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Sophia Richter: Pädagogische Strafen

Cover Sophia Richter: Pädagogische Strafen. Verhandlungen und Transformationen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 192 Seiten. ISBN 978-3-7799-3768-5. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

„Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt?“ Der Vers aus der Ballade „Erlkönig“ wird in der interpretativen Rezension in ganz unterschiedlicher Weise thematisiert; ein Aspekt ist dabei der „Kindesmissbrauch“ als pädophile und gewaltsame Entgrenzung, ein anderer – pädagogischer – ist die Auseinandersetzung darüber, wie Erziehung von Abhängigen sich vollziehen soll und welche Erziehungsformen dabei eingehalten werden sollen: autoritäre oder liberale, verbietende oder selbstbestimmte. An diesem Beispiel lässt sich nachvollziehen, wie im pädagogischen Diskurs Erziehungsverhalten diskutiert wird: Soll zu Denk- und Handlungsformen hin erzogen werden, die Kindern zu von Erwachsenen oder von Konventionen gefordertem Gehorsam auffordern oder zwingen sollen, oder zu Verhaltensweisen, die ihnen Recht und Unrecht, Tun und Lassen, Grenzen selbst erfahren lassen? In den Erziehungswissenschaften haben diese Kontroversen Bedeutung (vgl. z.B. dazu: Bernhard Bueb, Lob der Disziplin. Eine Streitschrift, 2006, www.socialnet.de/rezensionen/4096.php; Elise Freinet, Erziehung ohne Zwang. Der Weg Célestin Freinets, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/7840.php).

Entstehungshintergrund und Autorin

Einstellungen, Verhaltensweisen, Mentalitäten und Modalitäten entstehen durch kulturelle Implikationen und Transformationen. Die daraus sich entwickelnden Bewusstseins- und Erfahrungsprägungen orientieren sich an den historisch und aktuell bildenden und sich verändernden, gesellschaftlichen Werte- und Normenvorgaben. In der pädagogischen Individual-, Gesellschafts- und Kulturkritik wird darauf hingewiesen, dass der moderne Mensch in seinen Jetzt-, Sofort- und Alles-Machbarkeitsempfindungen zu vergessen droht, dass der anthrôpos ein mit Vernunft ausgestattetes, zur Bildung von Allgemeinurteilen befähigtes, zwischen Gut und Böse unterscheidungsfähiges, verantwortungsbewusstes Natur- und Kulturwesen ist. Diese anthropologische Betrachtung des individuellen und kollektiven menschlichen Daseins freilich setzt ein Bewusstsein voraus, dass menschlicher Geist sich evolutionär entwickelt hat und nicht als das Alleinstellungsmerkmal des Humanum verstanden werden kann: „Der Mensch ist ein welthaftes Lebewesen“ (vgl. dazu: Wolfgang Welsch, Homo mundanus. Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14323.php). In der Dialektik zwischen Naturverbundenheit und Gestaltungsmacht zeigt sich schließlich auch, wie Erziehungsauffassungen, -einstellungen und -verhaltensweisen im ethno- und transkulturellen entstehen und praktiziert werden (Ahmet Toprak, „Wer sein Kind nicht schlägt, hat später das Nachsehen“ Elterliche Gewaltanwendung in türkischen Migrantenfamilien und Konsequenzen für die Elternarbeit, 2004, www.socialnet.de/rezensionen/1624.php).

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität in Frankfurt/M., Sophie Richter, hat 2014 über „pädagogische Strafen“ promoviert. Sie legt nun dazu einen zusammenfassenden, pädagogischen, rechtswissenschaftlichen, soziologischen und psychologischen Bericht vor. Die Auseinandersetzungen über die historischen Imponderabilien, die kultur- und mentalitätsbestimmten Entwicklungen, Setzungen und Irrungen vermitteln wichtige Einblicke und Aha-Erlebnisse für Theorie und Praxis der Erziehung.

