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Philippe Sands: Rückkehr nach Lemberg

Cover Philippe Sands: Rückkehr nach Lemberg. Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2018. 2. Auflage. 592 Seiten. ISBN 978-3-10-397302-0. D: 26,00 EUR, A: 26,80 EUR.
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Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist die von Reinhild Böhnke, für ihre Übersetzertätigkeit mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, besorgte Übersetzung des englischsprachigen und 2016 zeitgleich bei Weidenfeld & Nicolson, London und Alfred Knopf, New York erschienenen Originals „East West Street. On the Origins of ‚GENOCIDE‘ and ‚CRIMES AGAINST HYMANITY‘“. Das Buch, für das der Autor sechs Jahre lang, auf unterschiedlichen Gebieten und in vielfältiger Weise geforscht hatte, erhielt umgehend Erfolg. Es wurde ein Bestseller und bekam literarische Auszeichnungen.

Das vorliegende Buch ist nicht das einzige dem interessierten Publikum übergebene Produkt von Philippe Sands' Recherchen. Im Jahre 2015 erschien der von ihm initiierte Film „What Our Fathers Did: A Nazi Legacy“ (Regisseur: der US-Amerikaner David Evans; online verfügbar unter www.youtube.com/watch?v=5LVZOgmvPCk) mit Niklas Frank und Horst von Wächter, den Söhnen von Hans Frank, seit Oktober 1939 erster Mann im Generalgouvernement, bzw. von Otto (von) Wächter, seit Januar 1942 Gouverneur des 1941 nachträglich angegliederte Distrikts Galizien. Im Jahr 2016 erschien bei Pushkin Press, London ein kleines Buch mit dem Titel „City of Lions“; gemeint ist Lemberg. Das Buch enthält zwei Essays. Der zweite, „My Lviv“, stammt vom Autor, sein Material ist in das vorliegende Buch eingeflossen. Der erste, „My Lwów“, ist 70 Jahre älter, geschrieben hat ihn im glücklich erreichten New Yorker Exil Józef Wittlin, geboren 1896 rund 70 Kilometer nördlich von Lemberg.

Über die Entstehungsgeschichte von „East West Street“ hat Philippe Sands kurz nach Erscheinen des Buches in der Irish Times näher informiert (Sands, 2016). „Im Frühjahr 2010 erhielt ich eine unerwartete Einladung aus einer westukrainischen Stadt. Die Juristische Fakultät der Universität Lviv (auch bekannt als Lwów and Lemberg) fragte an, ob ich eine Gastvorlesung halten könne über meine Arbeit zu ‚Verbrechen gegen die Menschlichkeit‘ und ‚Genozid‘, einschließlich Fällen, an denen ich mitgewirkt hatte, meiner akademischen Studien zu den Nürnberger Prozessen und der langfristigen Bedeutung der dort gefällten Urteile.“ Lemberg war für Philippe Sands damals die Chiffre für das, was Familientherapeut(inn)en „Familiengeheimnisse“ nennen. Er nahm die Einladung und zugleich die Herausforderung an: „Die Einladung nach Lviv zog einen Sommer der Nachforschung nach sich. Zum ersten Mal stieß ich Türen auf, damit Licht auf meine Familiengeschichte falle.“

Dabei blieb es nicht, und es entstand ein Buch, das nicht einfach unter „Familienrekonstruktion“ einzuordnen ist. „Was mit einer Vorlesung begann, wandelte sich in eine doppelte Detektivgeschichte (East West Street) über die ineinander verwobenen Leben dreier Juristen und der Aufdeckung der Geschichte meines Großvaters.“ Des Großvaters mütterlicherseits muss man präzisieren: Leon Buchholz. Die drei Juristen sind: Hersch Lauterpacht, Raphael Lemkin und Hans Frank.

Ich halte die Einladung von Zeitpunkt, Ort und Thema her nicht für zufällig. Das Gebiet mit und um Lemberg bzw. Lwów – das spiegelt die zeitliche Ordnung wider – war seit dem Ausbruch des 1. Weltkriegs immer wieder Ort von Verbrechen gegen die Menschlichkeit und unter den Nazis dann auch einer des Genozids am jüdischen Volk. Das wussten die Einladenden, und sie hatten sicher auch genügend Vorstellungskraft dafür, dass die Westorientierung der 1991 selbstständig gewordenen Ukraine Reaktionen Russlands hervorrufen würde. Die genannte Westorientierung hatte 2010 bereits erste Gestalt angenommen: seit der NATO-Ukraine-Charta von 1997 und dem Beginn von Kooperationsgesprächen zwischen der Ukraine und der EU 1998. Nirgendwo sonst in der Ukraine hatte und hat der Wunsch nach Anbindung an den Westen mehr Befürworter(innen) als in Lwiw und dem Gebiet der Ukraine, das bis 1918/19 östlicher Teil Galiziens war. Was die Reaktionen Russlands sein würden, wissen wir seit 2014: Annexion der Krim, Entfesselung des Bürgerkriegs in der Ostukraine; Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind dort an der Tagesordnung.

Autor

Ob meine Überlegungen nun zutreffend sind oder nicht, jedenfalls wurde mit dem britischen Juristen Philippe Sands, Jg. 1960 der richtige Mann zum gestellten Thema eingeladen. Er ist über den renommierten Völkerrechtler Elihu Lauterpacht, seinen „Lehrer und Mentor“ (S. 509) in der Enkelgeneration Erbe von Elihus Vater Hersch. Das ist der Mann, von dem wir im vorliegenden Buch erfahren, wie er es geschafft hat, „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ zu einer kodifizierten Strafnorm des Völkerrechts zu machen. In der ZEIT-Rezension des englischen Originals (Thadden, 2016) ist in der Headline zu lesen: „Der englische Jurist Philippe Sands hat für das Buch ‚East West Street‘ seine jüdische Familiengeschichte rekonstruiert. Dabei stieß er auf die Ursprünge des Kampfs gegen die Menschheitsverbrechen.“ Der zweite Satz ist blanker Unsinn. Über „die Ursprünge des Kampfs gegen die Menschheitsverbrechen“ wusste schon vor 2010 wenige besser Bescheid als Phillippe Sands.

