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Tilmann Wetterling: Freier Wille und neuropsychiatrische Erkrankungen

Cover Tilmann Wetterling: Freier Wille und neuropsychiatrische Erkrankungen. Ein Leitfaden zur Begutachtung der Geschäfts- und Testierfähigkeit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. 235 Seiten. ISBN 978-3-17-029378-6. 49,00 EUR.
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Herausgeber und Thema

Tilman Wetterling ist Arzt für Neurologie und Psychiatrie und verfügt neben seiner klinischen Erfahrung als Chefarzt einer psychiatrischen Klinik über umfangreiche gutachtliche Erfahrung insbesondere auf dem Gebiet der Beurteilung der Geschäfts- und Testierfähigkeit. Er hat zu diesem Thema auch eine Reihe von wissenschaftlichen Publikationen verfasst. Obwohl die Begutachtung solcher zivilrechtlicher Fragestellungen insbesondere im Kontext einer immer älter werdenden Gesellschaft von hoher praktischer Relevanz ist, steht sie hinter anderen forensischen Themen wie z.B. der Begutachtung der Schuldfähigkeit oder der Kriminalprognose häufig etwas zurück.

Dies war Anlass für den Autor, seine langjährigen Erfahrungen als Gutachter und Arzt in einem Buch darzustellen. Tilman Wetterling hat mit diesem Buch einen für die Praxis sehr brauchbaren Leitfaden zur Begutachtung der Geschäfts- und Testierfähigkeit vorgelegt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst insgesamt elf Kapitel, in denen ausgehend von einem Modell der freien Willensbestimmung mögliche Hirnfunktionsstörungen bei psychiatrischen Erkrankungen beschrieben und deren gutachtliche Bewertung in Bezug auf die Geschäfts- und Testierfähigkeit erörtert werden. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Das erste Kapitel beschreibt die demografische Entwicklung einer alternden Gesellschaft in Deutschland und die damit verbundene Zunahme neuropsychiatrischer Erkrankungen. Bei gleichzeitiger Zunahme der vererbten Vermögenswerte unterstreichen diese Entwicklungen die Notwendigkeit, sich mit der Thematik der Geschäfts- und Testierfähigkeit intensiver auseinanderzusetzen.

Im zweiten und dritten Kapitel werden die juristischen Voraussetzungen der Geschäftsfähigkeit und ihrer Unterformen (Prozessfähigkeit, Deliktfähigkeit) sowie der Testierfähigkeit dargestellt. Zentrale Fundstellen aus der Rechtsprechung werden hierzu erläuternd zitiert.

Das vierte Kapitel ist ein Exkurs, der sich mit den philosophischen, rechtlichen und neurowissenschaftlichen Aspekten des freien und natürlichen Willens befasst. Dieser Exkurs ist deshalb im Kontext dieses Buches bedeutsam, weil die juristische Definition der Geschäfts- und Testierfähigkeit explizit auf einen „die freie Willensbestimmung ausschließenden Zustand krankhafter Störung der Geistestätigkeit“ abhebt.

Das fünfte Kapitel ist mit 62 Seiten recht umfangreich geraten und referiert die Symptomatologie, Diagnostik und Differentialdiagnostik der wichtigsten neuropsychiatrischen Störungen (Demenz, Depression, Manie, Persönlichkeitsveränderungen, Schizophrenie, Suchterkrankungen, Autismus, Enzephalopathien, Epilepsie, Infektionen des zentralen Nervensystems, Multiple Sklerose, Parkinson, Schädel-Hirn Traumen, Schlaganfall, Tumoren und Arzneimittelwirkungen). Die dargestellte Thematik ist in vielen klinischen Büchern mindestens ebenso gut nachlesbar und der Bezug zur eigentlichen Thematik des Buches ist in diesem Kapitel oft nur kursorisch. Bezüglich der Beurteilung der Geschäfts- und Testierfähigkeit wird auf spätere Kapitel verwiesen, was auch verständlich ist, da die Beurteilung der Geschäfts- und Testierfähigkeit in der Regel nicht von einer bestimmten Diagnose abhängt, sondern vom konkreten Ausprägungsgrad bestimmter psychopathologischer Symptome.

Kapitel sechs beschreibt kurz und prägnant das Vorgehen bei der Begutachtung der Geschäfts- und Testierfähigkeit bei intelligenzgeminderten Probanden. Es enthält konkrete und praktisch relevante Hinweise, die wiederum mit Beispielen aus der Rechtsprechung untermauert werden (z.B. die freie Willensbestimmung ist erst bei einem IQ von weniger als 60 ausgeschlossen).

