socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Christiane Meiner-Teubner: Kinder- und Kindheitsbilder in den Existenzsicherungs­gesetzen

Cover Christiane Meiner-Teubner: Kinder- und Kindheitsbilder in den Existenzsicherungsgesetzen. Eine Analyse der Leistungen für Bildung und Teilhabe und die Wirkung der legislativen Kinder- und Kindheitsbilder auf die Lebenssituation der Kinder. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 643 Seiten. ISBN 978-3-7799-3758-6. D: 68,00 EUR, A: 70,00 EUR, CH: 87,60 sFr.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Das vorliegende Buch „Kinder- und Kindheitsbilder in den Existenzsicherungsgesetzen – Eine Analyse der Leistungen für Bildung und Teilhabe und die Wirkung der legislativen Kinder- und Kindheitsbilder auf die Lebenssituation der Kinder“ ist eine mehr als 600 Seiten umfassende, sozialwissenschaftliche Untersuchung. Es handelt sich um die 2015 an der Universität Jena angenommene Dissertationsschrift der Autorin, die in der 1. Auflage 2018 bei Beltz/​Juventa erschienen ist. Die fortbestehende Aktualität der Thematik zeigen neuere Untersuchungen, wie zum Beispiel die im August 2019 von der Forschungsstelle des Paritätischen veröffentlichte Expertise „Verschlossene Türen“ von A. Aust, C. Linckh u.a. (https://www.der-paritaetische.de 21.10.19) ebenso wie die am 01. August 2019 in Kraft getretenen Änderungen durch das Gesetz zur zielgenauen Stärkung von Familien und deren Kindern durch die Neugestaltung des Kinderzuschlags und die Verbesserung der Leistungen für Bildung und Teilhabe (Starke-Familien-Gesetz-StaFamG).

Autorin

Christiane Meiner-Teubner, Jg. 1982, Dr. phil., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU Dortmund in der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik sowie wissenschaftliche Referentin am Deutschen Jugendinstitut im Projekt „Nationale Bildungsberichterstattung“. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehören Lebenslagen von Kindern in Armutslagen und mit Fluchterfahrungen (siehe Hinweis des Verlages zur Autorin).

Aufbau

Das erste Kapitel thematisiert den Einfluss, den die gesetzgeberische „Konstruktion“ von Adressat*innen der Leistungen für Teilhabe und Bildung auf deren Problembewältigungsmöglichkeiten nimmt (22-68). Mit anderen Worten, es geht um das Bild, das sich mit der Gesetzgebung befasste Personengruppen von den leistungsberechtigten Kindern und deren Familien machen. Daran schließt die Frage an, wie sich dieses Vorverständnis auf die Betroffenen auswirkt.

Im zweiten Kapitel werden die methodischen Grundlagen zur Untersuchung der Kinder- und Kindheitsbilder der (Existenzsicherungs-)Gesetzgeber*innen erörtert (69-150).

Das dritte Kapitel befasst sich mit dem gesetzgeberischen Verständnis von Kindern und Kindheit im Asylbewerberleistungsgesetz, im Sozialgesetzbuch II und im Sozialgesetzbuch XII (151-549).

Unter der Kapitelüberschrift „Implizite Kinder- und Kindheitsbilder explizit“ arbeitet die Verfasserin Kinder- und Kindheitsbilder aus dem Analysematerial zu den Leistungen für Bildung und Teilhabe heraus (550-581). Es folgt im fünften Kapitel eine zusammenfassende Diskussion (582-611). Im abschließenden sechsten Kapitel wird das Fazit gezogen (612-617). Der Vorspann enthält das Inhaltsverzeichnis, ein Abkürzungsverzeichnis und ein Vorwort von Prof. Dr. Roland Merten (5-12). Im Anhang befindet sich das Literaturverzeichnis (618-636), ein Verzeichnis der Tabellen (637-649), ein Abbildungsverzeichnis (641) sowie am Ende die Danksagung (642-643).