Der ist seit 2002 Professor für Internationales Recht und Director des Centre on International Courts and Tribunals am University College London und Mitglied in der Anwaltsgruppe Matrix Chambers im Gray's Inn. An öffentlicher Ehrung mangelt es ihm nicht: 2003 wurde er Queen's Counsel und 2009 ernannte man ihn zum Bencher am Middle Temple. Jenseits juristischer Fachkreise wurde er bekannt

  • als er 2011 die Republik Mazedonien im Streit mit Griechenland um den Namen „Mazedonien“ vertrat,
  • indem er den US-Präsidenten George W. Bush und den britischen Premier Tony Blair der Konspiration und der Verletzung internationalen Rechts im 2. Irakkrieg beschuldigte und
  • durch sein Buch „Torture Team: Rumsfeld's Memo and the Betrayal of American Values“ (Basingstoke: Palgrave MacMillan, 2008), in dem er aufzeigte, dass US-amerikanische Politiker(innen) die Folter bei inhaftierten Terroristen einsetzen ließen.

Das „Torture Team“-Buch ist eines seiner Werke, das neben der juristischen eine zweite Seite Phillippe Sands’ zeigt: seine schriftstellerische. Beide Seiten seines Könnens kommen im vorliegenden Werk zum Tragen.

Thema

Was beim Vergleich des englischen Originals mit der deutschen Übersetzung als Erstes auffällt, ist der veränderte Haupttitel. Der englische, „East West Street“, hat zumindest drei Konnotationen. Als Erstes hat man da zu denken an eine bestimmte Straße in einer Stadt, die heute im Westen der Ukraine nahe der Grenze zu Polen liegt und den Namen Zhovkva trägt, vor Ende des 2. Weltkriegs aber, ob nun zu Polen oder dem österreichischen Galizien gehörend, Żółkiew hieß. Über einen Besuch in dieser Stadt 2010 (oder auch später) berichtet uns der Autor dieses:

„Von ihrem [der Stadthistorikerin] Büro in der alten Burg von Zółkiew gingen wir auf der Ost-West-Straße [früher ‚Lembergerstraße‘] immer gerade aus in die Richtung, die uns zu einer Waldlichtung bringen würde. Wir brachen von einem Grasflecken am westlichen Ende der langen Straße auf, wo einst das Haus meiner Urgroßmutter Malke [Amalia Buchholz, geb. Flaschner] gestanden hatte, gingen vorbei an den schönen katholischen und ukrainischen Kirchen und der zerstörten, die Seele anrührenden Synagoge aus dem 17. Jahrhundert, weiter zum Haus mit den Dielenbrettern, unter denen Clara Kramer sich versteckt hatte, genau gegenüber der alten Holzkirche, vorbei an der Kreuzung, an der Hersch Lauterbachs Geburtshaus [Eltern: Aron und Deborah, geb. Turkenkopf] gestanden hatte, wie ich jetzt weiß.“ (S. 504)

Hier klingen gleich drei Themen an, die sich im vorliegenden Buch immer wieder wieder finden; dargestellt in Erzählsträngen, deren innere Verwobenheit umso deutlicher wird, je länger man liest. Da folgt man einmal dem Autor auf der Suche nach seinen Vorfahren mütterlicherseits, die aus Galizien stammen. Dessen Hauptstadt war Lemberg, wo der 1897 geborene Hersch Lauterbach Abitur machte und für geraume Zeit (auch) Jura studierte. Wegen zunehmendem Antisemitismus im nunmehr polnischen Lwów verließ er die Stadt und setzte sein Studium in Wien fort. Ein anderer Jude aber, der Sohn von Josef und Bella, geb. Pomerantz, auf die Welt gekommen 1900 in der zum Zarenreich gehörenden Gouvernement Wilna, das nach dem 1. Weltkrieg polnisch und er damit polnischer Staatsbürger wurde: Raphael Lemkin. Er studierte ab 1921 an der Universität der damals polnischen Stadt Lwów und erwarb nach Studien bei Professoren, die auch Hersch Lauterbach gehört hatte, 1926 den juristischen Doktorgrad. Schon vor seinem Studium, aber auch während dessen beschäftigte er sich mit dem, was wir heute – seiner Terminologie folgend – den Genozid an den Armeniern (1915-1917) nennen. Dies wäre schwerlich sein Lebensthema geworden, hätte Hitler-Deutschlands nicht mit dem Angriff auf Polen den 2. Weltkrieg eingeläutet.

Die Geschichte dieser beiden Männer, der von ihnen entworfenen juristischen Konzepte „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ (Hersch Lauterbach) bzw. „Genozid“ (Raphael Lemkin), der Wettstreit der beiden und das juristische und politische Ringen um ihre Konzepte im Vorfeld der Nürnberger Prozesse ist ein zweites Buchthema; es nimmt den größten Raum ein. Ein drittes ist die nach Ende des 1. Weltkriegs beginnende Bedrängung und Verfolgung der galizischen Jüdinnen und Juden, die unter der Naziherrschaft in weitgehende Vernichtung mündete. Dafür steht im obigen Zitat Clara Kramer, mit der der Autor noch sprechen konnte und über deren Schicksal wir ausführlich informiert werden in „Eine Handbreit Hoffnung“ (Kramer, 2009).

Kommen wir zur zweiten Konnotation von „East West Street“. Eine Ost-West-Straße gab es nicht nur in Zółkiew, sondern in vielem (Klein-)Städten Galiziens:

„Die kleine Stadt liegt mitten im Flachland … Sie fängt mit kleinen Hütten an und hört mit ihnen auf. Die Häuser lösen die Hütten ab. Da beginnen die Straßen. Eine läuft von Süden nach Norden, die andere von Osten nach Westen.“

Die Zeilen, im vorliegenden Buch auf S. 7 noch vor Textbeginn zu finden, stammen von Joseph Roth („Juden auf der Wanderschaft“, 1927), geboren 1894 in Galiziens zweitgrößter Stadt Brody; ihn verband eine tiefe Freundschaft mit dem o.g. Józef Wittlin. Das Buch will, so meine Deutung der Rothschen Zeilen und ihrer Positionierung als Motto, vom Autor (auch) verstanden wissen als Hommage an die vergangene Kulturlandschaft Galizien, die er, und damit ist er nicht allein, vor dem Vergessen retten will.

Eine dritte Konnotation von „East West Street“ betrifft die selten von Karrierewünschen bewegte, meist aber durch harte Lebensbedingungen, Antisemitismus und Nazismus erzwungene „Wanderschaft“ der Jüdinnen und Juden Galiziens. In einigen Fällen führte sie – wir reden hier von der Zeit vor der Staatsgründung Israels – letztendlich nach Osten, nach Palästina. So etwa im Falle 1915 in Lemberg geborenen Gideon Hausner. Dessen Vater war in Lemberg Lehrer und Oberrabbiner und später Sekretär Theodor Herzls. 1927 wanderte die Familie nach Palästina aus. Im Israel des Jahres 1961 war Gideon Hausner Chefankläger und Generalstaatsanwalt im Prozess gegen Adolf Eichmann.

