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Manfred Schwarz, Thorsten Schlaak: 50 systemische Demonstrationen

Cover Manfred Schwarz, Thorsten Schlaak: 50 systemische Demonstrationen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2018. 224 Seiten. ISBN 978-3-525-45261-5. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR.
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Thema

Die beiden Autoren Manfred Schwarz und Thorsten Schlaak bieten in ihrem Buch 50 Systemische Demonstrationen in Form von Geschichten, Anekdoten, Metaphern, Gedankenexperimenten, Visualisierungen oder auch Formeln und Rätsel, um so auf anschauliche Weise systemische Grundbegriffe und deren Sichtweisen veranschaulichen und unmittelbar einsichtig machen.

An 50 Kernthemen demonstrieren, erklären und illustrieren sie, was eine systemische Perspektive im Organisations- und Führungsalltag verändert. Unterstützt durch Illustrationen von Jörg Plannerer geben sie Berater*innen, Coaches, Führungskräften und interessierten Systemiker*innen relevante Hintergrundinformationen und Praxisbeispiele an die Hand, die sie in Beratungen und Workshops zur Verdeutlichung systemischer Zusammenhänge einsetzen können.

Autoren

Manfred Schwarz arbeitet als Autor, Trainer und systemischer Berater in Bad Vilbel. Sein Fokus liegt auf den Bereichen Führungskräfteentwicklung, Kommunikation sowie Organisations- und Teamentwicklung.

Thorsten Schlaak lebt in München und berät als systemischer Berater und Coach Entscheider und Managementteams insbesondere zu den Themen Führung, Zusammenarbeit, Kommunikation und Kundenzentrierung.

Aufbau

Das Buch umfasst drei große Schwerpunkte:

  1. Zweckmäßige Perspektiven (14 Unterkapitel)
  2. Zuverlässige Grundlagen (15 Unterkapitel)
  3. Zielführende Werkzeuge (21 Unterkapitel).

Im Internet stehen weitere Materialien bereit, u a. die Illustrationen zum Download, ein Online-Zusatzkapitel: „Führung auf dem Platz – Instruktion, Impuls, Intervention oder Irritation?“.

Auch besteht über die Verlagsseite die Möglichkeit, sich an einer Crowd-Authoring-Aktion und damit an einer potentiellen Folgeauflage des Buches als Co-Autor*in zu beteiligen.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Der erste Teil des Buches nimmt systemische Perspektiven in den Blick, erläutert dabei zunächst, was ein System ausmacht und welche Auswirkung dies z.B. auf die Kommunikation hat. Die meisten Kapitel enthalten dabei neben gut lesbaren theoretischen Inputs, Übungen, konkrete Umsetzungsideen und -tipps für die Praxis und Vorschläge, wie sich die jeweilige Demonstration in der Praxis unmittelbar erproben lässt oder auch Anregungen zum Weiterdenken. Hier arbeiten die Autoren auch gerne mit Formeln, z.B. mit einer erweiterten Vertrauensformel, oder Beispielen aus der Physik, um entsprechende systemische Zusammenhänge zu erläutern. Weitere Inputs in diesem Teil des Buches beschäftigen sich mit dem „blinden“ Fleck, Empathie und Konflikten. Das Thema Entschlossenheit wird in den Blick genommen, weil diese aus systemischer Perspektive „zu gestalterischen Leistungen führen, die eine Lösung für zunächst ausweglos erscheinende Situationen anbieten.“ (39). Entscheidungen werden dabei als etwas verstanden, das „die Zukunft bestimmbar machen bzw. festlegen und die Vergangenheit durch Einführung neuer Perspektiven verändern [kann].“ (39). Dafür ist es wichtig, ein System so aufzustellen, dass Informationen derart zugänglich gemacht werden, dass ein System entscheidungs- und somit handlungsfähig wird. Ausführlicher untersuchen die Autoren in diesem Zusammenhang Fragen der Trauerarbeit, die im Zusammenhang mit Entscheidungen als wichtig erachten, etwa in Bezug auf alte Ideen oder vertraute Handlungsmuster. Weiteres Thema ist die Viabilität oder Gangbarkeit, also z. B: Wissen als angepasstes Wissen, welches im Hinblick auf einen intendierten oder erreichten Zweck wirksam ist (66). Als Nächstes rücken Ambivalenz und Ambiguität in den Fokus des Nachdenkens über systemische Perspektiven. In diesem Zusammenhang führen die Autoren auch die VUCA-World ein:

  • Volatility/Unberechenbarkeit
  • Uncertainty/Ungewissheit
  • Complexity/Komplexität
  • Ambiguity/Mehrdeutigkeit.

Angesichts dieser VUCA-Welt halten die Autoren die systemische Perspektive für sehr hilfreich, weil „das Einbeziehen von Wechselwirkungen und verschiedenen Perspektiven gleichsam ‚eingebaut‘ ist, was wiederum hilft, sie zu verarbeiten.“ (71). Die Beschäftigung mit den Aspekten Problemtrance und Bricolage runden diesen Teil des Buches ab, wobei Bricolage das von Claude Lévi-Strauss entwickelte Konzept des „Bastlers“ beschreibt, der Probleme mit den ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen löst, statt sich besondere, speziell für das Problem entwickelte Mittel zu beschaffen (78).