Inhalt

Die Untersuchung beabsichtigt, das Vorverständnis herauszuarbeiten, das mit der Gesetzgebung befasste Personen(-gruppen) von den betroffenen Kindern, Jugendlichen und deren Familien zum Ausdruck bringen. Das so erarbeitete Vorverständnis wird im zweiten Schritt mit einem von der Verfasserin entwickelten, theoretischen Konzept abgeglichen. Folgt man der Begrifflichkeit der Verfasserin, so geht es darum, die Konstruktionen der Kindheit und Kindheitsbilder, die Gesetzgeber*innen über die Adressat*innen der Leistungen für Teilhabe und Bildung entwickeln, der konzeptionell erfassten Lebenslage der Betroffenen gegenüber zu stellen. Derartige Konstruktionen, so die These der Arbeit, schlagen sich in den Existenzsicherungsgesetzen nieder und entfalten tatsächliche Wirkungen auf die, in Armutslagen lebenden, Menschen insbesondere Kinder.

Anzumerken ist, dass der durchgängig verwendete Begriff der „Gesetzgeber*innen“ anfangs lediglich in einer Fußnote kurz erörtert wird. Der dort angeführte Verweis auf den allgemeinen Sprachgebrauch legt nahe, dass der Begriff offenbar alltagssprachlich verstanden werden soll. Das wichtigste Verfassungsorgan der demokratischen Gesetzgebung, der Deutsche Bundestag mit den an der Gesetzgebung beteiligten Akteuren wird, in der Begriffsklärung nicht einmal erwähnt, geschweige denn in die Begriffsklärung einbezogen, ein Monitum, selbst bei einer dezidiert sozialwissenschaftlich und sozialpolitisch ausgerichteten Studie.

Die Konstruktion der Kindheit und der Kindheitsbilder durch die politischen Akteure/„Gesetzgeber*innen“ bildet die Autorin auf der Folie eines Lebenslagekonzeptes ab, dessen methodologische Grundlagen sie im zweiten Kapitel der Untersuchung vorstellt und erörtert. Kern dieses Lebenslagekonzeptes sind menschliche und kindliche Bedürfnisse. Die Untersuchung stützt sich dabei vor allem auf mehrere im Fachdiskurs ausgewiesene Studien. Grundlegend sind insbesondere die AWO-ISS-Studien (Hock, Holz u.a. von 1999–2015 und die Studie „Bedürfnisse von Kindern. Befunde und Schlussfolgerungen aus der Kindheitsforschung“ von Andresen & Albus, 2009).

Anhand dieser Studien erfolgt eine Kategorienauswahl, die der Verfasserin als Bezugsrahmen zur Rekonstruktion der in der Untersuchung identifizierten Kinder- und Kindheitsbilder der Gesetzgeber*innen dient.

Im dritten Kapitel befasst sich die Verfasserin sodann mit den einschlägigen, existenzsichernden Gesetzen. Einbezogen werden das Asylbewerberleistungsgesetz, das Sozialgesetzbuch II und das Sozialgesetzbuch XII. Der Schwerpunkt liegt auf dem Sozialgesetzbuch II und hier insbesondere auf den gesetzlichen Leistungen für Bildung und Teilhabe, deren erstmalige Regelung in den §§ 28–30 SGB II mit der Gesetzesänderung vom 13. Mai 2011 erfolgt ist.

Unter der Kapitelüberschrift „Implizite Kinder- und Kindheitsbilder explizit“ arbeitet die Autorin aus dem Material zu den Leistungen für Bildung und Teilhabe dreizehn Kinder- und Kindheitsbilder heraus. Dazu gehören unter anderem

  • Kinder als sich entwickelnde „unfertige“ Menschen, die unterstützungsbedürftig und abhängig sind
  • „Minderbegabte“ Kinder
  • Kinder als Gemeinschaftswesen im elterlichen Haushalt und in den gesellschaftlichen Institutionen.

