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Georg Auernheimer: Wie Flüchtlinge gemacht werden

Cover Georg Auernheimer: Wie Flüchtlinge gemacht werden. Über Fluchtursachen und Fluchtverursacher. PapyRossa Verlag (Köln) 2018. 283 Seiten. ISBN 978-3-89438-661-0. D: 16,90 EUR, A: 17,40 EUR.
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Thema

Gerade wenn in den Kontroversen zur Flüchtlingspolitik die „Außengrenzen der EU“ oder gar die „Obergrenzen“ apostrophiert werden, also unterstellt wird, Fluchtmigration sei zu steuern oder zu mindern, bleibt seltsamer Weise die Frage nach den Fluchtursachen unterbelichtet. Wie kommt es eigentlich, dass Millionen von Menschen keine andere Möglichkeit mehr sehen, als ihr Land zu verlassen und andernorts eine neue Existenz aufzubauen (zu versuchen)? Welche politische und wirtschaftliche Entwicklungen bestimmen ihre Beweggründe? Sind es gar die Zielländer selbst, die den Migrationsdruck verursacht haben?

Autor

Dr. Georg Auernheimer hat als Professor für Interkulturelle Pädagogik in Köln maßgeblich die Erziehungswissenschaften in Deutschland bestimmt, man denke nur an die „Einführung in die interkulturelle Erziehung“ (Darmstadt 1990).

Aufbau

Der Autor hat das Buch in fünf Kapitel gegliedert, deren Wortlaut auch gleich eine inhaltliche Aussage vermittelt:

  1. Die Destabilisierung des Nahen Ostens
  2. Die Balkanisierung des Balkans
  3. Das Comeback der Clanstrukturen in Afrika
  4. Die neokoloniale Ausbeutung Afrikas
  5. Armut und Gewalt im Hinterhof der USA.

Jedes Kapitel umfasst 50-65 Seiten, nur das zu Südosteuropa ist mit 25 S. deutlich kürzer. Dazu kommt eine kurze „Schlussbilanz“.

Inhalt

Der Autor stellt, wie die Kapitelübersicht zeigt, Ländergruppen vor, von denen aktuell Fluchtmigration ausgeht. Zu den Ursachen sind generell die Kolonialgeschichte samt Sklavenhandel und die neokoloniale Abhängigkeit zu zählen, wobei sich letztere durch die Auflagen des Internationalen Währungsfonds und die sog. Freihandelsabkommen fortsetzen. Diese verhindern, dass sich etwa in den Ländern südlich der Sahara Industrien und Dienstleistungen in nennenswertem Maße entwickeln können, diese Länder sind als Rohstofflieferanten (z.B. seltener Metalle) sozusagen zur Extraktion (Ausbeutung) vorbestimmt. Die traditionelle Landwirtschaft leidet einerseits unter der Erderwärmung, anderseits unter der Benachteiligung gegenüber den Agrarindustrien und dem unfairen Wettbewerb seitens der EU, die „ihre Landwirte“ subventioniert. Stammeskämpfe, Rivalitäten zwischen Autokraten und Diktatoren, lokale Kriege, der Luxus korrupter Eilten usf. tun ein Übriges, um gesellschaftliche Entwicklungen zu hemmen. Die Rüstungskosten (vorwiegend Importe aus den USA) fehlen im Bildungshaushalt und im Gesundheitssystem.

Die dichte und materialreiche Darlegung des Autors kann hier nicht wiedergegeben werden, deshalb sei hier exemplarisch zusammengefasst, was er zu diesen Themen ausführt.

Beim Thema „Syrien“ folgt er dabei weitgehend der Korrespondentin Karin Leukefeld, die als strategisches Ziel der USA die „vorsätzliche Zerstörung Syriens“ unterstellt. Er ist sich zumindest sicher, dass die USA, die EU-Staaten und andere westliche Staaten die massenhafte Fluchtbewegungen innerhalb Syriens und aus Syrien „verschuldet“ haben. Sie hätten zunächst örtliche Stellvertreter (Milizen) agieren und Krieg untereinander führen lassen, ehe sie selbst militärisch, schließlich auf Seiten der kurdischen PYD, eingriffen. Belege dafür seien schon frühe Strategiepapiere des CIA, die einen Teilungsplan enthielten, und die Tatsache, dass die USA mehrfach Verhandlungen blockierte, obwohl sogar Assad darauf eingegangen war. Auernheimer kommt zu dem Schluss: „Die islamistischen Terrororganisationen sind Geschöpfe von US-Strategen, speziell des CIA und anderer Geheimdienste“ (S. 88).

Für Nordostafrika führt Auernheimer zunächst vor allem die Clanstrukturen im Hinterland an, Stammesloyalitäten, gegen die sich die europäischen Kolonialmächte letztlich nicht durchsetzten. Die Ausbreitung der Wüste verschärfte die Konflikte um Weideland und Ackerboden. Somalia wurde schließlich „Opfer verfehlter Modernisierungsstrategien“, nämlich der Privatisierung (der Landwirtschaft) und Kommerzialisierung (der Wasserversorgung), die IWF und Weltbank in den 1980er Jahren auferlegten. Was Libyen anbelangt, so sei es das größte „Schurkenstück der westlichen Wertegemeinschaft“ gewesen, diesen Staat zu zerstören, nämlich mit Luftangriffen,nach „Unruhen“ und „Aufständen“ im Frühjahr 2011, von Frankreich gedrängt, wenn auch auf der Basis einer UNO-Resolution. Die Ziele ergaben sich, unter Berufung auf Werner Ruf dadurch, dass Libyen dank der verstaatlichten Erdölindustrie mit riesigen Bankguthaben Frankreichs Vorherrschaft (auch die besondere Franc-Zone) bedrohte.

