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Cornelia Behnke: Mut zum Altern

Cover Cornelia Behnke: Mut zum Altern. Wie das Alter seine eigene Würde entfalten kann. Gespräche und Betrachtungen. transcript (Bielefeld) 2018. 111 Seiten. ISBN 978-3-8376-4290-2. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 31,60 sFr.

Alter - Kultur - Gesellschaft, Band 1.
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Thema

Können und dürfen wir noch in Ruhe und Würde altern? Gibt uns die Gesellschaft dafür Raum und Gestaltungsmöglichkeiten? Oder ist Altern nur die Fortsetzung des Konsumismus mit anderen, eben altersentsprechenden Mitteln einschließlich Facebook, Face-lifting und Capri-Hosen (auch in XXL) für die über 80-jährigen.

Was wäre, wenn das Alter doch ein eigener Lebensabschnitt sei, der, ebenso wie Pubertät, Berufsleben, Familienzyklus, seine eigenen Regeln, Möglichkeiten und Grenzen habe. Anhand einer eigenen empirischen Untersuchung geht die Autorin diesen Fragen nach.

Autorin

Cornelia Behnke, Professorin an der Katholischen Stiftungsfachhochschule in München lehrt dort Soziologie in der Sozialen Arbeit.

Entstehungshintergrund

Cornelia Behnke berichtet von einem studentischen Forschungsprojekt als Grundlage zum Masterstudiengang an der Katholischen Stiftungshochschule München. Es wurde nach dem Zusammenhang von „Alter und Bildung“ gefragt und dazu im Rahmen der katholischen Bildungsarbeit entsprechende Einrichtungen in der Stadt München und im Landkreis aufgesucht und die Leiterinnen von sogenannten Seniorennachmittagen in Einzel- und Gruppeninterviews befragt, die Diskussionen transkribiert und einer Inhaltsanalyse unterzogen. Es handelt sich hier also um qualitative Forschung.

Aufbau

In vier Kapiteln und einer einleitenden Danksagung wird nach den „Einleitenden Bemerkungen“ (Kapitel 1) im 2. Kapitel dann eine „Theoretische Annäherung. Sozialphilosophische Perspektiven und gerontologische Forschung“ versucht, woraufhin im 3. Kapitel die „Empirische Annäherung“ an das Thema erfolgt.

Im 4. Kapitel, „Schlusswort“ resümiert die Autorin noch einmal das herrschende Ungleichgewicht zwischen der vita aktiva und der vita contemplativa, das sich ihrer Ansicht nach (und auch den Forschungsergebnissen nach) in den letzten Jahrzehnten zugunsten der vita aktiva verschoben habe.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

„'Älter werden ist nicht schwer, älter sein dagegen sehr“ – so könnte man das Ergebnis dieser vorliegenden Studie zusammenfassen. Die Autorin bemerkt in den einleitenden Bemerkungen kritisch, dass sich die Forschung zwar intensiv den Alterungsprozessen zuwendet, diese aber an den Maßstäben der Funktionalität, der Passung an die Normen der produktiven Altersgruppen orientiert, kurz: das Defizitmodell hat ausgespielt, ohne dass die Defizite tatsächlich verschwunden wären oder mit deren Verschwinden zu rechnen wäre. Stattdessen unterlägen diese der Verleugnung und die Bereitschaft fehlt, die Wandlung im letzten Lebensabschnitt – immerhin eine Phase von 20 bis 30 Jahren – aufzugreifen und zu gestalten.

Auch Behnkes Theoretische Annäherung (Kapitel 2) greift den Gedanken auf, sie zitiert den Philosophen Thomas Rentsch, der eine „ethische Wende“ fordert. Nicht die Anpassung der Älteren an die Fitness- und Gesundheitsindustrie sei gefragt, sondern: was diese Gesellschaft von der Tatsache des Alterns und ihrem Sinn lernen kann, ja sogar dringend lernen müsse (S. 23).

Das empirische Material hat die Autorin und ihre Studentinnen aus Gruppendiskussionen mit ehrenamtlich tätigen Frauen, die in der katholischen Gemeindearbeit Seniorennachmittage leiten, gewonnen. Mit drei Leiterinnen wurden auch noch Einzelinterviews geführt. Außerdem Interviews mit dem Leitenden Oberarzt einer geriatrischen Abteilung eines Krankenhauses und einem, damals 79jährigen, Pater einer „kleinen franziskanischen Gemeinschaft“ (S. 82). Daraus filtert die Autorin drei Perspektiven auf das Altern.

  1. Betroffenheit: Das Bewusstsein für das Nachlassen der Kräfte ist bei den Ehrenamtlichen wie bei den Teilnehmern der Seniorennachmittage deutlich vorhanden, als Bewältigungsstrategie wird die Konzentration auf das, was – noch – gut geht favorisiert, die Verlusterfahrungen, die erlebten Einschränkungen müssen und werden bearbeitet. Wie der Handwerker das Material formt, so wird das älter-werden als bearbeitbare und zu bearbeitende Werkstoffe angesehen.
  2. Explertentum 1: Blick auf den Körper. Der Oberarzt einer geriatrischen Krankenhausabteilung vertritt die medizinische Perspektive: der Körper gibt Funktionen auf, der Organismus funktioniert nicht mehr optimal, wobei das kalendarische Alter ja nur einen groben Rahmen abgebe. Auch 80 und 90-jährige fühlen sich nicht automatisch schwach oder hinfällig – trotz eingeschränkter Funktionstüchtigkeit. Aufgabe der Medizin sei es, ein überwiegend leid-freies Leben sicherzustellen. Fragen nach dem Sinn von Leiden und dem Anteil von Leid an Lebensqualität sind für ihn „zu sehr theologisch überlagert“ (S. 78),
  3. Expertentum 2: der Blick auf die Seele. Sowohl die interviewten Ehrenamtlichen als auch der medizinische Experte haben die Funktionstüchtigkeit, die -einschränkungen und den „gekonnten“ Umgang damit im Sinn, betonen die noch vorhandenen oder wiedergefundenen Lebensqualitäten.

