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Yvonne Gassmann: Verletzbar durch Elternschaft

Cover Yvonne Gassmann: Verletzbar durch Elternschaft. Balanceleistungen von Eltern mit erworbener Elternschaft – ein Beitrag zur Sozialpädagogischen Familienforschung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 360 Seiten. ISBN 978-3-7799-3826-2. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 64,30 sFr.
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Thema

Gegenstand dieser Studie ist das Phänomen „Verletzbarkeit“ in der engen dyadischen Generationsbeziehung von Eltern und ihren Kindern – betrachtet aus der Perspektive Sozialpädagogischer Familienforschung. Es ist eine qualitative, hermeneutische Untersuchung, die an der Grounded-Theory-Methodologie orientiert ist und anhand von Berichten von Pflegeeltern, Adoptiveltern und anderen Eltern eine Entwicklungstheorie zu ihrem Elternselbst und Leitbild aufbaut. Es wird aufgezeigt, dass sich Eltern in mehrdimensionalen Spannungsverhältnissen befinden. Verletzbar sind sie einerseits durch die realen Anforderungen und Bedingungen des Elternseins, aber andererseits durch die Selbst- und Leitbilder gelingenden familialen Alltags und Lebens und begegnen diesen (potenziellen) Verletzungen und Konflikten in Balanceleistungsprozessen.

Autorin

Yvonne Gassmann ist Erziehungswissenschaftlerin, tätig in der Familien- und Jugendforschung und der Praxisentwicklung insbesondere der Schweizer Pflegekinderhilfe; sie habilitierte sich im Fach Erziehungswissenschaft/Sozialpädagogik.

Aufbau und Inhalt

Der Aufbau des Buches orientiert sich am Forschungsprozess (Gassmann S. 45); es ist in fünf Teile mit je zwei Kapiteln gegliedert. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

In Teil I, Die Studie – Einleitung, begründet die Autorin zunächst den Anlass der Studie, indem sie das Phänomen Verletzbarkeit durch Elternschaft und den Kontext dieses Phänomens skizziert und den Forschungskontext beschreibt sowie ihre eigene Forschungsgeschichte. Hier benennt sie insbesondere wichtige Forschungsdesiderate, vor allem eine fehlende „Innenperspektive“ (ebd. S. 36), die ihre Auseinandersetzung mit dem Phänomen begründen. Schließlich leitet Gassmann daraus ausführlich die Ziele und die Fragestellung ihrer Untersuchung ab und legt die Anlage der Studie dar. „In dieser Arbeit geht es darum, was die Verletzbarkeit für die Elternindividuen selbst bedeutet und wie sie mit dem Verletzungspotenzial umgehen. Statt vorab den Blick auf das mutmasslich gefährdete Kind zu richten, wird die mögliche elterliche Gefährdung analysiert“ (ebd. S. 42, Hervorhebungen im Original). Dafür wählt und begründet sie im zweiten Kapitel die theoretischen Konzepte ihrer Arbeit, die sie um eine begriffliche Fassung von Balanceleistungen ergänzt und in einem Zwischenresümee hinsichtlich ihrer Gemeinsamkeiten und Verbindungen auslotet.

Im zweiten Teil, Sozialpädagogische Rahmenbedingungen, erörtet Gassmann zunächst (Kapitel 3) das Beispiel von Pflege- und Adoptivelternschaft. Anschließend leitet sie den Begriff „erworbene Elternschaft“ her, indem sie unter anderem auf verschiedene Elternschaftsmodalitäten eingeht. Schließlich thematisiert sie die – spezifische – Verletzbarkeit durch erworbene Elternschaft. Im Kapitel 4 geht es um den Blickwinkel einer Sozialpädagogischen Familienforschung, der die Studie leitet, und um die Besonderheiten und Chancen einer solchen Perspektive. Dort geht Gassmann auf Haltung, Fokus und Methodologie einer Sozialpädagogischen Familienforschung ein. Das Kapitel schließt mit dem Theoriebildungsprozess im Rahmen dieser Sozialpädagogischen Familienforschung und mit einem Zwischenresümee.

Teil III, Verletzbarkeiten – Methodologie und inhaltliche Betrachtungen, liefert im Kapitel 5 Erläuterungen bzw. Ergänzungen zu den methodologischen Grundlagen der Studie. Hier befasst sich die Autorin zuerst mit Samplingverfahren und den verschiedenen Samples, um daran anschließend Auswertungsschritte, GTM-Kodierparadigma als eine zweite Heuristik und die Ergebnispräsentation vorzustellen.

Im sechsten Kapitel befasst sich Gassmann mit inhaltlichen Betrachtungen zum Phänomen Verletzbarkeit und dessen Ursachen und Kontextbedingungen. Zuerst geht sie auf Spielarten von Verletzbarkeit ein, um anschließend Bedingungen für (potenzielle) Verletzbarkeit in fünf Kategorien darzulegen: gefährdetes Kind, verletzende Interaktionen, eigene Bedürfnisse, eigene Geschichte und relational-strukturelle Erwartungen. Den Abschluss des Kapitels bildet eine Bedingungsheuristik.

