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Peter Buttner, Silke Brigitta Gahleitner u.a. (Hrsg.): Handbuch Soziale Diagnostik

Cover Peter Buttner, Silke Brigitta Gahleitner, Ursula Hochuli Freund, Dieter Röh (Hrsg.): Handbuch Soziale Diagnostik. Perspektiven und Konzepte für die Soziale Arbeit. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2018. 404 Seiten. ISBN 978-3-7841-3029-3. D: 34,90 EUR, A: 30,90 EUR.

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Thema

Diagnostizieren im Sinne von „gründlich kennenlernen, entscheiden und beschließen“ wird im Alltagsverständnis zumeist mit den Fächern Medizin und Psychologie verbunden. Die Ursprünge der Diagnostik in der Sozialen Arbeit reichen jedoch ebenfalls weit zurück und werden auf Mary Richmond (1917) und Alice Salomon (1926) – zwei Begründerinnen der Sozialen Arbeit – zurückgeführt. Das genaue Kennenlernen der Lebensumstände, der sozialen Beziehungen und der Problemlagen der Klient_innen wurde in der Sozialen Arbeit schon immer als integraler Bestandteil des Hilfeprozesses gesehen. Es gilt die Unterstützungsstrategien bzw. den Hilfebedarf jeweils einzelfallbezogen zu bestimmen und fachlich zu begründen. So bildet das Ergebnis der Diagnostik auch die Grundlage zur Finanzierung der professionellen Unterstützungsangebote. Der sozialen Diagnose kommt insofern trotz zahlreicher fachlicher Kontroversen (z.B. Defizit- vs. Ressourcenorientierung) eine wichtige Steuerungsfunktion zu.

Soziale Diagnostik geht von den Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit aus und formuliert eigenständige theoretische Konzepte, Prozessmodelle und entwickelt Verfahren bzw. Instrumente. Dabei gilt es praxistaugliche Standards für eine professionelle Durchführung Sozialer Diagnostik zu formulieren und sich in der Entwicklung neuer Verfahren und Instrumente daran zu orientieren.

Die vorliegende Publikation als Handbuch der Sozialen Diagnostik hat insofern die Aufgabe und den Anspruch die fachlichen Wurzeln der Sozialen Diagnostik, historische und aktuelle Diskurse bzw. Kontroversen aufzeigen. Es dient der gebündelten Vorstellung von Konzepten, Verfahren und Instrumenten, gespeist aus verschiedenen theoretischen Schulen und Handlungsfeldern.

Entstehungshintergrund

Das Handbuch, herausgegeben in Kooperation namhafter Hochschuldozent_innen, bezieht weitere 25 ausgewiesene Wissenschaftler_innen, Dozent_innen und erfahrene Berufspraktiker_innen aus der klinischen Sozialarbeit, der Psychotherapie und der Gesundheitswissenschaft mit ein. Es will „ … eine handhabbare Hilfe für diagnostisches Handeln in der Sozialen Arbeit vorlegen.“ (S. 5) Einführende Grundlagen und theoretische Perspektiven bilden dabei die Basis für die Darstellung der Diagnoseverfahren und -instrumente.

Aufbau

Die Herausgeber_innen gliedern ihr Handbuch in vier Bereiche:

  1. Einführung in Soziale Diagnostik
  2. Theoretische Perspektiven der Sozialen Diagnostik
  3. Konzepte der Sozialen Diagnostik und
  4. Ausgewählte Instrumente und Verfahren.

Ein Verzeichnis der beteiligten Autor_innen beschließt das Handbuch.

Die socialnet Partnerbuchhandlung Lehmanns bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Zu Teil A

Die Herausgeber_innen führen die Leser_innen in die Soziale Diagnostik ein, wie sie von Mary Richmond und Alice Salomon als Grundlage des professionellen Handelns in der Sozialen Arbeit entworfen wurde. Neben dieser – auf die Analyse der Notlage der Klient_innen fokussierten Ausrichtung – führen die Autor_innen weitere ideengeschichtliche Quellen der Sozialen Diagnostik an: die Soziometrie zur Analyse sozialer Beziehungsstrukturen, die geisteswissenschaftliche Hermeneutik und den ethnographisch-rekonstruktiven Ansatz in der Sozialforschung.

