socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Ayhan Taşdemir: Marginalisierte Männlichkeits­konstruktionen im Migrationsprozess

Cover Ayhan Taşdemir: Marginalisierte Männlichkeitskonstruktionen im Migrationsprozess. Eine vergleichende biografieanalytische Untersuchung männlicher Migranten aus Aserbaidschan in der Türkei und aus der Türkei in Deutschland. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2017. 385 Seiten. ISBN 978-3-8300-9696-2. D: 99,80 EUR, A: 102,60 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Die qualitativ-empirische Studie untersucht Männlichkeitskonstrukte mit einer narrationsanalytischen Auswertung biografischer Interviews und vergleicht von Aserbaidschan in die Türkei eingewanderte und aus der Türkei nach Deutschland migrierte kurdische Männer miteinander. Das zentrale Thema sind Selbstkonzepte von Männlichkeit, die von Migrations- und Fluchterfahrungen beeinflusst sind und daher wegen der Fluchtbedingungen, dem Leben in der Illegalität und/oder mit einem über lange Zeit prekärem Aufenthaltsstatus als marginalisiert verstanden werden können.

Autor

Dr. Ayhan Taşdemir ist ein in der Türkei aufgewachsener (geb.: 1963 in Kars/Türkei) Dipl. Sozialökonom, der 2016 eine Promotion in Erziehungswissenschaften an der Universität Hamburg abschloss. Er ist seit 2017 tätig als Lehrer an der Stadtteilschule Rissen in Hamburg tätig und arbeitete davor von 2001 bis 2017 als Lehrkraft an der Stadtteilschule Hafen in Hamburg.

Entstehungshintergrund

Das rezensierte Buch ist die Verlagsveröffentlichung der 2016 an der Universität Hamburg (Fakultät für Erziehungswissenschaft) abgeschlossenen Promotionsschrift von Ayhan Taşdemir.

Aufbau

Die Struktur der Arbeit folgt dem in qualitativ-empirischen Arbeiten häufig üblichen Aufbau mit einer Gliederung in

  • Theorieteil (Kap. 1–4, Anfang bis S. 78),
  • dem sehr umfangreichen Empirieteil (Kap. 5–13, S. 79-333),
  • der Reflexion der Forschungsergebnisse in Verbindung mit dem Forschungsstand (Kap. 14, S. 335-355) und
  • einem Schluss (Kap. 15, S. 357-375).

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das https://d-nb.info/1137486414/04 vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Einleitend positioniert der Autor seine Arbeit im Rahmen einer kritischen Haltung zur aktuellen flucht- und Asylpolitik der EU und Deutschlands, die er als globales Menschheitsdrama an den Grenzen der EU bewertet, die Zuwanderung abwehrt (vgl. S. V): „Die Arbeit geht auf die Lebenswirklichkeiten der Geflüchteten ein, die in der Öffentlichkeit mit dem kollektiven Begriff ‚Illegale Einwanderer‘ oder ‚Flüchtlinge‘ bezeichnet werden, offiziell keine Papiere besitzen und sich nicht ‚identifizieren‘ können, und stellt diese mit den strukturellen Bedingungen ins Verhältnis. Die Biografien dieser Männer machen deutlich, dass ein globales Problem vorliegt und dazu wenig empirisch geforscht wurde. Vielmehr beschäftigt Ihre Existenz als Thema der politischen Diskussionsfelder die Öffentlichkeit. Die ‚Identifizierung‘ dieser Menschen bleibt auf dem politisch kollektiven Feld ein diskursives Thema. Dabei werden ihre eigene Identifizierung, individuellen Lebensentwürfe, Selbstpositionierungen und kollektive Rahmenbedingungen ausgeblendet. In dieser Arbeit werden diese Aspekte anhand der biografischen Lebensgeschichten und deren Analyse beleuchtet.“ (S. V)

Das Kapitel 2 benennt sehr kurz das Forschungsdesign, das der Autor in den dann folgenden Kapiteln entwickelt, so wie sie hier im weiteren Verlauf erkennbar werden.

Den Forschungsgegenstand stellt Kapitel 3 vor: Ausgehend von den Biografien der Männer soll insbesondere „die Kategorie marginalisierte Männlichkeit ist unter den Aspekten Migration, Ethnisierung, Diskriminierung und Rassismus“ (S. 9) erforscht werden, da das bislang selten geschah, denn die Mehrheit bisheriger deutscher Studien hat „häufig auf die ethnischen und kulturellen Zugehörigkeiten Bezug genommen, allerdings ohne Differenzierung in Bezug auf herrschafts- und diskriminierungskritische Positionen.“ (S. 9)