Meist aber ging der Weg nach Westen; so auch für Hersch Lauterbach und Raphael Lemkin. Der erste wechselte 1923 kurz nach seiner Heirat mit Rachel geb. Steinberg,Karrierewünschen folgend, vom keineswegs judenfeindlichen „Roten Wien“ nach London, der zweite flieht vor den Nazi-Deutschen 1940 nach Schweden, von wo aus er in die USA ging, weil er eine Einladung erhalten hatte, an der Duke University in Durham, North Carolina internationales Recht zu unterrichten. „Ging“ ist ein höchst euphemistischer Ausdruck. Die Wahrheit ist: Weil Nazi-Deutschland den direkten Weg nach Westen versperrte, flog Raphael Lemkin von Stockholm nach Moskau, nahm dort die Transsibirische Eisenbahn quer durch Osteuropa und ganz Asien bis nach Wladiwostok, schiffte sich da nach Tsuruga in Japan ein, reiste von Yokohama über den ganzen Pazifik mit einem Dampfer nach Vancouver und anschließend von der Nordwestküste der USA zu deren Südostküste.

Auf andere Weise abenteuerlich ist die Ost-West-Wanderung von Philippe Sands Mutter Ruth Buchholz: 1939, da war Österreich schon „ans Reich angeschlossen“, übergab Ruths Mutter Rita die Einjährige am Wiener Westbahnhof einer Frau, die – die Route über die Schweiz nehmend – das Kind zum Pariser Gare de L'Est brachte und dort dem Vater Leon übergab.

Man kann die Betrachtung der jüdischen Ost-West-Wanderung im vorliegenden Zusammenhang, wo es zentral um die Entwicklung der Internationalen Strafgerichtsbarkeit geht, nicht abschließen, ohne zu reden von Benjamin Ferencz (vgl. das ZEIT-Interview mit ihm: Willeke, 2018 und Ullabritt Horns Film von 2015 „Der Unbeirrbare“: www.youtube.com/watch?v=CJbSgYdPh-4). Er ist der letzte noch lebende Chefankläger der Nürnberger Prozesse, genauer: der Ankläger im Einsatzgruppenprozess, zu dem er selbst das Anklagematerial gefunden und aufbereitet hatte. Er wurde im März 1920 geboren im siebenbürgischer Großhorn (ungarisch Nagysomkút, rumänisch Șomcuta Mare), das zu diesem Zeitpunkt zwar völkerrechtlich noch zu Ungarn gehörte und erst drei Monate später Rumänien zugeschlagen wurde. Als er noch nicht einmal ein Jahr alt war, flohen die Eltern mit ihm und seiner drei Jahre älteren Schwester in die USA. Als Gründe nennt er: „Keine Arbeit, kein Geld, mein Vater war Schuster. Und viele Juden wurden von den Katholiken in Rumänien zusammengeschlagen.“ (Willeke, 2018, S. 12)

Gegenüber den drei genannten Konnotationen von „East West Street“ wirkt der deutsche Buchtitel „Rückkehr nach Lemberg“ doch recht bedeutungsarm. Natürlich ist er in keiner Weise „falsch“ und er hat vielleicht sogar den Vorteil, dass „Lemberg“ viele potentielle Leser(inne)n auf den ersten Blick eher anspricht als „East West Street“.

Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und „Genozid“

Manche Leser(innen) mögen sehr genau wissen, was es mit diesen Begriffen auf sich hat, andere eine mehr oder minder vage Vorstellung davon haben, dritte aber gar keine. Daher seien die heute rechtsgültigen Definitionen hier zur Kenntnis gebracht:

Artikel 7 des Statuts des Internationalen Strafgerichtshofes von 2002 lautet:

(1) „Im Sinne dieses Statuts bedeutet ‚Verbrechen gegen die Menschlichkeit‘ jede der folgenden Handlungen, die im Rahmen eines ausgedehnten oder systematischen Angriffs gegen die Zivilbevölkerung und in Kenntnis des Angriffs begangen wird:

  1. vorsätzliche Tötung
  2. Ausrottung
  3. Versklavung
  4. Vertreibung oder zwangsweise Überführung der Bevölkerung
  5. Freiheitsentzug oder sonstige schwer wiegende Beraubung der körperlichen Freiheit unter Verstoß gegen die Grundregeln des Völkerrechts
  6. Folter
  7. Vergewaltigung, sexuelle Sklaverei, Nötigung zur Prostitution, erzwungene Schwangerschaft, Zwangssterilisation oder jede andere Form sexueller Gewalt von vergleichbarer Schwere
  8. Verfolgung einer identifizierbaren Gruppe oder Gemeinschaft aus politischen, rassischen, nationalen, ethnischen, kulturellen oder religiösen Gründen, Gründen des Geschlechts im Sinne des Absatzes 3 oder aus anderen nach dem Völkerrecht universell als unzulässig anerkannten Gründen im Zusammenhang mit einer in diesem Absatz genannten Handlung oder einem der Gerichtsbarkeit des Gerichtshofs unterliegenden Verbrechen;
  9. zwangsweises Verschwindenlassen von Personen
  10. das Verbrechen der Apartheid
  11. andere unmenschliche Handlungen ähnlicher Art, mit denen vorsätzlich große Leiden oder eine schwere Beeinträchtigung der körperlichen Unversehrtheit oder der geistigen oder körperlichen Gesundheit verursacht werden.“

Nach der am 9. Dezember 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen in der Resolution 260 beschlossenen Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes wird Genozid definiert als „eine der folgenden Handlungen, begangen in der Absicht, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören:

  1. das Töten von Angehörigen der Gruppe
  2. das Zufügen von schweren körperlichen oder seelischen Schäden bei Angehörigen der Gruppe
  3. die absichtliche Unterwerfung unter Lebensbedingungen, die auf die völlige oder teilweise physische Zerstörung der Gruppe abzielen
  4. die Anordnung von Maßnahmen zur Geburtenverhinderung
  5. die zwangsweise Überführung von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe.“

Im vorliegenden Zusammenhang schon an dieser Stelle zwei kritische Anmerkungen. Die erste betrifft den Untertitel der deutschen Ausgabe: „Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. In der englischen Übersetzung lautet er „On the Origins of ‚GENOCIDE‘ and ‚CRIMES AGAINST HUMANITY‘“. Der deutsche Titel trifft im Unterschied zum englischen keine Unterscheidung zweier semantischer Ebenen. Aber genau das muss man tun, will man nicht die Vorstellung erzeugen, „Rückkehr nach Lemberg“ würde von anthropologischen oder evolutionspychologischen Studien über die Anfänge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit berichten. Die gab es längst, bevor „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und „Genozid“ kodifizierte Strafnormen des Völkerrechts wurden. Im Nürnberger Hauptprozess gab es keine Verurteilung, ja noch nicht einmal eine Anklage wegen „Genozids“. Aber war denn das, was „Holocaust“ bzw. „Shoa“ genannt wird kein Völkermord?