Kapitel sieben befasst sich mit der Begutachtung von bewusstseinsgestörten Probanden, die z.B. an einem Delir leiden. Wichtige praxisrelevante Konstellationen (z.B. rasche Fluktuationen des psychischen Zustandes beim Delir) werden dargestellt und deren Bedeutung für die gutachtliche Bewertung wird veranschaulicht.

Kapitel acht beschreibt empirische Untersuchungsergebnisse der neuropsychologischen Grundlagen einer freien Willensbestimmung.

Das Herzstück des Buches stellen die Kapitel neun und zehn dar.

In Kapitel neun „Neuropsychiatrische Begutachtung“ wird die grundsätzliche Methodik des gutachtlichen Vorgehens beschrieben. Ausgehend von der Prämisse, dass im zivilrechtlichen Bereich der Gutachter den Nachweis entsprechender psychopathologischer Veränderungen mit größtmöglicher Wahrscheinlichkeit führen muss – sofern dieser Nachweis nicht gelingt, muss von einer grundsätzlich angenommenen Geschäfts- oder Testierfähigkeit ausgegangen werden- wird die zweischrittige Vorgehensweise im Gutachtenprozess anschaulich erläutert. Zunächst erfolgt in einem ersten Schritt die medizinische Diagnose, die für die Beurteilung der Geschäfts- oder Testierfähigkeit in der Regel noch nicht maßgebend ist. In einem zweiten Schritt müssen dann Grad und Ausmaß der nachweisbaren psychopathologischen Veränderungen und deren Auswirkungen auf die Voraussetzungen einer freien Willensbildung dargestellt werden.

Im zehnten Kapitel werden dann ausführlich und praxisrelevant die konkreten Anhaltspunkte der Beurteilung, die sich aus dem psychopathologischen Befund ergeben, erörtert. Zentrale Domänen des psychopathologischen Befundes und deren Bedeutung für die Einschätzung der Geschäfts- oder Testierfähigkeit werden dargestellt. In diesem Kapitel finden sich dann auch ganz konkrete Beurteilungshinweise, die wiederum durch Beispiele aus der höchstrichterlichen Rechtsprechung untermauert werden. Als Beispiel sei hier angeführt, dass Halluzinationen oder Wahnsymptome für die in Rede stehenden Beweisfragen der Geschäfts- oder Testierfähigkeit nur für die Fälle von Bedeutung sind, in denen sie den Gegenstand des „Geschäfts“ oder des Testaments betreffen.

Im letzten Kapitel wird u.a. die Frage der Qualifikation erörtert, die von einem Gutachter zu erwarten ist, der einen Auftrag zur gutachtlichen Einschätzung der Geschäfts- oder Testierfähigkeit übernimmt.

Fazit

Auch wenn die Thematik der zivilrechtlichen Begutachtung schon in umfangreicheren Handbüchern der Forensischen Psychiatrie abgehandelt wird, ist eine eigenständige Darstellung sicher sinnvoll und dürfte auch auf eine entsprechende Nachfrage stoßen. In dem vorliegenden Buch werden alle wichtigen Aspekte der Begutachtung der Geschäfts- und Testierfähigkeit umfassend und praxisnah dargestellt. Insbesondere die Kapitel, die sich mit dem Vorgehen der neuropsychiatrischen Begutachtung bei bestimmten Störungsbildern befassen und die den Einfluss bestimmter psychopathologischer Symptome auf die Voraussetzungen einer freien Willensbildung darstellen, sind äußerst praxisrelevant. Das Buch enthält darüber hinaus viele Zitate aus der einschlägigen Rechtsprechung, an der sich der psychiatrische Gutachter immer zu orientieren hat. Es ist somit auch eine reichhaltige Quelle, die zum Nachschlagen genutzt werden kann. Die Lektüre des Buches verschafft einen umfassenden Überblick über psychiatrische Begutachtungen der Geschäfts- und Testierfähigkeit und gibt konkrete Handlungsanleitungen. Es ist allen Psychiater/innen und Jurist/innen die sich mit der Thematik befassen wärmstens zu empfehlen.


Rezensent
Prof. Dr. Harald Dreßing
Arzt für Neurologie, Psychiatrie, Psychotherapie - Sozialmedizin / Rehabilitationswesen - Schwerpunkt Forensische Psychiatrie (DGPPN-Zertifikat)
Leiter des Bereichs für Forensische Psychiatrie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim
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Zitiervorschlag
Harald Dreßing. Rezension vom 24.05.2018 zu: Tilmann Wetterling: Freier Wille und neuropsychiatrische Erkrankungen. Ein Leitfaden zur Begutachtung der Geschäfts- und Testierfähigkeit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-17-029378-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24146.php, Datum des Zugriffs 20.08.2018.


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