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Timo Bautz: Verstehen ohne Verständigung (...mit mobilen Endgeräten...)

Cover Timo Bautz: Verstehen ohne Verständigung. Lernen mit mobilen Endgeräten und das Verstummen der Interaktion. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 165 Seiten. ISBN 978-3-7799-3810-1. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Thema

Im Rahmen der JIM-Studie (Jugend, Information und Multimedia) zeigte es sich 2017, dass nahezu 100 Prozent der Befragten über ein Smartphone, einen Computer und einen Zugang ins Internet verfügten. Die Zeit, welche Jugendliche online verbringen, weist danach wochentags einen Durchschnittswert von 221 Minuten online auf. Der Autor untersucht in seinem Werk, wie Mobiltelefon und Internet als neues Lern- und Kommunikationsinstrument wirken. Seine These ist, dass im Unterricht zwar primär Wissen vermittelt wird, aber auch die gegenseitige Beobachtung der Schüler zu ihrer Entwicklung beiträgt. Der Autor geht davon aus, dass eine neue Lehrergeneration, die sich selbst im Netz informiert und über soziale Netzwerke kommuniziert, zunehmend mobile Endgeräte auch im Unterricht verwenden wird. Deshalb würde der direkten Interaktion weniger Nachdruck verliehen werden. Die psychischen Widerstände gegen Unterrichtsaktionen würden wachsen.

Die Einbeziehung digitaler Endgeräte in den Unterricht birgt nach seiner Meinung deshalb die Gefahr, dass die Schulen ihre Aufgabe, die Mündigkeit der Lerner, d.h. die Teilnahmechancen am sozialen Leben, zu verbessern, und den dafür notwendigen Aufbau der Erwartungssicherheit nicht mehr erfüllen.

Autor

Dr. Timo Bautz ist Professor für Kunstpädagogik an der Universität Würzburg.

Entstehungshintergrund

Kommunikation kann sich nur auf der Basis von sozial koordiniertem Leben, z.B. im Unterricht, bilden. Sie findet immer in Interaktionen, d.h. unter Anwesenden und gegenseitiger Wahrnehmung statt. Die Menschen können dabei auf ein hoch entwickeltes Gedächtnis zurückgreifen, mit dem sie Wahrgenommenes über Zeitdistanzen speichern und aufeinander beziehen können. Sie benötigen eine bereits durch Kommunikation geprägte Vorstellung und Erwartungen zu den Kommunikationspartnern, damit ein Austausch zustande kommt.

Lernprogramme auf dem Tablet erstellen ihre Mitteilungen völlig abstimmungs- und konfliktfrei, nämlich automatisch. Sie operieren nach einem vorprogrammierten Muster und nutzen die Eingaben als Auslöser für ihre nächste Mitteilung. Soziale Handlungsoptionen, z.B. Ausweichen, Ablenken oder Verzögern, sind dabei nicht möglich.

Das Tablet bietet technische Vermittlungsalterniven in die Ferne, die den Unterricht in seiner bisherigen Form verändern werden. Trotzdem zeigen internationale Studien, dass der Einsatz von Tablets im Unterricht nicht zu besseren Lernergebnissen führt, obwohl dabei Stoffpräsentation, Übungen und Lernsicherung sowie Lernzielkontrolle kombiniert und individuell angepasst werden können. Hinzu komme, dass sich die Kommunikation zu Lasten des Direktkontakts verschiebe.

Aufbau und Inhalt

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Zunächst wird auf Basis eines systemischen Ansatzes untersucht, wie Kommunikation entsteht und welche Voraussetzungen dafür erforderlich sind. Dabei wird zwischen Mitteilung und Information differenziert, weil Computer diese Bereiche nicht unterscheiden sondern lediglich sortieren können. Danach werden die verschiedenen Arten von System-Umweltbeziehungen beleuchtet sowie Lernen in Kommunikationen, Verstehen und Verständnis sowie Begreifen, Lernen mit mobilen Endgeräten und Lernen mit Programmen analysiert.