Es schließt sich ein historischer Abschnitt zum Nationalsozialismus und der Funktionalisierung von Diagnostik zur Ausgrenzung bzw. Aussonderung von Menschen auf Grundlage rassenideologischer Prinzipien an. Dies hat die Soziale Diagnostik in der Nachkriegszeit bis in die 1960 er Jahre fundamentale Kritik und einen Grundverdacht der Etikettierung und Diskriminierung eingebracht. Soziale Arbeit gab in dieser Zeit – so die Herausgeber_innen – das Feld der Diagnostik weitgehend an die Medizin und Psychologie ab.

Mit der Akademisierung der Sozialen Arbeit in den 1970 er und 1980 er Jahren kam es dann zu einer Wieder- bzw. Neubelebung der Sozialen Diagnostik, neben dem Rückbezug auf die Begründerinnen der Sozialen Arbeit wurde dabei auch Methodenwissen und -kompetenz aus den Bezugswissenschaften integriert.

Unter engem Bezug auf die Arbeiten von Maja Heiner werden grundlegende Prinzipien der Sozialen Diagnostik vorgestellt und die Verbindung von Theoriewissen und Methodenkompetenz bei gleichzeitiger Vielfalt der Arbeitsfelder und Ansätze herausgearbeitet. Abschließend erläutern die Herausgeber_innen den Aufbau des Handbuches.

Zu Teil B

Der zweite Teil beschreibt in 8 Beiträgen die verschiedenen theoretischen Perspektiven, die sich in der Sozialen Diagnostik wiederfinden. Dadurch wird eine vertiefte Fundierung des diagnostischen Handelns erreicht, ausgehende vom Individuum hin zu sozialen Netzwerken und zur Ebene gesellschaftlicher Zusammenhänge.

Nach einer thematischen Vorstellung der Zielsetzung und des Aufbaus eröffnet der Beitrag von Silke Gahleitner zu Identität und Bindung den Teil B. Ein breiter theoretischer Horizont wird durch den Einbezug der verschiedenen Psychologischen Schulen erreicht. Identität ist immer als Bestandteil sozialer Netzwerke und deren Unterstützung zu beschreiben. Dies führt Silke Gahleitner in einem weiteren Beitrag aus einer entwicklungsorientierten Perspektive aus und begründet damit die Analyse sozialer Beziehungen als grundlegend für die Soziale Diagnostik.

Es folgt ein Beitrag von Silke Gahleitner und Dieter Röh zur Biographie als einer Perspektive in der Sozialen Diagnostik. Dies auch begrifflich-konzeptionell zu reflektieren spielt für den Grundsatz „Person-in-Umwelt“ zu sehen und zu diagnostizieren eine wichtige Rolle.

Die Beschreibung von Kompetenzen und Ressourcen bilden eine optimistische und entwicklungsorientierte Seite in der Sozialen Diagnostik. Ursula Hochuli Freund führt in den Kompetenzbegriff und die verschiedenen praxisfeldbezogenen Kompetenzkonzepte ein. Dem folgt der Beitrag von Peter Buttner zur Ressourcenperspektive, den verschiedenen Hierarchiestufen und der Bedeutung von Ressourcen im Kontext von Bewältigungsverhalten und Stresserleben. Auf Kompetenzen und Ressourcen stützen sich im Hilfeprozess positive Erwartungen, manchmal auch Verheißungen. Es gilt sich in der Sozialen Diagnostik Klarheit und einen analytischen Blick für deren verlässliche Erfassung zu bewahren, verbunden mit der handwerklichen Genauigkeit für die Instrumente und Verfahren zu deren Erhebung. Darauf zielen die beiden Beiträge.

Der Sozialraum und Prozesse der Inklusion – ausgeführt von Dieter Röh und Peter Buttner – bilden originäre Arbeitsschwerpunkte der Sozialen Arbeit. Sozialraumanalyse dient der sozialen Teilhabe und Inklusion gilt es aus dem Alltagsverständnis herauszulösen und in fachliche Diskurse im Kontext von Armut, soziale Ungleichheit und Behinderung unter Bezug auf die Systemtheorie einzubetten. Peter Buttner zeigt in seinem Fazit die Verbindung der theoretischen Perspektiven zu Verfahren und Instrumenten der Sozialen Diagnostik (z.B. Netzwerkkarten, Inklusions-Charts nach Pantucek) auf.

