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Michael Tunç: Väterforschung und Väterarbeit in der Migrations­gesellschaft

Cover Michael Tunç: Väterforschung und Väterarbeit in der Migrationsgesellschaft. Rassismuskritische und intersektionale Perspektiven. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. 453 Seiten. ISBN 978-3-658-21189-9. D: 59,99 EUR, A: 61,67 EUR, CH: 62,00 sFr.
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Entstehungshintergrund und Thema

Schon 2014 lieferte Michael Tunç einen Überblick über die Väterforschung in Deutschland, als er seinen Beitrag zu dem Sammelwerk von Karadeniz, Treichel und Großer-Kaya schrieb, das hier ebenfalls besprochen wurde (vgl. die Rezension). Der Band war damals unter dem Titel „Väter in interkulturellen Familien“ erschienen.

Die hier folgende Rezension bezieht sich auf die Doktorarbeit von Tunç, mit der er 2016 vom Fachbereich G der Human- und Sozialwissenschaften an der Bergischen Universität Wuppertal promoviert wurde. Die Buchveröffentlichung der Dissertation folgte nun 2018 im Umfang von 453 Seiten, einer Textlänge, die bemerkenswert ist zu einer Zeit, in der viele Fakultäten dazu übergegangen sind, für Abschlussarbeiten einen Maximalumfang vorzuschreiben.

Aufbau und Einleitung

Nach einem Geleitwort von Franz Hamburger und einer eigenen Danksagung gliedert Tunç die Arbeit in fünf Punkte:

  1. Einleitung, 18 Seiten.
  2. Forschungsstand der Sozial- und Erziehungswissenschaften im Kontext von Väterlichkeit, Männlichkeit und Migration, 197 Seiten.
  3. Väter mit Migrationshintergrund und rassismuskrtisch migrationssozialarbeiterische Väterarbeit (sic!), 54 Seiten.
  4. Die Evaluation interkultureller Väterarbeit in NRW, 104 Seiten.
  5. Fazit der Arbeit, 15 Seiten.

Es folgt ein Literaturverzeichnis mit 47 Seiten.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Der Umfang des Berichts über den Forschungsstand (Kapitel 2) und die Länge des Literaturverzeichnisses deuten auf einen kompilatorischen Schwerpunkt des Buches und seine mögliche Nützlichkeit als Nachschlagewerk.

Der Verfasser erklärt in seiner Einleitung: „Im Fokus der Arbeit stehen subjektive Konstruktionsprozesse migrantischer Väter/PoC im Sinne des doing fathering und doing ethnicity, die sich verbinden mit Dynamiken des doing masculinity, verstanden als Wechselverhältnisse subjektiver Konstruktionsprozesse von Väterlichkeit und Männlichkeit“ (S. 21). Die Formel „PoC“ taucht in dem Buch immer wieder auf und bedeutet „people of color.“ Der Schrägstrich nach „migrantisch“ soll offenbar zeigen, dass Wanderungs- und Vertreibungsschicksale ähnlich zu bearbeiten sind, wie Rassenunterschiede. Dazu erläutert der Verfasser noch: „Während der Entwicklung des Forschungsfeldes Gender und Ethnizität wurden fachliche Auseinandersetzungen über Frauen mit Migrationshintergrund bzw. Women of Color (WoC) zumeist differenzierter geführt als über Männer mit Migrationshintergrund/PoC)“ (ebd.).

Inhalt

Im zweiten Kapitel geht es u.a. um die Grundlagen der „Väterlichkeitsforschung:“ Dazu schreibt Tunç: „Allgemein orientiert sich die deutschsprachige Väterlichkeitsforschung stark an weiter entwickelten Debatten aus dem anglo-amerikanischen Raum“ (S. 41) und gibt damit einen Hinweis auf Feminismus und gender studies sowie eine „mehr makrosoziale geschlechtertheoretische Perspektive“ (S. 45). Im Rückblick auf das umfangreiche Kapitel 2 meint Tunç, darin werde „die Tendenz“ deutlich, „dass die auf Männlichkeit gerichteten ethnisierten und religionisierten Diskurse auch als wirksam für Väterlichkeit angenommen werden können“ (S. 228). Darum werden zu Beginn des Kapitels „zusätzlich… die Konzepte von Männlichkeit migrantischer Männer bzw. Väter/PoC als Einflussfaktor für Entwicklungen von Väterlichkeit diskutiert“ (S. 229).

