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Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus (SEK): Erneuter Versuch über die Befreiung

Cover Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus (SEK): Erneuter Versuch über die Befreiung. Eine Debatte über Wege und Ziele der Emanzipation. Unrast Verlag (Münster) 2018. 85 Seiten. ISBN 978-3-89771-247-8. D: 8,00 EUR, A: 10,10 EUR.
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Thema

Es geht um nicht weniger als Wege zur Überwindung des Kapitalismus, dabei nicht darum, den allein richtigen Weg auszufechten oder auszuhandeln und festzulegen, es geht allemal um Abschaffung von Ausbeutung und Unterdrückung, der Herrschaft von Menschen über Menschen, dies weltweit, und schließlich wird perspektivisch in den Blick genommen, wie eine zukünftige sozialistische/kommunistische Gesellschaft zumal im Prozess ihrer Konsolidierung aussehen sollte. Konstatiert wird, dass sich in Sonderheit in den Metropolen das Klassenverhältnis verändert hat und somit der Klassenbegriff neu resp. erweitert zu fassen und zu bestimmen ist, das generelle Kapitalinteresse gesellschaftspolitisch immer deutlicher zu Geltung kommt bzw. durchgesetzt wird, somit sozialstaatliche Gestaltungsmöglichkeiten in liberalen Demokratien, selbst in eine Krise geraten, ausgedünnt sind und werden. Krisenfolgen in ihren vielfachen Erscheinungen nutzen trotz aller linken Proteste der alten und der neuen Rechten, die zwar nur scheinbare, aber für viele gesellschaftliche Gruppen annehmbare weil ‚verstehbare‘ Auswege bieten. Die gegenwärtig vorherrschende Form des Neoliberalismus verzweigt sich in alle Welt und mit ihm kapitalistische Klassenherrschaft, generiert sozioökonomische und soziale Probleme eben weltweit, nicht nur als Armutsschatten in den Metropolen, sondern in Form sich ausbreitenden Elends, Krankheit und Hunger, Kriegen und despotischer Herrschaft.

‚Die‘ Linke, die es in dieser Geschlossenheit nicht gibt, hat sich auf dieser Folie auf politische Ziele zu verständigen, nach Auswegen aus der Krise des heutigen Kapitalismus hin zu einer freien Gesellschaft, ohne dabei problematische, realsozialistische Wege erneut zu betreten. Dass es selbstredend nicht um Verbesserung des Kapitalismus gehen kann, steht außer Frage, wobei im Fokus bleibt, was unter einer befreiten Gesellschaft zu verstehen ist. Die DiskutantInnen, deren Beiträge in diesem Band vorgestellt werden, verstehen sich als Teil einer emanzipatorischen Linken und bringen ein breiteres Spektrum linker Positionen ein, greifen selbstredend den Marxismus auf, aber auch anarchistische Idee und Impulse der Kritischen Theorie, ebenfalls Theorien der autonomen Gesellschaft (nicht nur) nach Castoriadis. Nach Lebensalter, Herkunft und Geschlecht unterschieden, werden die Diskussionen auch durch politisch-biographische Erfahrungshintergründe der TeilnehmerInnen befruchtet.

Aufbau

  1. Die beiden Fragen, wie eine freie Gesellschaft aussehen kann und sollte und wie man sie erreichen kann, werden im ersten Teil behandelt.
  2. Im zweiten Teil wird die so genannte Organisationsfrage gestellt, zum Teil noch im Sinne des ‚klassischen‘ Marxismus, zu einem anderen, nicht unwesentlichen Teil darüber hinausgehend mit Blick auf Stoßrichtungen bzw. Gegenstände von Widerstandsbewegungen in verschiedenen Ländern und auf verschiedenen Kontinenten, um differenziert der Frage nachzugehen, ob und wie sich hier Chancen für emanzipatorische linke Politik dann auch im Schulterschluss mit solchen Bewegungen auftun.
  3. Der dritte Teil, bestehend aus längeren Statements bzw. Beiträgen von zwei Diskutanten, die „als Wortmeldungen nicht in dieses Gesprächsformat passten“, kreist um Probleme der „Produktion und Konsumtion in kommunistischen Gemeinwesen“ (S. 73) und um die Frage, aus welchen Gründen „sich gerade die emanzipatorische Linke in Deutschland für ein sozialistisches Europaprojekt stark machen“ sollte, wobei auf „Reformdebatten des Ostblocks“ verwiesen wird, um daran anknüpfend – auch um Fehler zu vermeiden – praktikable Vorschläge für die „Gestaltung einer sozialistischen Wirtschaftsordnung“ in die Diskussion einzuspeisen. (S. 77 f.)

