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Carsten Schröder: Emotionen und professionelles Handeln in der sozialen Arbeit

Cover Carsten Schröder: Emotionen und professionelles Handeln in der sozialen Arbeit. Eine Ethnographie der Emotionsarbeit im Handlungsfeld der Heimerziehung. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. 297 Seiten. ISBN 978-3-658-18221-2. D: 44,99 EUR, A: 46,25 EUR, CH: 46,50 sFr.
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Thema

Carsten Schröder untersucht das Verhältnis von Emotionen und professionellem Handeln mit einer ethnografischen Studie im Handlungsfeld der Heimerziehung.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Studie ist die Dissertation von Carsten Schröder, die er im Jahr 2016 an der Bergischen Universität Wuppertal einreichte. Er war wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Universität Dortmund und vertritt im Sommersemester 2018 die Professur für Sozialpädagogik an der Universität Koblenz-Landau, Campus Landau.

Aufbau

Das Buch ist in sechs Kapitel gegliedert und folgt der klassischen Einteilung einer empirischen Studie.

Nach einem ins Themenfeld einleitenden Kapitel wendet sich der Autor im zweiten Kapitel der theoretischen Konzeptualisierung von Emotionsarbeit zu. An das methodische Kapitel schließt eine ausführliche Ergebnisdarstellung an. Das Buch schließt mit einer zusammenfassenden theoretischen Positionierung zu Emotionsarbeit in der Sozialen Arbeit und einem Schlusskapitel, indem weiterführende Fragen aufgeworfen werden.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Im ersten Kapitel stellt Carsten Schröder sein Forschungsvorhaben vor und nimmt eine erste theoretische Rahmung vor. Er benennt folgende forschungsleitende Fragestellung: Wie finden die emotionalen Dimensionen in professionellen Interaktionszusammenhängen einen Eingang in theoretische Überlegungen zum professionellen Handeln? (S. 13) Die Relevanz seiner Studie sieht er vor allem durch die alltägliche Präsenz von affektiven Betroffenheiten in Interaktionen Sozialer Arbeit gegeben, die widersprüchliche Arbeitsanforderungen an Soziale Arbeit zusätzlich verschärfen. Einerseits müssen Sozialarbeiter_innen durch den Einsatz ihrer eigenen Gefühlswelt eine Arbeitsbeziehung mit Adressat_innen aufbauen, andererseits sind sie gefordert, das eigene Handeln und die empfundenen und geäußerten Gefühle durch die Distanzierung einer kritischen Reflexion zugänglich zu machen. Der Autor verortet Emotionsarbeit als Teil Sozialer Arbeit in deren theoretischer Konzeptionalisierung zwischen Sozialisation und Subjektivität. Zudem stellt er ausgewählte Studien zu seinem Thema vor und stellt heraus, dass „nach der Funktion von Emotionen und Emotionsarbeit in interaktiven Verhältnissen“ (S. 43) bisher kaum gefragt wurde. Nach einer kurzen Begründung der Wahl des Forschungsfeldes mit der Omnipräsenz von emotionaler Zuwendung in der Heimerziehung, entwickelt der Autor anhand erster Interviewausschnitte seine Forschungsfrage. Hier wird bereits eine erste Einteilung deutlich: Emotionsarbeit der Professionellen als (retrospektiver und reflexiver) Bezug auf die eigenen Gefühle und als (gezielte) Bearbeitung der Emotionen der Kinder.

Im zweiten Kapitel entwirft Carsten Schröder den theoretischen Rahmen seiner Untersuchung. Anhand verschiedener theoretischer Konzepte von Emotionen und Emotionsarbeit (bspw. von Hochschild, Strauss, Dunkel sowie Sartre und Slaby) entwickelt er ein Emotionsverständnis, das Gefühle situativ in Auseinandersetzung mit der Welt verortet und Emotionsarbeit im Verhältnis von Emotionen und Handeln und „mit Bezug auf den Hiatus von Sein und Sollen“ (S. 97) konzeptionalisiert. Die Aufgabe seiner empirischen Analyse sieht er darin, diese theoretischen Reflexionen in Bezug auf die Frage des professionellen Handelns in der Sozialen Arbeit zu konkretisieren.