„Die in der vorliegenden Arbeit interviewten Männer werden zwar auch der Kategorie marginalisierte Männlichkeit zugeordnet, allerdings gehören sie zu jener Gruppe, die ignoriert oder ausgegrenzt wird, außerdem müssen sie sich selbst unsichtbar, nicht identifizierbar machen, um ihre Existenz zu sichern.“ (S. 12) Ayhan Taşdemir lehnt die hierzulande verwendete Bezeichnung „Flüchtling“ als unpassend für diese Männer ab und schlägt vor, anhand der Gruppe geflüchteter und (oft) in Illegalität lebender Männer den neuen Begriff „unsichtbare Männlichkeit“ zu diskutieren und ggfs. neu in die Männlichkeitstheorie und allgemeine Debatte aufzunehmen. Denn die Lebenssituation der wegen fehlender Papiere in Illegalität lebenden Männer, deren Anzahl im Zuge der Zuspitzung globaler Probleme und einem wachsenden Migrationsdruck vermutlich weiter steigen wird, wird bislang wenig erforscht. Untersuchen möchte der Autor daher „die milieu-, zeit- oder kulturspezifischen Entstehungs- und Reproduktionsbedingungen konventioneller männlicher Identitäten und die Wandlungen der sozialen und psychischen Strukturierungs- und Konstruktionsprozesse von Männlichkeit.“ (S. 12) Ayhan Taşdemir setzt dieses Ziel mit dem biografietheoretischen Zugang um, sodass anhand „ihres bisherigen Lebensverlaufs wird untersucht, wie Männlichkeiten erworben werden. Dabei werden sowohl äußere Rahmenbedingungen als auch subjektbezogene Unterschiede berücksichtigt.“ (S. 12)

Die Eingrenzung der Untersuchungsgruppe erfolgte auf zu interviewende Männer, „die über ‚illegale Wege‘ aus der Türkei nach Deutschland und von Aserbaidschan in die Türkei migriert waren und die sich im Migrationsprozess befanden.“ (S. 81)

Der Verfasser hat folgende Forschungsfragestellungen: „Welchen Prozess müssen Männer in einer marginalisierten Position durchleben, um des Überlebens willen ihre ‚Identität‘ zu verstecken und zu verleugnen, sich dabei auch eine maskulin ausgeprägte männliche Identität anzueignen? Durch welche strukturellen Bedingungen ist dieser Prozess eingerahmt und welchen individuellen Gestaltungsrahmen haben sie selbst? Wie verläuft dieser Prozess in einer wechselseitigen Beziehung von vielen Komponenten wie Geschlecht, Familie, Religion, ethnischer Zugehörigkeit, rechtlichen Einschränkungen und individuellen Lebensentwürfen? Welche Zusammenhänge gibt es in Bezug auf Männlichkeitsidentifikationen im Migrationsprozess unter besonderen Umständen und welche Unterschiede bestehen an diesen zwei Standorten? Welche Rolle spielt das Familienkonzept für die Identitätsbildung und mit welchen Widersprüchen werden die männlichen Migranten in diesem Prozess konfrontiert?“ (S. 66)

Außerdem geht es Ayhan Taşdemir darum zu überprüfen, „wie die kulturalistischen Auffassungen als Erklärungsmuster vermittelt und verallgemeinert bzw. übernommen und verinnerlicht werden und wie die gesellschaftlichen Bedingungen bezüglich Migration und Männlichkeitsvorstellungen die öffentliche Diskussion dominieren.“ (S. 67 f.) Denn in gesellschaftlichen Debatten im Kontext von Männlichkeit und Migration dominieren Themen wie „Ehrenmord, Salafismus, islamischen Fanatismus, Kriminalität bei Männern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die durch populistische Publikationen (z.B. von Necla Kelek oder Thilo Sarrazin) unterstützt, begleitet und emotional instrumentalisiert werden.“ (S. 54)

Im theoretischen Teil seiner Forschungsarbeit (Kap. 4) stellt der Autor verschiedene sozialwissenschaftliche Konzepte zur Analyse von Männlichkeiten vor. Bei seinen männlichkeitstheoretischen Ausführungen grenzt sich Ayhan Taşdemir kritisch von biologistischen und positivistischen Ansätzen ab, die Männlichkeitskonstruktionen essentialisieren und so zur Reproduktion hierarchischer Geschlechterverhältnisse beitragen. Der Verfasser stützt sich in der Untersuchung vor allem Raewyn Connells Begriff hegemonialer Männlichkeit, den er anhand der Kritiken und Weiterentwicklungen mithilfe anderer Ansätze wie von Pierre Bourdieu (Männliche Herrschaft), Michael Meuser oder Sylka Scholz diskutiert. Trotz verschiedener Kritiken am Begriff hegemonialer Männlichkeit, der bislang zentraler Ansatz der Männlichkeitstheorie geblieben ist, bietet dieser Zugang für Ayhan Taşdemir und sein Forschungsthema ein wichtiges begriffliches Instrument: denn mit Connell können hegemoniale Männlichkeiten nicht nur werden verstanden als Hegemonie von Männern gegenüber Frauen, sondern auch gegenüber untergeordneten und marginalisierten Männern. Neben schwulen (GBTIQ) Männlichkeiten oder Arbeitermännlichkeiten sind mit Connell auch Männlichkeiten ethnisch-kultureller zugewanderter Minderheiten bzw. von People of Color als marginalisiert in Geschlechterverhältnissen anzusehen. Diese männlichkeitstheoretischen Begriffe verortet der Autor in einem Referenzrahmen der Intersektionalität, den er als geeignet für sein Forschungsvorhaben bewertet. Der Programmatik der Intersektionalität zielt darauf und ermöglicht, das Ineinandergreifen und wechselseitige Beeinflussungen der Differenzen race, class und gender verständlich zu machen, wobei subjektive Positionierungen als beeinflusst von gesellschaftlichen (Macht)Verhältnissen gesehen werden (vgl. S. 10; S. 53 ff.).

