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Elisabeth Hintz: Kommunikations­arbeit im Social Web

Cover Elisabeth Hintz: Kommunikationsarbeit im Social Web. Die Social Community als Schauplatz kommunikativ erbrachter Identitätsarbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 237 Seiten. ISBN 978-3-7799-3805-7. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Autorin

Elisabeth Hintz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Pflege und Gesundheit der Hochschule Fulda. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehören u.a. Forschungen zu digitaler Prävention. Die vorgelegte Veröffentlichung ist ihre Dissertation an der Universität Kassel im Fachbereich Humanwissenschaften.

Aufbau

Die Gliederung umfasst vier Kapitel:

  1. Theoriegeleitete Untersuchungsperspektive,
  2. Methodologie und methodisches Vorgehen,
  3. Ergebnisse,
  4. Konklusion.

Im Anhang befindet sich der Interviewleitfaden zum Bild-Expertengespräch.

Zum 1. Kapitel

Beginnend mit den Wirklichkeitserfahrungen Jugendlicher im Social Web und der starken Nutzung des virtuellen Raumes wird auf die dortigen Handlungsoptionen aufmerksam gemacht. Dazu gehören Selbstbestimmungsmöglichkeiten, zeitstrukturierende Nutzungen, Peergroup-Treffen im Chat, Sichtung von Profilseiten weiterer Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der Social Community. Es bilden sich gemeinschaftskonstituierende Funktionen heraus mit der Folge der Konstruktion sozialer Wirklichkeit, wobei die online – offline – Grenze durchlässig ist. In diesen Kommunikationsabläufen entstehen auch Identitätskonstruktionen, die sowohl durch die Eigenleistung des Akteurs als auch durch die soziale Umwelt im Netz bedingt sind.

Auf dem Hintergrund der erörterten differenzierten Identitätstheorien entwickelt die Autorin sodann die Vorstellung einer Online-Identität. Dabei erscheint diese Identität als ein Projekt, d.h. die Identität ist ständig in einer Bearbeitung. Scheinidentitäten sind eher selten. „Diese kontrollierte Gestaltung der eigenen Identität im Social Web wird von den Jugendlichen teilweise als Spiel oder Experiment betrieben“ (S. 29). Für die Jugendlichen wird so das Social Web zu einer „Probebühne“, auf der auch mit sogenannten Teilidentitäten experimentiert wird (z.B. als Schüler, Musiker, Mitglied einer Jugendkultur).

Am häufigsten regelmäßig besucht werden Social Communities von Jugendlichen im Alter der 12- bis 13-jährigen von knapp einem Drittel, von den 14- bis 15-jährigen von gut der Hälfte und bei den volljährigen Jugendlichen von vier Fünfteln (S. 32f).

Hintz analysiert sodann wie über das Einstellen von Bildern, Texten und Videos Identitätsarbeit geleistet wird. Es „werden Fragmente der Identität zu einer kohärenten, sinnstiftenden und bedeutungsvollen Geschichte verdichtet“ (S. 34). Diese Geschichte kann durch die Mitakteure bestätigt oder aber Widerspruch hergestellt werden. Ein erheblicher Unterschied besteht zwischen sozialer Interaktion (z.B. auf dem Schulhof) und der Online-Interaktion. Der Unterschied besteht in einem Zeit- und Reaktionsgewinn, der Freiheiten eröffnet, wie z.B. mit den eigenen Identitätskonstruktionen zu spielen bzw. diese zu verändern.

Zum 2. Kapitel

In der Forschungsperspektive wird die Social Community als „kleine soziale Lebens-Welt“ angesehen. Dem entspricht ein ethnografischer Ansatz, der mit Bild-Experten-Gespräch, mit erfahrungsraumbezogenen Bildinterview und mit einem durch einen Leitfaden strukturierten Interview arbeitet. Es sollen Fragen beantwortet werden wie z.B.

  • „Was tun Jugendliche in der Social Community?“ oder
  • „Was sagen sie über das kommunikative Tun anderer jugendlicher Mitglieder?“.

Aufgrund der vielfältigen Kommunikationsangebote und der Teilidentitäten der Jugendlichen entsteht eine Situation, die mit dem „Bild-des-gefächert-Seins“ beschrieben wird und gemeinsam konstruierte Sinnwelten erfassen soll. Mittels dieser Lebensweltanalyse soll erreicht werden, dass die „kleine soziale Lebens-Welt“ aus dem Blickwinkel der Teilnehmenden betrachtet wird. Als besonderes Problem wird gesehen, dass die zu erhebenden Daten flüchtig oder gar unsichtbar sind.

Das methodische Design muss also vielen Unwägbarkeiten angemessen sein. Um dieser Situation Rechnung zu tragen wird die Forscherin selbst Mitglied in einer Community. Begleitet ist sie von zwei Schlüsselpersonen (Anna 17 Jahre; Jan 15 Jahre), die ebenfalls Mitglieder der Community werden. So soll eine Innenperspektive zum Forschungsfeld gefunden werden.

Damit übernimmt die Forscherin ein komplexes „Rollenspiel“: Sie ist Zuschauerin, tritt aber auch als Forscherin auf sowie als Mitglied eines Freundeskreises in der Community. Selbstbeobachten und Fremdbeobachten sind die Konsequenzen aus dieser Rollenübernahme. Um notwendige Daten zu erhalten sind Absprachen mit Anna und Jan erforderlich, da diese auch in unterschiedlichen Bereichen der Community kommunizieren. Die nicht einfache Situation der Forscherin und damit des Forschungsprozesses wird reflexiv bearbeitet. Dokumentierbar sind aus diesen Gründen „nur“ Kommunikationsausschnitte. Analysiert werden u.a. Profil- und Titelbilder, Chronikprotokolle und Chatausschnitte. Auf diesen Analysen basieren reale Interviews mit fünf Jugendlichen über ihr Tun in der Community.