Dieter Röh erklärt in seinem den Teil abschließenden Ausführungen den doppelten Zugang der Sozialen Diagnostik aus der subjektiv-individuellen und der sozial-strukturellen Perspektive.

Zu Teil C

Der dritte Teil wendet sich in insgesamt 15 Beiträgen Konzepten der Sozialen Diagnostik zu. Die Autor_innen des Handbuchs stellen im deutschsprachigen Raum verbreitete Konzepte vor, die sich einem biopsychosozialen Modell verpflichtet sehen. In den folgenden Einzelbeiträgen werden dazu die theoretischen Grundlagen, die Eignung für spezifische Praxisfelder, die Gestaltung der Klientenbeziehung in dem jeweiligen Ansatz und in einzelnen Beiträgen auch Hinweise zur methodischen Umsetzung beschrieben.

Einleitend stellen die Herausgeber_innen den Aufbau des dritten und umfangreichsten Teils des Buches vor. Eine große Verbreitung hat das auf Maja Heiner zurückgehende Konzept des diagnostischen Fallverstehens gefunden. Seine Grundlagen und die Weiterentwicklung erläutern Silke Gahleitner, Helmut Pauls und Rolf Glemser. Insbesondere geht es dabei auch um die konstruktive Lösung der Kontroverse zwischen klassifikatorischen und rekonstruktiven Ansätzen in der Sozialen Diagnostik. Den Leser_innen werden Vor- und Nachteile und die Konsequenzen für das diagnostische Handeln beschrieben und auf der Basis des Rahmenmodells von Silke Gahleitner integriert. Das Konzept der kooperativen Prozessgestaltung stellen nun folgend Ursula Hochuli Freund und Raphaela Sprenger-Ursprung vor. Hierbei geht es um ein professionstheoretisch fundiertes Rahmenkonzept, das Aspekte der Zusammenarbeit mit den Klient_innen im diagnostischen Prozess hervorhebt. Auf dem aktuellen Entwicklungsstand des Konzepts gibt es für das konkrete diagnostische Handeln keine engeren Vorgaben hinsichtlich Ablauf und Einsatz spezifischer Instrumente.

Peter Buttner führt in die Grundsätze der Ressourcendiagnostik ein. Dabei weist er auf die Notwendigkeit die Soziale Diagnostik in eine Grundhaltung der Ressourcenorientierung einzubetten hin. In seinem Beitrag geht es insbesondere um die Taxonomie der Ressourcen und die multiperspektivische Diagnose von Ressourcen zwischen Selbst- und Fremdbeschreibung. Den Grundsatz der Sozialen Teilhabe als integralen Bestandteil der Sozialen Arbeit führt Harald Ansen aus und leitet ihn von allgemeinen professionstheoretischen Überlegungen ab. Es folgt ein Beitrag zur Sozialraumanalyse von Dieter Röh. Von der personenbezogenen Perspektive geht der Autor zu der in der Soziologie begründeten Strukturanalyse über und verweist auf deren Nützlichkeit im Kontext der Bearbeitung von Einzel-, Gruppen- und Stadtteilkonflikten. Mit der Netzwerkanalyse schließen Annett Kupfer und Frank Nestmann an das Thema Ressourcenanalyse an, beschreiben ihre allgemeine Bedeutung und die spezifische Relevanz für die egozentristische Netzwerkanalyse.

Thematisch verbunden folgt nun die systemisch-biographische Diagnostik des Lebensführungssystems, dargestellt von Lea Hollstein, Raphael Calzaferri, Regula Dällenbach, Cornelia Rügger und Peter Sommerfeld. Den Kern dieser Forschungskooperation der Autor_innen mit Schweizer Jugendhilfeeinrichtungen bilden ein Lebensführungsmodell und eine Plattform mit forschungs- und theoriebasierten Verfahren zur lebensbiographischen Analyse. Die Autor_innen illustrieren die Arbeitsweise anhand eines Fallbeispiels. Der Beitrag von Kaspar Geiser zum systemtheoretischen Paradigma in der Sozialen Diagnostik greift nochmals einige Grundfragen des diagnostischen Handelns auf, integriert diese in einem ganzheitlichen Modell der Systemischen Denkfigur (SDF) und benennt in seinem Mehrebenen-Modell handlungsleitende diagnostische Fragerichtungen. Thematisch anschließend findet sich der Beitrag von Ursula Hochuli Freund zur multiperspektivischen Fallarbeit. In der Tradition von Burkhard Müller führt die Autorin das kasuistische Projekt weiter und präsentiert den Leser_innen komprimiert die Dimensionen der Fallarbeit und das Prozessverständnis Sozialer Diagnostik in diesem Ansatz.