Der zweite Teil des Buches stellt systemische Demonstrationen zu den „zuverlässigen Grundlagen“ in den Mittelpunkt. Dazu werden Grundlagen zu sozialen Systemen vermittelt und zum Ansatz von Wirklichkeitskonstruktionen. Es werden Ausführungen zu doppelter Kontingenz gemacht, die verstanden wird als eine Situation, „in der eine Person A ihr Verhalten von einer anderen Person E abhängig macht und E ihrerseits ihr Verhalten von A abhängig macht.“ (83). Es rückt zudem der von Humberto Maturana geprägte Begriff Autopoiesis in den Blick, gemeint ist: „Soziale Systeme erschaffen sich aus einem ständigen, nicht zielgerichteten Prozess gleichsam aus sich selbst heraus.“(90). Es werden Fragen von Resilienz und Identität von Systemen diskutiert, und Interpenetration, Zirkulariät, systemische Paradoxien sowie das Verhältnis von Wissen und Innovation untersucht. Sehr schön sind die systemtheoretischen Ausführungen der Autoren zum Thema Organisation, die als Metapher mit der sich verändernden Struktur von Sahne verglichen wird, die geschlagen wird: „Unter sich verändernden Umweltbedingungen veränderte sich flüssige Sahne: wenn wir sie, beispielsweise mithilfe eines Schneebesens, hinreißend in Bewegung versetzen und so den Kontakt zur umgebenden Luft intensivieren, dann ‚organisieren‘ sich die Fett- und Wasserbestandteile neu. Die Fettbestandteile gehen dabei Verbindungen mit kleinsten Luftbläschen ein. Die entstehenden Fett-Luftbläschen verbinden sich miteinander und umschließenden Wassermoleküle. Die Sahne bildet erste Klümpchen, die sich immer mehr untereinander vernetzen und wird schließlich recht plötzlich steif. Die ‚Organisation‘ bildet eine deutlich sichtbare, vergleichsweise feste Struktur aus. (Die Festigkeit können Sie mit dem bekannten Test überprüfen, indem Sie das Gefäß mit der geschlagenen Sahne umdrehen – die Sahne sollte dann im Gefäß bleiben.) Die so organisierten Fett-Wasser-Luft-Bestandteile mit ihren festgefügten Strukturen und Verhaltensmustern können nun für ihren Zweck genutzt werden. Wenngleich die Struktur stabil wirkt, so ist sie doch empfindlich, denn wenn die Sahne nun weiter geschlagen wird, verfestigt sich noch mehr, wird schließlich zur Butter und ist nun in Bezug auf den bereitstehenden Erdbeerkuchen dysfunktional.“ (121).

Der dritte und letzte Teil des Buches stellt zwanzig systemische Werkzeuge, z.B. Reframing oder Komplexitätsreduktion, zirkuläre Fragen oder eine Abstraktionsleiter nach Chris Argyris und William Isaacs vor. Es werden eher klassische Instrumente wie Timeline, Fishbowl, Metahphern, Paradoxe Interventionen oder Skalierungsfragen aus spezifisch systemischer Perspektive genauer beleuchtet, aber auch komplexere Instrumente wie Tetralemma oder die sog. systemische Schleife. Auch die Auseinandersetzung mit Fehlern finden Platz in diesem Kapitel, die gerade aus systemischer Sicht als spannend betrachtet werden: „Für Systemiker ist das entscheidende Punkt beim Denken über Fehler: Sie sind eine Möglichkeit, Unterschiede zu erzeugen, die Unterschiede machen. Wobei Fehler zwei Ursachen haben können: Fehler, die zunächst nur als Anomalien erscheinen und falsch interpretiert werden. Und Fehler im Sinne einer Fehlhandlung im Hinblick auf einen verfolgten Zweck. Systemisches Denken bedeutet die Loslösung unseres Denkens von richtig und falsch.“ (242).

Diskussion und Fazit

Den beiden Autoren Manfred Schwarz und Thorsten Schlaak ist es in ihrem Buch „50 Systemische Demonstrationen“ gelungen, eine außergewöhnliche Sammlung von Metaphern, Gedankenexperimenten, Visualisierungen oder auch Formeln und Rätsel zusammen zu stellen, um so Leser*innen auf gleichermaßen anschauliche wie anspruchsvolle Art und Weise systemische Grundbegriffe und deren Sichtweisen näherzubringen. Die zahlreichen Tabellen und Links veranschauliche die komplexen Zusammenhängen zusätzlich.

Die gleichermaßen geistreichen und liebevoll umgesetzten Illustrationen von Jörg Plannerer sind ebenfalls definitiv eine Bereicherung. Den Leser*innen werden diese kostenfrei zum Download zur Verfügung gestellt, was potentiell natürlich auch den Einsatz auf eigenen Arbeitsblättern im Training ermöglichen würde.

Als Download zur Verfügung stehen auch weitere Vorlagen, ebenso gibt es über die Verlagsseite die Möglichkeit für Leser*innen, sich mit eigenen „Demonstrationen“ an die Autoren zu wenden und so ggf. selbst Teil eines Folgewerkes zu werden. Diese Crowd-Authoring-Aktion als Interaktionsmöglichkeit auf Augenhöhe zwischen Autoren und Leser*innen ist ein m.E. sehr spannender Ansatz, den es lohnt, zu beobachten – und vor allem auch zu nutzen.

In jedem Falle haben die Autoren ein Buch vorgelegt, das nicht nur für Neulinge in systemischen Zusammenhängen viel Wissenswertes zu bieten hat, sondern auch für Menschen, die im systemischen Denken und Handeln bewandert sind, spannende Anregungen bereithält.


Rezension von
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 19.09.2018 zu: Manfred Schwarz, Thorsten Schlaak: 50 systemische Demonstrationen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2018. ISBN 978-3-525-45261-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24138.php, Datum des Zugriffs 28.01.2021.


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