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Werner Höver (Hrsg.): Wirksam Entscheiden (Führungskräfte in der Sozialwirtschaft)

Cover Werner Höver (Hrsg.): Wirksam Entscheiden. Handbuch für Führungskräfte in der Sozialwirtschaft. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2018. 304 Seiten. ISBN 978-3-17-032517-3. 25,00 EUR.

Diakonie, Band 17.
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Thema

Entscheidungen werden immer unter einem mehr oder weniger hohen Grad an fehlender Information abgewogen und damit in eine Unsicherheit hinein getroffen. Schließlich weiß niemand, ob das eintrifft, was mit der Entscheidung intendiert war. Gleichzeitig ist ungewiss, ob das, was als Effekt der Entscheidung beabsichtigt war, den wünschenswerten Zustand zu dem Zeitpunkt herstellt, in dem der Effekt eintrifft. Diese Unsicherheit zu reduzieren und Effektivität von Entscheidungen zu steigern ist Gegenstand vieler Publikationen.

Autor

Dr. Hendrik Höver ist Autor, Berater und evangelisch-lutherischer Pastor. Er hat an der Universität St. Gallen im Bereich Managementlehre promoviert.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist eine Entwicklung aus seiner Dissertation, die im Jahr 2013 als eigenständiges Buch publiziert wurde. In der aktuellen Publikation wird auf die empirisch-methodischen Anteile, die einer wissenschaftlichen Arbeit eigen sind, verzichtet. Stattdessen formuliert das Buch allgemeingültige Aussagen zum Thema Entscheidungsfindung im Kontext der Sozialwirtschaft.

Aufbau

Das Buch gliedert sich nach den Geleitworten und dem Vorwort in sieben Kapitel.

  1. Die Einleitung fasst die einzelnen Kapitel des Buches zusammen und formuliert Thesen, die im Buch belegt werden sollen.
  2. Daran schließt sich das Kapitel 2 an, das die Frage nach der Entscheidungsnotwendigkeit stellt und den Entscheidungsbedarf in einer Multioptionsgesellschaft thematisiert.
  3. Im Kapitel 3 geht es dann um die Struktur von Entscheidungsprozessen, ihre idealtypische Form aber auch im Licht von Ungewissheit und Mehrdeutigkeit.
  4. Da Entscheidungsprozesse immer in Abhängigkeit zur gelebten Kultur in Organisationen ablaufen, behandelt Kapitel 4 unterschiedliche Spielarten der Entscheidungspraxis.
  5. Kapitel 5 führt den Begriff der Multirationalität ein, der darin erläutert und hinsichtlich der Konsequenzen für einen effektiven Entscheidungsprozess analysiert wird.
  6. Schließlich wird in Kapitel 6 ein Referenzrahmen entwickelt, der sich am normativen, am strategischen und am operativen Sinnhorizont festmachen lässt.
  7. Das Buch schließt mit einem Kapitel 7 ab, das sich der Selbstreflexion eines multirationalen Managers widmet.

Dem Buch ist eine umfangreiche Literaturliste beigegeben, die sich über sechs eng beschrieben Seiten erstreckt.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Entscheidungssituationen sind nach Ansicht des Autors vorrangig von zwei Bedingungen geprägt:

  1. Multioptionalität
  2. Multiple Rationalitäten

Multioptionalität meint die Vielzahl an Möglichkeiten, die sich in der heutigen Gesellschaft den Menschen bieten. Damit ist eine Entscheidungssituation meist nicht auf ein oder zwei Lösungsmöglichkeiten beschränkt. Es gibt viele unterschiedliche Optionen und auch Konsequenzen von Entscheidungen, die bedacht werden können. Im gleichen Maß, wie die Gewissheiten schwinden steigen die Unsicherheit und die Möglichkeiten. Gleichzeitig hat jede Entscheidung für eine der möglichen Optionen zur Folge, dass alle anderen Optionen dadurch ausgeschlossen werden. Es entsteht ein Optionsstress. Da dies kein individuelles, sondern ein gesellschaftliches Phänomen ist, spricht der Autor von der Multioptionsgesellschaft.

Als Teil der Gesellschaft müssen sich auch Kirche und Diakonie diesen multiplen Optionen und den damit verbunden Herausforderungen stellen. Für von Traditionen geprägten Organisationen ist dies eine besondere Aufgabe, die einen tiefgreifenden organisatorischen Wandel bedingt. Denn schließlich können sich die Kirchen wie auch Caritas und Diakonie die Bedingungen ihrer Aktivitäten nicht aussuchen. Durch die Knappheit der Ressourcen im Gesundheits- und Sozialwesen und die Vielzahl von Möglichkeiten, ihre Aufgabe zu erfüllen, entsteht ein Entscheidungsbedarf, der durch das Management caritativer oder diakonischer Unternehmen bearbeitet werden muss.

Als zweite Bedingung unter denen Unternehmen von Kirche, Caritas und Diakonie Entscheidungen treffen müssen ist die Multirationalität zu nennen. Unter Rationalität wird zunächst eine Referenz oder ein Sinnhorizont verstanden. Damit werden gültige Annahmen, Prinzipien, Regeln und Verhaltensmaxime gemeint, die moralisch wünschenswert und vernünftig sind. Multirationalität bedeutet, dass mehrere Rationalitäten für ein Unternehmen relevant sind. Als Beispiele von Multirationalitäten nennt der Autor: Religion, Sozialwirtschaft, Wissenschaft, Recht, Politik und sog. „Aufgabenprofessionen“ (Gesundheit, Erziehung, Pflege, Assistenz, Soziale Arbeit).

