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Franz J. Neyer, Jens B. Asendorpf: Psychologie der Persönlichkeit

Cover Franz J. Neyer, Jens B. Asendorpf: Psychologie der Persönlichkeit. Springer (Berlin) 2018. ISBN 978-3-662-54941-4.
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Entstehungshintergrund

Die erste Auflage dieses Lehrbuchs erschien vor mehr als zwanzig Jahren im Jahr 1996. Ziel war und ist es bis heute, die ausdifferenzierte Persönlichkeitspsychologie so aufzubereiten, dass sie Studenten der Psychologie und benachbarter Disziplinen wie der Pädagogik, Soziologie sowie Betriebs- und Wirtschaftswissenschaften sie erlernen können. Persönlichkeitspsychologie verstehen die Autoren als die empirische Wissenschaft von der individuellen Besonderheit des Verhaltens, Erlebens und der äußeren Erscheinung von Menschen. Als differenzielle Psychologie untersucht sie, wie stark und warum sich Menschen unterscheiden. Sie ist damit komplementär zur allgemeinen Psychologie, die das Gemeinsame im Menschen untersucht und versteht sich im Gegensatz zur klinischen Psychologie, die sich mit den pathologischen Besonderheiten beschäftigt, als Wissenschaft der Normalvarianten des Verhaltens und Erlebens.

Aufbau

Es wird die große Breite der Persönlichkeitspsychologie unter Einbeziehung der Erkenntnisse der Sozial-, Entwicklungs- und kulturvergleichenden Psychologie dargestellt. Es ist ein Lehrbuch im besten Sinne, das entsprechend didaktisch aufbereitet ist: konkrete Beispiele, Abbildungen, Tabellen, Hervorhebung von Kernaussagen und zentralen Inhalten, Verständnisfragen mit Hinweisen zu ihrer Beantwortung bis hin zu einem englisch-deutschen Glossar von Fachbegriffen. Hinzu kommen Didaktikseiten, Serviceseiten sowie zusätzliches Material, das online abgerufen werden kann.

Inhalte

Kap. 1 „Persönlichkeit in Alltag, Wissenschaft und Praxis“. Es gibt immer eine Alltagspsychologie. Dies sind von den meisten Mitgliedern einer Kultur geteilte Annahmen über das Verhalten und Erleben von Menschen. Dieses Alltagsverständnis wird einem empirisch überprüfbaren Paradigma der Persönlichkeit gegenüber gestellt.

Kap. 2 „Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie“. Die Bündel theoretischer Leitsätze, Fragestellungen und Methoden zur ihrer Beantwortung werden in Paradigmen zusammengefasst. In diesem Kapitel werden sechs wichtige Paradigmen vorgestellt: Eigenschaftsparadigma, Informationsverarbeitungsparadigma, Dynamisch-interaktionistisches Paradigma, Neurowissenschaftliches Paradigma, Molekulargenetisches Paradigma und Evolutionspsychologisches Paradigma.

Kap. 3 „Methodik“. Persönlichkeitsunterschiede können nur dann beschrieben werden, wenn entsprechende Eigenschaften gemessen werden können. Personen müssen daher nach ihrer Persönlichkeit klassifiziert oder ihre Persönlichkeitseigenschaften gemessen werden. Zunächst werden die entsprechenden empirischen Methoden hierzu beschrieben und dann zwei anspruchsvollere Methoden geschildert: Mehrebenenmodelle und Kreuzkorrelationsdesigns.

Kap. 4 „Persönlichkeitsbereiche“. Physische Merkmale, Temperament und interpersonelle Stile, Fähigkeiten, Handlungseigenschaften, Bewertungsdispositionen sowie Selbstkonzept und Wohlbefinden sind verschiedene Persönlichkeitsbereiche. Das grundlegende Problem hierbei ist, dass es kein allgemein anerkanntes funktionsorientiertes Gliederungsschema der Persönlichkeitsbereiche gibt. Insofern handelt es sich bei den genannten Bereichen um besonders bedeutsame, aber eben nur exemplarische Bereiche. Hierbei haben die Autoren versucht, auch traditionell Getrenntes oder eher anderen Disziplinen zugerechnete Merkmale wie Fähigkeiten oder Motive unter einem gemeinsamen Dach zusammenzubringen.

