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Micha Hilgers: Der authentische Psychotherapeut

Cover Micha Hilgers: Der authentische Psychotherapeut. Professionalität und Lebendigkeit in der Therapie. Schattauer (Stuttgart) 2018. 160 Seiten. ISBN 978-3-608-43267-1. D: 39,99 EUR, A: 41,20 EUR.
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Thema

Täglich nehmen Menschen in den Praxen niedergelassener Therapeutinnen und Therapeuten oder in Kliniken Hilfe in Anspruch, um sich von ihren Problemen zu befreien und damit mehr Lebenszufriedenheit zu erzielen.

Bei einer Psychotherapie, sei sie nun psychodynamisch orientiert oder verhaltenstherapeutisch, geht es „um die Emanzipation des Patienten von inneren und äußeren Konflikten, die Erkenntnis unbewusster oder maladaptiver Verhaltens- oder Erlebniswelten, die Verbesserung der äußeren Beziehungen zu Freunden, Kollegen und Partnern wie auch der inneren Beziehung zu sich selbst.“ (S. 19)

Mit der Entscheidung, Rat, Begleitung und Unterstützung bei Experten einzuholen und ihnen damit gewissermaßen Einblick in das ‚Innerste‘ zu gewähren, sind erhebliche Unsicherheiten und Fragen verbunden. Abgesehen davon, dass Betroffene wenig von Abläufen oder gar therapeutischen Schulen wissen, ist es von Bedeutung, in wessen Hände sie geraten: Die jeweilige therapeutische Grundhaltung des als allwissenden und alles sehenden Experten erlebten Gegenübers wirkt sich unmittelbar auf die Interaktion und damit auch die erhofften Erfolge aus.

Der Begriff der Authentizität prägt leitmotivisch das gesamte Buch, wobei der Autor gleich zu Beginn Bezug nimmt auf den „inflationären Gebrauch“ des Wortes (S. V), aber unmissverständlich herausarbeitet, warum es ihm ein Herzensanliegen ist, von dem authentischen Psychotherapeuten zu sprechen: „Zu Recht erwarten wir von unseren Patienten Wahrhaftigkeit bei ihren Mitteilungen. Das setzt jedoch voraus, dass Patienten uns im Dialog ebenfalls als wahrhaftig erleben. (…) Wir sollten uns nicht verstellen, keine Scheinwelt erzeugen. (…) Die im Wesentlichen unreflektierten Gebote eines professionellen Über-Ich, die keiner Überprüfung durch die Forschung über die Therapeutenvariable und Therapieerfolge standhalten, führen zu Verformungen im Alltagsverhalten von Therapeuten, die deshalb unauthentisch sind, weil therapeutische Posen eingenommen werden.“ (S. V/VI)

Psychotherapie wird als im doppelten Sinn dialogisch gesehen: „Einerseits tritt der Patient in einen intensiven Dialog mit sich selbst ein. Gleichzeitig führt er Gespräche mit seinem Behandler, die wiederum Vorbild für seinen fortwährenden inneren Dialog sein können. Wie man es dreht und wendet, Psychotherapie – gleich welchen Verfahrens – ist ein dialogisch-interaktioneller Prozess zwischen zwei Menschen oder zwischen mehreren im Fall der Gruppentherapie.“ (S. VI)

Der Begriff Authentizität wird von Beginn an klar beschrieben: „… professionelle Authentizität bedeutet nicht, sich exhibitionistisch zu offenbaren. (…) Die Herausforderung besteht darin, sich dem therapeutischen Prozess emotional zu überlassen, um sich im nächsten Moment wieder zu distanzieren, mit Fragen wie: Was passiert hier gerade? Worum geht es? Was erlebe ich in diesem Moment? Was war einige Augenblicke vorher? Es geht um ein Oszillieren zwischen interessiertem Staunen über den therapeutischen Prozess, radikaler Akzeptanz der Gegenübertragung und der Suche nach dem aktuellen Fokus“. (…) Die „Lebendigkeit von Psychotherapie lebt von Irrtum und Korrektur: Therapieerfolg zeigt sich gerade darin, dass Foki geändert, Ziele neu definiert und Konflikte anders gedacht werden müssen“. (S. VI/VII)