Mit Hilfe der 4. Version des St. Galler Managementmodells entwickelt der Autor einen Ansatz zur Entscheidungsfindung, der auf mehrere variante Methoden setzt und durch vielen Praxistipps anschaulich wird. Besonders wird der Referenzrahmen in seiner Relevanz für Diakonie und Caritas erläutert. Beim Referenzrahmen werden drei Ebenen unterschieden:

  1. Normativer Sinnhorizont
  2. Strategischer Sinnhorizont
  3. Operativer Sinnhorizont

Der Referenzrahmen einer Organisation bestimmt die Entscheidungspraxis und prägt sie. Die Entscheidungspraxis wiederum verfestigt sich im Referenzrahmen. Es herrscht also eine Reziprozität, die wesentlich für das Verständnis ist, wie Entscheidungen in einer Organisation getroffen werden. Die gut verständliche Darstellung dieses Zusammenhangs nimmt im Buch mit knapp einem Drittel des Seitenumfangs breiten Raum ein.

Die Entwicklung einer Entscheidungspraxis, die auf „kollektives Sensmaking“, Konsensfindung, kollektive Entscheidungsprozesse und die Orientierung an einer integrierenden Sinnmitte setzt, wird für die Entscheidungsfähigkeit einer Organisation mehrfach hervorgehoben.

Diskussion

Mit dem St. Galler Managementmodell bedient sich der Autor eines Modells, dessen Methodik auf sozialwissenschaftlichem Denken basiert. Demzufolge ist die Gliederung des Buches streng logisch aufgebaut. Auf eine Begründung für die Relevanz des Themas des Buches folgt eine theoretische Basislegung, die die empirischen Ergebnisse der dem Buch zugrunde liegenden Dissertation verarbeitet. Damit ist der Boden für die Hauptaussagen des Buches gelegt, die die Entscheidungsfähigkeit in multirationalem Setting und in einem mehrdimensionalen Referenzrahmen herausarbeitet. Hervorzuheben ist, dass der Autor dabei immer den Leser im Blick hat. Durch viele praktische Bezüge und Beispiele schlägt er eine Brücke vom theoretischen Ansatz zur Relevanz in der Praxis. Das gelingt ihm gut.

Bemerkenswert ist zu sehen, wie der Autor das komplexe St. Galler Managementmodell als theoretischen Rahmen verwendet, ohne es in Breite zu erklären. So leidet die Verständlichkeit nicht. Sicherlich kann man sich stärkere Bezüge zum Modell wünschen. Jedoch bewahrt die Zurückhaltung des Autors die Leser vor komplizierten Nebenschauplätzen ohne direkten Mehrwert.

Das Buch gibt keine Handlungsanweisungen, wie Entscheidungen zu treffen sind. Vielmehr klärt es den entscheidungstheoretischen wie -praktischen Rahmen in Unternehmen. So versetzt es den Leser in die Lage, in der eigenen Organisation diesen Rahmen zu analysieren und ihn für eine effektivere Entscheidungspraxis zu verändern.

Schaut man sich den Untertitel des Buchs an, so richtet sich der Autor an Führungskräfte in der Sozialwirtschaft. Was immer der Leser unter den Akteuren in der Sozialwirtschaft versteht, der Autor wendet sich im Buch explizit an Unternehmen von Kirche, Caritas und Diakonie. Das ist nicht verwunderlich, da das Buch in der Reihe „Diakonie – Bildung, Gestaltung, Organisation“ erscheint. Wer nun erwartet, dass dies gleichzeitig bedeutet, dass neben der theoretischen Ebene des St. Galler Modells noch eine Ebene aus dem Glauben bearbeitet wird, der wird enttäuscht. Hier bleibt der Autor ganz Sozialwissenschaftler und dem Modell treu. Interessant wäre es gewesen, in die Überlegungen auch religiöse Traditionen der Entscheidungsfindung einzubeziehen. Hier gibt es einen reichen Fundus vor allem aus den Ordenstraditionen, der unbearbeitet bleibt. Da der Autor nicht nur Sozialwissenschaftler sondern auch Pastor ist, ist dies vielleicht das Thema einer weiteren Veröffentlichung.

Fazit

Die Monografie „Wirksam Entscheiden“ von Hendrik Höver analysiert die spezifischen Entscheidungssituationen in Unternehmen der Kirchen, der Caritas und der Diakonie. Auf der Grundlage des St. Galler Managementmodells entwickelt der Autor einen Rahmen für Entscheidungen in multioptionalen Gesellschaften mit multiplen Rationalitäten. Diese multiplen Entscheidungsbedingungen machen es den Führungskräften schwer, Entscheidungen zu treffen, da die Unsicherheit hoch ist. Der hohe Nutzen des Buches liegt darin, diese Unsicherheit durch systematisches Denken und Vorgehen in Entscheidungsprozessen zu verringern. Dabei legt der Autor auf Verständlichkeit seiner Gedankengänge wert, sodass sie Praxisrelevanz für sich beanspruchen können. Der Autor erliegt nicht der Versuchung, Rezepte und Erfolgsversprechen zu verbreiten.

Das Buch ist allen empfohlen, die einen systematischen Blick auf die Entscheidungskultur ihrer eigenen Organisation werfen wollen. Sie werden mit Gewinn das Buch bearbeiten und ihre Organisation mit anderen Augen anschauen. Dies ist die Voraussetzung, um Entscheidungen zukünftig anders treffen zu können.


Rezensent
Dipl.-Kfm. Werner Thomas
Krankenpfleger, Diakon
Homepage www.adservio.de
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Zitiervorschlag
Werner Thomas. Rezension vom 29.08.2018 zu: Werner Höver (Hrsg.): Wirksam Entscheiden. Handbuch für Führungskräfte in der Sozialwirtschaft. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2018. ISBN 978-3-17-032517-3. Diakonie, Band 17. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24161.php, Datum des Zugriffs 20.10.2018.


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