Insofern präsentiert das Buch eine „Textsammlung“, wiewohl der dialogische Charakter erhalten bleibt, die „strömungsübergreifende(n) Positionen“ deutlich macht, die allerdings alle „ihre gemeinsame Quelle aus der Inspiration der Emanzipation beziehen.“ (S. 10)

Inhalt

Leitfadenhaft wird gleich im ersten Satz formuliert, was in den einzelnen Diskussionsbeiträgen bzw. Statements immer wieder aufscheint: „Der gute Zweck legitimiert nicht die schlechten Mittel. Die schlechten Mittel delegitimieren den guten Zweck.“ (Bini, S. 13) (Die DiskutantInnen werden durchgehend mit ihren Vornamen zitiert; nähere Angaben zur Person werden unter „Über die Diskutant_innen“ auf S. 83 ff. gemacht.) Perspektivisch bleibe in alle Überlegungen einzubeziehen, dass „Revolution und Postrevolution (…) als emanzipatorische nicht entkoppelbar (sind) und nicht entkoppelt werden“ dürfen, wobei Revolution als „Transformation von Beziehungsweisen“ wesentlich „befriedigende Beziehungsweisen“ zum Ziel hat, „freie und solidarische Beziehungsweisen.“ (S. 13 ff.) Für Robert müsste sich die befreite Gesellschaft vor allem durch Autonomie auszeichnen, wobei er in Parenthese auf Castoriadis verweist. Die „Vorstellung einer homogenen Gesellschaftsstruktur“ sei dabei zu verwerfen; Autonomie beinhalte insofern eine „mögliche Heterogenität von Lebensformen, von Produktionsweisen, wohl auch von Zeitlichkeitskonzepten“, gleichsam „ein ‚Flickenteppich‘ von kleinen und größeren Teilgesellschaften.“ Das heiße auch, dass das „Mehrheitsprinzip“ nur für Menschen gelten dürfe, „die ihm dezidiert zustimmen, es also freiwillig als pragmatisches Entscheidungsinstrument hinnehmen wollen.“ Insoweit würde eine befreite Gesellschaft „nach dem Bild eines sich allmählich, prozessierend verändernden, heterogenen ‚Mosaiks‘“ erreicht werden. Mit „Gewaltanwendung seitens der herrschenden Klassen(fraktionen)“ sei zu rechnen; auf eine „große, wachsende Mannigfaltigkeit von Gegen-Gesellschaften“ sei zu setzen, die sich aber, „wenn sie Teil der Autonomiebewegung sein sollten, einig werden (müssen) über die Essentials des Antikapitalismus, des Anti-Etatismus, der antihierarchischen Ausrichtung jeder wirklichen Emanzipation.“ (S. 16 ff.)

Renate fragt zunächst, wovon die jetzige Gesellschaft befreit werden müsse, und lenkt den Blick auf „Verteilung der miesen Arbeit auf alle“, auf günstigere „Startbedingungen“, wobei wir im Gegensatz zur weltweiten Situation in „europäischen Breiten (…) sehr nahe diesen Möglichkeiten“ wären. Es gehe um „Lernprozesse“, ohne die „eine neue Gesellschaft nicht entstehen“ könne, und zwar vorangetrieben von einem „Nebeneinander von außerparlamentarischen und parlamentarischen Auseinandersetzungen sowie von alten und neuen Organisationsformen“, was „uns wohl noch eine Weile begleiten“ werde. (S. 20 f.) „Rettung der verlorenen Traditionen und das Beleben der entschlafenen Möglichkeiten“ mahnt Elfi für „Erneuerung der revolutionären Projekte“ insbesondere darum an, weil nichts beweise, „dass die Guten gewinnen.“ Sie teilt die Forderung nach „Abschaffung des Zwanges zur Arbeit“ und ist für eine „Verteilung der notwendigen Arbeit auf alle Hände“, richtet ihr Augenmerk auf eine „Ethik des Widerstandes“, was bedeute, „dass wir einer politischen und ökologischen Ökonomie bedürfen“, was „unausweichlich zur Infragestellung des Privateigentums“ führe. Marx habe den von anderen weiterentwickelten Begriff „einer permanenten Revolution“ ins Spiel gebracht, was in eine gegen die herrschende Macht starke Organisationsstruktur in der Form aufzunehmen wäre, die dann „eine Art Bündnis sein soll/wird, plural und demokratisch“. „Gewalt“ solle nur noch als „Notbremse gegen die herrschende Gewalt“ dienen, nicht mehr als „Motor einer Revolution“. Allerdings müsse „Ausbeutung wieder zu einem politischen Thema“ werden. „Hegemonie“ sei zu erkämpfen, wobei sie bei Gramscis Hegemoniekonzept anleiht, wozu es gehöre, „über die maskierten strukturellen Gewaltverhältnisse aufzuklären“. (S. 22 ff.)

