, die von den Philosophen in je unterschiedlicher Weise beantwortet werden. Als gemeinsame Denkstruktur identifiziert Eilenberger deren Bemühen, durch Selbstgestaltung und Selbsterforschung zur Ich- und Welterschließung zu kommen. Die in ihrer Zeit wirkenden Besinnungen und Nachforschungen zur „Dialektik der Aufklärung“ und der „Moderne“ zeigt sich insbesondere in Cassirers Erkenntnis der Wandlungs- und Veränderungsprozesse: „An die Stelle der eisern mythischen Notwendigkeit tritt die der Kausalgesetze, an die Stelle der launisch-souveränen Gestirne beziehungsweise des gütigen Gottes tritt der zum reinen Bewusstseinswesen verklärte ‚autonome‘ Mensch“; oder wenn Wittgenstein in den mitzwanziger Jahren in das österreichische Schulcurriculum eingreift, indem er seine „Liste der Vernunft“ vorlegt und dabei insbesondere das „Prinzip Verantwortung“ hervorhebt.

Es ist die Nachschau danach, ob und in welcher Weise unsere überwiegend individuell und, etwa wie Wittgenstein sogar egozentrisch wirkenden Philosophen sich bemühten, An- und Einschluss an sich in ihrer Zeit entwickelnden und bildenden, philosophischen Gruppierungen und Zusammenschlüssen zu finden, wie etwa Wittgenstein zum „Wiener Kreis“, der sich in den Endzwanziger Jahren an der dortigen Universität bildete. Die anfangs ablehnende und zögerliche Einstellung Wittgensteins zur akademischen Runde führt schließlich zu seiner Beteiligung am philosophischen Diskurs; jedoch nicht im Sinne eines partnerschaftlichen, sondern eines Meister-Schüler-Verhältnisses: Wittgenstein bestimmt die Diskussionsthemen und zieht gleichzeitig Verbindungs- und Trennungslinien zu den anderen philosophischen Strömungen und Denkrichtungen, wie z.B. den Auseinandersetzungen mit Heideggers Aporien zu „Sein und Angst“, „Trieb und Sprache“, „Ein- und Ausgrenzungen“.

Es sind die unterschiedlichen Ortsbestimmungen, -begehungen und Behausungen, die das Dasein der „Zauberer“ bestimmten. Während zeitweise Wittgenstein das Kloster als einen Ort der Selbst- und Weltfindung empfand, war für Benjamin die Moskauer kommunistische Partei, deren Zielsetzung er zwar sympathisch fand, den Versprechungen er aber nicht traute. Nicht im Festlegen, sondern im Weiterreisen, etwa von Moskau nach Paris und weiter nach Jerusalem, sah Benjamin seine Lebenslösung. Ernst Cassirers Selbstbewusstsein dagegen klingt wie eine feste Burg, wenn er am 30. Oktober 1927 von London aus seiner Frau schreibt: „Ich kann alles, was ich brauche, ohne jede Schwierigkeit ausdrücken“. So zeigt sich der Philosoph als „Denker des Möglichen, nicht den Unmöglichen“. „Das Eintreten für eine republikanische Verfassung“, für die Cassirer in Frankfurt warb und bei seiner Rede zum zehnjährigen Bestehen der Weimarer Verfassung darauf verweist, „dass die Idee der republikanischen Verfassung als solche im Ganzen der deutschen Geistesgeschichte keinesfalls ein Fremdling, geschweige dann äußerer Eindringling ist, dass sie vielmehr auf deren eigenem Boden erwachsen und durch ihre ureigensten Kräfte, durch die Kräfte der idealistischen Philosophie, genährt worden ist“.

Heidegger ist am Ziel, als am 19. Oktober 1927 vom Berliner Ministerium der erhoffte Brief eintrifft. Er wird Ordinarius und fest bestallter Lehrstuhlinhaber an der Universität in Marburg. Sein Werk „Sein und Zeit“ war ihm Eintrittskarte und Ausweis seiner künftigen Tätigkeit. Sein Bestreben, den begehrten Lehrstuhl an der Universität Freiburg und damit die Nachfolge des Phänomenologen Edmund Husserls antreten zu können, erfüllt sich ein knappes Jahr später. Als „Zeit des Dämons“ benennt Eilenberger das weitere Schaffen Heideggers. „Eros“ mutiert sein Denken und Tun. Der damals 35jährige Philosoph beginnt eine Liebesbeziehung zu seiner 17jährigen Studentin Hannah Arendt, die neben weiten amourösen Abenteuern sein „Ausbrechen aus dem Gestell der bürgerlichen Ehe“ kann er zeitlebens verbergen; erst die Biographien nach seinem Tod bringen diesen „Dämon“ in ihm aufs Tablett. Der Hannöversche Psychoanalytiker Hans-Peter Waldhoff stellt in einer psychoanalytischen und erkenntniskritischen Untersuchung den Seins- und Eros-Zusammenhang her (Hans-Peter Waldhoff, Im Spannungsfeld von Eros und Thanatos. Eine psychoanalytische und erkenntniskritische Untersuchung, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/23350.php). In der so genannten „Davoser Disputation“ vom 26. März 1929 streiten Cassirer und Heidegger über die Folgen der heraufziehen politischen und gesellschaftlichen, völkisch und nationalsozialistisch dominierten, antidemokratischen, politischen Entwicklungen und ihre Auswirkungen auf das philosophische Denken. Es sind Fragen nach Freiheit, Transzendenz, Endlichkeit, Wahrheit, Zeit, Befreiung, Angst … These und Gegenthese drücken sich aus in der Cassirerschen Auffassung: „Werft die Angst als schöpferische Kulturwesen von euch, befreit euch in geteiltem Zeichenaustausch von ihren ursprünglichen Engen und Begrenzungen!“. Heidegger hingegen: „Werft die Kultur als faulen Aspekt eures Wesens von euch“.

