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Alexander Häusler (Hrsg.): Völkisch-autoritärer Populismus

Cover Alexander Häusler (Hrsg.): Völkisch-autoritärer Populismus. Der Rechtsruck in Deutschland und die AfD. VSA-Verlag (Hamburg) 2018. 144 Seiten. ISBN 978-3-89965-835-4. D: 12,80 EUR, A: 13,20 EUR.
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Thema

Der Band untersucht die Programmatik, Diskursstrategie, WählerInnenpotenziale sowie die Verbindungslinien in verschiedene Milieus der Partei Alternative für Deutschland (AfD). Unter dem Fokus auf aktuelle Ereignisse analysieren die AutorInnen die Entwicklung der AfD zu einer offen völkisch-autoritären und populistischen Partei.

Herausgeber und Autorinnen

Der Herausgeber Alexander Häusler ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fachhochschule Düsseldorf. Seine Forschungsschwerpunkte sind hierbei die Themen Rechtsextremismus und -populismus, Neonazismus sowie Konflikt- und Integrationsforschung.

Daneben finden sich unter den AutorInnen im Sammelband weitere universitär angebundene Politik- und Gesellschaftswissenschaftler wie Paul Bey, Christoph Kopke, Andreas Zick, Beate Küpper und Karin Priester. Einen ebenso großen Anteil bilden aber auch JournalistInnen und Tätige in der sozialen Arbeit. Hier seien stellvertretend Ulli Jentsch und Eike Sanders vom apabiz e.V. sowie Joachim Bischoff und David Begrich genannt.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband gibt einen einführenden Überblick über die Verortung der Alternative für Deutschland im politischen Spektrum der Bundesrepublik. Zentrales Anliegen des Bandes ist es, die Position und Tradition der AfD als „eine zeitaktuelle und faktenkundige wie zugleich grundsätzliche und kontextbezogene Analyse der AfD und des vorherrschenden Rechtsrucks zu formulieren“(S. 8), wie es in der sehr knappen Einleitung von Alexander Häusler heißt.

Die ersten drei Kapitel des Bandes, die mit jeweils zwei Beiträgen aufwarten können, unternehmen nun eine Verortung der AfD überwiegend im deutschen, aber auch im europäischen, politischen Spektrum. An die Darstellung der ausgemachten sieben Entwicklungsphasen der AfD durch den Herausgeber schließt sich eine Analyse ihrer Agitationsformen und -inhalte an. Häusler plädiert dafür, die AfD als Partei des „völkisch-autoritären Populismus“ zu bezeichnen. Damit lassen sich bereits die Wesensmerkmale der Partei ausmachen: eine völkisch-nationalistische Ideologie, ein autoritäres Staats- und Parteiorganisationsverständnis und eine populistische Agitationsform. Alle drei Punkte unterscheiden die AfD dabei von den bis zur Bundestagswahl 2017 im Bundestag vertretenen Parteien.

Anschließend nimmt Felix Korsch eine Abgrenzung der AfD von CDU und dem Konservativismus der Bundesrepublik vor. Dabei verweist er auf den von Theodor Adorno eingeführten Typus des „Pseudokonservativen“, der im Namen des Konservativismus eben jenes althergebrachte abschaffen will. Die AfD unternehme nun den Versuch im Deckmantel des Konservativismus' mit Hilfe der Zusammenführung mit der extremen Rechten eben jene liberale Werte abzuschaffen, die längst auch als Wesenskern in den deutschen Konservativismus eingegangen sind.

Über die AfD hinaus geht der anschließende Beitrag von Michael Bonvalot, der sich als Kenner der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) erweist. In der europäischen Rechten nimmt diese Partei eine besondere Stellung ein, da sie als erfolgreichste angesehen werden kann. Der Autor zeigt dabei, mit welcher Strategie es gelang die FPÖ nach Haider aus der Opposition heraus erneut als starke Kraft im Parteiensystem Österreichs zu verankern. Hierbei gelang es ihr vor allem, den Diskursinhalt der Politik zu bestimmen. Eine Tatsache, die womöglich stärker wiegt als ihr Erfolg bei Wahlen.