Wie eine ‚freie Gesellschaft‘ erreicht werden könne, leitet Thomas mit einem Zitat aus einem Zirkularbrief von Marx und Engels ein: „Wir können also nicht zusammengehn mit Leuten, die es offen aussprechen, dass die Arbeiter zu ungebildet sind, sich selbst zu befreien, und erst von oben herab befreit werden müssen, durch philanthropische Groß- und Kleinbürger.“ Mit ihnen rückt Thomas die „freie Gesellschaft“ als „Resultat der Selbstbefreiung jener“ in den Vordergrund, „die unter den Zwangsverhältnissen der gegenwärtigen Gesellschaft leiden.“ Es bedürfe einer „Revolution der unterdrückten Klassen und Schichten“. Der Verzicht auf „revolutionäre Gegengewalt“ könne gar „ein Verbrechen“ sein, doch verfügten die „Kräfte des Aufstands neben dem gewaltlosen Widerstand über eine weitaus breitere Skala an Gewaltoptionen“. Er verweist auf Marcuses ‚große Verweigerung‘ und mit Erinnerung an Lenin auf „weltweit höchst unterschiedliche Kampfbedingungen sowie politische und ökonomische Ausgangsvoraussetzungen für emanzipatorische Bewegungen und deren Ziele.“ Daraus sei ein „vernetztes gegenseitiges Erfahrungslernen“ zu gewinnen. Heute schon erscheine es als „Überlebensnotbremse vor dem Untergang aller Zivilisation in einer ökologischen Krise“, die reale „Möglichkeit des Übergangs vom quantitativen zum qualitativen Wachstum bei Ächtung von Verschwendung“ zu nutzen. Erst einmal werde es „im besten Fall (eine) immer freiere Gesellschaft geben“ und demzufolge wird die Revolution „also permanent sein und sie wird weltweit stattfinden“, in diesem Prozess auch „befreit vom Diktat des Erwerbszwangs.“ (S. 25 ff.) In Fortsetzung sieht Bernd die Herausforderung auch der „Schaffung eines völlig neuen Zivilisationstyps“, auf diesem Weg die „Schaffung eines Europas von unten“, womit die emanzipatorische Linke „das Tor zum Sozialismus aufstößt.“ „Eine radikale Verkürzung der Arbeitszeit und ein Existenzgeld für alle!“, will er als Forderung erhoben wissen so wie eine Durchdringung des gesamten gesellschaftlichen Lebens durch die „Prinzipien der Geschlechterdemokratie“. Dabei sei auch zwingend, sich der „gesamten Reformdebatte im Ostblock und in Jugoslawien wieder“ anzunehmen. (S. 32ff)

Im Teil II finden sich an unterschiedlichen Stellen vier Fragen, wobei gleich eingangs nach der Feststellung, die DiskutantInnen hätten bezüglich der Umrisse einer befreiten Gesellschaft schnell zu Übereinstimmungen gefunden, aufgekommenen Differenzen um Fragen des Übergangs und solcher von Voraussetzungen einer emanzipierten Gesellschaft zur Debatte gestellt werden. Über „Voraussetzungen“ müsse man sich verständigen, so Bini, wolle man die „emanzipatorische Revolution nicht als eine kurze Insurrektion, sondern als einen Transformationsprozess längerer Dauer fassen.“ (S. 37) Demnach sind „tatsächliche Bewegungen, Verhaltensweisen, Fähigkeiten, Bedürfnisse technischer und kommunikativer Natur“ festzustellen, „die eine emanzipatorische Gesellschaft anstreben, ermöglichen und konstituieren könnte“, bemerkt Renate dazu (S. 38), was Bernd veranlasst, auch mit Blick auf „‚die Weltrevolution‘“ die „völlig verschiedenen Emanzipationsprozesse von bürgerlichen und sozialistischen ‚Aufgaben‘ bewusst ins Auge zu nehmen“ (S. 39), wobei Bini die „Annahme, nur in den ‚hoch entwickelten Zentren‘ seien die Bedingungen für Emanzipation gegeben, (…) für fortschrittsteleologisch und eurozentrisch“ hält. (ebd.) Sie plädiert für eine „Pluralisierung der Perspektiven“ und pointiert, ein „hoch entwickelter Kapitalismus ist also nicht nur keine hinreichende, sondern auch keine notwendige Bedingung für Emanzipation“, was Renate für „Spekulation“ hält, zumal „Revolten und Revolutionen der Peripherie bisher keine Bewegungen zu einer befreiten Gesellschaft“ gewesen seien, was Bini mit der Bemerkung quittiert, sie seien „Bewegungen in Richtung einer befreiten Gesellschaft“, hätten „diese aber nicht erreicht.“ (S. 40)

Thomas macht darauf aufmerksam, dass es nicht nur um Analyse gesellschaftlich krisenhafter Entwicklungen geht, sondern zugleich auch um die „sozialen Ressourcen für die Auflösung solchen Krisenzustands“, die auch „reaktionäre Gestalt aufweisen“ könnten. Das führt ihn zu der Frage, ob „es bereits eine glaubwürdige Alternative zum weitreichend diskreditierten Begriff einer ‚revolutionären Avantgarde‘“ gibt. (S. 41) Es bliebe „nur der Appell ans Bewusstsein“, sähe man nur die „destruktiven Seiten in der Krise“, was Robert insoweit aufgreift, als der „geschichtliche Prozess (…) materiell und ideell zugleich“ sei, was Judith ergänzt, ihr erscheine die „Fähigkeit zur Empathie (…) eine der wichtigsten Grundlagen für den Wunsch nach Veränderung“, eben auch sich der „Verwertungslogik der kapitalistischen Gesellschaft zu entziehen und eigene Ideen über Zusammenleben und -arbeiten zu entwickeln und zu realisieren“, wobei sie „Idee und Praxis vieler politischer Netzwerke“ für einen guten „Ersatz für eine Avantgarde“ hält, „die alles besser weiß und leitet.“