Mit dem Psychoanalytisch orientierten Fallverständnis stellt Margret Dörr einen weiteren Theoriezugang zur Verfügung. Es wird das szenische Verstehen als zentraler Teil der psychoanalytischen Hermeneutik erläutert und auf Bereiche hingewiesen, in denen bereits der Praxistransfer dieses Konzepts für die Soziale Arbeit gelingt. Die Konsequenzen der objektiven Hermeneutik für das Sammeln, Erheben und Auswerten von diagnostischen Daten stellt Roland Becker-Lenz dar. Es geht ihm um eine Positionierung im Spannungsfeld zwischen professioneller Intuition, den objektiven Daten der Fallarbeit und der subjektiven Wahrnehmung und Deutung im diagnostischen Handeln. Wolfram Fischer und Martina Goblirsch präsentieren nun die Narrativ-biographische Diagnostik in ihrer Entstehung, ihrer Arbeitsweise und in den Einsatzfeldern innerhalb und außerhalb der Sozialen Arbeit. Spezifisch für die Kinder- und Jugendhilfe wird im folgenden Beitrag von Sabine Ader und Christian Schrapper auf das Fallverstehen in der sozialpädagogischen Diagnostik im Spannungsfeld zwischen Lebenslage, Selbstdeutung und institutionelle Unterstützungsansätzen eingegangen. In zahlreichen Jugendhilfeorganisationen der Schweiz haben sich kompetenzorientierte Methodiken, im Sinne von Handlungsmodellen zu einem gelingenden Tun zwischen (Lebens-)Aufgaben und Fähigkeiten etabliert. Das Konzept – vorgestellt von Kitty Casée – liefert praxisorientiert Angaben zum Diagnostikprozess und zu seinen Instrumenten. Eine weitere arbeitsfeldorientierte Konzeption stellen Stephan Cinkl und Uwe Uhlendorff mit ihrem Beitrag zur Sozialpädagogischen Familiendiagnose im Kontext der Erziehungshilfe vor. Die Autoren schildern die Entstehung, die theoretischen Grundlagen und die methodischen Schritte im diagnostischen Prozess einschließlich einer eigenen Prozessevaluation.

Zu Teil D

Im Rahmen von 15 Einzelbeiträgen werden in diesem Teil Verfahren und Instrumente der Sozialen Diagnostik vorgestellt. Auch hier gibt es eingangs eine kurze Beitragsübersicht durch die Herausgeber_innen. Erneut erfährt Maja Heiner mit ihren Entwicklungsarbeiten für die Soziale Diagnostik eine Würdigung, indem ihr 2004 publizierter Beitrag über die PRO-ZIEL-Basisdiagnostik in gekürzter Form abgedruckt wird. Es handelt sich um ein teilstandardisiertes Analyseinstrument, das in Kooperation mit den Klient_innen ausgefüllt deren Lebenssituation reflektiert, dazu dient Arbeitshypothesen über die Funktion des problematischen Verhaltens abzuleiten und die biographische Zielanalyse anleitet. Das nun folgende Inklusions-Chart wird von Peter Pantucek-Eisenbacher mit seiner Zielsetzung einer Analyse der Lebenslage und Ermittlung von Exklusionsrisiken vorgestellt. Darüber hinaus skizziert der Autor den Aufbau, die Handhabung und die Einsatzmöglichkeiten des Instrumentes.