Am Ende von Kapitel 4 mit den theoretischen Grundlagen und dem Forschungsstand referiert Ayhan Taşdemir das Analyseverfahren und Auswertung der Daten, das methodisches Vorgehen der Datenerhebung und erläutert die Auswahl der Methode der Datenauswertung und der Interviews. Diese Themen werden später im Kapitel 5 vertieft.

Der Verfasser nennt hier auch wichtige interviewrelevante Informationen und präsentiert kurze Zusammenfassungen der ausgewählten Biografien sowohl der aserbaidschanischen Männer in der Türkei als auch der Biografien kurdischer Männer in Deutschland.

Als Teil der empirischen Rekonstruktion reflektiert Ayhan Taşdemir seiner Rolle in der Forschungsinteraktion innerhalb der Interviewsituation, nutzt dafür auch Beobachtungsprotokolle und bezieht damit die Kotaktaufnahme, das Kennen lernen sowie informelle Vor- und Nachgespräche im Kontext des Interviews in die Analyse ein.

Sechs der mehr als zehn durchgeführten Interviews (fünf in der Türkei, fünf in Deutschland) werden ausgewählt und in Form einer differenzierten Analyse vorgestellt, davon drei Interviews aus der Türkei und drei Interviews aus Deutschland. Ausführlich werden zwei Fälle analysiert (Kap. 7 und 8, s.u.), um die empirische Rekonstruktion des Analyseverfahrens nach Fritz Schütze nachvollziehbar vorzustellen (vgl. S. 71 f.).

Seine Forschung nutzt als Erhebungsmethode das erzähl- und biografieanalytische Vorgehen von Fritz Schütze, bei der Ayhan Taşdemir die Interviewten mit einer erzählgenerierenden Aufforderung zur narrativen Präsentation ihrer Lebensgeschichten angeregt hat. Der Autor formuliert eine offene Erzählaufforderung an die Interviewpartner und bittet um die Präsentation ihrer Lebensgeschichte ab der Kindheit, was den Männern subjektive Relevanzsetzungen ermöglichen soll. Damit entscheidet sich der Verfasser bewusst gegen die Alternative, die Erzählaufforderung ausdrücklich auf vergeschlechtlichte Identifikation zu richten, d.h. bereits in der Eingangsfrage das Interesse an Männlichkeitskonstruktionen zu formulieren (vgl. S. 80). Damit bezweckt der Autor, mehr die Akteursperspektive der Erzählenden in den Mittelpunkt der Untersuchung zu stellen, die als beeinflusst von sozialen Prozessen der Vergesellschaftung verstanden werden kann, insbesondere von Herausforderungen und Marginalisierungsrisiken aufgrund der (Flucht)Migration und der oftmals prekären Lebenssituation in den Aufnahmeländern.

In einer zweiten Phase des Interviews stellt Ayhan Taşdemir den Männern dann immanente und exmanente Nachfragen: immanente Nachfragen sind erzählgenerierend angelegt und setzen an besonderen Stellen der Erzählung an, wenn Aussagen nicht plausibel sind oder Brüchen und Leerstellen in der Narration vorhanden sind. Sie haben das Ziel, die Befragten zu vertiefenden Aussagen an diesen Punkten zu motivieren. Die danach folgenden exmanenten Nachfragen zielen darauf, bislang nicht Erzähltes zu thematisieren, um weitere Informationen zu den für die Forschungsfrage wichtigen Facetten der Lebensgeschichten zu erfahren (vgl. S. 70).

Das Vorgehen der empirischen Auswertung der transkribierten Interviews nach der narrationsanalytischen Methode von Fritz Schütze stellt Ayhan Taşdemir als Folge mehrerer Arbeitsschritte vor (S. 73-78). Zu Beginn werden bei der formalen Textanalyse die unterschiedlichen Textsorten Erzählung, Beschreibung und Argumentation identifiziert und zur Interpretation genutzt. Die darauffolgende Segmentierung untersucht die Textstruktur, d.h. der Forscher ermittelt Segmente oder Sequenzen bestimmter Lebens- und Interviewabschnitte. Der Autor erklärt dann den Arbeitsschritt, „dass in der strukturellen Beschreibung die einzelnen Erzählsegmente, die in der Erzähldarstellung repräsentierten Prozesse verschiedenster Art, deren spezifische Rahmenbedingungen, deren spezifisches Zusammenwirken herausgearbeitet werden. Damit werden die Entwicklung des Biografieträgers und die Verarbeitung der erlebten biografischen Entwicklung in der sich aufschichtenden Erfahrungsbildung herauskristallisiert.“ (S. 75) Danach soll im nächsten Schritt eine analytische Abstraktion erfolgen, bei der Prozessstrukturen der Biografien herausgearbeitet werden sollen. Beim nächsten analytischen Schritt wird ein kontrastiver Fallvergleich vorgenommen, dessen Ergebnisse der Autor weiter unten im Kapitel 9 darstellt. Ziel dabei ist es, anhand der durchgeführten Fallrekonstruktionen generalisierbare Strukturelemente der Biografien herauszuarbeiten und untereinander zu kontrastieren, was das Aufstellen von Hypothesen entlang der Forschungsfragen ermöglichen soll (vgl. S. 77). Im Zuge der Abstraktion der fallspezifischen Strukturen und der Fallkontrastierung werden thematische Felder gebildet, für die relevante Strukturelemente herausgearbeitet werden. Zuletzt führen alle bisherigen Analyseschritte zur Konstruktion eines theoretischen Modells. Dabei wird die Spezifik der Fallstrukturen herausgearbeitet, die eine „Generalisierung der Anforderungen und der Bearbeitungsoptionen“ (S. 77) aus den Fällen heraus ermöglicht.

