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Melanie Gräßer, Eike Hovermann jun.: Kreative Techniken für die Kinder- und Jugendlichen­psychotherapie

Cover Melanie Gräßer, Eike Hovermann jun.: Kreative Techniken für die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. 75 Therapiekarten. Kartenset mit 75 Bildkarten und 36-seitigem Booklet. Mit Online-Material. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2018. ISBN 978-3-621-28507-0. D: 59,00 EUR, A: 60,70 EUR, CH: 76,00 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Die psychotherapeutische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen erfordert im Gegensatz zur Arbeit mit Erwachsenen ein hohes Maß an Kreativität. Kinder kommen in der Regel nicht freiwillig zur Therapie, sondern werden vielmehr durch das soziale Umfeld (Eltern, Lehrkräfte und andere) geschickt. Häufig liegt kein Störungsbewusstsein vor, allenfalls eine diffuse Unzufriedenheit mit den aktuellen Lebensumständen. Umso wichtiger ist es, eine gute Beziehung im therapeutischen Setting zu erzielen. Dies gelingt bei Kindern vor allem durch Spielen und Kreativität. Hierzu gibt es bereits diverse spannende Veröffentlichungen, die auch hier rezensiert wurden (z.B. Görlitz, 2011, Rezension unter www.socialnet.de/rezensionen/15062.php). Insbesondere das Autorenpaar Gräßer und Hovermann hat diesbezüglich schon einige empfehlenswerte Materialien publiziert (siehe www.socialnet.de/rezensionen/22286.php und www.socialnet.de/rezensionen/24008.php). Die vorliegenden Arbeitsmaterialien umfassen therapeutische Interventionen, die in sämtlichen Therapiephasen zur Anwendung kommen können. Diese richten sich sowohl an Anfänger, als auch an bereits erfahrene Therapeutinnen [1].

Autorinnen und Autor

  • Dipl.-Psych. Melanie Gräßer ist Psychologische Psychotherapeutin (Verhaltenstherapie) mit eigener Praxis für Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Lippstadt. Sie verfügt über langjährige Berufserfahrung in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie und -pädiatrie. Ihre Schwerpunkte liegen insbesondere in der Behandlung von chronischen körperlichen Erkrankungen sowie somatoformen Störungen und Traumata. Sie ist zertifizierte EMDR-Therapeutin für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Neben ihrer praktischen Tätigkeit gibt sie seit vielen Jahren Seminare und Supervision im Bereich der Psychotherapieausbildung sowie im Rahmen von Selbsthilfegruppen, zudem ist sie Selbsterfahrungsanleiterin. Sie ist Buchautorin und Entwicklerin therapeutischer Spiele.
  • Eike Hovermann jun. ist Gründer und Geschäftsführer der Akademie für Kindergarten, Kita und Hort und Autor diverser Fachbücher und Ratgeber und Entwickler therapeutischer Spiele. Des Weiteren hat er privat eine Stiftung für die Aus- und Weiterbildung für Frauen in Afrika gegründet.
  • Sandra Püttmann hat nach ihrer Ausbildung zur Fotografin und mehreren Jahren in der Werbung den Weg in die Selbstständigkeit gewählt. In Ostwestfalen führt sie ein eigenes Fotostudio.

Aufbau und Inhalt

Das Paket enthält insgesamt 75 Therapiekarten und ein kurzes Begleitheft, in dem der Umgang mit den Karten erläutert wird. Die Therapiekarten sind in elf Kategorien eingeteilt:

1. Kreativ/Malen/Basteln. Hier finden sich diverse Übungen, bei denen die Patienten handwerkliches Geschick zeigen können. Neben der Motivation soll den Patientinnen die Möglichkeit gegeben werden, sich nonverbal auszudrücken, falls es im Therapieprozess Dinge gibt, die (noch) nicht ausgesprochen werden können.

2. Materialien. Hier werden zum Teil klassische psychotherapeutische Interventionen wie beispielsweise die Arbeit mit Sand oder Steinen, sowie eher ungewöhnliche Formen (z.B. Tonarbeit) erläutert. Allen gemeinsam ist die Arbeit mit diversen Materialien, die den Patienten den Zugang zu Gefühlen, Körper und Gedanken erleichtern sollen.

3. Gefühle. Ziel der erläuterten Übungen ist, schnell mit der Patientin über die verschiedensten Emotionen ins Gespräch zu kommen und Lösungen für den Umgang mit schwierigen Gefühlen anzubieten.

4. Visualisieren. Da es häufig deutlich einfacher ist, gewisse Zusammenhänge, Gefühle, Gedanken oder Stimmungen zu erläutern, wenn diese mithilfe visueller Darbietung dargestellt werden, werden hier entsprechend viele Möglichkeiten vorgestellt.

5. Familie/Beziehung. Die hier vorgestellten Übungen sollen den Therapeutinnen und deren Patienten helfen, mehr über die Familien- bzw. Beziehungskonstellation, das Zusammenspiel und Verhältnis der einzelnen Familien- und Beziehungsmuster und/oder die Person selbst zu erfahren. Es finden sich u.a. Übungen zu den verschiedenen Rollen bis hin zu Vertrauensübungen.

6. Medien. Da die Nutzung von modernen Medien (Internet und Smartphone) mittlerweile fester Bestandteil in sämtlichen Lebensbereichen der Patientinnen ist, werden hier folgerichtig diverse Einsatzmöglichkeiten im Rahmen der Therapie vorgestellt.