Im dritten Kapitel legt der Autor die methodologischen und methodischen Vorgehensweisen der qualitativen Untersuchung dar. Die Wahl des ethnografischen Forschungsdesigns begründet er mit dem körperlichen Aspekt seiner Forschungsfrage, der auf die Notwendigkeit der Teilnahme und Beobachtung des Geschehens verweist. Der Autor erläutert seine Erhebungs- und Auswertungsstrategien, bei denen er auf methodische Instrumente der Grounded Theory zurückgriff. Zudem gibt er einen Einblick in seine Arbeitsschritte, die Feldzugänge und den Datenkorpus. Nach leitfadengestützten Interviews mit Sozialarbeiter_innen beobachtete er das Geschehen in zwei Wohngruppen über einen Zeitraum von jeweils vier Monaten. Sein Aufmerksamkeitsfokus lag auf emotionalen Äußerungen in alltäglichen Interaktionen. Im Datenmaterial wurde dann „Ausschau nach Konzepten gehalten, in denen Emotionen sowie der Umgang mit ihnen thematisch relevant waren“ (s. 112). Der Datenkorpus umfasst vier leitfadengestützte Interviews, 38 Beobachtungsprotokolle und 15 transkribierte Gespräche.

Im vierten Kapitel entwickelt der Autor in intensiver Auseinandersetzung mit dem Datenmaterial empirische Dimensionen der Emotionsarbeit. Zunächst wendet er sich seinem Interviewmaterial zu und stellt dar, welche Bedeutung die Fachkräfte der Arbeit mit und an ihren Emotionen im Kontext der Arbeit im Heim geben. Im Anschluss stellt er seine Ergebnisse in vier Teilen dar. Zunächst wendet er sich anhand von drei Beispielen der diskursiven Emotionsarbeit in Teamgesprächen und kollegialen Dialogen zu. Im zweiten Teil erläutert er Formen der Arbeit der Sozialarbeiter_innen an den eigenen Gefühlen. Die Arbeit an den Gefühlen der Kinder ist Thema des dritten Teils. Und schließlich wendet sich der Autor im vierten Teil Bewertungsakten von Gefühlen zu, die auf die Normierung des Fühlens verweisen. Jedes Unterkapitel wird mit einer pointierten Zusammenfassung abgeschlossen, indem zentrale Kategorien nochmals herausgearbeitet werden.

Das fünfte Kapitel hat vor allem einen theoretisierenden Anspruch. Carsten Schröder benennt zunächst Merkmale und Dimensionen professioneller Emotionsarbeit und setzt diese zu Emotionsnormen ins Verhältnis. Folgendes Zitat ist als zentrale Ergebnissicherung der ausführlich erläuterten theoretischen Eckpunkte des Konzeptes Emotionsarbeit zu verstehen: „Emotionsarbeit ist in der Regel in konkrete Situationen eingebettet, auf einen Gegenstand gerichtet und beinhaltete immer auch eine Inszenierung des Selbst, um im Kontext beruflich-fachlicher Aufgabenstellungen ein damit definiertes Handlungsziel zu erreichen. Sie umfasst unterschiedliche Dimensionen, die als diskursive Arbeit an Emotionen sowie als Arbeit an den eigenen und fremden Gefühlen bestimmt werden können. […] Emotionsarbeit konstituiert sich in dem Hiatus von Sein und Sollen, in dem die Professionellen auf der interaktiven Ebene normative Horizonte produzieren und reproduzieren“ (252 f.)

Im zweiten Schritt geht es um die Funktionen der Emotionsarbeit. Hier stellt der Autor die Funktion der diskursiven Emotionsarbeit zur Verständigung über den normativen Rahmen professionellen Handelns in Organisationen heraus, die Funktion der Arbeit an den eigenen Gefühlen zur Sicherstellung und Inszenierung eigener Handlungsfähigkeit und die Funktion der Arbeit an den Gefühlen der Anderen zur Eröffnung eines Möglichkeitsraums für Subjektbildungsprozesse einerseits und Prozesse der Vergesellschaftung andererseits. Und schließlich wird das Verhältnis zwischen Emotionsarbeit und professionellem Handeln betrachtet. Der Autor kommt zum Schluss, dass Emotionsarbeit ein professionelles Können ist, das auf implizites und explizites Wissen über Emotionen, als konkretes Können im Umgang mit diesen und als Reflexionsfähigkeit im retrospektiven Bewerten und prospektiven Entwerfen zu verorten ist.

Im sechsten Kapitel findet der Autor einen seine Forschung bewertenden Schluss. So führt er zunächst offene Fragen an. Hier ist vor allem der Hinweis auf die nicht erhobene Nutzer_innenperspektive auf Emotionsarbeit der Fachkräfte zu benennen, d.h. der Nutzen oder auch die Schädigung der Kinder durch Emotionsarbeit oder auch ihre Nutzungsstrategien der Emotionalitäten der Fachkräfte. Im zweiten Teil plädiert er für eine professionelle Kultivierung der Emotionen. Es gehe ihm keinesfalls darum, Professionalität mit einem hohen Maß an Kontrolle und Steuerungsfähigkeit von Emotionen gleichzusetzen. Letztlich betont er die Notwendigkeit auch spontaner, persönlicher Gefühlsäußerungen für die Soziale Arbeit, da diese als Sich-Einlassen auf die Situation und als Person sichtbar werden bedeutsam sind.

