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Christina von Hodenberg: Das andere Achtundsechzig

Cover Christina von Hodenberg: Das andere Achtundsechzig. Gesellschaftsgeschichte einer Revolte. Verlag C.H. Beck (München) 2018. 250 Seiten. ISBN 978-3-406-71971-4. 24,95 EUR.
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Thema

Im Klappentext wird der Anspruch vertreten, „die erste wahre Gesellschaftsgeschichte der Revolte von 1968“ (innere Umschlagseite) zu liefern, weil es anhand von neuen Quellen „das andere Achtundsechzig jenseits der immer wieder erzählten Legenden“ (Klappentext, 4. Umschlagseite) aufzeige und damit den Blick weite.

Autorin

Christina von Hodenberg ist Professorin für Europäische Geschichte an der Queen Mary University in London.

Entstehungshintergrund

Die Autorin forscht zur Sozial- und Mediengeschichte Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert, zuletzt zum Wertewandel am Beispiel des Fernsehens und zum Wandel der Generationenbeziehungen in Westdeutschland in den 1960er Jahren. In diesen Kontext ist die Untersuchung der 68er-Revolte einzuordnen.

Aufbau

Das Buch ist in sieben Kapitel gegliedert. Neben Einleitung und Epilog sind dies Abschnitte über die Ereignisse im Juni 1967 (Schah-Besuch in Bonn und Berlin; Mord an Benno Ohnesorg), über „Kriegskinder und Nazieltern“, „Die Rolle der Alten“, „Achtundsechzig war weiblich“ sowie „Varianten sexueller Befreiung“. Diesen 190 Seiten folgen weitere 50 Seiten mit ausführlichen Quellen (Hunderte von Anmerkungen sowie ein ausführliches Literaturverzeichnis und Personenregister).

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

In der Einleitung erfahren wir, welche interessanten Quellen die Autorin aufgetan hat, um das „andere 68“ zu entdecken. Es sind zum einen Interviews, die ein Mitarbeiter des Bonner Stadtmuseums 1967/68 mit Studenten durchgeführt hat, die in diesen Jahren politisch aktiv waren. Zum anderen sind es zwei Studien aus dem Psychologischen Institut der Universität Bonn: Interviews einer Doktorandin über die Einstellung Erwachsener (im Alter von 33 bis 58 Jahren) zur Jugend und ausführliche Gespräche mit über 60-Jährigen im Rahmen der Bonner Längsschnittstudie des Alters (BOLSA) von Thomae und Lehr. Da diese Interviews, die insgesamt drei Generationen umfassen, auf Tonband aufgenommen wurden und die Bänder noch abspielbar sind, konnte die Autorin über 3600 Stunden dokumentierter Gespräche und Interviews verfügen. Dieses Material entstand, bevor in den Sozialwissenschaften „oral history“ aufkam.

Im Kapitel 2 kontrastiert die Autorin die Ereignisse rund um den 2. Juni 1967 mit den Kommentaren der Interviewpartner, vor allem der „Bolsianer“, wie sie die über 200 Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer der BOLSA bezeichnet. Überraschenderweise finden sich neben harscher Ablehnung der studentischen Proteste auch verständnisvolle Äußerungen der Senioren.

Spiegelbildlich zeigt sich im Kapitel 3 bei der Auswertung der Interviews mit den jungen und mittelalten Befragten, dass die eigenen Eltern nur in seltensten Fällen als „Nazieltern“ bezeichnet wurden. Eher ging mit der annähernd konfliktfreien „Intimität auf Abstand“ in den Familien auch eine „Intimität durch Schweigen“ einher. Der Protest der Jungen entzündete sich stattdessen am Machtpotenzial und lebensgeschichtlich-politischen Hintergrund „abstrakter Väter“: z.B. Politiker und Professoren. Erst im Nachhinein haben einige Protestakteure ihre Differenz zu ihren konkreten Eltern, vor allem den Vätern, herausgestellt und damit eine heroische Deutung ihrer Aktivitäten vorgenommen. Die „Generationserzählung“ der 68er ist dann auch von anderen Angehörigen dieser Geburtsjahrgänge gerne aufgegriffen worden, so Hodenberg.