Im empirischen Kapitel 5 stellt der Autor genauer die Zielgruppen, seinen Feldzugang und die Phase der Datenerhebung vor. Bei der oben bereits erwähnten Auswahl der Interviewpartner hat Ayhan Taşdemir eine Auswahl aus dem Sampling vorgenommen, wobei der sich an den Kriterien der Auswahlstrategien von Glaser und Strauß orientiert hat (vgl. S. 87).

Das Kapitel 6 stellt neben den Transkriptionsregeln vor allem das Thema der Übersetzung dar. Denn Ayhan Taşdemir hat die biografischen Interviews mit Männern beider Migrantengruppen in den jeweiligen Herkunftssprachen (Aserbaidschanisch und Türkisch) durchgeführt hat und sie anschließend für die empirische Rekonstruktion ins Deutsche übersetzt. Dabei kommt es zu technischen wie sprachlich-stilistischen Problemen (z.B. Grammatik und Satzbau), die eine Reflexion der Besonderheiten der Interviewsprachen in der Übersetzung und damit auch der empirischen Rekonstruktion erforderte. Zu beachten sind die in Aserbaidschanisch und Türkisch üblichen und im Deutschen nicht oder weniger gebräuchlichen Wörter, z.B. aus dem Alltagsleben, der Verwandtschaftsverhältnisse usw. (S. 101-104).

Die Kapitel 7 und 8 enthalten die ausführliche Feinanalyse der Fälle Yılmaz und Yavuz, bei der exemplarisch die Auswertungsschritte der oben in Kapitel 4 dargestellten Narrationsanalyse dargestellt sind.

In Kapitel 9 nimmt Ayhan Taşdemir die Präsentation der Ergebnisse aus dem kontrastiven Fallvergleich vor. Mit diesem Analyseschritt des kontrastiven Fallvergleichs identifiziert der Verfasser anhand von vier Fällen (Hasan, Hikmet, Murat und Muhtar) auf Basis der Forschungsfragen thematische Felder der Narrationen, analysiert als „Männlichkeitskonstruktionen auf kollektiv struktureller und subjektiv individueller Ebene“ (S. 5).

Danach arbeitet Ayhan Taşdemir in Kapitel 10 die strukturellen Grundelemente der Biografien aus der Türkei heraus, in Kapitel 11 die strukturellen Grundelemente der Biografien aus Deutschland.

Im Kapitel 12 unterbreitet der Verfasser die in der Narrationsanalyse und insbesondere im kontrastiven Fallvergleich ermittelten vier Themenfelder:

  1. Abenteuerlustige Initiatoren und aufstiegsorientierte Flüchtlinge
  2. Die leidvollen Auswirkungen der Vaterlosigkeit auf die jungen Protagonisten
  3. Arbeit als Identifizierungsrahmen durch Körperkraft/Versorgung der Familie, die Familienernährer
  4. Die entrechteten Überlebenskünstler, individuelle Männeridentitäten und kollektive Rahmen

Im Kapitel 13 fasst Ayhan Taşdemir die Ergebnisse der empirischen Rekonstruktionen zusammen und nimmt deren analytische Untersuchung vor. Der Autor leitet die Zusammenfassung der Ergebnisse ein mit folgender Aussage ein: „Die bisherigen Analysen der Biografien zeigen deutlich, dass aufgrund der ökonomischen Zugzwänge und Notwendigkeiten oder auch der aus der Motivation des sozialen Aufstiegs angetretene Flucht- und Auswanderungsprozesse heraus unter anderem auch die Frage nach der Identität nicht nur für die Biografieträger, sondern auch für die aufnehmende Gesellschaft aufgeworfen wird. Eine willkommene Aufnahme erfolgt ja gar nicht, sondern die Existenz dieser Menschen, vielleicht auch die der Produktionsgüter dieser Menschen, wird wahrgenommen, aber ihre Identitäten sind auf einen Begriff der illegalen Einwanderer reduziert. Die Selbstidentifizierung unter diesen Bedingungen erfolgt dementsprechend.“ (S. 335)

Ayhan Taşdemir stellt die Ergebnisse anhand von vier in der empirischen Auswertung entwickelten Ebenen vor: Zuerst beschreibt er die patrilineare Familienorientierung in den Interviewaussagen (Kap. 13.1). Dann Vaterfigur/Vaterfunktionen/Vaterlosigkeit/Arbeitsaufteilung und die Rolle der Mütter (Kap. 13.2). Das Thema Schulbildung und Wehrdienst bildet den dritten Aspekt der Präsentation (13.3). Als letzten Punkt präsentiert Ayhan Taşdemir das Thema „Motivation der Flucht-Migration – wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen“ (13.4).