Diskussion

Herr Schröder legt eine sehr dichte Arbeit zum Thema Emotionsarbeit im Kontext Sozialer Arbeit vor. Er konzeptionalisiert Emotionsarbeit als integrativen Bestandteil professionellen Handelns in der Sozialen Arbeit. Hierzu stellt er systematisch ihre unterschiedlichen Gegenstände, Strategien und Funktionen dar. Das Buch überzeugt durchweg durch eine sehr gute argumentative Strukturierung. Die systematisierenden Zusammenfassungen und insbesondere das Kapitel fünf sind diesbezüglich hervorzuheben. In der Darstellung der empirisch gewonnenen Forschungsergebnisse in Kapitel vier fokussiert der Autor jeweils auf 3-4 Beispiele. Hier wäre eine Erläuterung der Auswahl dieser Beispiele nützlich gewesen, weil die Leserin diese Zuspitzung zunächst als Einschränkung ihres Einblicks in das Datenmaterial wertet. Die Studie ist als handlungsfeldunabhängige Theoretisierung zu verstehen. Leser_innen die nach Spezifika des Handlungsfeldes Heimerziehung suchen, werden somit enttäuscht, da diese kaum herausgearbeitet werden.

Interessant ist, dass die im Schlusswort betonte Notwendigkeit des Sich-Einlassens auf die Situation und des als Person sichtbar werden in der Analyse der Daten kaum thematisiert werden. Emotionsarbeit wird hier als Modifikation von Gefühlen und nicht als offenem Umgang und zeigen von diesen konzeptionalisiert. Das Subjekt sein, jenseits der professionellen Rolle (oder in, durch und trotz dieser) hätte durchaus noch stärker diskutiert werden können. So bleibt unklar, ob hierzu im Datenmaterial keine Belege gefunden wurden, oder ob es zugunsten des Gedankens der Modifikation eigener Gefühle zurückgestellt wurde. Hier wäre eine Konflikthaftigkeit von Emotionsarbeit zu diskutieren: Das Oszillieren zwischen Steuerung der eigenen Gefühle einerseits und dem sich-Einlassen auf die Situation und diese begleitenden Emotionen (jenseits pädagogischer Zieldefinitionen) andererseits. Letztlich wäre in diesem Zusammenhang ein Bezug zu den Konzepten der „Beziehungsarbeit“, der „Nähe und Distanz“ oder der „Person als Werkzeug“ an dieser Stelle spannend gewesen.

Seine Konzeptionalisierung von Emotionsarbeit lässt sich sehr gut für die Auseinandersetzung mit konkreten Situationen Sozialer Arbeit oder auch für die Analyse eines konkreten Handlungsfeldes in der Lehre und der Forschung nutzen. Auch für die Fortbildung von Sozialarbeiter_innen kann es von großem Nutzen sein, weil trotz der Omnipräsenz von Gefühlen in der Sozialen Arbeit diese häufig als Störfaktor und weniger als konstitutiver Bestandteil professionellen Handelns gedeutet werden.

Fazit

Vor dem Hintergrund der sehr mageren Auseinandersetzung mit Gefühlen im Kontext sozialpädagogischer Theorie, Empirie und methodischer Reflexion unternimmt Carsten Schröder einen für die weitere Debatte sehr fruchtbaren Aufschlag. Er legt einen konzeptionell dichten Beitrag zu Emotionsarbeit als konstitutiver Teil professioneller Sozialer Arbeit vor. Hierzu analysiert er Interaktionen zwischen Fachkräften und Kindern im Kontext sozialpädagogischer Wohngruppen. Aufgrund der sehr klaren Strukturierung und dem eingängigen Schreibstil kann auch die gezielte Lektüre einzelner Kapitel dieser Monografie sehr gewinnbringend sein.


Rezensentin
Dr. Rebekka Streck
Professorin für Sozialpädagogik an der Evangelischen Hochschule Berlin
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Zitiervorschlag
Rebekka Streck. Rezension vom 28.09.2018 zu: Carsten Schröder: Emotionen und professionelles Handeln in der sozialen Arbeit. Eine Ethnographie der Emotionsarbeit im Handlungsfeld der Heimerziehung. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-18221-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24140.php, Datum des Zugriffs 20.10.2018.


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ISSN 2190-9245

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