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Sven Ellmers, Philip Hogh (Hrsg.): Warum Kritik? Begründungsformen kritischer Theorien

Cover Sven Ellmers, Philip Hogh (Hrsg.): Warum Kritik? Begründungsformen kritischer Theorien. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2017. 388 Seiten. ISBN 978-3-95832-063-5. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.
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Thema

Der vorliegende Sammelband fragt nach der Begründung kritischer Theorien. Die Herausgeber führen Kritik als Trennung, als Unter-(Scheidung) ein. Wer etwas unterscheidet, braucht Kriterien, diese müssen begründet werden. Das Projekt Kritische Theorie zu begründen hatte in den 1970er Jahren seinen Höhepunkt, als die kritischen Theorien der Frankfurter Schule auf eine methodologische Basis gestellt wurden und als Kommunikations- und Politiktheorien etabliert wurden. Zu nennen ist z.B. die Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas oder die Arbeiten von Oskar Negt und Alexander Kluge.

Eine alternative gebräuchliche Herleitung kritischer Theorie liegt in der begrifflichen Nähe von Kritik und Krise. Die Kritische Theorie wird als Antwort auf besorgniserregende Symptome der Gegenwartsgesellschaft beschrieben. Mit der Referenz zu dem Philosophen und Soziologen Max Horkheimer könnte auch die Legitimation der kritischen Theorie als Antwort auf soziale Missstände gegeben werden. Die Beschreibung der kritischen Theorie als Krisentheorie entstammt zwar der Situation der 1930er Jahre, die gesellschaftlichen Herausforderungen bleiben aber nach wie vor dieselben, z.B. spektakuläre Erfolge rechtspopulistischer Akteure, das Auftreten von Wirtschaftskrisen, die gleichzeitig die Machtlosigkeit möglicher Steuerungsakteure zu demonstrieren scheint, einen steigenden Vertrauensverlust in demokratische Institutionen, eine zunehmende soziale Ungleichheit, die gefühlte Wahrnehmung von Ungerechtigkeit korrespondiert aber nicht mit tatsächlichen Ungleichbehandlungen. Insofern sind die Krisensymptome moderner „postindustrieller“ Gesellschaften auch mit der Situation der Zwischenkriegszeit vergleichbar. Hinzukommen weitere globale Herausforderungen in einer zusammenwachsenden Welt, etwa die drohende Ressourcenknappheit, die durch den Lebensstil der „westlichen“ Welt bedingt ist wie auch das Eintreten weiterer Menschen in ressourcenaufwändige Lebensstile.

Neben der Begründung kritischer Theorie als Krisenwissenschaft gibt es ausgehend von Giambartista Vico den Ansatz, soziale Prozesse als durch Menschen gemacht zu verstehen, diese aber als verborgene nicht spontan eingängige Prozesse zu betrachten. Das zutage bringen dieser Sachverhalte nennt sich Aufklärung. Ein weiteres Verständnis von kritischen Theorien fußt also auch auf der Suche nach dem Latenten. Der kritische Blick geht hinter die Fassade, unter die Oberfläche.

Um bei der Frage nach der Begründung kritischer Theorien zu bleiben: Dieser Blick auf die kritische Theorie ist nicht selbstverständlich. Die Frage nach einer Begründung kritischer Theorien kann zurückgewiesen werden, wie auch viele methodologische Grundsätze, etwa das Postulat der Werturteilsfreiheit. Die Begründung hierfür sei, dass ein Interesse für gesellschaftliche Missstände selbst schon ein kritisches Werturteil voraussetze, so die Argumentation. Die „quälenden Fragen“ stünden am Anfang der Wissenschaft und nicht deren Selbstbegründung. Kritische Theorie verstünde sich nicht als eine neue Theorie, sondern als Selbstreflexion der traditionellen Theorie (vgl. Türke; 1994, 39) Das bedeutet sie ist eine Theorie, die sich nicht selbst begründen muss. Der vorliegende Band befasst sich nun mit dem erstgenannten Verständnis kritischer Theorie. Es geht auch nicht um Kritische Theorie mit großem „K“ und großem „T“ sondern es werden alle Theorien seit Kant einbegriffen. Der vorliegende Text greift den Strang auf, den die kritische Theorie vor allem unter Jürgen Habermas verfolgt hat: Es werden überwiegend methodologische Beiträge zur methodologischen Fundierung kritischer Theorien vorgelegt.

Aufbau

Die Deutsche Nstionalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Der vorliegende Band besteht aus 15 Aufsätzen, sowie einer Einleitung der Herausgeber. Aufgrund der z.T. sehr gehaltvollen Beiträge kann an dieser Stelle nur kurz über den Inhalt der jeweiligen Kapitel referiert werden.