Die reflektierten Forschungsergebnisse unter Bezugnahme der wissenschaftlichen Abhandlungen bilden das 14. Kapitel. Darin geht der Autor ein auf das Thema „Identitäten, gesellschaftliche Rahmenbedingungen, Geschlechtlichkeit und Identifizierungsrahmen“ (Kap. 14.1). Dann reflektiert er Männlichkeit als soziales Konstrukt und hinsichtlich einer auf Körperkraft reduzierte Identität (Kap. 14.2). Der Aspekt „Sprachliche Ausdrucksformen in Bezug auf Identität, Differenz, Macht und Auseinandersetzung“ wird als nächstes vorgestellt (Kap. 14.3). Der Verfasser nimmt anschließend Funktionsverschiebungen durch Vaterverlust und frühzeitige Erfahrungen im Arbeitsleben als Kind (Kap. 14.4) in den Blick. Als folgendes Thema „Verbotene Identitäten“ (14.5) behandelt Ayhan Taşdemir die Probleme der Männer mit ihrer kurdischen Identität, einschließlich ihrer Ablehnung in der Türkei (Stichwort Assimilationspolitik in der Türkei), das Leben in der Illegalität: „Die angeeigneten ‚Identitäten‘ sind erzwungene Funktionen, fremdbestimmte Zuschreibungen, unsichtbar zu gestaltende Existenzen.“ (S. 344) Die in die Türkei eingewanderten aserbaidschanischen Männer sind Thema im nächsten Kapitel (14.6), wo der Autor „Sowjetische Großkollektive, Zerfall, neue Identifizierungsrahmen und individuelle Selbstbestimmung“ diskutiert. Ayhan Taşdemir behandelt dann den Aspekt „Fluchtbedingungen und Identifizierungsgefahren, Illegalität und Identifizierungsrahmen und Gefahren, Nicht-Zugehörigkeit, Entfremdung, Neuorientierung“ (Kap. 14.7). Das letzte Kapitel lautet „Krieg, Konflikt (kurdischer Krieg und Karabachkonflikt), ethnische Zugehörigkeit/Mehrfachzugehörigkeiten und Migrationsursache“ (Kap. 14.8).

Im dann folgenden letzte Kapitel 15 formuliert Ayhan Taşdemir die Schlussbemerkung seiner Studie: In seinen Schlussbemerkungen bezieht sich der Autor einleitend kritisch auf die aktuelle politische Debatte um Flüchtlings- und Asylpolitik, was zeigt, dass er seine auf marginalisierte Männlichkeiten gerichtete Forschung und seine Ergebnisse im Rahmen einer Analyse gesellschaftlicher Verhältnissen verortet, die maßgeblich für die Ausgrenzung dieser geflüchteten Männer verantwortlich sind: „Hierbei sind Männer mit besonderen Herausforderungen konfrontiert, da an sie aufgrund ihrer habituellen Funktionen Anforderungen und Erwartungen gestellt werden, denen sie aus selbigem habituellem Grund unhinterfragt nachzukommen versuchen.“ (S. 357 f.)

Ayhan Taşdemir kritisiert die Ethnisierung sozialer Probleme, beispielsweise in Bezug insbesondere auf Bildung oder Kriminalität (zwangs)migrierter Männer, deren Arbeitskraft jedoch gleichzeitig wegen des unsicheren Status oder dem Leben in der Illegalität leicht ausgebeutet wird. „In dieser Arbeit wird ein soziologischer Einblick in ihre Biografien geworfen. Ihre Biografien sind dadurch geprägt, dass sie trotz des Verschleißes ihrer Körper und trotz ihres seelischen Leidens sich im Erwerbsleben zu behaupten bemühen, um ihre eigene und die Existenz ihrer Familien zu sichern und im Familienleben den Anforderungen gerecht zu werden. Dabei leiden sie unter der Herausforderung, aus einer untergeordneten und marginalisierten Position heraus Männlichkeitseigenschaften zu vertreten.“ (S. 359)

Hier lässt sich ein Verdeckungszusammenhang erkennen, weil die kulturalisierenden stereotypen Engführungen im Diskurs über männliche „Flüchtlinge“ genau die vom Autor herausgearbeiteten Aspekte der Verletzlichkeit und Ausgrenzung dieser Männer verdecken.

Allerdings weist der Autor dabei auf das Dilemma hin, dass die Marginalisierung und gesellschaftlich verweigerte Teilhabe die Existenz der geflüchteten Männer gefährdet, wobei nach Ayhan Taşdemir genau diese mangelnde Anerkennung und Realisierung dieses Teilhaberechtes ein weiteres Problem zur Folge hat: Denn „diese existenzielle Verleugnung [ist] einer von den Gründen, dass die Betroffenen selbst diese spezielle Art der Marginalisierung im Sinne der Existenzsicherung und des Selbstschutzes in Kauf nehmen und ihre Existenz in illegalen Verhältnissen häufig mit anderen Identitäten in Form eines Überlebenskampfes führen und dabei besondere Überlebenskünste erweisen.“ (S. 359)

Der Verfasser diskutiert auch den Widerstreit oder Konkurrenzkampf um anerkannte und legitime Männlichkeiten, bei dem bislang Männer mit hegemonialer Männlichkeit ihre Macht und Dominanzposition u.a. gegenüber marginalisierten Männern behaupten. Dem folgend wirft Ayhan Taşdemir die Frage auf, welche Konsequenzen es für jene marginalisierten Männer bedeuten könnte und was sie tun würden, falls sie den sozialen Aufstieg in eine Position geschafft haben, welche die Verwirklichung hegemonialer Männlichkeits-Orientierungen ermöglicht. Er richtet an solche aufgestiegenen Männer die Frage: „Wie ermächtigt fühlt sich eine unterdrückte Gruppe in einer Machtposition, die ihre Unterdrückung vergisst und mit voller Tatkraft andere unterdrückt?“ (S. 361) Allerdings bleibt m.E. der Autor eine präzise Antwort auf diese interessante Frage schuldig.