Bernd merkt im Anschluss an eher allgemeine und spezifische „Voraussetzungen“ an, man rede ja nicht „von beliebigen bürgerlichen Emanzipationsprozessen“, sondern von der „Überwindung der Klassengesellschaft, des Patriarchats, der rassistischen und nationalistischen Unterdrückung überhaupt durch die Schaffung einer freien Gemeinschaft freier Individuen nach dem Kapitalismus.“ (S. 42 ff.) Die Frage nach „historisch anderen, neuen subjektiven und objektiven Bedingungen“ und die nach einem mehrheitlich auf Alternativen zielenden „Produzententyp“ will Renate erörtert wissen, die Bini „bewusst zugespitzt“ mit Hinweis auf „Rojava und Chiapas“ beantwortet, was Judith bestätigt und der „immer wieder aufscheinenden These von den hoch entwickelten Produktivkräften als notwendige Voraussetzung einer revolutionären Entwicklung“ entgegenhält, wobei es, so Renate, nicht bei „Enklaven“ bzw. „Sonderzonen“ bleiben dürfe, sondern überall „Selbstverwaltungsstrukturen aufzubauen“ möglich sein müsste. (S. 45 ff.) Wenn auch die bürgerliche Emanzipation gegenüber vorbürgerlichen Herrschaftsformen als Fortschritt zu qualifizieren sei, gehe es doch in dieser Diskussion um die „bewusste Unterscheidung von bürgerlichen und sozialistischen Emanzipationsprozessen“, erinnert Bernd und nach weiteren Beiträgen führt Robert auf die Frage nach Alternativen zum diskreditierten „Begriff einer revolutionären Avantgarde“ zurück, um zu dem Schluss zu kommen, es fehle „eine gesellschaftlich wirkmächtige ‚Selbst-Institution‘ der emanzipatorischen Bewegungen: vor Ort, kontinental, weltweit!“ Nicht dagegen, aber als dabei einzudenken sei, so Elfi, „die Bereitschaft eines Großteils der Bevölkerung, den herrschenden Zustand mit einem emanzipatorischen Ziel zu beenden und das gute Neue anzugehen“, wobei das „Wichtige dabei (…) Verstetigung und Veränderung“ sei, was „bereits die Frage der Organisation“ tangiere. (S. 47 ff.)

An dieser Stelle wird eine weitere Zwischenfrage gestellt, die angesichts der verschiedenen Positionen der DiskutantInnen darauf dringt: „Welche (selbstkritischen) Schlussfolgerungen zieht ihr jeweils aus diesen Erfahrungen? Muss die Linke heute die Organisationsfrage völlig neu beantworten?“, woraufhin Bernd zunächst mit dem Hinweis antwortet, dass es das „Verhältnis von Kapital und Lohnarbeit, also das Klassenverhältnis, durch die freie Assoziation der Produzent_innen aufzuheben“ gilt, um hinzuzufügen, dass zumal in Deutschland und Europa eine massenhafte Herausbildung proletarisierter „Intelligenzija“ und zugleich eine Pauperisierung von IndustriearbeiterInnen und Angestellten stattfinde: „So entsteht aber keine gemeinsame ‚proletarische Kultur‘ mehr“, keine „gemeinsame Identität“, und durch eine „Bündnispolitik“ müssten die „extrem heterogenen Sektoren und Fraktionen des heutigen ‚ökonomischen Proletariats‘, also die ‚subalternen Klassen‘“ vereint werden. Gleichsam „Avantgardeproblematik“ sei für eine heutige Linke, dass eine solche Politik nur „als föderative politische Bewegung einer ‚Mosaiklinken‘, in der bereits heute die ‚freie Assoziation‘ trainiert und ausgehalten wird“, machbar sei. Gegenüber Renates Einwand, ihr „Avantgardebegriff als ‚gesellschaftliches Verhältnis‘“ sei nicht mit dem „Begriff der ‚vorangehenden Minderheit‘ identisch“, hält Bernd im Sinne einer „Zusammenführung verschiedener Kämpfe“ an der „Organisierung einer ‚vorangehenden Minderheit‘“ fest, was nur funktionieren könne, „wenn die verschiedenen Sektoren durch ein gemeinsames soziales Zukunftsprogramm vereint sind, das ihre je aktuellen Konflikte zu überbrücken hilft.“ (S. 51 ff.)

Erörtert wird das Problem von „Parteien als konterrevolutionäre Avantgarde“ (Thomas), dass „revolutionäre Bewegungen“ immer noch bloß „im Rahmen des Kapitalverhältnisses“ stattfinden (Renate), sich nicht gegen die „kapitalistischen Produktionsverhältnisse“ richten, „sondern immer auf deren Boden“ befinden (Thomas), wobei historische Erfahrungen lehrten, dass die „Freisetzung“ eines so gebundenen Bewusstseins „erst im revolutionären Prozess zu erwarten“ sei. Daher bliebe die „Zusammenführung der Kämpfe“ strategische Aufgabe (Bini), wobei aber die „Beschränktheit“ einer „subkulturellen Dissidenz im kapitalistischen Staat“ nicht außer Acht gelassen werden dürfe (Robert), weshalb, weil aussichtsreicher als leninistische Machtergreifungspolitik, einer „präfigurativen (anarchistischen) Politik“ Vorrang zu geben sei, die aber nie „selbstgenügsam werden“ dürfe und „konfrontativ bleiben“ müsse. (Bini) Gleichwohl müsse an einer „schlagkräftigen Organisation und unserer Verteidigungsfähigkeit“ gearbeitet werden und entscheidend sei, „ob es gelingen wird, immer mehr Menschen für solch einen Weg zu gewinnen.“ (Robert) Die „Organisationsfrage“ sei „hierzulande fast immer die komplizierteste Frage“ gewesen und nicht vergessen werden dürfe, dass das „‚ökonomische Proletariat‘“ immer schon „sehr heterogen“ gewesen sei „und seine Aktionseinheit so schwierig wie notwendig.“ (Elfi) Und allererst müssten „Vorschläge“ für die Binnengestaltung der „befreiten Gesellschaft“ her. (Renate) (S. 54 ff.)