Philip Hogh: Apathie Kälte Verdinglichung: Philiph Hogh erkundet in seinem Beitrag moralische Indifferenz, die in der Philosophie bislang rudimentär behandelt wurde. Im Zentrum des Textes steht die These, dass die Begründung moralischer Normen auf die Erfahrung gesellschaftlichen Leidens zurückgeführt werden muss, damit sich Moral nicht gegen ihren eigenen Zweck, die menschliche Freiheit wende.

Christoph Henning: Perfektionismus als kritische Theorie. Bemerkung zur Selbstentfaltung sui generis. In diesem Beitrag dreht es sich die maximale Freiheit der persönlichen Entfaltung, wie sie unter anderem in Art. 2 des GG beschrieben ist. Die dringliche Frage ist nun, wo kann oder muss diese Freiheit begrenz werden, um die optimale Entwicklung hervorzubringen?

Jochen Gimmel: Ist Kritik erlaubt?- Zu einigen konzeptionellen Schwierigkeiten des Begriffs Kritik bei Kant. Die Kant'schen Kritiken weisen ein Problem auf, die die Grenzen des Vernunftsbegriffes betreffen. Kant betrachtet soziale Sachverhalte ambivalent, etwa die Revolution wird aus Solidaritätsgründen positiv bewertet, verstößt aber gegen geltendes Sittengesetz. Jochen Gimmel zeigt unter Bezugnahme auf Hannah Arend und Theodor W. Adorno eine Möglichkeit auf, wie man dieses Problem lösen kann.

Hauke Brunkhorst: Touching the Void – Kritische Theorie als dialektischer Negativismus. Thesen zur Hegelschen Logik. In diesem Beitrag wird die Logik in das Zentrum der Hegelschen Logik gestellt, es tut sich ein Potenzial auf, das in der gegenwärtigen kritischen Theorie nicht genutzt wird.

Hannes Kuch: Ökonomie, Subjektivität und Sittlichkeit. Hegel und die Kritik des kapitalistischen Marktes. Am Beispiel sittlicher Defizite des Marktes wird Hegels Sittlichkeitstheorie für die Kritik abstrakter Prinzipen fruchtbar gemacht. Die abstrakten Prinzipien, z.B. des Marktes müssen eine Entsprechung in der Sittsamkeit finden, so die These des Beitrages.

Steffen K. Hermann: Drei Pathologien der Anerkennung. Grundlagen einer kritischen Gesellschaftstheorie nach Rousseau, Hegel und Marx. Steffen K. Hermann befasst sich mit drei Gründungstheorien der kritischen Theorie, die über das rein ökonomische hinaus die Anerkennung ins Zentrum der Analyse stellen.

Frank Kuhne: Moral im „Kapital“? – Hat Marx Kritik der politischen Ökonomie normative Grundlagen? Die Rolle der Moral im Marx'schen Werk ist ambivalent. Einerseits wird Moral als mögliches Herrschaftsinstrument kritisiert, was allerdings die Frage nach der Grundlage der Kritik im Kapital aufwirft. Die These des Autor ist, dass in Vorstellungen von der Selbstzwecklichkeit des Menschen die Grundlegung für die Kritik am Kapital ist.

Christine Kirchhoff: Kultur und Illusion. Die Begründung von Kritik mit der Psychoanalyse Sigmund Freuds. Ausgehend von Freuds Kulturkritik kommt Christine Kirchhoff auf das Verständnis von Gesellschaft und Religion zu sprechen. Religionskritik soll nicht auf eine rationale Illusionslosigkeit hinausgehen, sondern Ziel sei es, individuelle Bedürfnisse auf vernünftige Art und Weise zu kritisieren.

Fabian Freyenhagen: „Aber was das Unmenschliche ist, das wissen wir sehr genau“ Zur Normativitätsproblematik bei Adorno. Der Autor verteidigt Adornos metaethischen Negativismus, dass alleine das Wissen um das schlechte Leben ausreiche, Kritik zu begründen. Dies entkräftet die Kritik, seine kritische Theorie habe ein Normativitätsproblem und macht sie für zukünftige Arbeiten fruchtbar.

Peggy H. Breitenstein: Genealogie als kritische Theorie. Methodologische Überlegungen zur Gesellschaftskritik bei Foucault. Foucaults Genealogie wird in diesem Beitrag in die Nähe die Nähe der frühen Arbeiten der kritischen Theorie gerückt.

Kristina Lepold: Axel Honneths Neubegründung der kritischen Gesellschaftstheorie. Die kritische Theorie der Anerkennung. Der Forschungskontext aus dem Honneths Theorie der sozialen Anerkennung hervorgegangen wird, wird in diesem Text als Auseinandersetzung mit Klassischen Texten der kritischen Theorie gesetzt.

Stefan Müller-Doohm: Zum Verhältnis von Normativität, Sprache und Kritik. Stefan Müller-Dohm richtet die kritische Theorie von Habermas neu aus. Es ginge bei Habermas weniger um die Formulierung eines Soll-Zustands der Gesellschaft, sondern vielmehr um die Eröffnung eines Diskurses, der die Normen eines guten Miteinanders bestimmen kann.