Die zweite kritische Anmerkung betrifft die Formulierung „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Das ist die offizielle deutsch(sprachig)e Übersetzung von „Crimes against Humanity“ und insofern ist vollkommen korrekt, wenn das vorliegende Buch diesem etablierten Sprachgebrauch folgt. Der Sache nach aber ist er völlig unangemessen. Er steht schon seit Verkündung der Nürnberger Urteile in der Kritik (vgl. Huhle, 2009). Hannah Arendt bezeichnete im Epilog ihres Buches über den Eichmannprozess den Begriff des „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ als „das Understatement des Jahrhunderts“ (Arendt, 1964, S. 324). Wo im vorliegenden Buch „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ steht, sollte man „Verbrechen gegen die Menschheit“ lesen.

Hauptpersonen des Buches

Der Autor nennt auf S. 17 vier Hauptpersonen, stellt sie nach Geburtsjahr geordnet vor und macht biographische Angaben zu ihnen. Ich vertausche hier die Reihenfolge der zweiten und dritten Hauptperson und mache unter Berücksichtigung dessen, was über diese vier Personen hier schon gesagt wurde und mir erwähnenswert scheint, leicht veränderte Angaben.

  • Hersch Lauterpacht: Nach seiner Ankunft in England, rückte er binnen anderthalb Jahrzehnten in die ersten Ränge der britischen Jurisprudenz auf, obwohl sein Englisch zeitlebens einen deutschen Akzent hatte und er nicht von „edler Herkunft“ war. Sein gesellschaftlicher Erfolg verdankt sich der Assimilation in die britische akademische Elite durch die von ihm vertretenen Positionen, die bald als „typisch britisch“ galten, und der Hilfe von Arnold McNair; dessen öffentliche Wertschätzung man daran erkennt, dass er 1943 zum Ritter geschlagen und 1955 als Baron McNair in den Adelsstand erhoben wurde.
  • Raphael Lemkin: Er wurde zwei Mal für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Eine feste Professur erhielt er nie, ebenso wenig lukrative Berater-, Publikations- und Vortragsaufträge. Nur 59 Jahre alt, starb er 1959 „in seiner Wohnung in der West 112th Street [Manhatten], ein einziger Raum, vollgestopft mit Büchern und Papieren, mit einer Schlafcouch, aber ohne Telefon oder WC. Er war mittellos und krank…“ (S. 201).
  • Hans Frank: geboren 1900 in Karlsruhe, als Hauptkriegsverbrecher hingerichtet in Nürnberg 1946. Er studierte 1919–1923 Rechts- und Wirtschaftswissenschaften und wurde 1924 zum Doktor der Rechte promoviert. Schon 1919 schloss er sich einer Vorläuferorganisation der NSDP an, war Parteimitglied der ersten Stunde, wurde Adolf Hitlers Rechtsanwalt und ranghöchster Jurist im Dritten Reich und Reichsminister ohne Geschäftsbereich. Ab 1939 wurde er Generalgouverneur für die besetzten polnischen Gebiete (Generalgouvernement) und als „Schlächter von Polen“ oder „Judenschlächter von Krakau“ bekannt. 1941 wurde dem Generalgouvernement ein Gebiet, das mit dem früheren Galizien weitgehend deckungsgleich ist, angegliedert; Gouverneur war der österreichische Jurist Otto (von) Wächter. Zum Jahrestag dieser Angliederung kam Hans Frank 1942 für zwei Tage nach Lemberg, um dort zahlreiche (Hetz- und Propaganda-)Reden zu halten.
  • Leon Buchholz: des Autors Großvater mütterlicherseits, geboren 1904 in Lemberg als Sohn von Pinkas und Malke. Der 1. Weltkrieg, der einen seiner Hauptschauplätze schon zu Beginn in Galizien hatte, verschlug den seit 1914 Vaterlosen – Pinkas starb vor Gram über den früh gefallenen Erstgeborenen – zusammen mit Mutter und Schwester nach Wien. Dort heiratete er 1937 Rita (Regina, geborene Landes), die im Folgejahr die Tochter Ruth gebar, des Autors Mutter.

Aufbau und Inhalt

Auf Mitteilung an den Leser mit einem Streiflicht auf Lemberg sowie Galizien und einer Skizzierung der Hauptpersonen folgt ein Prolog, der die Themen des Buches anklingen lässt.

Danach finden sich zehn nummerierte Buchteile; die Bezeichnung „Teil“ ist wahrlich besser als „Kapitel“. Mit dem zweiten verbindet man gemeinhin eine sich aus welchen Gründen auch immer ergebende notwendige Abfolge. Eine solche gibt es für Teile dieses Buches nicht; man hätte auch anders ordnen bzw. ihre Inhalte in anderer Gestalt darbieten können. Die hier zu findende Anordnung der Teile ist nun aber keineswegs beliebig.

Erinnern wir uns an die oben referierten Worte des Autors zur Entstehungsgeschichte des Buches: „Was mit einer Vorlesung begann, wandelte sich in eine doppelte Detektivgeschichte (East West Street) über die ineinander verwobenen Leben dreier Juristen und der Aufdeckung der Geschichte meines Großvaters.“ Über den Vortrag in Lwiw war im Prolog zu lesen, von den drei Juristen handeln die Teile mit gerader Zählung, von der Familiengeschichte die mit ungerader. Die beiden Erzählstränge sind ineinander verschlungen; sie sind je eigenständig, aber hier gehören sie zusammen. Der Autor möchte, dass wir als Einheit und Ganzes lesen.