Gebündelt folgt ein Kurzüberblick über Ressourceninstrumente von Peter Buttner und in einem weiteren Beitrag des Autors ein Überblick zu Soziometrischen Verfahren. Der Autor geht auf Anwendungsmöglichkeiten der Instrumente ein, entwirft eine Systematisierung beider Instrumentengruppen und benennt einzelne Instrumente mit dem Verweis auf fachwissenschaftliche Literatur. Ausführlicher eingehend auf Anwendungs- und Handhabungsfragen von Netzwerkkarten ist der Beitrag von Annett Kupfer. Sie illustriert diese in ihrer Handhabung durch ein fiktives Praxisbeispiel und Graphiken. Thematisch angrenzend, aber erweitert durch den Sozialraumbezug erläutert Dieter Röh die Anwendung von Netzwerkkarten zur Analyse von Sozialbeziehungen im Nah- und Fernraum. Dadurch lässt sich eine Betrachtung des „Fall-im-Feld“ erreichen und anschaulich verschiedene Unterstützungspotenziale sichtbar machen. Ebenfalls ein darstellendes Verfahren ist die Genogrammarbeit, die nun Stefanie Sauer einführt. Neben den historischen Ursprüngen und den Weiterentwicklungen geht die Autorin auf die Einsatz- und Erkenntnismöglichkeiten durch die Arbeit in der generativen Entwicklung mit den Familien ein. Den Biographischen Zeitbalken stellt Peter Pantucek-Eisenbacher vor, führt dazu seine theoretischen Grundlagen, die Struktur, die Handhabung und die Interpretation der mehrdimensionalen Timeline aus.

Bezugnehmend auf das Konzept der Kooperativen Prozessgestaltung in Teil C stellt Ursula Hochuli Freund als erste Instrumentengruppe in Notationssysteme zur Selbsteinschätzung vor. Dabei beschreibt die Autorin die Verwendung von Silhouetten zur Veranschaulichung in der Ressourcen-, Problem- und Sehnsuchtssuche, stellt die „Drei Häuser-Methode“ von Andrew Turnell entwickelt in der Kinderschutzarbeit und die modifizierte Version der mehrdimensionalen Zeitbalkenarbeit vor. Diese kreativen Instrumente dienen der Selbstanalyse der Klient_innen und sollen ihr Selbstvertrauen stärken. Als Instrument der Biographiediagnostik beschreiben nun Silke Gahleitner und Lucia Dangel das Lebenspanorama und das Erwachsenenbindungsinterview. Sie leiten ihren Beitrag mit einer Fallschilderung ein, um den besonderen Stellenwert des biographischen Zugangs in der Diagnostik zu illustrieren. Das Fallbeispiel wird zur Beschreibung von Prozessschritten und zur Bestimmung der Bindungsqualität wieder aufgegriffen. Die „Säulen der Identität“ (und das Soziale Atom) dienen Silke Gahleitner und Lucia Dangel dazu, Grundsätze der Lebensweltdiagnostik vorzustellen. Es wird das Fallbeispiel des vorauslaufenden Beitrags aufgegriffen und beide Instrumente fallbezogen angewandt.

Das nun folgende Instrument des theoriegeleiteten Fallverstehens – beschrieben durch Ursula Hochuli Freund und Raphaela Sprenger-Ursprung – illustrieren die Autorinnen in seiner strukturierenden Systematik anhand eines Fallbeispiels. Mit dem Beitrag von Sabine Adler und Christian Schrapper wird an Fragen der Diagnostik in der Kinder- und Jugendhilfe im Teil C angeknüpft und bezogen auf relevante Instrumente sechs Perspektiven zum Fallverstehen mit Hilfe von Leitfragen und dazugehörigen Instrumenten aufgezeigt. Den Beitrag zur Sozialraumanalyse aus Teil C aufnehmend schildert Dieter Röh die konkrete Umsetzung der Sozialraumanalyse auf der subjektiven und intersubjektiven Ebene.

Petra Gromann beschreibt die Integrierte Teilhabeplanung (ITP) wie sie unter Bezug auf das Bundesteilhabegesetz in mehreren Bundeländern im Rahmen der Eingliederungshilfe eingeführt ist. Die Integrierte Teilhabeplanung dient der Bestimmung der personenbezogenen Hilfen auf Grundlage der Lebenslage der Klient_innen und deren Zielen für ein „gutes Leben“.

Ein Beitrag zu den Koordinaten psychosozialer Diagnostik von Silke Gahleitner und Lucia Drangel beschließt das Handbuch. Den bereits in früheren Beiträgen zur Veranschaulichung der methodischen Arbeit verwendeten Praxisfall greifen die Autorinnen erneut auf, um die vier Perspektiven der Diagnostik – Stressoren, Belastungen, Defizite vs. Stärken und Ressourcen, sowie Personen- vs. Umweltfaktoren – zu veranschaulichen. Dieses Tool ist kein eigenständiges Instrument, sondern es ist hilfreich zur Systematisierung von Befunden aus Einzelverfahren bzw. Instrumente in einer Gesamtübersicht.