Vom europäischen hin zum deutschen Kontext führt schließlich der Beitrag von David Begrich. Dieser verfolgt das Anliegen die ostdeutschen Spezifika des Wahlerfolges der AfD herauszuarbeiten. Neben den bereits publiken Erklärungen des, im Vergleich mit den alten Bundesländern der Republik, fehlenden Anteils an Migrationsbevölkerung, der starken Abwanderung aus ländlichen Gebieten und der Differenzierung zwischen realer und wahrgenommener ökonomischer Benachteiligung ist ein Aspekt hier maßgebend: die spezifisch ostdeutschen Erfahrungshorizonte, die aber vermehrt in der AfD aufgegriffen werden. „Es erscheint zunächst abwegig, wenn westdeutsch sozialisierte Politiker wie Björn Höcke in ihren Reden erfolgreich auf der Klaviatur ostdeutscher Identitäten spielen. (…) Diese spielt er nationalistisch, identitätspolitisch aufgeladen aus, wo er Ostdeutschland als Motor bevorstehender gesellschaftlicher Umwälzungen preist.“(S. 48) Der bereits als beigelegt apostrophierte Konflikt zwischen Ost und West wird durch die AfD damit neu aufgeladen, wobei die Lösung nicht etwa in einem Ausgleich sondern in einer Berufung auf dem Nationalen liegt.

Ein weiteres Phänomen, das die AfD betrifft, ist die Beobachtung, dass sie Wählerinnen und Wähler aus allen politischen Parteien und eben nicht nur aus dem christlich-konservativem Lager gewinnen kann. Hier knüpfen die beiden Beiträge von Karin Priester und Horst Kahrs an, welche betrachten, wie es der Alternative gelang, die StammwählerInnenschaft von SPD und Linke zu gewinnen. Für beide gelte, dass sie ihr Wählerpotenzial aus den Augen verloren haben. Die SPD habe keine Antwort auf die fortschreitende gesellschaftliche Spaltung gefunden. Der AfD gelang es wiederum durch die Berufung auf nationalistisches und völkisches Gedankengut die soziale Frage umzudeuten.

Während die AfD von den linken Parteien vor allem eine WählerInnenzuwanderung erwirkte, gelang es ihr gleichsam im rechten Parteienspektrum bestehende Kleinstparteien „aufzusaugen“. Vor allem personelle Übertritte erfolgten aus den verschiedensten Spektren, vom christlichen Fundamentalismus bis hin zur Partei „Die Freiheit“. Allen war jedoch gemein, dass die Kleinstparteien „von der AfD faktisch überflüssig gemacht“(S. 74) wurden. Damit zeigen die Autoren Christoph Kopke und Alexander Lorenz welch umfassende Wirkung der Einzug einer Partei rechts der CDU auf das gesamte Parteienspektrum der Bundesrepublik hatte.

Die anschließenden Kapitel widmen sich schließlich einer Analyse der Vernetzung und Programmatik der AfD. Dabei werden insbesondere die Bedeutung der Burschenschaften als Rekrutierungs- und Sozialisierungsraum für die AfD ausgeleuchtet, ebenso wie der Einfluss christlicher Fundamentalisten. Programmatisch untersuchen Christiane Leidinger und Heike Radavan den Antifeminismus in der AfD und welches Familienbild in der Partei vertreten wird.

Eine Analyse der Diskursstrategie unter Berücksichtigung der „vierten Gewalt“, den Medien, unternehmen die beiden folgenden Aufsätze. Dabei wird sowohl ein Blick auf das AfD-nahe Publikationsnetzwerk geworfen, als auch unter anderem der Umgang der öffentlich-rechtlichen Medien mit der AfD beleuchtet. Hier warten Paul Bey und Regina Wamper mit der treffenden Analyse auf, dass es der AfD durch ihre Strategie gelungen sei „diskursiv das Feld des Sagbaren weit geöffnet [zu haben] für ausgrenzende Positionen.“(S. 124)

Dass diese durch die AfD vertretenen Positionen aber in Teilen sehr breite Unterstützung in der Bevölkerung finden, zeigen die den Band abschließenden Beiträge. Diese stammen von AutorInnen aus dem Gebiet der politischen Einstellungsforschung und belegen den Rechtsruck der Gesellschaft, der durch den Wahlerfolg der AfD auch an Artikulationsmöglichkeiten gewann.

