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Christian Jakob, Simone Schlindwein: Diktatoren als Türsteher Europas

Cover Christian Jakob, Simone Schlindwein: Diktatoren als Türsteher Europas. Wie die EU ihre Grenzen nach Afrika verlagert. Ch. Links Verlag (Berlin) 2017. 2., durchgesehene u. aktualisierte Auflage. 320 Seiten. ISBN 978-3-86153-959-9. 18,00 EUR.
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Thema

Die Europäische Union ist seit 2015 verstärkt darum bemüht, die „illegale“ Zuwanderung mit allen Mitteln zu behindern oder einzuschränken. Dazu gehören neben der Sicherung der Außengrenzen, speziell im Mittelmeer, Abkommen mit den Herkunftsstaaten vieler Flüchtlinge oder Migrant*innen. Die Strategien sind in mehrfacher Hinsicht fragwürdig, wie die beiden Verfasser*innen zeigen.

Autor*innen

Beide Autor*innen haben eine sozialwissenschaftliche Ausbildung und arbeiten heute als Journalist*innen bei der taz, Simone Schlindwein als Korrespondentin für mehrere afrikanische Länder. Christian Jakob hat bereits ein Buch über die Flüchtlingsbewegung in Deutschland publiziert.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in journalistischem Stil verfasst. Fälle und politische Entscheidungsprozesse werden im Reportageformat detailreich und lebendig geschildert. Da die Verf. jedoch eine politische Botschaft vermitteln möchten und auch einen analytischen Anspruch haben, bedienen sie sich des Instruments der Querverweise im Text wie bei einem Lexikon-Artikel, z.B. auf den Abschnitt über „Diplomatie“ oder die „Technologie“ der Grenzanlagen.

Das Buch ist in fünf Teile gegliedert, eingerahmt vom Vorwort und einem Fazit, ergänzt um einen Anhang (u.a. mit einem Abkürzungsverzeichnis u. einer Karte).

In Teil I wird die diplomatische Betriebsamkeit nach dem großen Zustrom von Geflüchteten im Jahr 2015 geschildert. Und am Beispiel eines Milizenführers aus dem Sudan verdeutlichen die Verf., dass man bei der Wahl der Partner seitens der EU nicht wählerisch ist. Außerdem wird rückblickend an die ersten frühen Anstrengungen, Europa abzuschotten, erinnert.

In Teil II „Die Vorbilder“ erläutern und beschreiben die Verf. den Deal mit der türkischen Regierung zur Aufnahme und Rücknahme von Geflüchteten und Israels Verhandlungsstrategie, um Flüchtlinge aus Afrika wieder dorthin loszuwerden.

Teil III „Ein Kontinent in Bewegung“ gibt einerseits Einblick in den „staatlich-mafiösen Komplex“ des Schleppergeschäfts und klärt andererseits darüber auf, dass Migration zwischen afrikanischen Ländern dort bislang als Selbstverständlichkeit gilt. Uganda wird als Beispiel für eine großzügige Migrationspolitik vorgestellt.

Dass die EU dabei ist, der relativen Freizügigkeit innerhalb Afrikas im Eigeninteresse ein Ende zu setzen, ist Thema von Teil IV „Europas neue Grenzen in Afrika“. Die Überschrift des ersten Kapitels „Schengen für uns, Zäune im Sahel“ sagt schon alles. An einem Fall wird sodann die skandalöse Abschiebepraxis beleuchtet. In einem weiteren Kapitel klären die Verf. darüber auf, wie „Entwicklungshilfe“ heute aussieht, d.h. wie man afrikanische Regierungen mit „positiven und negativen Anreizen“ zur Kooperation bei der Migrationsabwehr zwingt. Auch ein Kapitel über das Subventionsprogramm für Grenzanlagen verdeutlicht, was „Entwicklungshilfe“ inzwischen heißt. Dazwischen wird die Ausweitung der Frontex-Aktivitäten auf den anderen Kontinent dokumentiert. Ein Blick auf die Aktionen dieser Agentur im Mittelmeer einerseits und die Rettungsaktionen von NGOs andererseits beendet diesen Teil.

In Teil V „Die Öffnung der Märkte“ wollen die Verf. verdeutlichen, dass „Wirtschaftsförderung im Dienst der Migrationskontrolle“ steht, wobei die Pläne wie der „Marschallplan mit Afrika“ letztlich wenig bewirken werden, weil sie primär die Interessen der eigenen europäischen Unternehmen bedienen. Dasselbe gilt für die Freihandelsabkommen der EU mit afrikanischen Staaten, die sogar die Wirtschaft afrikanischer Länder schädigen, womit die Verf. auch das Thema Fluchtursachen anschneiden.

Im Fazit „Europas Träume, Afrikas Träume“ verdeutlichen die Verf. die Interessengegensätze, verweisen auf die „Solidaritätskrise“ innerhalb der EU (259) und geben Entwarnung, was den Migrationsdruck angeht.

Diskussion

Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zu der anhaltenden öffentlichen Diskussion über die Migrationspolitik der EU und speziell Deutschlands. Es enthüllt die Fragwürdigkeit, den heuchlerischen Charakter, aber auch die Hilflosigkeit dieser Politik. Die Verf. fokussieren auf die Maßnahmen und Bestrebungen zur Migrationskontrolle und -abwehr. Die Frage, wer für viele Migrationsursachen verantwortlich ist, wird nur kurz angeschnitten, was eine sinnvolle thematische Beschränkung ist. Es verwundert allerdings ein wenig, dass die Verf. in den Passagen, in denen sie auf die anarchische Situation in Libyen eingehen, die Zerstörung dieses Staatswesens einfach als Fakt hinnehmen, ohne auf die Schuldigen für diese willkürliche, widerrechtliche Intervention mit ihren Folgen zu verweisen. Etwas kryptisch ist auch eine Passage über Fluchtursachen in der Aufzählung einer Reihe von Ländern (260). Äußere Verursacher scheint es demnach nicht zu geben.

Fazit

Die Publikation stellt einen wichtigen, aufrüttelnden Beitrag zur politischen Auseinandersetzung dar. Der in vielen Abschnitten gewählte Stil der Reportage macht das Buch leicht lesbar. Hervorhebens wert ist die äußerst gründliche Recherche. Dass das Buch in kurzer Zeit in zweiter Auflage erscheinen konnte, belegt das breite Interesse an der Publikation.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 07.05.2018 zu: Christian Jakob, Simone Schlindwein: Diktatoren als Türsteher Europas. Wie die EU ihre Grenzen nach Afrika verlagert. Ch. Links Verlag (Berlin) 2017. 2., durchgesehene u. aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-86153-959-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24159.php, Datum des Zugriffs 14.12.2018.


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