Aufbau und Inhalt

  1. Mit der Frage „Pädagogische Strafen?“ werden im ersten Kapitel die Bandbreite und Mehrdimensionalität des Phänomens (Schul-)Strafen aufgezeigt, die von der Autorin mit teilnehmenden Studien an vier fünften Klassen in zwei Ganztagsschulen durchgeführt wurden.
  2. Im zweiten Kapitel thematisiert die Autorin die unterschiedlichen, lexikalischen, determinativen und erziehungswissenschaftlichen Begriffsbildungen und Zuschreibungen.
  3. Im dritten Kapitel wird das „Phänomen Strafe“ mit den theoretischen Zusammenhängen verknüpft, Ähnlichkeiten und Unterschiede aufgewiesen.
  4. Im vierten Kapitel werden die Determinanten auf die Bereiche der pädagogischen Sprachen angewandt.

Im neueren pädagogischen und erziehungswissenschaftlichen Diskurs verdeutlichen sich Veränderungsprozesse, die mit den straftheoretischen und praktischen Arbeiten von August Hermann Francke, Jean-Jacques Rousseau, Joachim Heinrich Campe und Friedrich Schleiermacher in Verbindung zu bringen sind und das Bild vom Kind und der Kindheit bis in die 1960er Jahre bestimmten.

Beim Perspektivenwechsel von der körperlichen Züchtigung hin zur Legitimation der pädagogischen Strafe steht nicht mehr „die Erfassung der Strafe an sich im Zentrum, sondern deren generelle Bedeutung für die Erziehung“. Nicht mehr vordergründig der Zweck, sondern die Wirkung von Strafe stehen im Fokus der pädagogischen Diskussion. Mit der Differenzierung von „Erziehungsstrafen“ und „Disziplinarstrafen“ werden in der Pädagogik Verbindungs- und Trennlinien beim Verhältnis von „Strafe und Erziehung“ gezogen.

Die Kontroversen, ob und ggf. inwieweit Strafen Erziehungsmittel sein können und sollen, oder als Fremdkörper im Erziehungsprozess keinen Platz haben sollen, bestehen bis heute. Dabei zeigt sich die paradoxe Situation, dass Strafen nicht aus dem pädagogischen Alltag verschwunden sind und sich weniger in der körperlichen Züchtigung als in verbalen und mentalen Reaktionen wie „negativen Zuschreibungen, Bloßstellen, Beschimpfen, Beschämen, Ignorieren, Unterstellungen, Einschüchterungen“ darstellen, und sich nicht zuletzt in milieubedingten Situationen äußern; gleichzeitig zeigt aber auch, dass „Strafen offensichtlich nach wie vor Gegenstand pädagogischer Praxis …, aus der erziehungswissenschaftlichen Auseinandersetzung nahezu verschwunden (sind)“.

Fazit

Die (lexikalischen und empirischen) Analysen zum (pädagogischen) Phänomen Strafe im Zeitraum der letzten hundert Jahre weisen Veränderungs- und Wandlungsprozesse im familialen und schulischen Erziehungsverhalten auf. Sie verdeutlichen sich in den erzieherischen Grundbegriffen „Zucht“ und „Disziplin“, und in den Abgrenzungen vom disziplinarischen zum Strafverhalten: „Weder Züchtigung noch Strafe noch Disziplinierung sind … zur Herstellung von Disziplin (als Ziel oder als Voraussetzung) geeignet“. Es ist das bleibende Dilemma von Freiheit und Zwang im Bildungs- und Erziehungsverhalten, das Fragen nach Selbstbildung und Selbsterziehung aufwirft, Forderungen nach „Grenzziehung“ und „Selbstbestimmung“ stellt und wohlverstandene „Disziplin“ als ein notwendiges Mittel der Erziehung einfordert.

Die Analyse ist ein Fingerzeig in Richtung Lehreraus- und -fortbildung. Weil Strafen als Aktionen und Reaktionen bei den schulischen Bildungs- und Erziehungstätigkeiten Wirklichkeiten sind und Lernen als Verhaltensänderung bewirken, kommt es darauf an, Sanktionen zu begründen und als Pädagogikum zu rechtfertigen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 29.03.2018 zu: Sophia Richter: Pädagogische Strafen. Verhandlungen und Transformationen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3768-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24155.php, Datum des Zugriffs 20.04.2018.


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