Ayhan Taşdemir kritisiert auch in den Schlussbemerkungen die kulturalisierenden Diskurse, in denen Männern mit (Flucht)Migrationserfahrungen hauptsächlich mit Zuschreibungen als gefährlich und „patriarchal unzivilisiert“ (S. 361) vorkommen, insbesondere nach den sexuellen Gewalttaten zu Silvester 2015. „Da die marginalisierten Männer kaum Chancen haben, an diesem Diskurs etwas zu verändern, weil sie funktional und imaginär je nach gesellschaftlich politischem Lager und Verwertbarkeit im Sinne der Versicherheitlichungspolitik sichtbar gemacht werden, beschränkt sich ihre Handlungsstrategie zunächst auf Existenzsicherung. Die Existenzsicherung ist für sie dann nur ausschließlich über Körperarbeit möglich. Während sie in der Unsichtbarkeit mittels ihrer Körperarbeit damit beschäftigt sind zu versuchen, ihre und die Existenz ihrer Familie zu sichern, scheitern sie häufig daran, da ihre Gelegenheitsbeschäftigung kein dauerhaftes Einkommen sichert.“ (S. 362)

Den Kampf dieser Männer um das Überleben rekonstruiert Ayhan Taşdemir als deren einzige Option, diese Situation zu bewältigen, wobei eben ihre Position auf dem Arbeitsmarkt ebenfalls marginalisiert ist: „Sie dürfen allerdings nur bestimmte Arbeiten, die über harte Körperarbeit erledigt werden, ausführen. Die schwere körperliche Arbeit in marginalisierter Position erfordert gewisse Eigenschaften wie Stärke, Kraft, Ausdauer, Unempfindlichkeit, Härte und Solidarität. Innerpsychisch müssen Konkurrenzdruck, Einsamkeit, Angst und Diskretionszwang ausgehalten werden. Dieser männliche Charakter der marginalisierten Arbeiter hat die Funktion, dass sie durch diesen Überlebenshabitus die ausbeuterischen Klassenverhältnisse aushalten.“ (S. 363) Diese Erkenntnis offenbart, wie es dem Autor gelingt, seine theoretisch grundgelegte Orientierung an der Intersektionalität mit dem Blick auf das Verwobensein der Differenzen Männlichkeit, (Flucht)Migration und soziale Ungleichheit umzusetzen. Diese Aussage führt Ayhan Taşdemir zu der Erkenntnis der Studie, dass diese geflüchteten Männer ihre prekäre und teils von Ausbeutung geprägte Arbeitssituation sogar als Form „moderner Sklaverei“ (S. 363) empfinden: „Die Fluchtbedingungen und Erlebnisse lassen die Menschen spüren, dass sie im Zielland die Ausbeutungsverhältnisse wohlwissend akzeptieren müssen, denn sie haben keine Wahl, außer ihre Arbeitskraft einzusetzen.“ (S. 363)

Für beide untersuchten Gruppen formuliert Ayhan Taşdemir das Ergebnis: „Die akzentuierten maskulinen Orientierungen werden im Laufe des Migrationsprozesses reflektiert und Einstellungen werden geändert. Der akzentuierte Väter- bzw. Ernährerfokus ist zwar in seiner geschlechtlichen Identitätsorientierung sehr präsent, allerdings wird auf der individuellen Ebene die Übernahme dieser Rolle in vielen Biografien aufgrund der extremen Lebensrealitäten dieser Männer nicht möglich.“ (S. 364 f.)

Dem Autor zufolge kommt es zu ambivalenten Transformationen von Männlichkeit im Kontext der (Flucht)Migration und dem Leben im Aufnahmeland: „Ihre Handlungsintentionen sind zunächst nicht nur von Sicherung ihrer persönlichen Existenz geprägt, sondern aus einer patrilinearen Orientierung wird die Existenz der Familie als männliche Aufgabe gesehen und demnach gehandelt. Ihre gesellschaftlich geschlechtliche Orientierung, ursprünglich geprägt von einer starken maskulinen und patrilinearen Akzentuierung, verändert und wandelt sich in ihrem biografischen Verlauf im Zwangsmigrations- und Illegalisierungsprozess. Die extrem nach geschlechtlicher Trennung für Frauen zugeordneten Aufgaben im Haushalt werden auch von Männern erledigt und die früheren Einstellungen reflektiert und kritisiert. Dennoch wird die Versorgungs- und Ernährungsaufgabe als männliche Aufgabe betrachtet. In der Praxis wird sie allerdings in vielen Fällen von Frauen und Kindern getragen. Dies selbst zu akzeptieren und zu würdigen fällt ihnen schwer, diese Realität wird aber registriert und es wird versucht, damit ein Arrangement zu finden, um sich selbst nicht ganz entfunktionalisieren zu müssen.“ (S. 365)

Abschließend kritisiert der Autor erneut, dass kulturelle wie geschlechtliche Zugehörigkeiten in der Moderne als essentialisiert, naturalisiert und so wenig veränderbar angenommen würden, mit der Folge, dass diese Einstellungen das Fortbestehen hierarchischer Geschlechter- wie Ethnienverhältnisse begünstigen (vgl. S. 369-372).