Wie seht ihr nun mit dem Blick auf die heute globalen Problemlagen und die realen gesellschaftlichen Bewegungen den oder die nächsten Schritte hin zur befreiten Gesellschaft?“, lautet die nächste, an den bisherigen Diskussionsstand anknüpfende Frage, die zunächst mit Hinweis auf den Ist-Zustand beantwortet wird, nämlich mit einem Ringen um „eine ‚ordentliche‘ demokratisch-bürgerliche Entwicklung“, wobei man genau schauen müsse, ob dort „emanzipatorische Kräfte“ freigesetzt würden, mit Hinweis auf Parteien, die der „kapitalgefügigen Geschäftsführung im Staat“ dienten, weshalb es gegen herrschendes Desinteresse „gut begründete(r) Entwürfe“ der „gesellschaftlichen Alternative einer befreiten Gesellschaft“ bedürfe. (Renate) Auch über eine „Art ‚radikale(r) soziale(r) Demokratie‘, die eine ‚alternative Warenproduktion‘ organisiert“, müsse die „Dominanz des Kapitalverhältnisses gebrochen werden“. (Bernd) Doch angesichts einer „deprimierenden Bilanz zeitgenössischer Problemlagen“ (Klimakatastrophe) erscheine es „tollkühn, über nächste Schritte in Richtung einer befreiten Gesellschaft zu räsonieren“ (Thomas), keinesfalls dürfe man auf die missliche Bahn einer „Entwicklungsdiktatur“ einschwenken (Bernd), augenscheinlich seien jedoch „Parteien ‚eines neuen Typs‘ erforderlich“, überdies könnten in den „weltweiten Elendsregionen“ ganz andere und „neue Wege der Befreiung beschritten werden“ (Thomas), zudem öffne sich in „der Krise der Hegemonie (…) die Geschichte (wieder) für verschiedene Optionen: emanzipatorische wie reaktionäre“, und die ersten Schritte „auf den Wegen der Befreiung“ würden „offenkundig nicht in den Zentren getan“ (Bini), überhaupt, was als Frage steht, könne der „berühmte ‚erste Schritt‘ gar nicht für alle den gleichen Inhalt und die gleiche Form haben“. (Renate) Angesichts des Problems mit einer „unilinearistischen Geschichtsteleologie“ und der „Vorstellung von ungleichzeitigen und kombinierten Entwicklungen“ (Bini) sei zunächst im „nächsten historischen Schritt“ im Sinne des klassischen Marxismus an eine „‚Übergangsgesellschaft‘“ mit realistischem Blick auf „die ‚Muttermale der alten Gesellschaft‘“ zu denken, was als Versuch, unterschiedliche „Voraussetzungen zu analysieren und verschiedene Entwicklungswege zu erkunden“, das „Gegenteil von Geschichtsteleologie“ sei. (Bernd) Unter dem Strich sei man wieder am Anfang der Diskussion, der Frage „nach den spezifischen Voraussetzungen für eine emanzipierte Gesellschaft“. (Renate) (S. 60 ff.)

Die abschließende Frage richtet sich auf Konfliktfelder, Initiativen oder Projekte, in denen die DiskutantInnen einen Hebel sehen, mit dem sie selbst oder, so die Frage im Wortlaut, „eine emanzipatorische Linke in Eurem Umfeld 2017 politisch-praktisch der reaktionären Offensive entgegenstehen sollten, um die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse in Richtung ‚Befreiung‘ umzukehren?“ Hervorgehoben wird da die „Frage des Wohnens“, verbunden mit der „Abschiebung bedrohter Menschen“ (Bini), „Europa als radikal demokratische Föderation auf Basis einer solidarisch-ökologischen Ökonomie“ (Bernd), „Abschaffung des Kapitalismus und der Klassengesellschaft“ (Robert), „‚Recht auf Stadt‘ oder ‚Umverteilung‘“, was zu einer „europaweiten Bewegung“ werden könnte (Renate), „Bildung eines weltweiten Netzwerks linker strategiebildender internationaler Parteien eines ‚neuen Typs‘ (…) Ein langer Weg…“ (Thomas) (S. 70 f.)

Im Teil III werden von Thomas und Bernd relevante Punkte vertieft (s.o.), die bereits in der Diskussion an verschiedenen Stellen Gegenstand waren. Dem Beitrag von Thomas ist ein Brecht-Zitat vorangestellt, das dem Buch auch als ein Motto mit auf den Weg hätte gegeben werden können, insbesondere die letzten Zeilen: „Es wird aber gut sein, wenn ihr nicht in Gedanken eine Wohnung bis auf den letzten Nagel im Kopf einrichtet, die es dann zu ‚verwirklichen‘ gilt. Behaltet euch lieber so viel wie möglich vor. Beim Planen zerstreitet man sich leichter als beim Ausführen und beim Ausführen fällt einem mehr ein als beim Planen. Hütet euch, die Diener von Idealen zu werden; sonst werdet ihr schnell die Diener von Pfaffen sein.“

