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Klaus-Peter Hufer: Neue Rechte, altes Denken

Cover Klaus-Peter Hufer: Neue Rechte, altes Denken. Ideologie, Kernbegriffe und Vordenker. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 157 Seiten. ISBN 978-3-7799-3681-7. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 23,90 sFr.
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Thema

Angesichts der in den vergangenen Jahren in Deutschland beobachtbaren Zunahme nationalistischer, nativistischer und extrem rechter Artikulationen haben sich inzwischen mehrere Publikationen mit der Sprach- und Begriffsverwendung durch Akteur*innen der populistischen und extremen Rechten beschäftigt. Dies ist für zahlreiche Berufsgruppen besonders relevant, die an der Vermittlung demokratischer Werte beteiligt sind und intensiv in der Auseinandersetzung mit menschenrechtsfeindlichen Positionen stehen. Der vorliegende Band von Klaus-Peter Hufer ist ein aktueller Beitrag zu diesem Anliegen, der sich von anderen Publikationen insbesondere durch eine Berücksichtigung rechter Vordenker unterscheidet.

Autor*innen

Dr. habil. Klaus-Peter Hufer ist ausgewiesener Experte im Feld der politischen Erwachsenenbildung und seit 2011 als außerplanmäßiger Professor an der Fakultät der Bildungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen tätig. Im Wochenschau-Verlag hat er in der Vergangenheit bereits zu Argumentationstrainings gegen Stammtischparolen veröffentlicht.

An der Publikation haben Dr. Jens Korfkamp und Laura Schudoma (M.A.) mitgewirkt. Er ist seit 2001 hauptberuflicher Leiter der Verbandsvolkshochschule Rheinberg, sie ist seit 2016 Pädagogische Mitarbeiterin in der Heimvolkshochschule G. Könzgen in Haltern am See.

Aufbau und Inhalt

Der Band gliedert sich in insgesamt acht Abschnitte, die unterschiedlich umfangreich sind. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Der erste Abschnitt (8-18) führt in den Gegenstand ein, verweist auf die Relevanz von Begriffspolitik und diskutiert mit Blick auf das hier analysierte politische Spektrum die Frage der Begriffsverwendung entlang von ‚rechtsextrem‘ – ‚konservativ‘ – Neue Rechte.

Im folgenden Abschnitt (19-22) wird die „Identitäre Bewegung“ knapp vorgestellt und unter Berufung auf die Nachrichtendienste auf „Anhaltspunkte für rechtsextremistische Bestrebungen dieser Organisation“ (22) verwiesen.

Die Abschnitte drei und vier stellen den Hauptteil des Buches dar. Dabei werden zunächst in 25 Unterkapiteln „rechte Schlüsselwörter“ (27) von ‚Abstammung‘ über ‚Familie‘ bis zu ‚Patriotismus‘ und ‚Volk‘ vorgestellt und kommentiert (23-77); im Anschluss finden dann als Vertreter der „philosophischen Ahnenreihe“ (78) Hans Freyer, Arnold Gehlen, Martin Heidegger, Ernst Jünger, Konrad Lorenz, Arthur Moeller van den Bruck, Friedrich Nietzsche, Carl Schmitt, Oswald Spengler sowie Armin Mohler Berücksichtigung (78-125).

Der fünfte Abschnitt enthält unter der Überschrift „Esoterik, Okkultismus und die Neue Rechte – Evola, Dugin und Co.“ knappe Hinweise auf okkultische und esoterische Tendenzen und Akteure in der extremen Rechten (126-129).

Der sechste Abschnitt ist quasi das Fazit der Publikationen, in der noch einmal eine Charakterisierung der Neuen Rechten vorgenommen wird (130-134).

Die beiden letzten Abschnitte sind als Glossare zu Personen und (Medien)Strukturen der Neuen Rechten (135-139; 140-144) angelegt.

Diskussion

Der Band bietet insbesondere in seinen beiden Hauptteilen insgesamt eine gute einführende Darstellung wichtiger Begrifflichkeiten und Ideologeme der – so der Titel – ‚Neuen Rechten‘ und wichtiger Referenzpersonen insbesondere der sogenannten ‚Konservativen Revolution‘. Ausgangspunkt ist dabei im Abschnitt drei vielfach ein Zitat aus dem von Erik Lehnert und Karlheinz Weißmann, zwei Hauptexponenten dieser Strömung in der Gegenwart, herausgegebenen mehrbändigen ‚Staatspolitischen Handbuch‘.