Im vierten Kapitel unter der Überschrift „Andersartigkeit der Kinder im Leistungsbezug“ kritisiert die Verfasserin ein allzu homogenes Verständnis von Kindheit und Kindern im Existenzsicherungsbezug (601). Dem hält sie im fünften Kapitel in der zusammenfassenden Diskussion Ergebnisse von Studien zur Beschreibung der Auswirkungen von Armut auf verschiedene Lebenslagendimensionen entgegen, die ihrer Ansicht nach, Belege dafür erbracht haben, dass nicht von einem einheitlichen Bild der Armut ausgegangen werden könne.

Diskussion

Zum Adressatenkreis des Buches gehören, wie Prof. Dr. Roland Merten von der Universität Jena im Vorwort deutlich macht, insbesondere die Akteure aus Wissenschaft und Politik, die im Auftrag zur sozialstaatlichen Weiterentwicklung, im Interesse von Kindern und Jugendlichen handeln, die heute in Armut aufwachsen. Die Autorin wendet sich bereits eingangs an diesen Leserkreis mit zahlreichen kritischen Hinweisen auf defizitorientierte, ja sogar diskriminierende Äußerungen von Politiker*innen und Fachleuten in den Medien ebenso wie in der sozialwissenschaftlichen Literatur. Die entschiedene Parteinahme der Autorin für die von Armut betroffenen Kinder, Jugendlichen und deren Familien führt im Ergebnis in die politische Debatte um die vom elterlichen Einkommen unabhängige Grundsicherung für Kinder als mögliches Modell für die Bewältigung von Kinderarmut. In dieser Debatte sind längst nicht alle Argumente ausgetauscht. Es bestehen erhebliche Wissens- und Erkenntnislücken. Im Hinblick darauf dürfte speziell auch für Studierende und Fachkräfte im Handlungsfeld der Sozialen Arbeit eine Auseinandersetzung mit den, in diesem Buch vorgetragenen, Thesen und Ergebnissen von Interesse sein.

Fazit

Zu empfehlen ist der Kauf des Buches für Leser*innen aus Wissenschaft und Politik und darüber hinaus für Studierende und Fachkräfte der Sozialen Arbeit, die sich mit der Frage, auseinandersetzen, ob und inwieweit die bestehenden gesetzlichen Regelungen zur Existenzsicherung geeignet sind, die Menschen insbesondere Kinder im Leistungsbezug so zu unterstützen, dass die Armutssituation bewältigt werden kann. Die Autorin verneint diese Frage in ihrem Fazit mit dem Argument, die Logik der Existenzsicherungsgesetzgeber*innen stelle, speziell auch bei den Leistungen für Bildung und Teilhabe, lediglich darauf ab, minimale Leistungen zu erbringen. Diese seien auf die Reduktion der Folgen der Armutssituation von Familien im Leistungsbezug beschränkt, nämlich das Mindestmaß abzudecken, nicht aber daran orientiert, dass in Armut lebende Menschen und Kinder entsprechend ihrer persönlichen Bedarfe/Bedürfnisse unterstützt würden. Letzteres sähe die Autorin als Chance für die Betroffenen, um einen Ausweg aus der Armutssituation zu finden.


Rezension von
Prof. Dr. Eva-Maria Rothenburg
Juristin und Diplompädagogin Professorin am Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit FH Emden/Leer
E-Mail Mailformular


Alle 5 Rezensionen von Eva-Maria Rothenburg anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Eva-Maria Rothenburg. Rezension vom 13.12.2019 zu: Christiane Meiner-Teubner: Kinder- und Kindheitsbilder in den Existenzsicherungsgesetzen. Eine Analyse der Leistungen für Bildung und Teilhabe und die Wirkung der legislativen Kinder- und Kindheitsbilder auf die Lebenssituation der Kinder. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3758-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24169.php, Datum des Zugriffs 28.09.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung