socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Tanja Munk: Armut als Gegenstand der Ethik

Cover Tanja Munk: Armut als Gegenstand der Ethik. Eine Rechte- und Pflichtenanalyse. Duncker & Humblot (Berlin) 2018. 296 Seiten. ISBN 978-3-428-15075-5. D: 99,90 EUR, A: 102,70 EUR.

Ethik und Recht, Band 6.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

In Deutschland stellte Armut vor allem dann ein größeres öffentliches Thema dar, wenn die Bundesregierung den neuen Bericht über „Lebenslagen in Deutschland“, also den landläufig sogenannten „Armuts- und Reichtumsbericht“, herausbrachte. Das hat sich in den letzten Jahren geändert: Mit dem Auftreten von „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) und der „Alternative für Deutschland“ (AfD) sind prekäre Lebenslagen in Politik und den Medien ein zentrales Thema, das vor allem unter dem Schlagwort „die Sorgen und Ängste der Menschen ernst nehmen“ diskutiert wird. Im Frühjahr schließlich erreichte diese Debatte ihren (vorläufigen) Höhepunkt als Reaktion auf den Beschluss der Essener Tafel, vorerst keine Migranten/innen mehr aufzunehmen. Grund genug also, sich aus wissenschaftlicher Perspektive mit dem Phänomen auseinanderzusetzen.

Die Dissertationsschrift „Armut als Gegenstand der Ethik. Eine Rechte- und Pflichtenanalyse“ behandelt das Thema aus philosophischer Sicht. Ziel ist die Entwicklung von „Kriterien und Anforderungen […], denen jedwede Ausgestaltung eines menschenwürdigen sozialen Minimums gerecht werden muss“ (S. 12). Anhand dieser soll schließlich beurteilt werden können, „inwieweit ein in der Sozialpolitik und -gesetzgebung oder in der empirischen Sozialforschung verwendetes Armutsverständnis einer kritischen moralischen Überprüfung standhält oder sich als korrektur- und ergänzungsbedürftig erweist“ (ebd.).

Autorin

Tanja Munk ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Philosophischen Seminar der Universität zu Köln. Das vorliegende Werk stellt ihre Dissertationsschrift dar.

HerausgeberIn und Entstehungshintergrund

Das Buch ist ein Beitrag in der von Wilfried Hinsch (Professor für Praktische Philosophie an der Universität zu Köln) und Silja Vöneky (Professorin für Völkerrecht, Rechtsethik und Rechtsvergleichung an der Universität Freiburg) herausgegebenen Reihe „Ethik und Recht“, die sich dem „Zusammenspiel von Ethik und Recht“ widmet.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst 296 Seiten und ist in acht Kapitel gegliedert. Eingerahmt werden diese von einem Vorwort, einer Einleitung, einer Zusammenfassung der Ergebnisse sowie einem Stichwortverzeichnis.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das differenzierte ausführliche Inhaltsverzeichnis.

In Kapitel A setzt sich die Autorin mit der „offene[n] Frage im Grundgesetz“ (S. 18) auseinander: Munk plädiert dafür, dass es ein „Recht auf ein Leben frei von Armut“ (S. 20) geben sollte. Im Grundgesetz wird ein solches Recht nicht explizit formuliert, jedoch in der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts: In seiner Entscheidung vom 09. Februar 2010 hat es sowohl verfahrens- als auch inhaltliche Richtlinien formuliert, an denen sich das gesetzgeberische Handeln messen lassen muss.

Kapitel B klärt die für die Arbeit wesentlichen Begriffe, wobei für den Argumentationsgang vor allem die Differenzierung von juridischen und moralischen Rechten zentral ist. Auch wenn sich letztere nicht auf ein institutionalisiertes und ggf. mit Sanktionen durchgesetztes Rechtssystem stützen können, kommt den moralischen Rechten der Autorin zufolge „soziale Realität zu, sofern sie Bestandteile der Common-Sense-Moral“ (S. 28) sind. Von einer solchen, im Wesentlichen von allen Mitgliedern einer Gemeinschaft anerkannten Moral unterscheidet Munk eine sogenannte „kritische Moral“, die (zunächst) keine soziale Realität besitzt und als Maßstab zur Kritik der juridischen und etablierten moralischen Rechte verstanden werden kann. Die vorliegende Schrift argumentiert „aus der Perspektive einer kritischen Moral“ (S. 29) und ist somit mit dem normativen Anspruch verbunden, zur Veränderung der „Common-Sense-Moral“ und letztlich auch des Rechts beizutragen.

Die Kapitel C. bis G. sind der Kernfrage des Werkes gewidmet: Welchen Kriterien muss die Ausgestaltung eines menschenwürdigen sozialen Minimums aus der Perspektive einer kritischen Moralphilosophie genügen?