I: Leon

Teil 1 der Rekonstruktion seiner Familiengeschichte mütterlicherseits mittels einer „Genographischen Analyse“ ganz eigener Art. Die Eltern seiner Mutter kommen in den Blick, Rita und Leon Buchholz, sowie Leons Eltern Malke und Pinkas. Es ist eine aufregende Familiengeschichte im Kontext einer Geschichte Europas, die seit Beginn des 1. Weltkriegs immer bedrohlicher wird – auch für Jüdinnen und Juden und gerade für die Galiziens.

II: Lauterpacht

In diesem Teil wird die Geschichte von Hersch Lauterpacht von seiner Geburt 1897 in Żółkiew bis kurz Kriegsende erzählt. Wir begleiten ihn auf seinem Weg von seinem Geburtsort über die Stationen Lemberg (1910-1919) und Wien (1919-1923) nach London. Die Lemberger Studienjahre als Student der Jurisprudenz bezeichnet der Autor als seine „prägenden Jahre“ (S. 111). In anderer Hinsicht eindrücklich war für ihn sicher auch die Erfahrung, die er 1919 im nunmehr polnischen Lwów machte: „Ich war nicht in der Lage, mein Abschlussexamen abzulegen…, weil die Universität die Juden Ostgaliziens aussperrte.“ (zitiert nach S. 120) Aber nicht nur von seinen Erfahrungen wird hier berichtet, sondern auch von denen seiner Verwandten, die zum Teil von den Nazis umgebracht wurden. Und natürlich wird – bis zum Vorabend der Nürnberger Prozesse – die Entwicklung Hersch Lauterpachts als Jurist und die seines Konzepts „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ dargestellt.

Diesem Buchteil vorangestellt ist ein Statement Hersch Lauterpachts aus dem Jahr 1943, das seine Grundhaltung prägnant kennzeichnet: „Der einzelne Mensch … ist die ultimative Einheit allen Gesetzes.“ (zitiert nach S. 99)

III: Miss Tilney aus Norwich

Hier erfährt die Rekonstruktion der Familiengeschichte mütterlicherseits eine erste Fortsetzung. Wir wissen schon: 1939, da war Österreich schon „ans Reich angeschlossen“, übergab Ruths Mutter Rita die Einjährige am Wiener Westbahnhof einer Frau, die das Kind zum Pariser Gare de L’Est brachte und dort dem Vater Leon übergab. Warum aber war Leon schon seit Januar 1939 im sicheren Paris, während Rita im gefährlichen Wien blieb? Und wer ist denn jene Frau, die keine Gefahr scheute? Beiden Fragen wird hier nachgegangen.

Eine sei hier beantwortet: Jene Frau war Elsie Maud Tilney (1893-1974), Angehörige einer evangelischen Freikirche, die die Deutschen wegen ihrer Verfolgung des nach ihrem Glauben „erwählten Volkes“ (vgl. S. 193) hasste. Philippe Sands hat ihr ein Denkmal gesetzt: „2013 schickte ich das Material, das ich über sie entdeckt hatte, an die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, zusammen mit zwei eidesstattlichen Erklärungen, eine von meiner Mutter, die andere von Shula Troman [vgl. S. 190-194]. Am 29. September 2013 wurde Miss Tilney als ‚Gerechte unter den Völkern‘ anerkannt.“ (S. 497)

IV: Lemkin

Auch diesem Teil ist ein Statement der Hauptfigur vorangestellt. Es stammt von 1944 und benennt in aller Klarheit und schroffem Gegensatz zu Hersch Lauterpachts Grundhaltung

Raphael Lemkins zentrales Anliegen: „Angriffe auf nationale, religiöse und ethnische Gruppen sollten als internationale Verbrechen gelten.“ (zitiert nach S. 199)

Das juristische Konzept, das diesem Grundanliegen entsprang, ist unter der Bezeichnung „Genozid“ bekannt geworden. 1943 verwendete er für den Gesetzesentwurf der polnischen Exilregierung zur Bestrafung der (nicht nur) deutschen Verbrechen in Polen den Begriff ludobójstwo (von Polnisch lud, Volk und zabójstwo, Mord), 1944 übersetzte er den Begriff mit genocide (von Griechisch genos, Volk und Lateinisch caedere, töten) ins Englische. Von da aus wurde „Genozid“ ein Wort, ein Begriff, eine Konzeption, die seit Dezember 1948, seit dem einschlägigen Beschluss der Generalversammlung der Vereinten Nationen („Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes“) einen bis heute anhaltenden Siegeszug antrat. Nur hatte ihr „Erfinder“ persönlich nichts davon; er ist ein tragischer Held der Rechtsgeschichte.

In völligem Gegensatz zu Hersch Lauterpacht war Raphael Lemkin ein „schwieriger“ Zeitgenosse. Der oben erwähnte Benjamin Ferencz, wie Raphael Lemkin im Nürnberger Team des US-Chefanklägers Robert H. Jackson, „beschrieb Lemkin als einen zersausten, verwirrten Menschen, der ständig die Aufmerksamkeit der Ankläger auf sich zu ziehen versuchte. ‚Wir hatten extrem viel zu tun‘, erinnert sich Ferencz, sie wollten nicht mit Genozid behelligt werden, ein Thema, ‚über das nachzudenken wir keine Zeit hatten‘. Die Anklagevertreter wollten in Ruhe gelassen werden, um ‚die Kerle wegen Massenmord zu verurteilen‘.“ (S. 438)

V: Der Mann mit der Fliege

ist nach Recherchen des Autors zu seiner Familiengeschichte, deren dritter Teil hier erzählt wird, Emil Lindenfeld. Ein offensichtlich wohlhabender Wiener Jude, in den ersten Kriegsjahren wohnhaft in einem stattlichen Haus mit schönem Garten in einem der besten Wiener Viertel. „Emil Lindenfeld und Rita waren 1941 zusammen gewesen, aber die Gartenfotos sahen nach Frühling aus. Ich entschied mich für April 1941. War Rita in Wien geblieben, um mit Emil zusammen zu sein? Unmöglich zu wissen, und vielleicht spielt es ja keine Rolle. Im November hat sie Wien verlassen.“ (S. 284)

Ein halbes Jahr später begann die systematische Vernichtung des Wiener Judentums. Zu den ersten Deportierten zur Vernichtungsstätte Maly Trostinez bei Minsk – dort wurde sogleich nach Ankunft gemordet – gehörten im Mai 1942 1000 Jüdinnen und Juden aus der Wiener Leopoldstadt. Das geschah auf „Führerbefehl“: Adolf Hitler hatte im September 1941 die Deportation von Juden aus den größeren Städten des Reichs angeordnet. Vielleicht, aber das ist meine Mutmaßung, nicht eine des Autors, vielleicht hat Emil Lindenfeld, der nichtjüdische Freunde und Familienangehörige hatte,von dieser Anordnung rasch erfahren und Rita gewarnt. Er selbst überlebte mit Hilfe besagter Nichtjuden versteckt als „U-Boot“.