Kap. 5 „Umwelt und Beziehung“. Auf den ersten Blick erscheint die Überschrift thematisch ungwöhnlich. Dies liegt daran, dass unter dem Begriff Umwelt hier stabile externe Bedingungen verstanden werden, in denen sich ein Mensch bewegt. Soziale Netzwerke oder Eltern-Kind- und Partnerbindung sind derartige stabile Bestandteile einer persönlichen Umwelt. Also persönliche Beziehungen, Bindungen, soziale Unterstützung und Partnerschaft bis hin zur Partnersuche mithilfe von Online- und Speed-Dating.

Kap. 6 „Persönlichkeitsentwicklung“. Basis ist das dynamisch-interaktionistische Paradigma, das von langfristigen Eigenschaftsänderungen trotz mittelfristiger Stabilität ausgeht. Es gibt Prozesse der Veränderung sowie der Stabilisierung einer Persönlichkeit. Welche Einflüsse es gibt, welche Wechselwirkungen zwischen Persönlichkeit und Umwelt bestehen und die Tatsache, dass Persönlichkeitsentwicklung das Produkt aus Zufall und Notwendigkeit ist – alles dies wird hier beschrieben.

Kap. 7 „Geschlechtsunterschiede“. Dieses Thema ist immer noch stark emotional und ideologisch besetzt. Zu verstehen ist dies nur dann, wenn die interkulturelle Perspektive mit einbezogen wird. Beschrieben werden die Stereotype, die Geschlechtsentwicklung, die Größe psychologischer Geschlechtsunterschiede und diese Unterschiede auch im Kulturvergleich sowie die Erklärungsansätze für psychologische Geschlechtsunterschiede.

Kap. 8 „Persönlichkeit im Kulturvergleich“. Hier geht es um die Frage, wie stark Persönlichkeitsunterschiede und ihre Bedingungen sowie Konsequenzen zwischen unterschiedlichen Kulturen variieren und warum dieses so ist. Fragen beziehen sich auf Persönlichkeits- und Populationsunterschiede, ökologische, genetische und kulturelle Einflüsse bis hin zur heute politisch stark diskutierten Migration.

Kap. 9 „Nachwort: Unterschiede sind menschlich“. Menschen sind nun einmal deutlich unterschiedlich, was sowohl genetisch als auch kulturell bedingt ist. Jede Entwicklung, das hat bereits Darwin erkannt, basiert auf dem Zusammenspiel von Variation und Selektion. Die Vielfalt der Persönlichkeiten ist kein Ausdruck von Unvollkommenheit, sondern förderlich für das langfristige Überleben.

Diskussion

Dieses ist ein deutsches Lehrbuch, das einem nordamerikanischen Textbuch in nichts nachsteht. Didaktische Elemente wie Merksätze oder die Kästen „Unter der Lupe“, „Methodik“ und „Die klassische Studie“ finden sich ebenso wie Lernkarten und Hinweise zur weiterführenden Literatur. Obwohl es keine fachlichen Voraussetzungen gibt, ist das Buch nicht die oft anzutreffende Ansammlung von Plattitüden, sondern hat die notwendige analytische Tiefe. Das Buch ist leicht verständlich, ohne hierbei banal zu sein. Es kann als Muster für ein Lehrbuch genommen werden.

Fazit

Schlicht und ergreifend lautet das Fazit: Dies ist ein Standardwerk, mit dem in zwei Semestern – oder eben mit entsprechendem Lesen und Durcharbeiten – sich die Grundlagen der Persönlichkeitspsychologie erlernen lassen. Es ist nicht nur den entsprechenden Fach-Studierenden der Psychologie unbedingt anzuraten, sondern auch für jene Personen gut geeignet, die sich einmal von den pseudopsychologischen Ratschlägen der ausufernden Ratgeberliteratur emanzipieren wollen und auf wissenschaftlicher Basis etwas über Verhalten und Eigenschaften von Menschen lernen wollen.


Rezensent
Prof. Dr. Rüdiger Falk
em. Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Human Resource Management, an der Hochschule Koblenz
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Zitiervorschlag
Rüdiger Falk. Rezension vom 08.05.2018 zu: Franz J. Neyer, Jens B. Asendorpf: Psychologie der Persönlichkeit. Springer (Berlin) 2018. ISBN 978-3-662-54941-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24128.php, Datum des Zugriffs 23.10.2018.


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