Diskussion

Auch dieses Zitat dürfte von den DiskutantInnen zwar nicht unbedingt kontrovers, doch aber differenzierend aufgenommen werden – was die gesamte Diskussion auszeichnet, nämlich reflektierte und differenzierende Argumentationen, theoretisch – z.T. interpretierend – unterfüttert, sozialhistorisch angereichert und, wie auch anders, immer wieder auch mit aktuellen Bezügen. Man könnte sich damit bescheiden, statt den Inhalt zu umreißen, was angesichts der Qualität der Diskussionsbeiträge arg verkürzend bleibt, das Buch zur Lektüre zu empfehlen. In der Tat handelt es sich – auch – um eine Textsammlung, was einen eher kleinkarierten Einwand abschattet, dass einzelne, von den DiskutantInnen zur Sprache gebrachte Gegenstände nicht stringent durchgehalten werden, manches sprunghaft erscheint. Dass innerhalb der Debatte nicht ausführlicher auf den im Zuge sozioökonomischer Veränderungen allem Anschein nach problematisch gewordenen Klassenbegriff eingegangen wird (wie bspw. bei Mezzadra/Neumann oder Harman), dass nicht deutlich Bezug genommen wird auf die Fragen um ‚Klasse im Werden‘ (wie u.a. bei Thompson sozialhistorisch ausgearbeitet), dass prospektive Gefahren der Vereinnahmung einer radikaldemokratischen bzw. demokratisch-sozialistischen Bewegung nicht deutlicher aufgezeigt werden (wie sie z.B. Soboul oder Lefebvre an der Französischen Revolution demonstriert haben), dass beim öfter angesprochenen Problem der „Verteilung der miesen Arbeit auf alle“ (Renate, S. 20) jenes vormals schon diskutierte, von Gorz vorgestellte Modell von ‚Autonomiesphäre‘ und ‚heteronomer Arbeit‘ und entsprechend dieser Scheidung ‚Arbeit‘ nicht erneut aufgenommen wird, dass rund um die Frage der ‚Avantgarde‘ Standing und seine Bestimmung des Prekariats als „gefährliche Klasse“ insbesondere im Hinblick auf „Gebildete, die in eine prekäre Existenz gedrängt werden“, nicht thematisiert wird – all diese Punkte, zumal sie immanent berührt werden und dadurch zur vertiefenden Diskussion anregen, können, müssen nicht ausbuchstabiert werden, um sich über politische Ziele und Möglichkeiten ihrer Realisierung zu verständigen, bestenfalls unter Einbezug aller linken Protestbewegungen und auf der gemeinsamen Plattform, dass es gilt, den Kapitalismus nicht nur in seinen Auswüchsen auszubremsen, ihn zu überwinden, den Imperialismus, auch den kulturellen, in zukünftige Geschichtsbücher zu verbannen.

Beim „ironischen Titel“ (S. 9) bzw. der ‚Sammelbezeichnung‘ für die Gruppe der DiskutantInnen, „Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus (SEK)“, darf man einhaken und (halb)bildungsbürgerliche Versatzstücke einspeisen, wie sie als Quisquilien womöglich auch nicht durch die Maschen des historischen Gedächtnisses einer ‚befreiten Gesellschaft‘ fallen. In deren „Wissenschaft der Geschichte“ zur Seite der „Geschichte der Menschen“ wird deren bisherige „verdrehte Auffassung“, wobei „Ideologie (…) nur eine Seite dieser Geschichte“ ist (Marx/Engels), als solche erkannt werden und dabei vor allem, dass die kapitalistische Produktionsweise unter bestimmten Umständen zu einer gewissen Zeit entstanden ist und dass es, wie es ist, nicht zwangsläufig sein und bleiben muss. Ohne historiographische Debatten zu strapazieren: gemächlich und angenehm war es wohl nicht immer oder noch nie, auf Epochenschwellen zu pausieren, und über distinkte Epochengrenzen schlendert man nicht. Nun machen die Menschen zwar „ihre eigene Geschichte“, allerdings nicht „aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen“, was hinlänglich bekannt und unter der Knute von Macht und Herrschaft leidvoll erfahren ist und wird. Und wenn „sie“ antreten, „sich und die Dinge umzuwälzen, noch nie Dagewesenes zu schaffen“ (Marx), fliegt sie eine gewisse ‚Ratlosigkeit‘ an, übrigens eine höchst konstruktive, in die auch die Beiträge der DiskutantInnen der „SEK“ die Leserin und den Leser entlassen und somit zum Denken und Handeln (genauer besehen: beides zugleich) auffordern, an jener ganz anderen und neuen ‚Kuppel‘ (s.u.) mitzuwirken, welche eine ‚befreite‘ und ‚freie‘ Gesellschaft überwölben sollte.