VI: Frank

Mit Hans Frank betritt ein dritter Jurist die Szene. Er wurde im Oktober 1946 hingerichtet, nachdem er im NürnbergerHauptkriegsverbrecherprozess kurz zuvor wegen „Kriegsverbrechen“ und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ schuldig gesprochen worden war. Im Urteil heißt es u.a.: Er war „ein williger und wissender Mitwirkender sowohl bei der Anwendung von Terror in Polen, wie bei der wirtschaftlichen Ausbeutung Polens auf eine Art und Weise, die zum Hungertod einer großen Anzahl Menschen führte; ferner bei der Deportation von mehr als einer Million Polen als Sklavenarbeiter nach Deutschland und in Ausführung eines Programms, das den Mord von mindestens drei Millionen Juden zur Folge hatte.“ Des „Genozids“ wurde er nicht angeklagt – einfach weil es diesen Anklagepunkt in den Nürnberger Prozessen überhaupt nicht gab.

Auch hier ist ein markanter Satz vorangestellt: „Die Gemeinschaft hat Vorrang über die individualistischen, liberalistischen, atomisierenden Tendenzen des Egoismus des Individuums.“ (zitiert nach S. 285) Pech für alle, die nicht der hier gemeinten „Gemeinschaft“ angehören. Im Falle des Generalgouvernements hieß das für ihn, dass die Pol(inn)en „Sklaven des Großdeutschen Weltreichs“ (S. 296) seien. Mit den Jüdinnen und Juden hatte er Anderes vor. Er ließ sie in Ghettos pferchen, Vorstufen zur Hölle der KZs; das Warschauer Ghetto wurde selbst zur Hölle.

Am 1. August 1942 hielt Hans Frank anlässlich der Feierlichkeiten zum Jahrestag der Eingliederung des Distrikts Galizien in das Generalgouvernement im Großen Saal der Lemberger Universität vor zahlreichen Parteiführern eine Rede, in der es um die Bedeutung der deutschen Kontrolle über Galizien im Zusammenhang der „Judenfrage“ ging. Dort bezeichnete er Galizien als das „Urgebiet der jüdischen Welt“ (zitiert nach S. 324). Das ist eine prägnant formulierte und der Sache nach zutreffende Einschätzung des galizischen Judentums; zumindest insoweit, als man unter „jüdischer Welt“ das aschkenasische Judentum Nord-, Mittel- und Osteuropas versteht – und das war der weitaus größte Teil der „jüdischen Welt“, die im Machtbereich der Nazis war.

VII: Das Kind, das allein dasteht

In diesem vierten Teil der Familiensaga geht der Autor der Frage nach, ob er denn der Enkel des Juden Leon Buchholz oder des Goi Emil Lindenfeld sei. Seine Recherchen finden Antworten (etwa: ja, Leon war sein Großvater) und lassen Fragen offen. Vor allem eine: wie war das denn in und mit der jungen Ehe seiner Großeltern mütterlicherseits?

VIII: Nürnberg

Zu Zeiten des Nürnberger Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher (des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses), vom November 1945 bis Oktober 1946, waren alle drei Juristen in Nürnberg. Dauerhaft da war Hans Frank, Angeklagter in Untersuchungshaft, mitunter auf der Anklagebank zu finden. Manche seiner Einlassungen vor Gericht werden von vielen als „Einsicht“, ja gar „Reue“ gewertet; man zweifelt daran, hat man die Ausführungen seines Sohnes Niklas Frank („Der Vater. Eine Abrechnung“. München: Goldmann, 6. Aufl., 2005) gelesen. Raphael Lemkin war sporadisch da, Hersch Lauterpacht öfter und länger; beide waren sie keine bestellten Ankläger, sondern lediglich für dies oder das beauftragte Mitarbeiter des britischen bzw. US-amerikanischen Teams.

Wie war das mit „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und „Genozid“ in Nürnberg? „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ war einer der vier Anklagepunkte des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses; das ist das bleibende Verdienst Hersch Lauterpachts. Die anderen waren „Verschwörung“, „Verbrechen gegen den Frieden“ und „Kriegsverbrechen“. „Genozid“ war nicht darunter. „Genozid wurde am ersten Tag [des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses] zu seiner [Raphael Lemkins] Genugtuung von den französischen und sowjetischen Anklägern erwähnt. Die Amerikaner und die Briten aber vermieden jede Erwähnung des Wortes.“ (S. 393) Der Autor deutet an, die USA und das Vereinigte Königreich hätten angesichts ihrer eigenen Geschichte vor „Genozid“ zurückgeschreckt. Das scheint plausibel: Das Völkermorden der weißen US-Amerikaner an den indigenen Völkern Nordamerikas („Indianer“) und das der Briten an denen Australiens (Aborigines) steht dem der Nazis nur in der Perfektionierung des Mordens nach.

IX: Das Mädchen das sich nicht erinnern wollte

ist Herta Gruber, eine Nichte von Leon, geboren 1920 in Wien, selbst dem Holocaust, der ihr die Eltern raubte, auf wundersame Weise entronnen. Von ihr erfährt der Autor, der mit der Hochbetagten in Tel Aviv lange Gespräche führt, etwas über Max Kupfermann. Der war, wie weitere Recherchen ergeben, im jungen Erwachsenenalter ein enger Freund Leons. Wie eng und intim war die Freundschaft? Das ist die Frage, die den Autor umtreibt. Die Frage bleibt offen, aber der Autor hat eine Vermutung, die er in den letzten Zeilen dieses Buchteils andeutet.