Den Zitaten folgen dann vertiefende Erläuterungen zur Relevanz und Einbettung des Begriffs in Ideologeme und Diskurse dieses politischen Lagers, gelegentlich auch auf relevante Autor*innen, immer aber auch eine kritische Beurteilung und Gegenargumente. Diese sind vielfach hilfreich, z.B. der Hinweis auf die Förderung kultureller Diversität durch die EU. Zum Teil sind die Erläuterungen jedoch zu kurz und werden der Komplexität der Verwendung des jeweiligen Begriffs im hier behandelten politischen Spektrum nicht gerecht (z.B. ‚Freiheit‘). Im Abschnitt zu den Vordenkern, deren Auswahl leider nicht systematisch begründet wird, werden die zehn Exponenten jeweils kurz biografisch, programmatisch und hinsichtlich ihrer Rezeption durch die Neue Rechte vorgestellt. Diese Beiträge – meistens verfasst von Jens Korfkamp – sind als einführende Lektüre gut nutzbar; der Beitrag zu Armin Mohler hätte durch einige Hinweise auf die Rezeption in der politischen Rechten der Nachkriegsbundesrepublik gewinnen können. Auch wären weiterführende Literaturhinweise nützlich gewesen.

Deutlich schwächer sind andere Teile des Buches. Zwar werden einleitend verschiedene Begrifflichkeiten wie ‚Rechtsextremismus‘, ‚Konservativ‘ oder ‚Rechtspopulismus‘ knapp diskutiert, die Entscheidung für die Verwendung des Begriffs ‚Neue Rechte‘ scheint jedoch eher pragmatisch vorgenommen und kommt ohne eine Auseinandersetzung mit der Kritik an dieser Kategorisierung aus, wie sie etwa Martin Langebach und Jan Raabe im ‚Handbuch Rechtsextremismus‘ (Springer VS 2016: 561-592) formuliert haben. In der Folge werden dann von Klaus-Peter Hufer auch ganz verschiedene Begriffe aufgerufen: In der Einleitung zu Abschnitt drei wird verdeutlicht, dass auch rechtskonservative und rechtsextreme Publikationen als Ausgangspunkt der Erörterung gelten sollen (23), dann wird allgemein von ‚rechts‘ gesprochen, noch einmal ‚rechtskonservativ‘ definiert (25). Ob zudem die Charakterisierung der ‚Neuen Rechten‘ als bürgerlich (und sei es in der Selbstdarstellung) durchweg zutreffend ist, mag mit Hinweis auf Götz Kubitschek bezweifelt werden.

Der Abschnitt zur Esoterik lässt offen, warum gerade Julius Evola und Alexander Dugin ausgewählt wurden. Die Erörterungen zu diesem Feld sind zudem recht allgemein und machen nicht deutlich, was an deren Weltanschauung und/oder politischer Praxis für die gegenwärtige extreme/populistische Rechte attraktiv sein mag und wie sich entsprechende ideologische Versatzstücke in die Weltsicht insgesamt einfügen. In dieser Form scheint mir dieser Abschnitt für den Band entbehrlich.

Die Einträge im Glossar folgen leider nicht konsequent dem Kriterium ‚Neue Rechte‘; Jürgen Elsässer und Gustav Sichelschmidt beispielsweise gehören nicht in diesen Kanon. Das kann für Lesende, die sich erstmalig mit dieser Thematik befassen, irreführend sein.

Fazit

Unter Berücksichtigung der kritischen Einwände lässt sich das besprochene Buch für die politische Bildungsarbeit empfehlen, da es zentrale Begrifflichkeiten und personale Referenzen der populistischen und extremen Rechten der Gegenwart aufruft und kritisch kontextualisiert.


Rezensent
Prof. Dr. Fabian Virchow
Professor für Theorien der Gesellschaft und Theorien politischen Handelns sowie Leiter des Forschungsschwerpunktes Rechtsextremismus/Neonazismus an der Hochschule Düsseldorf
Homepage www.forena.de
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Zitiervorschlag
Fabian Virchow. Rezension vom 05.10.2018 zu: Klaus-Peter Hufer: Neue Rechte, altes Denken. Ideologie, Kernbegriffe und Vordenker. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3681-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24167.php, Datum des Zugriffs 20.10.2018.


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