Die Autorin argumentiert in Kapitel C zunächst dafür, dass moralisch relevante Armut sowohl absolute als auch relative Momente enthalten sollte. Außerdem wäre es verkürzt, den Armutsbegriff subjektiv – also an der Wahrnehmung der Menschen orientiert – zu fassen, unter anderem aufgrund des „Problem[s] der adaptiven Präferenzen“ (S. 71): In der Forschung hat sich gezeigt, dass Menschen als Bedürfnisse formulieren, was ihnen letztlich in ihrer Lage als realisierbar erscheint. Insofern muss davon ausgegangen werden, dass problematische Lebensumstände zu einer Anpassung der Erwartungshaltung führen und somit objektive Armut durch subjektive Anpassungsleistungen seltener als solche bezeichnet wird. Merkmale zur Erfassung der objektiven Armut, auf die die Verfasserin ihre Analyse stützen möchte, sind unter anderem „der Ernährungs- oder Gesundheitszustand, der Bildungsstand oder die Höhe des Einkommens“ (S. 69).

In Kapitel D problematisiert die Autorin – ausgehend vom Ergebnis, dass der Armutsbegriff objektiv zu bestimmen ist – die Frage, ob es legitim ist, für Erwachsene und Kinder verschiedene Minima als menschenwürdig anzunehmen. Als relevanten Unterschied hierfür sieht Munk die „Fähigkeit zur Selbstbestimmung“ (S. 78), wobei sie auf Basis der geringeren Autonomie von Kindern auf die Rechtfertigung einer größeren Einschränkung der Selbstbestimmung schließt.

Munk argumentiert in Kapitel E für die These, „dass sich der Armutsbegriff mithilfe ressourcenorientierter Ansätze nicht in einer ethisch angemessenen Weise explizieren lässt“ (S. 97), was am Beispiel von John Rawls' Theorie sowie an einem ausschließlich am Einkommen orientiertem Verständnis erläutert wird: Letzteres findet vor allem in der quantitativen Sozialforschung Verwendung, und scheint zunächst auch ein plausibler Ansatz zur Erfassung von Armut zu sein, da Geld in modernen Gesellschaften das zentrale Tauschmittel zum Erwerb von Gütern darstellt. Außerdem trägt dieses Verständnis hohen Anforderungen an die individuelle Selbstbestimmungsmöglichkeiten Rechnung, da Geld als allgemein einsetzbares Mittel „niemanden auf die Verwirklichung einer bestimmten Konzeption des Wohls fest[legt]. Vielmehr steht es jedem frei, das zur Verfügung gestellte Geld nach eigenem Gutdünken zu verwenden“ (S. 101). Allerdings ist es der Autorin zufolge mangelhaft, sofern weitere materielle Bestimmungsgrößen – wie das Verfügen über Geldvermögen oder der Zugang zu kostenlosen Dienstleistungen (vgl. S. 102) – sowie die äußeren Lebensumstände im Allgemeinen nicht berücksichtigt werden.

Kapitel F widmet sich den Ansätzen, die den Armutsbegriff explizieren, indem sie eine Vorstellung von einem minimalen Wohl entwerfen, wobei sich diese in solche unterteilen lassen, die das tatschlich realisierte Wohl (Frances Steward) oder die Befähigung zur Verwirklichung eines solchen (Amartya Sen, Martha Nussbaum) als Kriterium setzen. Der der zweiten Kategorie zuzuordnende Capability-Ansatz ist Munk zufolge am ehesten geeignet, um ein aus moralischer Perspektive angemessenes Armutsverständnis zu entwickeln. Unter anderem impliziert dieser Ansatz, dass sich das minimale menschliche Wohl aus mehreren Elementen zusammensetzt und dass sich das Armutsverständnis objektiv fassen lässt, wobei sich nicht auf das absolute Minimum zur Befriedigung von Grundbedürfnissen begrenzt wird.

Nach Munk weist der Capability-Approach dennoch Mängel auf, die sie in Kapitel G durch einige Ergänzungen und Modifikationen aufheben möchte. Ein Problem ist darin zu sehen, dass man dem Ansatz Paternalismus vorwerfen könnte, insofern er mit dem Anspruch einer objektiven Bestimmung des menschlichen Wohls verbunden ist (S. 190). Nussbaum selbst hat diesen Einwand mit dem Hinweis darauf zurückgewiesen, dass die Verwirklichung der Vorstellung des Wohls keinem Menschen einen Zwang auferlegt, sondern vielmehr zum Ergreifen einer bestimmten Lebensweise befähigt werden soll, womit der Autonomie der Hilfsbedürftigen Rechnung getragen wird.

Kapitel H widmet sich der Frage, inwiefern sich aus dem in den letzten Kapiteln präzisierten Armutsverständnisses bzw. des Rechts auf ein soziales Minimum Pflichten zur Armutsbekämpfung ableiten lassen, wobei die Autorin hier unter anderem auf die Theorie Peter Singers rekurriert: Ihm zufolge sind wir in einem vorinstitutionellen Zustand zur Hilfe verpflichtet, bis die Helfenden selbst in einen Zustand der Armut abzurutschen drohen. Die Autorin argumentiert abschließend dafür, dass das Recht auf ein soziales Minimum im institutionellen Zustand positiv-rechtlich implementiert werden sollte und auch auf der internationalen Ebene von einer Hilfspflicht ausgegangen werden muss.