Hendrik Wallat: De-reifizierung der politischen Philosophie. Rainer Forsts Grundlegung einer kritischen Theorie der Macht. Wallat folgt Rainer Forst in der Konzeption kritischer Theorie als Politisierung verdinglichter Begriffe auf der Grundlage eines gehaltvollen, sich auf alle sozialen Bereiche erstreckten Vernunftbegriffes. Kritisiert wird seine Arbeit dahingehend, dass z.B. materielle Grundlagen und Zwecke der Macht unterschätzt werden würden.

Hartmut Rosa: Eskalation oder Ausweg? Das Ende der dynamischen Stabilisierung und das Konzept der Resonanz. Hartmut Rosas Beschleunigungstheorie steht im Mittelpunkt des Beitrages. Neben dem Konzept der Entfremdung wird das des dynamischen Wachstums als Alternative eingeführt, gutes Leben steht demnach in Resonanz zu den Verhältnissen. Das Konzept der Resonanz wird in Anschluss an Honneths Konzept der Anerkennung gebracht und Bezieht auch religiöse, ästhetische und Naturerfahrungen mit ein.

Johanna M. Müller: Kritik im Critical Realism – Zwischen Diskursethik und formaler Anthropologie. Mit dem Critical realism wird Gesellschaftskritik und Wissenschaftstheorie untrennbar zusammen gesacht. Johanna M. Müller stellt drei bekannte Ansätze des critical realisms vor.

Diskussion

Thematisch wird in dem Band ein breiter Überblick kritischer Theorien geboten, von Arbeiten über Kant und Hegel bis hin zu neueren Ansätzen wie Hartmut Rosas Konzept der Resonanz. Die Zusammenstellung von Autoren erscheint ausgeglichen zwischen Nachwuchswissenschaftlern und etablierten Autoren, in einigen Bereichen auch Stimmen, die zum who is who der aktuellen Diskussion gehören (Stefan Müller-Doohm, Hartmut Rosa, Hauke Brunkhorst). Es werden die wesentlichen Referenzautoren behandelt (Kant, Hegel, Marx). Wünschenswert wäre aber auch eine Darstellung der Arbeit von Oskar Negt und Alexander Kluge gewesen, da ihre Arbeit am ehesten dem interdisziplinären Ideal entspricht, wie es Max Horkheimer formuliert hat. Da der vorliegende Band vor allem aus Beiträgen einer öffentlichen Vortragsreihe an der Universität Oldenburg besteht, würde man eventuelle Lücken auch nicht den Herausgebern anlasten wollen.

Die große Stärke dieses Bandes ist, dass Theorien angesprochen werden, die nicht zum Mainstream der kritischen Theorie gehören, etwa Beiträgen über den Perfektionismus oder die Philosophie Rainer Forsts. Greift man den Faden auf, dass sich kritische Theorie vor allem als Krisenwissenschaft versteht, wird dieser Band dem Anspruch teilweise gerecht: An vielen Stellen steht die Exegese im Vordergrund, aber es gelingt den Autor*innen, mit lebensnahen Beispielen die z.T. sehr komplexen Theorien zu illustrieren, etwa der Artikel über den Perfektionismus oder über Resonanz. Der Fairness halber sei angemerkt, dass es auch nicht der Anspruch dieses Buches war, eine Antwort auf aktuelle Herausforderungen oder einen weiteren Ausflug zur Zeitdiagnose zu geben.

Fazit

Die Beiträge sind durchweg in einer klaren und allgemeinverständlichen Sprache verfasst, die es auch Leser*innen, die nicht in den jeweiligen Disziplinen heimisch sind, bzw. zu einem der Themen wenig Vorkenntnisse besitzt. Dadurch können sich Leser*innen mit Anfängerkenntnissen in der Philosophie auch neue Wissensgebiete erschließen, denn es wird in jedem Beitrag auch eine gute Einführung in die jeweiligen Denk- und Arbeitsweisen gegeben. Die Lektüre des Bandes ist vor allem denjenigen zu empfehlen, die sich einen Überblick vom aktuellen Stand der kritischen Theorie verschaffen wollen, denn der Buchmarkt beinhaltet wenig konkurrierende Angebote.

Literatur

Türcke, Christoph; Bolte, Gerhard: Einführung in die kritische Theorie, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1994


Rezensent
Martin Gloger
Diploma Hochschule – Fachhochschule Nordhessen
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Zitiervorschlag
Martin Gloger. Rezension vom 11.10.2018 zu: Sven Ellmers, Philip Hogh (Hrsg.): Warum Kritik? Begründungsformen kritischer Theorien. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2017. ISBN 978-3-95832-063-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24116.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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ISSN 2190-9245

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