Damit macht der Verfasser gleich deutlich, was Leserinnen und Leser erwartet und welche Grundhaltung ihm wichtig ist. Auf diese Weise lädt er ein, der Konkretisierung in Gestalt von 9 Kapiteln zu folgen, wobei in Bezug auf sein Selbstverständnis schon im ersten Kapitel betont wird: „Wir sind nicht die Hüter des Grals, … (…) Folglich bleibt wenig Platz für dogmatische Haltungen oder starres Festhalten an eisernen oder goldenen Regeln. Wer das möchte, verwechselt Psychotherapie mit Metallurgie.“ (S. 13)

Autor

Micha Hilgers ist Diplompsychologe, Psychoanalytiker (DGPT), Gruppenanalytiker und Supervisor DGGO/D3G, Gruppenanalytischer Teamsupervisor und Organisationsberater (DGSv). Er verfügt über jahrzehntelange therapeutische Erfahrung in verschiedenen Kontexten. Zudem ist er Verfasser von zahlreichen Zeitschriftenbeiträgen sowie Büchern. Sein Buch „Scham. Gesichter eines Affekts“ (vgl. die Rezension) ging 2012 in die vierte, erweiterte Auflage und gilt mittlerweile als ‚Klassiker‘.

Entstehungshintergrund

Vorwort und Hinweise im gesamten Text geben klar zu erkennen, dass es dem Verfasser wichtig ist, mit Blick auf die gemachten Erfahrungen einen Impuls zu setzen: „Ich wäre froh, wenn dieses Buch dazu ermutigt, zu einer Fehlerkultur zu kommen, die uns alle in unserem so spannenden und bereichernden Beruf lebendiger und authentischer werden lassen würde.“ (S. VII)

Aufbau

Dem Vowort in dem von Schattauer – wie immer – hervorragend verarbeiteten Buch folgen acht Kapitel, Bemerkungen zum Coverbild, das Literaturverzeichnis sowie ein Sach- und Personenverzeichnis.

Inhalt

Kapitel 1 widmet sich der Frage der Identität und der Schwierigkeit, sich als Psychotherapeut normal zu verhalten. Die antiquierte Rezeption von Psychoanalyse, deren angebliche Strenge, Fragen der Zurückhaltung (Enthaltung persönlicher und wertender Stellungnahmen), die Haltung gegenüber Misserfolgen (von denen die Mehrheit nichts wissen will), Fehlern und dem Scheitern, Intransparenz (diese „schafft ein Klima von Misstrauen und Angst“/ S. 5), Ängste um die eigene Berufsidentität und Schamkonflikte des Behandlers stehen im Mittelpunkt der Ausführungen. Es folgen Fragen, was den Prozess fördert, inwiefern Identität Flexibilität und Offenheit ermöglicht und wer Psychotherapeut (nicht) ist. Zum Schluss ist von der Schwierigkeit, sich bewusst verrückt zu verhalten, die Rede.

Kapitel 2 fragt danach, wie Psychotherapie eigentlich geht und nimmt u.a. Bezug auf die Notwendigkeit der Aufklärung (Diagnose, Indikation, mögliche Alternativen der Behandlung, …), auf die Risiken von Psychotherapie, unerwünschte Nebenwirkungen und – ganz wichtig – auf den Umgang mit Fehlern, wobei Micha Hilgers sehr dezidiert ein „Plädoyer für eine Fehlerkultur“ (S. 30) formuliert.

Emanzipatorischer Humor und Lachen stehen im Mittelpunkt von Kapitel 3. Der politische Witz und die Karikatur (Exkurs, S. 43), die ambivalente Funktion des Witzes, das Gelächter in der Psychotherapie, Humor bei schweren Über-Ich-Konflikten sowie der Humor im Kontext tragischer Momente sind Gegenstand. „Dort, wo das Unabänderliche des Lebens und die eigene Endlichkeit – sei es in Form von Alter, Gebrechlichkeit, nahendem Tod, oder sei es angesichts von Verlusten, verpassten Lebenschancen und zunehmend eingeschränkter Möglichkeiten – den therapeutischen Prozess zu dominieren droht, ist es erneut der anarchische Charakter von Humor, der das Unabänderliche zwar akzeptiert, sich aber nicht unterwirft“, heißt es auf Seite 53.

Kapitel 4 widmet sich dem tabuisierten Thema Sexualität („Es gibt keine Therapie ohne Sexualität“, S. 55). Die Liebe in der Therapie, Sexuelles zwischen Patient und Therapeut, sexuelle Inhalte im Lauf der Behandlung und Schamgrenzen sind Inhalte. „Mit den berechtigten Zweifeln an der Libidotheorie als umfassende Grundlage menschlicher Konflikte geriet Sexualität immer mehr in den Hintergrund psychotherapeutischer Theorie und Praxis. Der schwierige Umgang mit sexuellen Themen in der Behandlung und vor allem Sexualität in der Behandlung wird so mehr oder weniger komfortabel vermieden.“ (S. 61) Micha Hilgers verlässt diese Komfortzone und liefert Einsichten.

Dem unbekannten Bösen (das „stets eine Erklärung braucht“, S. 88), der Therapie bei Dissozialität kommen Lesende in Kapitel 5 auf die Spur. Die Verkennung der Dissozialen Persönlichkeitsstörung, eine zu beobachtende opulente „diagnostische Unsicherheit“ (S. 72), eine „verwirrende Vielfalt diagnostischer Kategorien“ (S. 82; damit verbunden ein Vergleich von Narzisstischer, Antisozialer, Dissozialer Persönlichkeitsstörung mit den Konzepten von Cleckley und Hare) gehen thematisch einem Exkurs „Was ist das Böse?“ (S. 85), Ausführungen zur Ambivalenz gegenüber dem Bösen und Überlegungen zur Psychopathologisierung des Bösen voraus. Abschließend werden das Versagen der Empathie und die Gegenübetragung bei Dissozialität angesprochen.

Kapitel 6 definiert die Rolle des (guten) Leiters in der Gruppentherapie, dessen Aufgaben und geht auf weitere Spezifika im Detail ein.

Der Faktor Zeit in der Psychotherapie (Therapiedauer, Zeitmanagement, Rahmenbedingungen, die Beendigung der Therapiestunde, der Abschied) wird in Kapitel 7 eingehend beschrieben.

Kapitel 8 bezieht sich auf den sogenannten Ödipuskomplex, welcher als Grundfeste der Psychoanalyse gilt. Der Ödipus-Mythos, der existenzielle menschliche Themen verdichtet, war und ist von Bedeutung für die Psychotherapie. Nach diesbezüglichen Ausführungen gelangt Micha Hilgers zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der derzeitigen Ausbildungssituation des ‚Nachwuchses‘: „Doch das System der Psychotherapieausbildung ist keineswegs dazu angetan, rasch die Eigenständigkeit der Ausbildungsteilnehmer zu fördern. (…) Psychotherapeuten in Ausbildung sind gezwungen, im praktischen Teil ihrer Ausbildung für ein Handgeld oder völlig ohne jedes Gehalt therapeutische Angebote sicherzustellen, die die psychiatrischen und psychotherapeutischen Einrichtungen sonst entweder aus Kostengründen so nicht anbieten können oder wegen Gewinnmaximierung nicht leisten können. Eine ernsthafte und verantwortliche Anleitung der jungen Kollegen findet in aller Regel nur sehr mangelhaft statt oder die Ausbildungskandidaten werden völlig auf sich gestellt. (…) Doch anders als im Mythos beginnen sich Psychotherapeuten in Ausbildung zu emanzipieren, indem sie durch Demonstrationen auf sich aufmerksam machen. Die Chance liegt in der Solidarisierung gegen Einschüchterung, Unterdrückung und Ausbeutung.“ (S. 131)