Teil IV, Verletzbarkeiten und Prozessstrukturen, beginnt in Kapitel 7 mit den Analysen mit Blick auf Prozessstrukturen. Gassmann (re)konstruiert hier Bildungs- und Wandlungsprozesse. Dabei geht es zum einen um den Aufbau von Erfahrungswissen und zum anderen greift sie das Thema Verlaufsformen von Elternzeit auf und geht dabei auf die Dimensionen von früher und heute sowie auf Erleidens- und Wandlungsprozesse ein. Das Kapitel schließt wiederum mit einer Heuristik – hier der Balanceleistungen. Kapitel 8 schließt an mit einer Darstellung der Konsequenzen dieser Balanceleistungen. Dabei konkretisiert die Autorin zuerst das Ziel, auf das Balanceleistungen ausgerichtet sind, um anschließend eine (längsschnittliche) Zusammenschau, beginnend bei den Ursachen der Verletzbarkeit bis hin zu den Konsequenzen u.a. in Form des Elternselbst-Leitbildes, zu präsentieren. Abschließend stellt sie die aus der inhaltlichen Betrachtung und Rekonstruktionen weiterentwickelte Heuristik vor, d.h. ein vollständiges Paradigma zur Verletzlichkeit von Eltern.

Im fünften Teil, Verletzbar durch Elternschaft – Zusammenschau, diskutiert die Autorin ihre Arbeit zusammenfassend. Zu Beginn erfolgt eine querschnittliche Betrachtung der Perspektive der Zwischenräume der Entwicklung – im Anschluss an die längsschnittliche Betrachtung in Kapitel 8. Damit wird diese zeitliche bzw. zielbezogene Perspektive um eine reflexive ergänzt. Abschließend präsentiert Gassmann in Kapitel 9 eine Entwicklungstheorie des Elternselbst und des Elternselbst-Leitbildes, d.h. eine Grounded Theory zum Thema Verletzbarkeit durch Elternschaft und Balanceleistungen. Im anschließenden Kapitel 10 erfolgt eine Bewertung der entwickelten Theorie, insbesondere hinsichtlich Reichweite und Wert, und ein Ausblick unter der Perspektive der Sozialpädagogischen Familienforschung. Im Ausblick greift Gassmann einen möglichen Theoriebildungs- und Forschungsprozess auf und nennt, abgeleitet aus ihrer Arbeit, die für sozialpädagogisches (Alltags-)Handeln interessanten Ansatzpunkte.

Diskussion

Yvonne Gassmann leistet mit ihrer Arbeit unzweifelhaft einen wichtigen Beitrag zur erziehungswissenschaftlichen Familienforschung; dass sie ihre theoretischen Überlegungen aus der Forschung mit und über Adoptiv- und Pflegeeltern ableitet, ist dabei relevant und wird von ihr überzeugend begründet. Klaus Wolf, der das Vorwort zur Arbeit von Yvonne Gassmann geschrieben hat, äußert dazu: „Ich bin gespannt, wie es in der Familienforschung aufgenommen wird“ (Gassmann S. 9). Darüber hinaus ist es natürlich, wiederum mit Klaus Wolf gesprochen, ein „Muss“ für die Pflege- und Adoptivelternforschung, wenn man feststellt, dass Publikationen fehlen, die die Belastungen von Pflegeeltern „in einer nicht-pathologisierenden Weise umfassend untersucht haben“ (ebd., S. 10). Diese Lücke kann durch die vorliegende Studie ein Stück geschlossen werden – vor allem deshalb, weil Gassmann in ihrer Darstellung sehr systematisch, transparent und gründlich vorgeht, sodass ihre Argumente, Implikationen und theoretischen Überlegungen im Detail sehr gut nachvollzogen werden können. Da die Autorin zum Abschluss sorgfältig die für sozialpädagogisches (Alltags-)Handeln interessanten Ansatzpunkte herleitet, ist die Arbeit vor allem für die Praxis der Begleitung, Beratung und Unterstützung durch professionelle Dienste sehr relevant.

Fazit

Yvonne Gassmann entwirft in ihrer Arbeit eine Entwicklungstheorie zum Elternselbst, ergänzt Wissen zu erworbener Elternschaft und konstruiert ein Rahmenkonzept Sozialpädagogischer Familienforschung. Durch die von ihr zusammengetragenen Ergebnisse eröffnen sich weitere forschungsrelevante Ansatzpunkte. Die in zwei Ergebnisfeldern eingeordneten Resultate ergeben kombiniert zwölf interessante Perspektiven für weiterführende Forschung. Mit ihren aus den Ergebnissen abgeleiteten Empfehlungen richtet sich die Autorin zudem explizit an Sozialpädagog_innen und bietet diese als „eine (Hintergrunds-)Folie in der Beratung (Supervision, Coaching), im Rahmen sozialpädagogischen (Alltags-)Handelns, aber auch für umfangreichere sozialpädagogische oder (familien-)therapeutische Prozesse präventiver und allenfalls intervenierender Art“ an (Gassmann S. 339).

Damit ist die vorliegende Arbeit für Wissenschaftler_innen des Forschungsfeldes sowie für die Expert_innen der sozialpädagogischen Praxis sehr relevant. Insbesondere aufgrund der in den Teilen III und IV vorgeführten Analyse kann die Studie auch als hervorragende Anleitung und Vorlage sozialwissenschaftlicher Forschung und Theorieentwicklung dienen.


Rezensentin
Dr. Dagmar Brand
Bildungsforschung, Frauen- und Geschlechterforschung, Familienforschung, soziale Ungleichheit
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Zitiervorschlag
Dagmar Brand. Rezension vom 05.12.2018 zu: Yvonne Gassmann: Verletzbar durch Elternschaft. Balanceleistungen von Eltern mit erworbener Elternschaft – ein Beitrag zur Sozialpädagogischen Familienforschung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3826-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24168.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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