Die neokoloniale Ausbeutung Afrikas südlich der Sahara zeigt sich an vielen Stellen, unter anderem in Sambia; die dortige Regierung hat, wie Monitor im Februar 2017 berichtete, mehrere Tausend Hektar an ein Unternehmen verpachtet, das auch durch die Bundesregierung gefördert wurde. Der Konzern produziert mit hohem Maschineneinsatz Soja, Weizen und Mais vorwiegend für den Export. Die einheimischen Bauern werden unterboten, sind kaum noch beschäftigt. Bekannt ist auch die Überfischung der westafrikanischen Küstengewässer durch europäische Trawler, die als schwimmende Fabriken gleich die EU-Märkte ansteuern. Die „Kollateralschäden“ der kapitalistischen Produktion werden so externalisiert, sei es in Form von Giftmüllverklappung vor Somalias Küsten, sei es mit den 500 Containern voll gebrauchter Elektrogeräten, die jeden Monat in Lagos/Nigeria angeliefert weiden, sei es mit dem Elektroschrott, den Einheimische, darunter viele Kinder, in Accra/Ghana zerlegen (inklusive Kadmium, Quecksilber, Blei!).

Die zentralamerikanischen Länder werden in jeder Hinsicht von den USA dominiert. Unbeschadet der Vorhaben, die Grenze zu Mexiko durch eine Mauer „zu sichern“, sind die Saisonarbeiter aus Mexiko unverzichtbar. Vom US-Markt voll abhängig ist die sog. Maquiladora-Industrie: Zulieferer, die gleich südlich der Grenze in Mexiko angesiedelt sind, nutzen die niedrigeren Arbeitskosten dort. In Mittelamerika, etwa El Salvador sind die „remesas“ (Rücküberweisungen) der Migrantinnen und Migranten ein wichtiger Posten in privaten und staatlichen Haushalten.

In seiner Schlussbilanz warnt der Autor vor der Illusion, die Fluchtursachen seien zügig zu beseitigen, wenn man nur wollte. Mit Migration ist weiterhin, ja mehr denn je zu rechnen. Am ehesten noch besteht die Möglichkeit, beim Klimaschutz weiterzukommen (da auch die reichen Länder darunter leiden).

Diskussion

Was Auernheimer hier an Fakten und Daten zusammengetragen hat, ist nicht neu, wenn auch von den bekannten Medien selten thematisiert. Erstaunlich ist es schon, dass gerade die „junge welt“ dafür genutzt werden muss oder Frau Leukefeld zunehmend in Russia Today publiziert.

Die Darstellungen selbst verlieren sich oft gerade da im Ungefähren („Unruhen“), wo andere Akteure als „die USA“ zu benennen wären. Kritische Hinweise auf Figuren wie Gaddafi, Saddam Hussein oder auch ein Milosevic fehlen, als ob sie lupenreine Demokraten oder Humanisten gewesen wären.

Letztlich führt die Spur, so Auernheimer, immer wieder zu den USA, deren Ziel es gewesen sei, die genannte Regionen zu destabilisieren und Staaten zu zerstören. Dass es hierzu eine „Strategie“, also tiefschürfende Analysen und rationale Umsetzung gegeben habe, wird im Grund nur damit belegt, dass die USA ja schon in den 1980er Jahren damit begannen, die Mudschaheddin in Afghanistan auszurüsten, um die Besatzungsmacht Sowjet-Union zu schwächen. Allerdings sei den USA ihr „Geschöpf“ bald außer Kontrolle geraten. Eine Beweisführung ist das nicht, die Rationalität der US-Politik wird offensichtlich überschätzt.

Ohne die militärische Option der USA oder die „frankophonen“ Interessen Frankreichs schmälern zu wollen: Wenn es um die Fluchtursachen geht, dann müssten schon alle Regime in Betracht gezogen werden, die hier mitwirken. Welche Interessenlage haben denn Russland, Saudi-Arabien, der Iran, die Türkei u.v.a.m.?

Nur ein kleiner technischer Hinweis. Wenn Literatur oder Quellen am Satzende in Klammern angegeben werden, sollte der Punkt danach gesetzt werden.

Fazit

Eine klare, kritische, dezidiert linke Bestandsaufnahme der politisch-ökonomischen Ausgangslage, die gut erklärt, weshalb sich Menschen gezwungen sehen, sich auf den beschwerlichen, gefährlichen Weg zu machen – über deren konkrete Beweggründe, Strategien, Visionen sollten wir noch mehr erfahren.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 06.04.2018 zu: Georg Auernheimer: Wie Flüchtlinge gemacht werden. Über Fluchtursachen und Fluchtverursacher. PapyRossa Verlag (Köln) 2018. ISBN 978-3-89438-661-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24163.php, Datum des Zugriffs 20.04.2018.


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