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Ina Schenker (Hrsg.): Didaktik in Kindertages­einrichtungen

Cover Ina Schenker (Hrsg.): Didaktik in Kindertageseinrichtungen. Eine systemisch-konstruktivistische Perspektive. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 329 Seiten. ISBN 978-3-7799-3804-0. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Herausgeberin, Autorinnen und Autoren

Ina Schenker ist Diplom-Sozialpädagogin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Evangelischen Hochschule Dresden. Ihre ausgewiesenen Arbeitsschwerpunkte sind: Didaktik in Institutionen der frühen Kindheit, Spiel, Kommunikation und Hochbegabung.

Die 13 weiteren Autorinnen und Autoren werden in einem Autorenregister am Ende des Buches vorgestellt.

Thema

Ausgehend davon, dass Didaktik -nach wie vor- überwiegend mit schulischem Lernen in Verbindung gebracht wird, ist es Anliegen des Buchs, den didaktischen Diskurs um konstruktivistische Perspektiven auf den Kindertageseinrichtungsbereich zu erweitern. Dies aus der Notwendigkeit heraus, dass im frühpädagogischen Feld didaktisches Handeln sich nicht auf zeitlich begrenzte Aktivitäten einschränken lässt. Denn anders als in der Schule die Unterrichtseinheiten, gilt es hier den gesamten Alltag aus einer didaktischen Perspektive heraus zu planen und zu gestalten.

Das Buch hat das Ziel, pädagogischen Fachkräften Unterstützung und Orientierung zu geben, damit diese „die selbstgesteuerten, eigenaktiven und eigenverantwortlichen Lernprozesse von Kindern im Alltag begleiten, unterstützen und herausfordern können“ (S. 8).

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst insgesamt 15 Beiträge auf 329 Seiten und ist in drei Kapitel unterteilt.

Nach einer Einleitung durch die Herausgeberin Ina Schenker, geht es im ersten Teil des Buchs um Grundlagen.

  • Kersten Reich legt mit seinem einführenden Beitrag Konstruktivistische und inklusive Didaktik in der frühen Kindheit die Rahmung des Buchs. Ausgehend von einem konstruktivistischen Lernmodell, zeigt er drei Richtungen des neuen Lehr- und Lehrtrends auf. Hieraus erwächst die Forderung nach Mehrperspektivität, Multimodalität und Multiproduktivität im didaktischen Handlungsfeld.(S. 26) Dies führt abschließend zu der Notwendigkeit, dass Fachkräfte eine qualitativ höhere Ausbildung benötigen, als derzeit vorhanden, die demzufolge auch besser vergütet werden müsste.
  • Holger Brandes erörtert in seinem Beitrag Vygotskijs Konzept der „Zone der nächsten Entwicklung“ und dessen Bedeutung für aktuelle Diskurse in der Elementarpädagogik. Er kommt zu dem Schluss, dass Vygotskij zu den Grundpionieren eines ersten konstruktivistischen Verständnisses für kindliches Lernen gesehen werden muss.(S. 49) Brandes sieht den Verdienst Vygotskijs in der Rolle der Nachahmung, die er bereits als einsichtige Ausführung einer geistigen Operation verstanden hat. (S. 50)
  • Remo H. Largo widmet sich in seinem Beitrag „Wie verschieden sind Kinder“ der Breite der Entwicklungsunterschiede. Diese legt er anhand der Bereiche Motorik, Sprache, mathematisches Denken und Sozialverhalten dar.
  • In ihrem Beitrag „Peers ins Spiel bringen- Die Gleichaltrigen und ihre Beziehungen als Herausforderung für elementarpädagogische Didaktik“, stellen Holger Brandes und Petra Schneider-Andrich die Bedeutung der Peerbeziehungen und -aktivitäten für das Lernen der Kinder heraus. Sie kommen zu dem Schluss, dass diese eine didaktische Dimension darstellen, wenn die Lernbegleitenden die symmetrischen Ko-Konstruktionen als Lernpotenzial verstehen und bewusst beeinflussen. Eine Ausrichtung auf das Lernen, welches sich zwischen den Kindern formiert, ließe sich als eine „Didaktik des Zwischenraumes“ bezeichnen. (S. 77)
  • Carmen Deffner befasst sich in „Exekutive Funktionen- ein Spiel fürs Leben“ mit der Bedeutung der „neurokognitiven Grundlage der Verhaltens- und Selbstregulation“ (S. 81) für das Lernen der Kinder. Nachdem sie auf indirekte und direkte Zusammenhänge von exekutiven Funktionen und Schulerfolg verwiesen hat, befasst sich Deffner mit Fördermöglichkeiten. Sie kommt zu dem Schluss, dass insbesondere durch das Spiel diese Funktionen gefördert werden. Vertiefend zeigt Deffner abschließend auf, dass unterschiedliche Spielformate je eigene Aspekte der exekutiven Funktion fördern.
  • Im abschließenden Beitrag dieses ersten Kapitels befasst sich die Herausgeberin selbst mit dem Thema „Spielen als kindliche Lebensform“. Ina Schenker setzt sich mit den „verschiedenen Facetten und der ökologischen Vernetzung des Spiels“ (S. 104) auseinander. Neben den verschiedenen Spielformen, -inhalten, und -handlungen, erörtert sie die Bedeutung des Spielens für die kindliche Entwicklung. Dabei kommt Schenker zu dem Schluss, dass Kinder beim Spielen selbst ein Lehr-Lernverhältnis herstellen. In der Interaktion der Peers vollziehen sich zahlreiche „Cognitive Apprenticeship“ in sechs Schritten (S. 128). Ko-Konstruktionen der Kinder sind eben auch davon geprägt, dass „Experten“ (ältere Kinder) den „Novizen“ (jüngeren Kindern) etwas vermitteln/ beibringen/ vormachen.