7. Ressourcen. Psychotherapie – egal ob mit Erwachsenen oder Kindern und Jugendlichen – ist ohne Ressourcenarbeit nicht sinnvoll. Hier werden diverse unterschiedliche Techniken vorgestellt, die allesamt die Arbeit an Ressourcen gemeinsam haben.

8. Spiele. Es gibt bereits viele therapeutische Spiele die käuflich zu erwerben sind (siehe auch https://www.mvsv.de). Spiele sind oft ein guter Einstieg in die Therapie. Hier werden nun Übungen vorgestellt, mit denen der therapeutische Prozess kostengünstiger unter Nutzung eigener Spiele unterstützt werden kann.

9. Therapieprozess. Die Übungen aus diesem Bereich sollen helfen, den eigentlichen Therapieprozess zu begleiten und zu unterstützen. Der Ablauf einer Therapie wird somit für die Patienten anschaulicher gestaltet.

10. Geschichten. Der therapeutische Nutzen der Verwendung von Geschichten und Metaphern in der Psychotherapie von Kindern und Jugendlichen wurde bereits umfassend von Angelika Schlarb beschrieben (2017, Rezension unter www.socialnet.de/rezensionen/22571.php). Hier werden einige Möglichkeiten vorgestellt, wie entsprechend vorgegangen werden kann.

11. Störungsbilder. Abschließend werden kreative Formen gezeigt, mit denen typische Störungsbilder (Angst, Depression, Aggression) gemeinsam mit den Patientinnen visualisiert werden können. Dieses Vorgehen kann zum einen dazu dienen, das Problem deutlicher zu machen und zum anderen, die Problematik zu externalisieren. Die Karten sind den Kategorien farblich zugeordnet. Im Handbuch wird die Arbeit mit den kreativen Techniken und die Funktion der Karten ausführlich erläutert und allgemeine Hinweise für das kreative Arbeiten in der Psychotherapie geliefert. So wird beispielsweise eine umfassende „Einkaufsliste“ für die eigene kinder- und jugendlichenpsychotherapeutische Praxis mitgeliefert. Eine übersichtliche Tabelle führt sämtliche Techniken noch einmal in der Übersicht auf und erläutert, wann sie im zeitlichen Ablauf oder zu welchen Themen eingesetzt werden können. Insofern kann sowohl von dieser Tabelle aus als auch von den jeweiligen Karten her die Auswahl für den Einsatz der Techniken erfolgen.

Den Abschluss macht dann eine umfassende Auswahl an Empfehlungen für Bilder- und Vorlesebücher, die im Rahmen der Therapie genutzt werden können.

Diskussion

Wie einleitend bereits beschrieben, hat das Autorenpaar bereits einige bemerkenswerte Veröffentlichungen publiziert. Sie sind neben den Autoren Rossa und Rossa (vgl. bspw. 2018, Rezension unter www.socialnet.de/rezensionen/24233.php) das Aushängeschild des Beltz-Verlages im Bereich kreativer Therapiematerialien. Die vorliegende Sammlung erscheint in Tradition anderer Veröffentlichungen (z.B. Fliegel & Kämmerer, 2009, Rezensionen unter www.socialnet.de/rezensionen/7914.php und www.socialnet.de/rezensionen/8348.php; Caby, 2017, Rezension unter www.socialnet.de/rezensionen/23163.php), besticht jedoch im direkten Vergleich durch die hohe Qualität der Aufmachung.

Die Karten sind in DIN A5 Größe auf stabilem Material hervorragend aufgemacht und die großartigen Fotografien von Sandra Püttmann machen die jeweilige Therapietechnik ebenso anschaulich, wie die übersichtlichen Erläuterungen des Autorenpaares auf der Rückseite jeder Karte. Als besonders gelungen hervorzuheben ist jedoch vor allem das Begleitheft. Insbesondere die oben beschriebene Tabelle macht es sehr einfach, im jeweiligen Therapieprozess schnell und zielsicher auf die jeweilig passende therapeutische Intervention zurückzugreifen.

Wie beabsichtigt, eignet sich die Materialiensammlung sowohl für angehende als auch erfahrene Psychotherapeutinnen gleichermaßen. Darüber hinaus können viele Materialien sicher gewinnbringend auch von anderen Berufsgruppen (Pädagogen, Schulpsychologinnen, Lehrkräfte u.a.) genutzt werden. Hier sollte dann lediglich beachtet werden, sie im Rahmen der jeweiligen Tätigkeit zu nutzen und nicht die Grenze zur psychotherapeutischen Intervention ungewollt zu überschreiten.

Fazit

Die Veröffentlichungen des Autorenpaares Gräßer und Hovermann waren bislang uneingeschränkt zu empfehlen. Dies hat sich auch beim vorliegenden Kartenset nicht geändert. Ganz im Gegenteil: Hiermit liefern sie ihr bisheriges Meisterstück ab. Allen Fachkräften, die psychotherapeutisch oder pädagogisch mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, kann es nur wärmstens ans Herz gelegt werden. Auch der zunächst etwas hoch erscheinende Preis sollte da nicht abschrecken, die Materialien sind ihr Geld alle Male wert.


[1] aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurden männliche und weibliche Form jeweils wechselseitig verwendet. Es sind immer beide Geschlechter gemeint


Rezensent
Dr. Alexander Tewes
Leitender Dipl.-Psychologe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) - Haus 4
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 09.10.2018 zu: Melanie Gräßer, Eike Hovermann jun.: Kreative Techniken für die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. 75 Therapiekarten. Kartenset mit 75 Bildkarten und 36-seitigem Booklet. Mit Online-Material. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2018. ISBN 978-3-621-28507-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24151.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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