Eine zentrale Rolle in der Untersuchung spielt die Unterscheidung von Nah- und Fernkommunikation. Nach einer tiefgehenden Analyse der Interaktion und ihrer Grenzen geht der Autor auf das Kommunizieren in die Ferne ein. Aspekte dieses Kapitels sind u.a. die Konditionierung und Codierung, das Erleben und Handeln in den Medien, standardisierte und nicht-standardisierte Kommunikation, Handy und mobiles Internet sowie die Vorbereitung auf die Kommunikationsteilnahme.

Im dritten Kapitel steht der Vergleich von Ferninstruktion und Unterrichtsinteraktion im Mittelpunkt. Zunächst untersucht der Autor die Funktion von Unterricht, wie Sozialisation, Erziehung oder Bildung., um sich dann ausführlich der Interaktion im Unterricht zu widmen, bis hin zur Schule als Interaktion.

Diskussion und Fazit

Das Werk analysiert die Fragen der Kommunikation und des Lernens auf Basis eines systemischen Ansatzes sehr fundiert und nachvollziehbar. Dabei geht der Autor jedoch von einer Prämisse aus, dass digitale Lernsysteme ausschließlich dazu dienen, formelle Lernziele auf der Ebene der Wissensvermittlung und Qualifikation zu unterstützen. Innovative Lernarrangements, wie Blended Learning oder das praxis-projektorientierte Social Blended Learning, bei denen kooperative und kollaborative Lernprozesse im Vordergrund stehen, kommen in seinen Überlegungen überhaupt nicht vor.

So formuliert der Autor „ Der entscheidende Vorteil von Tablets liegt nicht in der Verwendung … als mobiles Kommunikationsinstrument, sondern in der individuellen Anpassung der Stoffvermittlung durch das Programm.“ Und weiter ergänzt er: „Mit Lernprogrammen arbeiten alle allein“ sowie „Die Lehrkräfte würden zu Administratoren einer digitalen Infrastruktur mit Wartungsaufgaben, Kontroll- und Dokumentationspflichten innerhalb einer text- und programmbasierten Vermittlung.“

Diese völlig einseitige und verzerrte Vorstellung des Einsatzes von digitalen Lernmedien steht in krassem Widerspruch zu den aktuellen Entwicklungen, insbesondere im Bereich des beruflichen Lernens, bei denen Kompetenzziele im Sinne selbstorganisierter Lösung von Herausforderungen die Lernprozesse bestimmen. Dabei werden digital Lernmedien und die entsprechenden Endgeräte vor allem dazu genutzt, im Arbeitsprozess und im Netz kollaborativ Problemlösungen aus der Praxis oder in Praxisprojekten zu bearbeiten, online zu reflektieren und Erfahrungswissen auszutauschen und gemeinsam weiter zu entwickeln. Dieses soziale Lernen bildet die Basis der personalisierten Lernprozesse. Die problemlösende Kommunikation wird dabei durch regelmäßige Treffen in Workshops oder in Webinaren, die der Klärung offener Fragen dienen, ermöglicht.

Digitale Lernsysteme ermöglichen es damit, Lernkonzeptionen zu realisieren, bei denen nicht mehr Curricula, also Inhalte, sondern die Lerner als Menschen, die ihre Handlungsfähigkeit selbstorganisiert aufbauen, im Mittelpunkt stehen. Es ist schade, dass der Autor diese aktuellen Entwicklungen im Bereich des Lernens völlig ausgeblendet hat.


Rezensent
Prof. Dr. Werner Sauter
Blended Solutions GmbH
Homepage www.blended-solutions.de
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Zitiervorschlag
Werner Sauter. Rezension vom 01.11.2018 zu: Timo Bautz: Verstehen ohne Verständigung. Lernen mit mobilen Endgeräten und das Verstummen der Interaktion. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3810-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24156.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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ISSN 2190-9245

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