Im letzten Teil, der Zusammenfassung der gewonnenen Ergebnisse, wendet Munk die in ihrer Untersuchung entwickelten Kriterien für ein soziales Minimum auf das Urteil des Ersten Senats des Bundesverfassungsgerichts vom 9. Februar 2010 an. In diesem formulierte das Gericht Vorgaben, denen der Gesetzgeber bei der Ausgestaltung des verfassungsrechtlich garantierten Rechts auf ein menschenwürdiges soziales Minimum in Deutschland gerecht werden muss. Unter anderem beschränkt sich auch das Bundesverfassungsgericht nicht auf diejenigen Güter, die zur Sicherung der Existenz zwingend erforderlich sind, sondern erweitert diese darum, dass die Pflege menschlicher Beziehungen sowie ein Mindestmaß an gesellschaftlicher, kultureller und politischer Teilhabe möglich sein muss. Wie Munk ausführt, finden sich jedoch keinerlei Überlegungen dazu, welche Güter aus welchen Gründen für ein soziales Minimum erforderlich sind; die Vorgehensweise zur „systematischen und objektiven Herleitung der Elemente des menschlichen Wohls“ (S. 275) müssten jedoch dargelegt werden, um sie überprüfen bzw. nachvollziehen zu können.

Diskussion

Dem Leser erschließt sich zunächst nicht, ob die in Kapitel D vorgenommene Erörterung der Grenzen der Selbstbestimmung in Bezug auf Kinder den Charakter eines Exkurses besitzt bzw. inwiefern diese Unterscheidung zwischen Erwachsenen und Kindern zum Argumentationsgang substantiell beiträgt (S. 76) – eine Kritik, die sich im nächsten Kapitel zu bestätigen scheint, wenn Kinder explizit bei der Untersuchung ressourcenorientierter Ansätze ausgenommen werden (vgl. S. 97). Die Argumentation ist denn auch eher zu knapp geraten, um tatsächlich die Möglichkeit der Einschränkung kindlicher Selbstbestimmung – in welchem Ausmaß? – zu legitimieren. Im hinteren Teil des Buches ordnet sich dieser Nebenstrang der Analyse jedoch ein, wenn geprüft wird, inwiefern der Capability-Approach – als der Autorin zufolge geeignetste Ansatz zur Explikation eines moralisch begründeten Armutsverständnisses – zur Erfassung von Kinderarmut modifiziert werden muss.

Fazit

Insgesamt liefert die Autorin durch ihre aufschlussreiche und gründliche Argumentation einen wichtigen Beitrag zur Debatte um Armut in Deutschland. Hervorzuheben ist hierbei vor allem ihr Anspruch, keine philosophische Analyse zu entwickeln, der lediglich fachimmanente Bedeutung zukommt. Durch die Entwicklung eines Armutsverständnisses, anhand dessen eine Überprüfung von Sozialpolitik, sozialrechtlicher Entscheidungen sowie Armutsforschung möglich ist, ist ihre Arbeit für den sozialstaatlichen -wissenschaftlichen und öffentlichen – Diskurs im Allgemeinen von höchster Relevanz.

Insofern ist der Autorin ihr Vorhaben gelungen, aus der Perspektive der kritischen Moralphilosophie heraus eine neue Sicht auf den Armutsbegriff und die Anforderungen an ein menschenwürdiges soziales Existenzminimum zu entwickeln. Ob dieser Blickwinkel der kritischen Moral, wie von Munk intendiert, einen Beitrag zur Veränderung der Common-Sense-Moral leistet, bleibt abzuwarten. Einen wichtigen wissenschaftlichen Beitrag zur Versachlichung der aufgeheizten politischen Debatte über Armut in Deutschland hat sie allemal geliefert.


Rezensentin
Dr. Ina Schildbach
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der FAU Erlangen-Nürnberg, Lehrbeauftragte in Sozialer Arbeit an der TH Nürnberg, Promotion zum Begriff der Armut bei Hegel. Forschungsschwerpunkte: Armut, Sozialstaat, Armut und Migration, ethische Diskurse
E-Mail Mailformular


Alle 2 Rezensionen von Ina Schildbach anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Ina Schildbach. Rezension vom 08.06.2018 zu: Tanja Munk: Armut als Gegenstand der Ethik. Eine Rechte- und Pflichtenanalyse. Duncker & Humblot (Berlin) 2018. ISBN 978-3-428-15075-5. Ethik und Recht, Band 6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24122.php, Datum des Zugriffs 16.08.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Stellenangebote

Geschäftsführer/in, Aachen

Bereichsleiter/in Familie und Gesundheit, Siegburg

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!