Diskussion

Als Besonderheit der Arbeit kann hervorgehoben werden: Für den Autor sind die Biografien der befragten Männer nicht nur Gegenstand einer Forschungsarbeit, er sieht in der Arbeit auch die Chance, sich kritisch und reflexiv mit seiner eigenen Lebensgeschichte im Kontext seiner Flucht und Migration auseinanderzusetzen. Es wird deutlich, dass er dabei reflektiert mit seiner Rolle als Forscher umgeht, der selbst einen von Fluchterfahren geprägte Migrationsgeschichte hat.

Sehr interessant ist die Auswahl der beiden Untersuchungsgruppen: von Aserbaidschan in die Türkei eingewanderte und aus der Türkei nach Deutschland migrierte kurdische Männer. Damit ergibt sich die Möglichkeit, die jeweils wirksamen nationalen Kontexte (Deutschland und Türkei) hinsichtlich ihrer Effekte auf die Lebenssituation Geflüchteter vergleichend zu betrachten. Darauf geht Ayhan Taşdemir ein, wenn er die Auswahl der beiden Untersuchungsländer und Zielgruppen begründet (Kap. 4.4, S. 64 ff.). Dabei stellt er die sehr interessante Hypothese auf: „In der Frage der Männlichkeitskonstruktionen der bürgerlichen Gesellschaft gibt es zwischen Deutschland und der Türkei eine historische Beziehung, die für die Untersuchung relevante Überschneidungsaspekte bezüglich der ideologischen Grundidee von Männlichkeitskonstruktionen hat. Diese historische Parallele bezieht sich auf die historischen Militarisierungsprozesse der beiden Gesellschaften. Beide Länder haben in der Geschichte ihrer Nationwerdung jeweils eine gesteuerte Militarisierung, die gewisse soziale Charaktere hervorgebracht haben, die viele Ähnlichkeiten aufweisen: starken Nationalismus, Gefolgschafts- und Gehorsamkeitskultur, übertriebene und betonte maskuline Dominanz, extreme Macht- und Unterordnungsverhältnisse, vor allem in Geschlechterverhältnissen, aber auch in internationalen Beziehungen, insbesondere bei emotionalen Einstimmungen der Massen.“ (S. 65) Diese Art des Zugangs über je national spezifische Unterschiede/Gemeinsamkeiten der Länder eröffnet neue Fragen und Fragestellungen, gerade für die Männlichkeitsforschung, die bislang wegen der dominanten Debatten um ethnisch-kulturell begründete Problemstellungen oder den vorherrschenden Fokus auf behauptete Modernitäts-Traditionalitäts-Differenzen bislang nicht diskutiert werden.

Die Arbeit wendet die narrationsanalytische Methode sorgfältig an und geht mit den sprachlichen Eigenheiten der Forschungssituation hinsichtlich der Übersetzung aus dem Türkischen und Aserbaidschanischen reflektiert um.

Fazit

Die Ausführungen der Arbeit von Ayhan Taşdemir verdeutlichen, wie wichtig es ist, die bereits von Louis Henri Seukwa (2006) ermittelten Erkenntnisse zum „Habitus der Überlebenskunst“, den geflüchtete Menschen entwickeln können, in einem männlichkeitstheoretischen Rahmen zu betrachten, zu reflektieren und weiterzudenken. Denn die Art und Weise der Überlebenskämpfe der marginalisierten Männer rekonstruiert der Autor als vergeschlechtlichte Dynamiken, wobei in der immer wieder gelingenden Bewältigung vieler Krisen und Probleme (z.B. beim „sich selbst unsichtbar“ machen, S. 12) auch Ressourcen und Kompetenzen sichtbar werden.

Dabei legt Ayhan Taşdemir mit der intersektionalen Perspektive, die ebenfalls soziale Marginalisierungen der geflüchteten Männer einbezieht, eine Studie vor, die das komplexe Ineinandergreifen von Einflussfaktoren im Geflecht der Machtstrukturen im Kontext von Geschlecht, Ethnizität und Klasse für die Gruppe der untersuchten geflüchteten Männer gewinnbringend nutzt.

Dem Kommentar der Gutachter*innen der Dissertation, Vera King und Christoph Koller, möchte ich zustimmen, wenn sie feststellen, dass die Forschungsarbeit von Ayhan Taşdemir „eine Gruppe von Menschen zur Sprache kommen zu lassen, die meist wenig Chancen darauf hat, in der Öffentlichkeit differenziert wahrgenommen zu werden.“ (S. VIII)

Dabei nimmt der Verfasser in seiner Forschungsarbeit durchaus eine parteiliche Haltung gegenüber marginalisierten und illegalisierten Männern mit (Fluch)Migrationserfahrungen ein, befasst sich jedoch gleichzeitig auch immer wieder (wo nötig) männlichkeitskritisch mit diesen Männern und ihren Erzählungen. Dabei besteht jedoch ein Problem: Das oben angesprochene „sich Abfinden mit den Verhältnissen“ der befragten Männer, insbesondere verursacht durch die prekären Lebensbedingungen als (illegale) Geflüchtete, behindert den Erkenntnissen der Studie zufolge auch die Motivation und die Kraft sich dagegen zu wehren. Es stellt sich die Frage, welche Konsequenzen politisch Verantwortliche oder gesellschaftskritisch Aktive aus dieser dramatischen Einschätzung ziehen könnten. Daran lässt sich das m.E. wichtige Thema anschließen, das der Autor nicht direkt aufgreift: welche Chancen sieht der Autor auf Basis seiner Erkenntnisse, dass sich marginalisierte und illegalisierte Männer mit (Fluch)Migrationserfahrungen gegen den Ausschluss, ihre Marginalisierung und die Verweigerung von Teilhabe wehren, gleichsam als emanzipatives Handeln dagegen, um – in den Worten von Michel Foucault – „nicht dermaßen regiert zu werden“ (Foucault 1992: 12). Derartige Fragen spielen in der Arbeit kaum eine Rolle.