Narrative zum unabdingbaren gesellschaftlichen Bestandserhalt, die ihren Widerspruch erzeugen, selbst solche, die mit kritischer Geste daherkommen, sind „Nebelbildungen im Gehirn der Menschen“ (Marx/Engels), die aufzulösen zehrende Aufklärungsarbeit ist. Jenes „Weitermachen“ (was auf Marcuses Grabstein steht) ist mühselig, ist ermüdend, aber es kann Initialzündungen bergen. Ohne mit ‚Versatzstücken‘ persiflieren und ohne den Mietmäulern der Ideologieproduktion, auch sich als ‚links‘ brüstenden, Steilvorlagen für Rückfall in „angestammte Sprache“ (Marx) geben zu wollen, sei daran erinnert, dass die assoziativ naheliegende Anekdote vom Ei des Kolumbus (der es übrigens in den Sand setzte) laut Vasari auf den Baumeister (und Gelehrten) Brunelleschi zurückgeht und dessen Kuppelbau des Doms Santa Maria del Fiore aus der Gotik baulich schon weit in die Renaissance hineinreichte (wobei dem Baumeister von Gutachtern und Amtsträgern viele Steine in den Weg gelegt wurden). Vergegenwärtigt man sich, um im Beispiel zu bleiben, dass der Bau der Kuppel immerhin sechzehn Jahre dauerte und Brunelleschi neue Konstruktionen und Werkzeuge zu erfinden gezwungen war, dass sich kurz nach Fertigstellung der Kuppel erste Risse zeigten, aus heutiger Sicht undramatische, die als Zeichen der Statik angesehen werden, dann kann man diese von der „SEK“ provozierte Assoziation übertragen: ‚Erneuerung‘ und vor allem ‚Weiterführung‘ zur ‚befreiten Gesellschaft‘ verlangt innovative Ideen und muss mit ‚Rissen‘ rechnen. Offensichtlich ist das Anliegen und Wegskizze der sich trotz aller punktuellen Unterschiede als ‚emanzipatorisch‘ bezeichnenden Linken, die einen Lern- und Aneignungsprozess nicht nur selbst beschreitet, sondern zugleich provoziert, was auf dem Weg zu einer demokratisch-sozialistischen Gesellschaft nottut und wo auch das noch im besten Sinne Utopische nicht ausgespart werden muss – auch wenn es mit mehr als jenem Körnchen Wahrheit richtig bleibt, dass es beim Zustand dieser Welt fast schon „tollkühn“ (Thomas, s.o.) erscheint.

Bini meint, dass „sowohl in der Revolution von 1917 wie von 1968 (…) sowohl intimste Nahbeziehungen, wie rationale Fernbeziehungen“ umfasst worden seien. (S. 14 f.) Diese Adelung der 68er als RevolutionärInnen (wenn nicht Auslöser, so doch radikalisierend waren übrigens ‚Fernbeziehungen‘, erinnert sei an die Massaker von My Lai; die Sache mit den intimen Nahbeziehungen kam später) sollte nicht zu Legendenbildungen in gleichviel welche Richtung verführen, aber ein Alt-68er wird bei SEK doch erst einmal schwer schlucken, so er sich an die Widerspruchserfahrungen aus seiner frühen Kindheit und Jugend erinnert: Da waren sie noch, diese politisch neu eingefärbten Nazis, die etwa dem Sondereinsatzkommando Eichmann der SS nachtrauerten (und dann eben die ‚falschen‘ Kinder in die Welt gesetzt hatten). Dass die späteren SEKs, hervorgegangen aus den Präzisionsschützenkommandos, dann Spezialeinsatzkommandos hießen, ist nicht unbedingt ein Treppenwitz der Geschichte. Doch kann sich der Alt-68er ggf. ein Schmunzeln bei dieser Selbstbezeichnung der emanzipatorischen Linken abringen. Der Schlusssatz aus der (selbstironischen) Glosse von Klaus Hansen in konkret 3/18 kommt in den Sinn: „68er zu sein, das ist ein Job für Generationen!“ In diesem Sinne bedarf es weiter der „Selbsthilfe“, zumal in Form nicht nachlassender Aufklärung, dem Ausweis tatsächlicher Problemursache, was der ‚Präzision‘ bedarf, der Bündelung aller Kräfte, wo man erst einmal nicht umhinkommt, gleichsam das ‚Kommando‘ zu ergreifen (was nichts mit ‚Avantgarde‘ zu tun hat). Und da es nicht nur ‚die Linke‘ so nicht gibt, und da es Gruppierungen wie die Anti-Deutschen gibt, die sich links maskieren und ohne größere Bauchschmerzen andere, wie auch immer Linke als Anti-Imperialisten beschimpfen und (pauschal) in Islamisten die Gefahr vorrangig für Israel sehen (und wer da differenzierter – wie weiland Erich Fried – hingucken will, der ist dann halt Antisemit oder Antizionist), steht man auch vor ‚Binnenfeinden‘ (mit „angestammter Sprache“, s.o.), denen es zu wehren gilt – da sie Munitionslieferanten für die alte und neue Rechte sind, die Morgenluft wittern.