„An der letzten maschinengeschriebenen Zeile [des Briefes von Max an Leon vom 9. Mai 1945] blieb mein Blick hängen, wie beim ersten Lesen, obwohl damals auf andere Weise, ohne den Kontext, ohne dass ich Hertha gehört hatte. Bezog sich Max auf die Erinnerungen an Wien, als er die Worte tippte, als er ‚herzliche Küsse‘ schickte, bevor er mit der Frage schloss?
‚Sollte ich die Küsse erwidern‘, schrieb Max, ‚oder sind sie nur für deine Frau?‘“ (S. 427)

X: Urteil

„Leon hörte die Nachricht von der Urteilsverkündung in Paris. Am nächsten Morgen holte Lucette – ein Mädchen, das in der Nähe wohnte – meine Mutter, Leons acht Jahre alte Tochter, ab und brachte sie zur Schule. Lucette beobachtete Leon beim Gebet, ein Ritual, das er jeden Morgen einhielt, das ihm ein Gefühl der Verbindung gab, erzählte er meiner Mutter, ein Gefühl, ‚zu einer Gruppe zu gehören, die verschwunden ist‘.

Leon sagte mir nie, was er von dem Prozess oder dem Urteil hielt, ob so etwas angemessen sein könne, um die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Er war jedoch begeistert von meiner Berufswahl.“ (S. 485)

Der Epilog erzählt hauptsächlich, wie es mit „Genozid“ und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ weiterging und was aus den Menschen wurde, die wir kennen lernen konnten. Der Epilog trägt den Untertitel „In den Wäldern“. Einen der damit angesprochenen Wälder, der stellvertretend steht für ungezählte in der östlichen Mordzone der Nazis, besuchte der Autor: den von Zhovkva, früher Żółkiew. Wo am einen Ende der Ost-West-Straße des Autors Urgroßmutter Malke lebte und am anderen Hersch Lauterbachs Geburtshaus stand.

„Hier waren die Teiche, zwei große Sandgruben, angefüllt mit dunklem Wasser, Schlamm und sich im Wind neigenden Schilf, ein Ort, der nur durch einen einzelnen weißen Stein gekennzeichnet war. Er war als Ausdruck der Trauer und des Bedauerns errichtet worden, nicht von der Stadt, sondern von Bürgern als privater Akt des Gedenkens. Dort saßen wir im Gras, sahen das Sonnenlicht auf das dunkle, stille Wasser fallen, das sich in Gräben sammelte. Tief unten, seit über einem halben Jahrhundert unberührt, lagen die sterblichen Überreste der 3500 Menschen, von denen der längst vergessene Gerszon Taffet im Sommer 1946 schrieb, jeder sei ein Individuum, doch zusammen seien sie eine Gruppe.“ (S. 505)

Dem Epilog folgen ausführliche Dankesworte, die all den Menschen gelten, die einen Beitrag zum Buch und seiner Entstehung geliefert haben. Danach folgt eine detaillierte Beschreibung und Würdigung der von ihm herangezogenen Quellen. Danach folgen – nach Buchteilen geordnet und mit Textseitenangabe versehen – Anmerkungen – völlig überraschend, weil auf sie im Text überhaupt nicht verwiesen wird. Der Sinn dieses editorischen Arrangements erschließt sich dem Rezensenten nicht. Mit einem kompletten Bildnachweis sowie einem ausführlichen kombinierten Register (Orte, Personen, Sachen) schließt das Buch.

Es enthält Karten: so die von Mitteleuropa 1920 (genauer von dessen nördlichem Teil) und vom Generalgouvernement 1943. Auch Stadtpläne: von Żółkiew 1854, Lemberg 1911 und Lwiw 2016. Ferner finden sich im Buch zahlreiche Abbildungen und Bilder persönlicher sowie offizieller Herkunft; um einen Eindruck zu geben, drei Beispiele: ein gleichsam offizielles Familienfoto der Familie Lauterpacht von 1902, ein Privatfoto von Ruth, Paris 1939 und ein (Presse-?)Foto von Hans Frank bei seiner Rede im Großen Saal der Universität Lemberg am 1. August 1942.

Diskussion

Das Buch trägt als zweiten Untertitel „Eine persönliche Geschichte“. Ja die erzählt es. Aber es wäre ein großes Missverständnis, würde wird „persönlich“ in einem privatistischen Sinne verstehen. Philippe Sands erzählt hier als Angehöriger eines Volkes, an dem die Nazis Völkermord verübten. Was ihn mit Hersch Lauterpacht und Raphael Lemkin verbindet ist nicht nur, dass es Juristenkollegen sind, die im Völkerstrafrecht einen Namen haben; sie alle drei sind Juden, die in der Shoah nahe und ferne Angehörige verloren haben.

Ein Schlaglicht: Im September 1946 erfährt Raphael Lemkin von seinem Bruder Elias, der sich mit Frau und dem Sohn Saul vor den Nazis in den sicheren Teil der Sowjetunion retten konnte, dass die Eltern mit aller Wahrscheinlichkeit von den Nazis in einem Konzentrationslager umgebracht worden seien. Bis an sein Lebensende wusste er nicht, um welches es sich handelt. Der Autor erfuhr es im Gespräch mit Saul. „Sauls Erzählung bot eine Art Rahmen für eine andere Geschichte. Auf diese Weise erfuhr ich, dass meine Großmutter Malke Flaschner, die in Żółkiew in derselben Straße wie die Lauterpachts gewohnt hatte, in Treblinka in derselben Straße gestorben war wie die Lemkins.“ (S. 470)

Ich habe das Buch – je länger, desto mehr – gelesen als tiefgründigen und berührenden Bericht über die Shoah aus der Sicht eines mittelbar Betroffenen. Aber natürlich auch als packende Geschichte der Entwicklung von „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und „Genozid“ als kodifizierte Strafnormen des Völkerrechts. Und schließlich als Anfang der „juristischen Aufarbeitung“ der Nazi-Verbrechen, die in der BRD so schlimm war (anschaulich der Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“), dass das Verdecken, Vertuschen und Verniedlichen der Nazi-Verbrechen zu Hauptanklagepunkten gegen die Bonner Republik durch die 68er-Bewegung wurde.

Schließlich habe ich das Buch gelesen als Hommage an Lemberg (Lwiw, Lwów) und die heute von den Landkarten verschwundene historische Landschaft Galizien, deren Bedeutung sich überwiegend ihrem jüdischen Bevölkerungsanteil verdankt (zu den Gründen vgl. Johnston, 1974). Werfen wir zur Veranschaulichung einen Blick auf die Frühgeschichte der Psychodynamischen Psychotherapie: Sigmund Freuds Eltern wurden beide in Galizien geboren; der Vater 1815 in Tysmenitz (Tysmenyzja), die Mutter (wie Joseph Roth) in Brody; ebenfalls aus Galizien stammt der Vater des bedeutendsten Freud-Schülers, Sándor Ferenczi;der genaue Geburtsort des Vaters war vom Rezensenten ebenso wenig zu ermitteln wie jener der Mutter. In Galizien selbst wurden geboren: Wilhelm Reich (1897 in Dobzau/Dobrjanytschi), der wirkungsträchtigste Adler-Schüler Manès Sperber (1905 in Sabolotow/Sabolotiw) und die überragende Gründungsfigur der Psychoanalyse in den USA Abraham A. Brill (1874 in Kantchika [jiddische Bezeichnung] /Kańczuga).