Das zweite Kapitel „Die Bedeutung von pädagogischen Fachkräften“ enthält zwei Beiträge.

  • Im ersten Beitrag „Authentizität und Persönlichkeit von Erziehenden“ befasst sich Lara Maschke mit den Herausforderungen für die Didaktik in Kindertageseinrichtungen. Hierfür nimmt sie die Fachkräfte in den Fokus, um nach deren pädagogischer Grundhaltung zu fragen. (S. 136) Nach Erläuterung der zu wünschenden Handlungsorientierungen pädagogischer Fachkräfte, kommt Maschke zum Terminus „Authentizität“, um diesen als Rahmen konstruktivistischer Didaktik und pädagogischer Haltung zu konzipieren. Für eine „fruchtbare konstruktivistische Didaktik“ (S. 158) erachtet sie es abschließend als notwendig, dass mittels Fortbildungen vertiefte Auseinandersetzungen in den Einrichtungen zu pädagogischer Haltung und Handlung erfolgen.
  • Christina Lachner, Denise Weckend und Klaus Zierer erörtern in ihrem Beitrag „Visible Education“, wovon Erfolg in pädagogischen Kontexten abhängt. Ausgehend von Simon Sineks „Golden Circle“ der Personalführung, zeigen sie auf, dass die Haltung „in Form von Wollen und Werten ausschlaggebend für erfolgreiches pädagogisches Handeln ist“ (S. 167). Nachfolgend schließen sie sich deshalb den zehn herausgearbeiteten Haltungen von John Hattie und Klaus Zierer an und führen diese dem Feld entsprechend aus.

Der dritte Teil des Buchs fokussiert in sechs weiteren Beiträgen die „Didaktik in Institutionen der Frühpädagogik“.