Diskussion

Die Alternative für Deutschland stellt aktuell den demokratischen Konsens der Bundesrepublik wie wohl keine andere Partei vor ihr so erfolgreich in Frage. Der Sammelband zeigt dabei in verdichteter Form, wie ihr dies gelingen konnte. Dabei wird zu Gunsten der Knappheit der Darstellung auf umfassende Erläuterungen und Exemplifizierung verzichtet. Einzelne Fallbeispiele ermöglichen aber stellenweise einen vertiefenden Einblick. Dadurch gelingt es Entwicklungen und Strategien in ihrer Gesamtheit darzustellen.

Besonders die Untersuchung der Vernetzung der AfD in verschiedenste gesellschaftliche Milieus, allen voran in den Rechtsextremismus, gibt eine Antwort auf die Frage, wie es der Partei gelingen konnte sich im Parteispektrum scheinbar zu konsolidieren. Hier ist vor allem die hervorragende Ergänzung der Beiträge von Korsch und Kopke/Lorenz zu nennen. Während ersterer die ideologische Zusammenführung und Differenzierung von Konservativismus und Rechtsextremismus vornimmt, zeichnen die beiden Autoren die personelle Durchdringung und Struktur der AfD, die auch aus ehemaligen Mitgliedern kleinerer rechts-außen Parteien besteht, nach. Wünschenswert wäre in diesem Zusammenhang zusätzlich ein Beitrag zum Thema Antisemitismus und AfD gewesen. Hier blieb ein „rechter Rekrutierungsraum“ (so der Titel eines Kapitels) unbeleuchtet, der jedoch insbesondere mit der Personalie Wolfgang Gedeon den festgestellten völkisch-nationalen Charakter der Partei belegt.

Daneben ist auch der Blick auf den Auf- und Ausbau der ArbeitnehmerInnenbewegung aus Kreisen der AfD, wie durch die Kampagne „Ein Prozent“ in Verbindung mit der Identitären Bewegung ein aktuelles Thema, dass die jüngste Weiterentwicklung der Partei über den parteipolitischen Rahmen hinaus in weitere Milieus analysiert. Damit stellt der Band auch das Thema „soziale Frage“ und ihre Beantwortung durch die AfD in das Zentrum der Untersuchung. Auch hiermit lässt sich demnach der Zuspruch zur AfD erklären. Die Vielfalt der Erklärungsansätze gibt der Sammelband daher eindrucksvoll wieder, ohne dabei in Beliebigkeit zu verfallen.

Fazit

Die Forschungsliteratur zur AfD vermag mit der innerparteilichen Entwicklung kaum mehr Schritt zu halten. Parteivorsitze und programmatische Verortung unterliegen steten Veränderungen. Der von Alexander Häusler herausgegeben Band ist aber die wohl aktuellste und gleichzeitig umfassendste Bestandsaufnahme der Partei in diesen Fragen von der Bundestagswahl 2017 bis zum Februar 2018. Er bündelt und analysiert Agitationsform und Ideologie ebenso stichhaltig wie die Positionierung der Partei im politischen Spektrum. Dabei werden Gegenstrategien, wenn auch etwas knapp, ebenso angeführt wie historische Traditionslinien und europäischen Pendants. Wer sich dem „Phänomen“ AfD widmen will, sollte diesen Band als Einstieg zur Hand nehmen.


Rezensent
Ronny Noak
Doktorand am Lehrstuhl für politische Theorie und Ideengeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena
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Zitiervorschlag
Ronny Noak. Rezension vom 27.04.2018 zu: Alexander Häusler (Hrsg.): Völkisch-autoritärer Populismus. Der Rechtsruck in Deutschland und die AfD. VSA-Verlag (Hamburg) 2018. ISBN 978-3-89965-835-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24127.php, Datum des Zugriffs 17.12.2018.


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