Zum 3. Kapitel

In diesem Hauptteil des Buches werden die Ergebnisse der Forschungsaktivitäten dargestellt. Das Kapitel ist in folgende Abschnitte untergliedert:

  1. Regelgeleitetes kommunizieren in der Social Community,
  2. Kommunikationsarbeit Jugendlicher in der Community und
  3. Fallbetrachtungen:
    1. Ausgangspunkt der Kommunikation ist das schrift-, bild- und videobasierte Profil. Zu dem Profil gehören die Bereiche Chronik, Info, Fotos, Freund und Mehr. Da diese Bereiche den Mitgliedern zugänglich sind, kommt es in der Folge zu kommunikativen Vernetzungen.
    2. In diesem Abschnitt wird die Beziehungsarbeit dargestellt. So werden z.B. Freundschaften geschlossen wenn eine Freundschaftsanfrage positiv beschieden wird. Der Freund/die Freundin hat dabei einen offeneren Informationszugang zu dem Mitglied als es der Status Bekanntschaft ermöglicht. Zudem ist die Beziehungskommunikation durch ein strenges Regelwerk eingerahmt (z.B. der Umgang mit Freunden).
    3. Die Fallbeschreibungen skizzieren Anna und Jan. So inszeniert Anna ihren Körper mit Bildern: Beine, Gesicht, Schulter; aber auch mit der Sprechblase: „Mit einem bisschen Glitzer geht alles“ (S. 153). Die Körperinszenierung ist dabei eine Selbstdarstellung, die auf die Kreativität und den Eigensinn Annas hinweist und eine Form der Identitätsarbeit darstellt.

Zum 4. Kapitel

Der Forschungsbericht schließt mit einer Konklusion. Ein zentrales Ergebnis: „Das Kommunizieren in der Social Community eröffnet Jugendlichen Möglichkeiten – im Rahmen der Selbstdarstellung, der Kommunikation mit anderen und der Information – an ihrer Identität zu arbeiten“ (S. 209). Es werden Identitätsentwürfe präsentiert zu denen es Rückmeldungen gibt, die wiederum zu Neukonstruktionen führen können. Die Identitätsentwürfe enthalten dabei Elemente, die aus der Community stammen als auch aus der realen Wirklichkeit (z.B. aus dem Schulalltag, aus dem Sportverein). Die Jugendlichen setzen sich letztlich mit den Fragen auseinander „Wer bin ich?“ und „Wer möchte ich sein?“.

Diskussion

Es ist zu berücksichtigen das Forschungen in Social Media Bereichen erst am Anfang stehen. Trotzdem wäre eine international ausgerichtete Analyse der vorliegenden Befunde hilfreich gewesen. Die Forscherin hat im Rahmen ihrer Arbeit ein innovatives methodisches Design entwickelt, welches sich an der ethnografischen Feldforschung orientiert.

Die Ergebnisse zeigen eindringlich, dass die Aktivitäten Jugendlicher in der Social Community für sie einen neuen Lebensweltausschnitt darstellen, der zu der realen sozialen Wirklichkeit hinzukommt oder besser formuliert mit ihr verschmilzt. In diesem hybriden Gefüge geschieht unter der Nutzung hoher Autonomie die Konstruktion eines neuen Wirklichkeitsverhältnisses. Dargestellt wird dies an dem selbst gestalteten Prozess der Persönlichkeitsentwicklung im Rahmen der Identitätsfindung. Einen Grundstein hierfür legte die amerikanische Psychologieprofessorin Sherry Turkle in ihrem Buch mit Kultcharakter „Leben im Netz. Identität in Zeiten des Internet“ bereits vor zwanzig Jahren. Kritisch angemerkt sei die Frage, ob nicht ein weiterer Beobachter bzw. eine Beobachterin die Forscherin Hirtz beim beobachteten Teilnehmen im Netz begleiten müsste, um die Verlässlichkeit der Daten und Analysen sozusagen auf einer zweiten Ebene zu reflektieren?

Zweifellos ist Hirtz zuzustimmen wenn sie zum Schluss Ihrer Veröffentlichung darauf aufmerksam macht, dass das Leben von Jugendlichen im Netz eine erhebliche pädagogische Herausforderung darstellt. Die in sozialpädagogischen Handlungsfeldern vorhandene Leitvorstellung der Umsetzung einer Lebensweltorientierung im professionellen Handeln ist hierfür ein gutes Beispiel.

Fazit

In dieser Forschungsarbeit (Dissertation) begibt sich die Forscherin in eine Social Community, um so auf eine authentische Weise das Handeln Jugendlicher im Social Web zu erfassen und zu analysieren. Sie stellt anhand ihrer teilnehmenden Beobachtung fest, dass mit Wirklichkeitskonstruktionen und Identitätsentwürfen experimentiert wird. Die Ergebnisse des innovativen Forschungsprozesses haben eine hohe Relevanz z.B. für Medien- und Sozialpädagogik.


Rezensent
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 05.06.2018 zu: Elisabeth Hintz: Kommunikationsarbeit im Social Web. Die Social Community als Schauplatz kommunikativ erbrachter Identitätsarbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3805-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24142.php, Datum des Zugriffs 16.08.2018.


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