  • Hilbert Meyer und Catherine Walter-Laager erörtern in ihrem Beitrag die „Grundlagen der Didaktik“ in diesem Feld. In ihrem ausführlichen Diskurs bilden sie insgesamt zehn Thesen heraus und schließen mit der Erkenntnis, dass „das Potenzial der Allgemeinen Didaktik noch nicht erschöpft ist“ (S. 211).
  • Norbert Neuß befasst sich in „Elementardidaktik – Vom Nahen zum Fernen“ mit konkreten didaktischen Prinzipien, die er aus den grundlegenden Lernvorstellungen von Reimann-Rothmeier und Mandl ableitet. Nachfolgend entschlüsselt Neuß die Impulsgeber der Themen und Inhalte und beschreibt didaktische Praktiken im elementarpädagogischen Alltag. Fünf didaktische Tipps für elementarpädagogische Fachkräfte schließen seinen Beitrag ab.
  • Einen Balanceakt verschiedener Möglichkeiten gliedert Catherine Walter-Laager in ihrem Beitrag „Didaktik des Frühbereichs“ auf. Anhand der „vier Bausteine für selbstbestimmte und angeleitete Aktivitäten“ (S. 237) beschreibt sie den Grad der Instruktion und Zielbestimmung. Fachkräfte sind gefordert eine „Choreografie des pädagogischen Alltags“ (S. 244) zu inszenieren und diese vier Bausteine, entsprechend dem Alter, Entwicklungsstand, Situation, Möglichkeiten etc. immer wieder intendiert zu setzen.
  • Der Herausforderung der Balance zwischen Begleitung und Anregung kindlicher Lernprozesse, widmet sich auch Ina Schenker in „Die didaktische Unterstützung des kindlichen Spielens durch pädagogische Fachkräfte“. Ausgehend von der Notwendigkeit pädagogischer Diagnostik beschreibt Schenker didaktische Interventionsmöglichkeiten und Kontextgestaltungen. Dabei gibt sie zu bedenken, dass die Eingriffe in das Spielgeschehen wohl überlegt sein müssen, um die Wesensmerkmale des Spiels nicht zu verletzen. Sie resümiert, dass „Spielen einer sensiblen und didaktisch wohlbedachten Unterstützung bedarf“ (S. 267).
  • Über „Eine flexible Schuleingangsphase-“ philosophiert Thomas Trautmann, indem er sie hinsichtlich „Vision, Modell oder Arbeitsgegenstand?“ untersucht. Seine Ausführungen zeigen auf, dass die vielgeistigen Konstruktionen der Kinder viel zu häufig nicht erkannt bzw. gewürdigt werden. Dazu fragt er „was zu tun sei, mit solch klugen Kindern, die unsere hilflosen Arbeitsblatt-Sinnkrücken erkennen und damit virtuos spielen?“ (S. 282). Trautmann schließt mit der Erkenntnis, dass es die „ideale“ Schuleingangsphase sicherlich nicht gibt und sie beständig an den Gegebenheiten und den Wirklichkeiten der Beteiligten konstruiert werden muss.
  • Mit einer unvollständigen Retrospektive über die „Didaktik in Kindergarten und Kinderkrippe in der DDR“ beschließen Ina Schenker und Thomas Trautmann dieses Kapitel. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass einige Aspekte noch heute (oder wieder) aktuell sind. Die geforderten altersangemessenen Interaktionen und die didaktischen Strategien der Einwirkung scheinen zeitgemäß und „unter international-frühpädagogischen Gesichtspunkten ist das auf entwicklungsangemessene Förderung ausgerichtete Curriculum und sein Ziel Schulfähigkeit herzustellen, aus heutiger Sicht progressiv “ (S. 321)

Ein Autorenregister beschließt das Buch.

Diskussion

Laut der Herausgeberin ist es Anliegen des Buches, theoretische und praktische Fragen zu bewusst gestalteten Lernbedingungen, der Konzeptionierung von Lehrprozessen und die Art und Weise der Anregung, Unterstützung und Begleitung kindlichen Lernens in Kindertageseinrichtungen aus einer systemisch- konstruktivistischen Perspektive zu diskutieren.(Klappentext) Das Ergebnis lässt sich als gelungenes Vorhaben bezeichnen. Die Inhalte bieten eine Vielzahl von Perspektiven, die sich dennoch immer wieder aufeinander beziehen oder miteinander verwoben sind. Zum Teil fundieren sie auf umfassender Recherche (wie z.B. Holger Brandes und seinem Beitrag zu Vygotskij), begründeten Forderungen (z.B. Brandes und Schneider-Andrich und die „Didaktik des Zwischenraumes“) oder spannenden Konklusionen (z.B. Deffner - Förderung exekutiver Funktionen im Spiel). Manche Beiträge bestechen durch ihre Klarheit bzw. Visibilität (z.B. Lachner, Weckend und Zierer) oder ihre stilistische Art (z.B. Trautmann und die visionäre Schuleingangsphase). Der gelungene Praxistransfer ist z.B. in den Beiträgen von Walter-Laager oder Schenker erkennbar. Ein wenig unterrepräsentiert wirkt das zweite Kapitel, mit gerade einmal zwei Beiträgen zu einem bedeutendem didaktischen Aspekt.

Fazit

Insgesamt ein anregendes und notwendiges Buch, das den aktuellen Diskurs um eine zu entwickelnde Elementardidaktik bereichert. Ob es allerdings den pädagogischen Fachkräften Unterstützung und Orientierung zu geben vermag, wie es die Herausgeberin wünscht (S. 8), darf in Teilen angezweifelt werden: Die im Alltag der Fachkräfte häufig mangelnde Zeit (und Raum), werden eine intensive Auseinandersetzung (zumindest mit den theoretisch orientierten Beiträgen) eher selten ermöglichen. Dennoch leisten die Beiträge facettenreiche, wertvolle und anregende Hilfe für Weiterbildung und Diskurs.


Rezensentin
Astrid Boll
M.A. Doktorandin und Lehrkraft Hochschule Koblenz, in frühpädagogischer Fort- und Weiterbildung aktiv
Homepage www.hs-koblenz.de/profile/boll-1/?sword_list[]=astr ...
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Zitiervorschlag
Astrid Boll. Rezension vom 14.06.2018 zu: Ina Schenker (Hrsg.): Didaktik in Kindertageseinrichtungen. Eine systemisch-konstruktivistische Perspektive. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3804-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24150.php, Datum des Zugriffs 19.09.2018.


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