Denn der Autor ist skeptisch, was die Chancen der Emanzipation von Männern angeht: „Es ist grundsätzlich infrage zu stellen, ob in einer Gesellschaft, wo die Bündnisse, Dominanzen und Unterordnungen hauptsächlich Männlichkeitskonzepten immanent sind, ein emanzipatorischer politischer Eingriff möglich ist.“ (S. 373) Das kann ich als Rezensent nicht ganz teilen, weil sich so an der von Ayhan Taşdemir kritisierten Position marginalisierter geflüchteter Männer nichts oder nur sehr wenig würde ändern lassen können – zumindest nicht als Ergebnis des widerständigen und emanzipativen Handelns der Geflüchteten selbst. Insofern wäre es aus Sicht des Rezensenten zukünftig nötig wie wünschenswert, Männern mit (Flucht)Migrationserfahrungen und auch People of Color die Motivation und Fähigkeit zum emanzipatorischen Widerstand gegen ihre rassistischen Ausschlüsse zuzutrauen, die dann auch Transformationen hin zu geschlechtergerechten Männlichkeitskonstruktionen begünstigen könnten. Es stellt sich ja auch der Studie Ayhan Taşdemir die Frage: Welche Chancen haben Emanzipationsbestrebungen von Männer mit (Flucht)Migrationserfahrung, sich gegen rassistische wie soziale Ausschlüsse zu wehren, gerade auch gegen die Dominanz gesellschaftlicher Diskurse um ethnisch-kulturell oder religiös aufgeladene traditionelle oder gewaltaffine Männlichkeiten migrantischer Männer? Zur Beantwortung der Frage bedarf es m.E. einer begrifflichen Erweiterung der Männlichkeitstheorie im Sinne einer so genannten progressiven Männlichkeiten, mit der sich emanzipatorische Entwicklungen migrantischer Männer und People of Color besser wahrnehmen und präziser analysieren lassen (vgl. Tunç 2018). Aber das ist eine weiterführende Forschungsfrage, für die jedoch die Studie von Ayhan Taşdemir eine gute Grundlage mit wertvollen Erkenntnissen bereitstellt.

Insgesamt gesehen ist diese Studie ein gleichermaßen innovativer wie wertvoller Beitrag in den aktuellen (Fluch)Migrations-Debatten, der neue Aspekte stark macht und so dazu beitragen kann, die kulturalistischen und stereotypen Engführungen zu überwinden.

Insofern kann ich diese methodisch gründlich erstellte Studie von Ayhan Taşdemir sehr empfehlen, weil sie hohe Relevanz für viele gesellschaftliche Bereiche hat wie z.B. in den Sozial- und Erziehungswissenschaften, für die Soziale Arbeit, die Beratungs- und Bildungsarbeit, insbesondere für Aktive im Feld der Arbeit mit und für Menschen mit (Flucht)Migrationserfahrungen. Insbesondere jene, die im Themenfeld von Männlichkeit und Migration tätig sind, finden in der Arbeit wertvolle Erkenntnisse. Allerdings ist dabei der Transfer seiner wissenschaftlichen Erkenntnisse in die Praxis erst noch zu leisten, um Konsequenzen aus seinen Ergebnisse für das professionelle Handeln sozialer Berufe und in der Politik abzuleiten und dort fruchtbar zu machen. Das Potenzial dazu hat diese Arbeit, so dass ihr eine breite Rezeption zu wünschen ist.

Literatur

  • Seukwa, Louis Henri (2006). Der Habitus der Überlebenskunst. Zum Verhältnis von Kompetenz und Migration im Spiegel von Flüchtlingsbiographien. Münster, New York, München, Berlin: Waxmann.
  • Foucault, Michel (1992): Was ist Kritik? Berlin: Merve.
  • Tunç, Michael (2018): Väterforschung und Väterarbeit in der Migrationsgesellschaft. Rassismuskritische und intersektionale Perspektiven. Wiesbaden: Springer/VS

Rezensent
Dr. Michael Tunç
Vorstandsmitglied bei Väter in Köln e.V.
Homepage www.michael-tunc.de
E-Mail Mailformular


Alle 3 Rezensionen von Michael Tunç anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Michael Tunç. Rezension vom 11.07.2018 zu: Ayhan Taşdemir: Marginalisierte Männlichkeitskonstruktionen im Migrationsprozess. Eine vergleichende biografieanalytische Untersuchung männlicher Migranten aus Aserbaidschan in der Türkei und aus der Türkei in Deutschland. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2017. ISBN 978-3-8300-9696-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24129.php, Datum des Zugriffs 17.07.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!