Es folgt das Autor_innenverzeichnis mit den jeweilgen Arbeitsschwerpunkten und Email-Adressen.

Zielgruppen

Das Handbuch will Anwendung in der Ausbildung, im Studium und bei der Weiterbildung von Praktiker_innen der Sozialen Arbeit und angrenzender Berufe finden. Von einem pragmatischen Standpunkt ausgehend sollen Hilfen für das diagnostische Handeln geliefert werden.

Insbesondere können Studierende profitieren, die sich die theoretischen und konzeptionellen Grundlagen der Sozialen Diagnostik aneignen wollen. Das Handbuch lässt sich auch in der Weiterbildung von Sozialarbeiter_innen anwenden wenn es um einen Überblick zu den Anwendungsfeldern Sozialer Diagnostik geht. Will man sich Einzelverfahren und Instrumenten aus dem Teil D aneignen, müsste z.T. ergänzend noch weitere Literatur und die entsprechenden Manuale herangezogen werden.

Diskussion

Es liegt ein sehr systematisch aufgebautes und informatives Handbuch vor. Insbesondere in den Teilen A – C können die Beiträge überzeugen und liefern den Leser_innen jeweils eine sehr verständliche Einführung in Grundlagen, Theorien und Konzepte. Die Beiträge stellen so eine aktuelle und von namhaften Autor_innen geschriebene „Vermessung“ der Sozialen Diagnostik dar. In verschiedenen Praxisfeldern ausgewiesene Autor_innen kommen zu Wort und stellen die unterschiedlichen Zugänge zur Sozialen Diagnostik – nicht ohne gewisse Redundanzen zwischen den Beiträgen – vor.

Etwas weniger überzeugend finde ich Teil D. Hier wird zwar an die in Teil C vorgestellten Konzepte angeknüpft und diese durch die beschriebenen Verfahren und Instrumente konkretisiert. Auch macht die Illustration der Instrumente durch einzelne Fallbeispiele die Ausführungen anschaulicher. Die Verfahren und Instrumente wurden jedoch jeweils nur kurz genannt, skizziert bzw. einzelne durch Abbildungen veranschaulicht. Das breite Spektrum der Methoden ist sicher bei limitiertem Buchumfang eine Herausforderung. Die dargestellten Methoden dürfen bei den Leser_innen jedoch nicht den Anschein erwecken diese bereits anwenden zu können. Hier ist unbedingt auf ein vertiefendes Methodentraining im Sinne von „Learnig by doing“ zu verweisen. Auch wäre zu diesem Thema der Professionalisierung in der Anwendung der Sozialen Diagnostik ein eigener Beitrag sinnvoll.

Fazit

Mit dem vorliegenden Handbuch bündeln die Herausgeber_innen und die weiteren Autor_innen den aktuellen Stand des Grundlagenwissens der Sozialen Diagnostik. Die Vielfalt der theoretischen Zugänge, Ansätze und Konzepte wird in ihrer Pluralität beschrieben, Kontroversen dargestellt und zentrale Verfahren und Instrumente vorgestellt. Das Handbuch überzeugt durch die Kompetenz und die Breite des Autor_innenkreises und die klare Struktur in den vier Teilen.

Insbesondere für BA- und MA-Studierende liefert das Handbuch fundierte Grundlagen und kann auch Praktiker_innen den aktuellen Stand der deutschsprachigen Sozialen Diagnostik nahebringen.

Für die Planung von diagnostischen Handeln bietet es zahlreiche Anregungen und Impulse, in der Anwendung von Einzelverfahren wäre dann die angegebenen weiterführende Literatur heranzuziehen und der Kompetenzerwerb mit Praxistraining zu verbinden.


Rezensent
Prof. Dr. Hans-Jürgen Balz
Dozent für Psychologie (Schwerpunkte Diagnostik und Beratung) an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum
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Zitiervorschlag
Hans-Jürgen Balz. Rezension vom 01.08.2018 zu: Peter Buttner, Silke Brigitta Gahleitner, Ursula Hochuli Freund, Dieter Röh (Hrsg.): Handbuch Soziale Diagnostik. Perspektiven und Konzepte für die Soziale Arbeit. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2018. ISBN 978-3-7841-3029-3. Für Mitglieder des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge Sonderpreis: 28,90 €. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24134.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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ISSN 2190-9245

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