Das Biene-Baumeister-Zitat ist nur bedingt hilfreich: „Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war.“ (Marx) Sattsam bekannt, dass Marx auf dieser analytischen Ebene „die Arbeit in einer Form“ unterstellt, „worin sie dem Menschen ausschließlich angehört.“ Müßig, an „Das Kapital“ zu erinnern, über das man der Essenz nach nicht hinauskommt (trotz gegenteiliger, vor allem ‚akademischer‘ Unkenrufe), worüber und womit ‚aufzuklären‘ ist (eine Tastatur, die kriseninduziert immer mal wieder sogar öffentlich angeschlagen wird). Es bleibt, und dafür steht die „Selbsthilfegruppe“ (mit ihrem für alle ‚Selbsthilfegruppen‘ gültigen und hier zu unterstellenden Credo: ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘), was Brechts strategisch und taktisch gewendete Aufgabe des Baumeisters anmahnt und wovor er warnt. Ganz gewiss sollte man seine Lektionen aus der Weimarer Republik, dem Widerstand im Faschismus, dem Stalinismus und der Geschichte realsozialistischer Länder gelernt haben und offenkundige Fehler vermeiden und sich klug nach Formen der Intervention und Gegengewalt gegen wesentlich auch strukturelle Gewalt (nicht im Sinne von Galtung und besser als ‚Gewalt‘ aus Systemzwängen zu verstehen) umsehen, wie es Elfi empfiehlt (vgl. S. 24 f.), und sie kreativ entwickeln, wobei Formen des Widerstands als Gegengewalt weltweit je situativ changieren und auch als manifeste Gewalt aufzutreten gezwungen sein können. Das ist nötig, weil, wie Elfi (S. 23) den jungen Engels zitiert, die „Geschichte (…) gar nichts (macht).“ Noch vor den „Mühen der Gebirge“ und evtl. als Ballast in den „Mühen der Ebenen“ (Brecht) ist auch eine „philanthropisch-heuchlerische Kleinbürgerlichkeit“, vor der Engels warnte, zu gewärtigen, „die mit den positiven Seiten der bestehenden Gesellschaft vollkommen einverstanden ist und nur darüber jammert, daß auch die negative Seite der Armut daneben besteht, die über und über in der gegenwärtigen Gesellschaft befangen ist und nur wünscht, daß diese Gesellschaft ohne ihre Existenzbedingungen fortexistieren möge“ – was anno 1846/47 nicht ging und nicht gehen wird und heute noch all überall hintergründiger Zungenschlag ist, was auch die Bündnisfrage zu einer praktisch schwierigen macht. Vielleicht gehen da ja beim „Ausführen“ (Brecht, s.o.) dem oder der in dieser Weise Hoffnungsbangen die Augen auf, ohne dabei „Diener von Idealen“ (Brecht, s.o.) zu werden, um dann „verdrehte Auffassungen“ (Marx/Engels, s.o.) zu überwinden und „noch nie Dagewesenes“ zu denken und zugleich handelnd einzuleiten. Fürwahr, um Thomas (s.o.) aufzunehmen: „Ein langer Weg…“

Fazit

Ein ‚langer Weg‘ ist zu beschreiten, und zwar bei Strafe des Untergangs, weil eben „(n)ichts beweist, dass die Guten gewinnen“ (Elfi, s.o.), will man diese höchst unwirtlichen und sich mehr und mehr ausbreitenden Zustände hinter sich lassen, die sich trotz aller bemühten Reformen und Reparaturmaßnahmen auch in Richtung vielfältiger Erscheinungsformen von „Desintegration“ entwickeln, die laut Adorno immer erneut „Integration“ auf den Plan rufen, was wiederum „Desintegration“ zur Folge hat, eine „Entwicklung zur totalen Integration“, die „unterbrochen, nicht abgebrochen (ist); sie droht, über Diktaturen und Kriege sich zu vollziehen.“ (Horkheimer/Adorno) Was sich für die Sozialphilosophen 1944 schon zeigte und was sie 1969 nochmals deutlich betonten, scheint heute wieder in nur veränderten, z.T. wenig variierten Erscheinungsformen näher zu rücken, in denen die wie gehabte Ursache nicht zu verleugnen ist. Auch liegt das sprichwörtliche ‚weite Feld‘ vor allen, die sich auf den Weg machen, auf dem im Hier und Jetzt „(g)leiche, freie und solidarische Beziehungsweisen“ und dabei auch „jene Verhältnisse, die Geschlecht hervorbringen“ (Bini, S. 15), vorwegnehmend eingeübt werden, ohne das eigentliche Ziel aus den Augen zu verlieren. Dies kann als grob gestricktes Fazit aus dem erneuten „Versuch über die Befreiung“ gezogen werden und muss appellatorisch gegenüber klug zu arrangierender Bündnispolitik bleiben. Insoweit ist das Buch all jenen zu empfehlen, die es nicht bei kritischer Klage belassen wollen, die emanzipatorisch gesinnt sind, die – vielleicht – zu zögerlich sind, vertraute, aber ausgetretene Pfade zu verlassen.

Wenn sich auch der Band „besonders“ an die „Emanzipatorischen Linken“ wendet (S. 9), sollte er nicht nur in diesen Reihen seine Leserschaft finden. Spurensuchen nach SED-Doktrinen in PDS-Standpunkten bleiben unfruchtbar und reichern notwendige Auseinandersetzungen nicht an. Als Strömung oder Flügel innerhalb der Partei „Die Linken“ schustern sie nicht krampfartig an einer ‚einheitlichen Erzählung‘; das Kürzel „Systemwechsel“, Verfassungsschützern bereits einen Eintrag wert, ist nicht unbesehen und schlankweg mit gewaltsamem Aufstand zu identifizieren, sondern evoziert von höchst desolaten bis brandgefährlichen Erscheinungen, für die scheint‘s keine systemimmanenten Lösungen bereitstehen. Was der Band bietet, sind ernstzunehmende, tragende Eckpfeiler aller Versuche über „Befreiung“, die in jedwede Diskussion aufzunehmen sind, erwogen sein wollen.


Rezensent
Arnold Schmieder
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Zitiervorschlag
Arnold Schmieder. Rezension vom 04.04.2018 zu: Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus (SEK): Erneuter Versuch über die Befreiung. Eine Debatte über Wege und Ziele der Emanzipation. Unrast Verlag (Münster) 2018. ISBN 978-3-89771-247-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24126.php, Datum des Zugriffs 18.07.2018.


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