All diese Menschen sind mitteleuropäische Juden, keine osteuropäischen. Wer aus Nathan Birnbaums um 1900 getroffener Unterscheidung von „Westjuden“ und „Ostjuden“, eine von west- und osteuropäischen Juden macht, weiß nicht, dass die Unterscheidung eine von deutschen und polnischen Juden meint. Deutschland und Polen sind und waren Länder Mitteleuropas. Davon weiß man vielerorts offensichtlich nichts. So findet sich beispielsweise im jüngsten ZEIT-Artikel zu Israel eine Textpassage, wo es um die Frage geht, ob es denn – wir sind Anfang des 20. Jahrhunderts – ein „jüdisches Volk“ gebe, das nach Palästina einwandern könne und wolle. Des Autors Volkszählung ergibt folgende Antwort: „Irgendwie schon, aber die elf Millionen Menschen, die ihm angehören, leben verstreut in aller Welt, sieben Millionen in Osteuropa, zwei Millionen in Westeuropa, eine Million in Amerika.“ (S. 16). Mitteleuropa scheint der Autor, dessen Uhren ganz sicher die Mitteleuropäische Zeit (MEZ) anzeigen, nicht zu kennen – oder nichts zu wissen über deren Judentum.

Aber auch bei Autoren, die über weitaus mehr historische und geographische Kenntnisse verfügen, findet man im angesprochen Punkt verwirrende Angaben. So etwa bei Natan Sznaider in „Gesellschaften in Israel“ (2017). Nimmt man das ganze Buch in den Blick, so muss man den Eindruck gewinnen, alle Aschkenasim östlich der Oder seien „osteuropäische Juden“ – wann immer sie eingewandert seien: vor dem Nazi-Regime, während dessen, nach dem Krieg vor der Staatsgründung oder in den ersten Jahren danach. Konkret äußert sich auf S. 300 so: „[der in Südafrika geborene israelische Jurist Richard] Goldstone sieht sich in der Tradition von osteuropäischen Juden wie Raphael Lemkin, der den Begriff des Völkermords prägte, oder Hersch Lauterbach, der die moderne Idee der Menschenrechte kodifizierte.“ Ich widerspreche: Raphael Lemkin und Hersch Lauterbach sind mitteleuropäische Juden, ebenso wie der oben erwähnte Ankläger im Einsatzgruppenprozess Benjamin Ferencz und Gideon Hausner, der Chefankläger und Generalstaatsanwalt im Prozess gegen Adolf Eichmann.

Folgt man, wofür es gute historische und kulturelle Gründe gibt, der Grenzziehung des Ständigen Ausschusses für geographische Namen, dann gehören, um nur dessen strittigen Ostrand in den Blick zu nehmen, zu Mitteleuropa folgende Gebiete und Staaten (in ihren heutigen Grenzen!): von Norden nach Süden betrachtet, Estland, Lettland und Litauen, ganz Polen, die Slowakei, ganz Ungarn und Kroatien. Ferner aber auch, diesmal von Süden nach Norden gehend: in Serbien die Woiwodina (Vojwodina) bis hinunter nach Novi Sad, Rumänien ostwärts bis zum Karpatenbogen (mit Klausenburg / Cluj-Napoca) und in der Westukraine der östliche Teil des historischen Galiziens und das Gebiet nördlich davon. Man rede über diese Grenzziehung zwischen Mittel- und Osteuropa mit Menschen, die heute nahe dieser Grenze leben: mit Menschen aus Vilnius, Kraków, Novi Sad – und vor allem: aus Lwiw.

Fazit

Ich empfehle das Buch allen, die der Überzeugung sind: Nur wer das Gestern kennt, versteht das Heute und kann das Morgen gestalten. Das Gestern, von dem Philippe Sands hier, bestens informiert, in packender Weise und in persönlichem Stil berichtet, ist nicht irgendeines; es ist jener Abschnitt der jüngeren Geschichte Deutschlands, der das Land noch heute mehr prägt als jeder andere.

Literatur

  • Arendt, H. (1964). Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. Deutsch von Brigitte Granzow. Von der Autorin durchgesehene und ergänzte deutsche Ausgabe. München: Piper.
  • Berbner, B. (2018). Wie Herr Rupin ein Land erbaute. DIE ZEIT Nr. 16/2018 v. 12.4.2018, S. 15–17.
  • Huhle, R. (2009). Vom schwierigen Umgang mit „Verbrechen gegen die Menschheit“ in Nürnberg und danach (online verfügbar unter www.stiftung-evz.de/; letzter Aufruf am 18.4.2018).
  • Johnston, W.M. (1974). Österreichische Kultur- und Geistesgeschichte. Gesellschaft und Ideen im Donauraum 1848 bis 1938. Wien – Köln – Weimar: Böhlau.
  • Kramer, C. (2009). Eine Handbreit Hoffnung. Die Geschichte meiner wunderbaren Rettung. München: Droemer Knaur.
  • Sands, Ph. (2016). The Nazis, human rights and me. The Irish Times vom 30.11.2016 (online verfügbar unter www.irishtimes.com/opinion; letzter Aufruf am 23.4.2018)
  • Sznaider, N. (2017). Gesellschaften in Israel. Eine Einführung in zehn Bildern. Berlin: Suhrkamp. (socialnet Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/23902.php; letzter Aufruf am 18.4.2018).
  • Thadden, (2016). Wer war Miss E. M. Tilney? DIE ZEIT Nr. 33/2016 vom 18.8.2016 (Online verfügbar unter www.zeit.de/2016; letzter Aufruf am 24.4.2018).
  • Willeke, S. (2018). Interview mit Benjamin Ferencz. DIE ZEIT Nr. 14/2018 vom 28.3.2018, S. 12 (online verfügbar unter www.zeit.de/2018; letzter Aufruf am 18.4.2018).

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 09.05.2018 zu: Philippe Sands: Rückkehr nach Lemberg. Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2018. 2. Auflage. ISBN 978-3-10-397302-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24112.php, Datum des Zugriffs 18.11.2018.


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