In dem praxisorientierten dritten Kapitel begibt sich der Verfasser auf die Suche nach Zugangsweisen im social work (Soziale Arbeit), die „geeignet“ sind, „um im Kontext intersektionaler und migrationsgesellschaftlicher Differenzkonstellationen und Mehrfachzugehörigkeiten erfolgreich zu arbeiten“ (S. 233). „Das Unterkapitel 3.3 stellt ausgewählte Zugänge und Reflexionen des professionellen Handelns vor, die für die Väterarbeit mit migrantischen Vätern/PoC relevant sind“, nämlich Theorien und Ansätze emanzipatorischer Männerarbeit/-bildung (Kap. 3.3.1) der rassismuskritischen Migrationssozialarbeit (Kap. 3.3.2) und der diversitätsbewussten Sozialen Arbeit (Kap. 3.3.3) (S. 233 f.). Dabei wird eine gewisse Unschärfe des hier vorausgesetzten Rassismusbegriffs deutlich: „Rassismuskritische Soziale Arbeit setzt auch an natio-ethno-kulturellen Mehrfachzugehörigkeiten an: ‚Denn nichts widerspricht dem Rassismus so sehr wie die Mischung‘“ (S. 276)

Bei der im vierten Kapitel vorgestellten Evaluation geht es um empirische Daten, die weitgehend für sich sprechen. Man findet dort Informationen zu der „durchschnittlichen Anzahl der Wochenstunden für Väterarbeit“ (S. 305), zu dem relativen Anteil der Träger (Familienzentren, Jugendämter, Schulen, Kindergärten) die Angebote für Fachleute zum Thema Väterarbeit bieten (S. 309), zur Zahl der Teilnehmer verteilt auf Veranstaltungsangebote (Caritas, AWO, KIZ Aachen etc.) und zu den Themen, die als Problembereiche bearbeitet werden (Schule der Kinder, Väterbeziehung zu Söhnen, Trennung, Scheidung, Umgangsrecht usw.) (S. 313). Der sinnvolle Einsatz von Graphiken und Tabellen macht dieses Kapitel zu einer zweifellos hilfreichen Informationsquellen.

Als eines der Ergebnisse seiner Forschung erwähnt Tunç im „Fazit der Arbeit,“ „dass sich emanzipative Perspektiven auf intersektionale Ungleichheits- und Differenzverhältnisse für migrantische Väter/PoC in der Forschung und Praxis der Sozialen Arbeit fruchtbar machen lassen“ (S. 391). Das gelingt auch deshalb, weil in diesem Buch „das neue Konzept der progressiven Männlichkeiten vorgestellt und genutzt“ wird, „mit dessen Hilfe auch Emanzipationsprozesse engagierter Väterlichkeit im Spannungsfeld progressiver und hegemonialer Männlichkeit erklärt werden können“ (ebd.).

Diskussion und Fazit

Dem Literaturverzeichnis entnimmt der Leser, dass Tunç 2017 zum Thema „Männlichkeit und Islam“ einen Beitrag zu einem „im Erscheinen“ befindlichen Sammelband über „theologische, gesellschaftliche, historische und praktische“ Aspekte des Verhältnisses zwischen Islam und der Geschlechterfrage geschrieben hat. Unter den Titeln seiner Publikationen kommt auch der „türkische Vater“ vor.

Zu Beginn dieser Rezension wurde schon erwähnt, das der Verfasser über „Väter in interkulturellen Familien“ gearbeitet hat. Es könnte wohl sein, dass seine Forschungsinteressen im Bereich des Kulturvergleichs und der Familiensoziologie liegen, und dass die Ausrichtung des hier besprochenen Buches ein Zugeständnis an Karrierechancen ist: In den Bereichen gender als Emanzipationslehre, zunächst für Frauen, nun auch für Männer, ist mit weit größerer Wahrscheinlichkeit eine Planstelle an einer deutschen Hochschule zu bekommen als wenn der Verfasser versuchen wollte, im Kontext der Religionssoziologie (Islam) oder der Familiensoziologie (die noch von Sozialpsychologen und Historikern betrieben wird) über Vaterschaft als Fundament jener Kulturen zu forschen, sie sich auf Abraham oder Konfuzius berufen (oder es doch bei ihrer Entstehung getan haben).

Da der Verfasser sich wohl für gender qualifizieren will, muss das vorgelegte Buch durch seine normativ-emanzipatorische Fragestellung und seine gewöhnungsbedürftige Terminologie (z.B. PoC) bei dem Leser einen Entfremdungseffekt erzeugen, den das Thema Väterlichkeit nicht verdient hat.


Rezensent
Prof. Dr. Horst Jürgen Helle
Ludwig-Maximilians-Universität München
Institut für Soziologie
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Zitiervorschlag
Horst Jürgen Helle. Rezension vom 14.09.2018 zu: Michael Tunç: Väterforschung und Väterarbeit in der Migrationsgesellschaft. Rassismuskritische und intersektionale Perspektiven. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. ISBN 978-3-658-21189-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24130.php, Datum des Zugriffs 15.11.2018.


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