In Kapitel 9 werden Erläuterungen zum surrealen Coverbild gegeben. Dieses zeigt eine schöne Frau, über deren Kopf verkehrtherum ein Vogel schwebt. Mit der Deutung dieses Bildes (der Vogel im Sinne von „einen Vogel/eine Meise/eine Macke haben“) fasst Micha Hilgers noch einmal eindruckstark Wesentliches zusammen: „Worum es geht, ist die teils schwierige, teils anrührende Begegnung von Patient und Therapeut mit Vögeln, die, wenn ihre Integration gelingt, nicht mehr auf dem Kopf stehen und deshalb die Gesichter lebendig und erfahrbar machen könnten.“ (S. 134) Kurz zuvor heißt es: „In einer gelingenden Psychotherapie begegnen sich zwei Menschen mit ihren Macken – …“

Allen Kapiteln – ganz wesentlich – ist gemein, dass sie zahlreiche ausführliche und optisch hervorgehobene Fallbeispiele sowie Praxistipps aufweisen. Gleich mehrere, sehr gute Karikaturen/Cartoons dienen der Illustration.

Diskussion

Dieses Buch wird vermutlich gleich mehrere Zielgruppen interessieren, begeistern … oder aber auch in Wallung versetzen:

Um die stetige Reflexion ihres beruflichen Handelns bemühten praktizierenden Therapeutinnen und Therapeuten werden sich neue Sichtweisen eröffnen, viele Impulse werden sie mit Erleichterung und auch Dankbarkeit annehmen – sie werden neugieriger und wacher ihre Arbeit aufnehmen.

In unseren Kliniken Tätige („Psychotherapie im weiteren Sinne wird von zahlreichen Berufsgruppen ausgeübt“, S. 13) werden es gutheißen, dass Hilgers die häufig zu beobachtende Wagenburgmentalität als nicht vertretbar ansieht.

In der Ausbildung befindliche Kolleginnen und Kollegen werden von dem hohen Fachwissen, der großen Erfahrung des Autors, seiner Klarheit und von seiner spürbaren Ablehnung jedweder Dogmenhörigkeit profitieren.

Neugierig gewordene Patientinnen und Patienten werden zukünftig den Grund für ein gewisses Unbehagen nicht mehr ausschließlich bei sich suchen, wenn sie das professionelle Gegenüber unerreichbar, wenig Resonanz bietend oder gar seltsam finden – u.U. machen sie sich dann sogar auf die Suche nach einem anderen, authentischen Therapeuten…

Und schließlich werden jene Therapeuten, in deren professionellen Über-Ich ein „unbeweglich dreinschauender und sich auch so gebarender Analytiker“ (S. 5) herumgeistert und für die Prinzipien- bzw. Schulentreue das höchste Gebot ist, Stellenwert und Bedeutung dieses Buches hektisch weghüsteln.

Das Buch trifft und betrifft folglich auf vielen Ebenen…

Fazit

Micha Hilgers hat mit der Wahl des Buchtitels die Messlatte recht hoch gesetzt – und mit dem ersten Anlauf ist ihm der Sprung gelungen! Die Bilanz ist ein in vieler Hinsicht ungewöhnliches, praxisnahes, Wissen vermittelndes und dabei wenig ‚artiges‘, ermutigendes Buch. Dies ist auch dem lebendigen, souveränen Schreibstil und einem an vielen Stellen aufblitzenden köstlichen Humor zu verdanken.

Fortsetzung erwünscht.


Rezensent
Thomas Hax-Schoppenhorst
pädagogischer Mitarbeiter der LVR-Klinik Düren, Sachbuchautor, Herausgeber, Erwachsenenbildner
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Zitiervorschlag
Thomas Hax-Schoppenhorst. Rezension vom 29.03.2018 zu: Micha Hilgers: Der authentische Psychotherapeut. Professionalität und Lebendigkeit in der Therapie. Schattauer (Stuttgart) 2018. ISBN 978-3-608-43267-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24117.php, Datum des Zugriffs 16.07.2018.


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