Anders der Pater, der dem Alter die Funktion des genießenden Schauens (i.S. etwa von Achtsamkeit) zuweist, die Phase, die das Leben beendet, indem nach den Jahren des Schaffens eine Zeit des Gewahrwerdens, „die Möglichkeit, die Schöpfung zu schauen und zu genießen“ (S. 83) gekommen sei, jedoch sei das für ihn nicht das Ende. Für den Pater ist das Alter eine Art Übergang vom aktiven Leben in die vita contemplativa und von da in die andere Welt, eine Zwischenzone sozusagen, aber nur für den, der „mit der Überzeugung (lebt), dass der Mensch nicht endet, sondern in einer anderen Dimension weiterlebt …“ (S. 88)

Diskussion

Es entgeht keiner dem Alter, es sei denn, er stürbe jung. Mit den Worten des Dichters: Wie „jede Jugend dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, blüht jede Weisheit auch und jede Tugend zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.“ (H.Hesse: Stufen)

Behnke greift anlässlich einer Gruppenleiterin, die ihren Alterungsprozess nicht so recht wahrnehmen kann (da war immer die Familie, erst zu zweit, dann Kinder, dann Enkel), eine Beobachtung des Philosophen B.-C. Han auf, nach diesem ist unsere Gesellschaft arm an Übergängen, die Lebensabschnitte gehen eher sang- und klanglos ineinander über (weshalb vielleicht als Gegenbewegung Abiturfeiern, Universitätsabschlüsse, Junggesellenabschiede wieder hoch im Kurs sind), und eben auch das Alter bzw. der Eintritt in diesen Lebensabschnitt findet wenig feierlich statt – wo gibt es noch den gefeierten Eintritt ins Rentenalter mit 65, Firmenfeier und Handschlag vom Chef vor versammelter Belegschaft. Stattdessen ein mehr oder minder verschämtes Verlassen der Firma „irgendwann nach 63“.

Qualitative Forschung unterliegt nicht dem Gesetz der großen Zahl oder einem Signifikanzniveau. Die Untersuchung wendet sich deshalb auf eine eigene Art dem Thema, das immer noch nicht „durch ist“, zu und führt zu Überlegungen, die ohne Goldstandard auskommen. Sicher, die Anzahl armer Älterer wird zunehmen, die Gesundheit wird zunehmen, möglicherweise schichtspezifischer als noch heutzutage, die Pflegeeinrichtungen werden als Zugangsdiagnose „arm“ auch mal zulassen müssen, aber was machen denn die „junggebliebenen Alten“, die nicht wissen, wie sie sich fühlen sollen. Der Platz auf der Bank vorm Haus? Vor welchem Haus? Irgendwann sind die Enkel groß und/oder die Muskeln bringen uns nicht mehr hoch. Was bleibt dann noch? Der demografische Wandel, so verstanden, wäre die massenhafte Möglichkeit, auch diesen Lebensabschnitt zu akzentuieren, aber jetzt nicht in dem Sinne der Fortsetzung des neoliberalen Selbstoptimierungswahns, sondern als Umkehr und aktiven Ruhestand. Mit der Betonung auf beiden Bestandteilen des Wortes.

Aber, mit C.Behnkes Worten, die Alten müssen sich trauen, alt zu sein.

Fazit

Was ist mein Leben, wenn der Beruf vorbei und die Gelenke leicht knacken. Weitermachen, weiter optimieren oder realisieren, dass jetzt vieles anders ist und vielleicht noch anders werden wird. Cornelia Behnke regt zum vertieften Reflektieren, sich auch anders fühlen zu dürfen, auf Defiziten zu bestehen, auf dem Recht zu bestehen, am Leben schauend und nicht mehr schaufelnd teilzunehmen und darauf zu bestehen, diesem Element Raum zu geben,an. Irgendwann wird auch die unwürdigste Greisin [1] mal müde, richten wir ihr und uns den Platz.


[1] B.Brecht: Kalendergeschichten.Reinbek,1960


Rezensent
Dipl.-Psychol. Wolfgang Jergas
Jahrgang 1951, Psychologischer Psychotherapeut, bis 2006 auf einer offenen gerontopsychiatrischen Station, 2007-2015 Gedächtnissprechstunde in der Gerontopsychiatrischen Institutsambulanz der CHRISTOPHSBAD GmbH Fachkliniken
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Zitiervorschlag
Wolfgang Jergas. Rezension vom 22.06.2018 zu: Cornelia Behnke: Mut zum Altern. Wie das Alter seine eigene Würde entfalten kann. Gespräche und Betrachtungen. transcript (Bielefeld) 2018. ISBN 978-3-8376-4290-2. Alter - Kultur - Gesellschaft, Band 1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24160.php, Datum des Zugriffs 14.12.2018.


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