Die falsch interpretierte Nachgiebigkeit Cassirers und die fausterhobene, aggressive Argumentation Heideggers haben jedoch keine weiteren öffentlichen Auswirkungen; jeder der beiden hat sich offensichtlich im jeweiligen Denklager eingerichtet. Walter Benjamins prekäre, existenzgefährdende Einkommenssituation verbessert sich zusehends. Er wird als kompetenter, fähiger Rezensent geschätzt, und er erfährt öffentliche Aufmerksamkeit. Im Surrealismus Proustscher Stimulanz sucht er 1929 nach Gehör. Er findet es im Radio, in den Verlagen. Er steht „als Denker wie Publizist auf dem Höhepunkt seines Schaffens“. In den auch von Arbeitslosen besuchten Vorträgen mischen sich Ende 1929 bisher ungewohnte Töne: Jazz und Comedian Harmonists, aber auch verbale und gewaltsame Störungen durch die SA und SS.

Wittgenstein ist schon von weitem auszumachen, in seinen kurzen Flanellhosen, schweren Bauernschuhen und Wanderrucksack, als er in Nottingham in dem Hotel eincheckt, in dem das Jahrestreffen der „Aristotelian Society“ stattfindet und wo er zum Thema „Einige Anmerkungen zur logischen Form“ sprechen wird. Seine Enttäuschung über die fehlenden Reaktionen der Zuhörer fasst er so zusammen: „Meine Sorge ist, dass was auch immer man sagen wird, es in deren Köpfen entweder auf Unverständnis stoßen oder dort noch mehr irrelevante Verwirrung erzeugen wird“: Im übrigen eine Sorge, die uns auch heute umtreibt, wenn wir fragen: „Wie kann es gelingen, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie lernen und aufgeklärt sein wollen!“ ( vgl. dazu auch: www.sozial.de/). Es ist wiederum ein gemeinsames Motto der unterschiedlichen und unterscheidbaren Philosophen zu erkennen: „Zeigen, nicht sagen!“. Es ist die Einsicht, „dass es für den Menschen nur ein wirklich primäres Zeichensystem gibt – nämlich die natürliche Sprache des Alltags… (nämlich) die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache“.

Fazit

Es sind die Postulate, Formate, Denk- und Handlungsprozesse, aber auch die Irrungen und Wirrungen, die als Fundsachen, Erinnerungsstücke und Merkmale des philosophischen Schaffens von Benjamin, Cassirer, Heidegger und Wittgenstein übrig bleiben. Im Schlussteil seines Epos skizziert Wolfram Eilenberger das „Endliche“, das als das Bleibende und das Relative im Erinnerungsdiskurs über die „Zauberer“ der Zwanziger Jahre aufbewahrt werden sollte: Heideggers metaphysisches Denken über das Nichts, aber auch sein Bekenntnis als NSDAP-Mitglied, als er 1933 als Rektor der Freiburger Universität ausruft:; „Nicht Leitsätze und ‚Ideen‘ seien die Regel Eures Seins. Der Führer selbst und er allein ist die heutige und künftige deutsche Wirklichkeit und ihr Gesetz“. Ernst Cassirers Antrittsrede am 6. Juli 1929 als Rektor der Universität Hamburg, in der er mit dem Titel „Formen und Formwandlungen des philosophischen Wahrheitsbegriffs“ über sein denkerisches Schaffen spricht, und aufgrund des von den Nationalsozialisten erlassenen „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ aus dem Dienst entfernt wurde und Exil in der Schweiz und in den USA fand. Walter Benjamins prekäre Lebenssituation, sein Auf und Ab seines Daseins und seines fruchtbaren philosophischen Schaffens, schließlich 1940 seine Flucht vor der drohenden Deportation durch die Nazis und als Reaktion seine Selbsttötung, ein handgeschriebenes Manuskript hinterlassend mit dem Titel: „Über den Begriff der Geschichte“. Schließlich Ludwig Wittgensteins Flucht 1929 vor dem drohenden „Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich“ durch die Nationalsozialisten, seine Lehrtätigkeit in Cambridge und sein unermüdliches Eintreten – wofür? – für Philosophie!

Die 304 Anmerkungen und Hinweise auf Quellenmaterialien, das Personenverzeichnis, das Werkregister der vier Philosophen und die Auswahlbibliographie bieten den Leserinnen und Lesern vielfältige und weiterführende Literatur an. Es ist keine Lobhudelei, noch eine Philippika, sondern eine objektive Erzählung über Philosophen, die in den Zeiten des Umschwungs, der Unsicherheit, der Desorientierung Verführbarkeit antraten, Denken und Leben miteinander zu verbinden; jeder auf seine Weise und mit seinen Mitteln; aber gemeinsam mit dem Bewusstsein, dass nur humanes Denken zum humanen Sein führt. Diese Botschaft gilt auch heute, nämlich zu versuchen, sich in seiner Zeit zu orientieren, als anthrôpos, dem mit Vernunft ausgestatteten, zur Bildung von Allgemeinurteilen befähigten, zwischen Gut und Böse unterscheidungsfähigen und in friedlicher und gerechter, gleichberechtigter Gemeinschaft lebenden Menschheit!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 13.03.2018 zu: Wolfram Eilenberger: Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919 - 1929. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2018. ISBN 978-3-608-94763-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24111.php, Datum des Zugriffs 22.09.2018.


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