Das Kapitel 4 zur „Rolle der Alten“ zeigt auf, dass es in den Meinungsumfragen dieser Jahre, z.B. zu den damals heftig diskutierten und vom Bundestag verabschiedeten Notstandsgesetzen zwischen den Altersgruppen eher wenig Unterschiede gab. Der Vietnam-Krieg der Amerikaner machte sogar den älteren Menschen mehr Sorge als den Jüngeren. Die Mehrheit der Alten zeigte autoritäre Haltungen, sie nahmen andererseits aufgrund ihres Erfahrungshintergrunds mit Krieg, Not und Hunger, auch stärker konsumkritische Einstellungen als die mittlere Generation ein. Jedoch lehnten die Alten die ihnen unbekannten neuen Protestformen zivilen „Ungehorsams“ aus Angst vor politischer Instabilität ab. Die Partizipation der Alten ging in der Regel – von eher wenigen politisch engagierten Akteuren in Parteien und Gewerkschaften abgesehen – nicht über die als Bürgerpflicht empfundene Teilnahme an Wahlen hinaus.

Aber auch die jungen Männer waren noch patriarchalischem Verhalten verhaftet, junge Paare verteilten Hausarbeit und Kindererziehung weiterhin höchst ungleich. Und selbst in der Protestbewegung war den politisch engagierten Männern ihr öffentliches „revolutionäres“ Handeln höherwertiger als das Hinterfragen der hierarchischen, geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung im Alltag von Beziehungen.

Im Kapitel 5 beschreibt die Autorin, dass nachhaltige Verhaltensänderungen im Alltag vor allem von den Frauen ausgingen: „Achtundsechzig war weiblich“. Sie initiierten Kinderläden, die sich bundesweit verbreiteten, und legten die Grundlagen für die neue Frauenbewegung, die ab den 70er Jahren Frauen zu öffentlichen Akteuren machte. Denn „während die männlich definierte Seite der Revolte … ins Leere lief, gewann das weibliche Achtundsechzig an Fahrt und Durchschlagskraft, indem es die Selbstwahrnehmung und die Lebensentwürfe von Frauen in allen Schichten der Gesellschaft veränderte“ (S. 148).

Zur Sexualität (Kapitel 6) zeigen sich in den Einstellungen der drei Generationen deutliche Unterschiede. Die ältere Generation vertrat im Durchschnitt konservative Ansichten, während die Liberalisierung schon bei der mittleren Generation und stärker noch bei den jungen Befragten zur Geltung kam. Zwischen geäußerten Normen und dem Bericht über eigenes Handeln traten in den Interviews Inkonsistenzen zu Tage. So kam beim Abhören der Tonbänder heraus: ältere Männer kritisierten voreheliche Beziehungen, hatten diese jedoch in ihrer Jugend selbst praktiziert. Frauen „tratschten über 'Muss-Ehen', unterstützten im Falle des Falles aber doch ihre Kinder und Enkel“ (S. 185). Der Mythos der „sexuellen Revolution“, so die Autorin, hat nur zum Teil mit '68 zu tun. Die Liberalisierung der Sexualität hatte schon früher begonnen und viel mit dem Aufstieg der Medien- und Konsumlandschaft zu tun. Sie beschränkte sich auch auf Heterosexualität.

Das 7. Kapitel (Epilog) fragt: „Was bleibt von Achtundsechzig?“. Der Autorin geht es nicht darum, die „Ikone '68“ zu dekonstruieren. Tatsächlich habe die westdeutsche Protestbewegung nachhaltige Resultate hinterlassen. Hodenberg sieht diese jedoch weniger im Bereich der großen Politik, sondern in der Alltäglichkeit der zwischenmenschlichen Beziehungen, im Privaten und in der Familie. Während sich die männlichen Wortführer in Politik und Öffentlichkeit inszenierten, problematisierten die Frauen patriarchalische Verhältnisse in den sozialen Beziehungen. Im Letzteren liege die historische Wirkung von Achtundsechzig, so die Autorin. Es habe sich eher um eine Geschlechterrevolte gehandelt.

Diskussion

Der Nutzen des vorliegenden Buches geht über eine Blickweitung der Ereignisse in den 1960ern hinaus. Für die im Sozialbereich Tätigen kann die Lektüre auch zu einer Schärfung der Wahrnehmung intergenerativer Verhältnisse beitragen.

Die Interpretation der Autorin – z.B. dass es sich um eine Geschlechter- statt eine Generationenrevolte gehandelt habe – muss allerdings hinterfragt werden. Mir scheint hierbei nicht eine Entgegensetzung beider Ebenen (Generation vs. Geschlecht) sinnvoll. Es ist vielmehr die konkrete Verbindung beider Dimensionen zu untersuchen und aufzuzeigen. Hierfür bedarf es eines expliziten theoretischen Ansatzes.

Auch wäre stärker herauszuarbeiten, wie weit und in welcher Form sich der 68er-Wertewandel nachhaltig in den Geschlechtern manifestiert hatte, also nicht nur unmittelbar in den untersuchten Jahren von 1966–1968, sondern als „Gesellschaftsgeschichte“ (siehe Klappentext) auch längsschnittlich in den individuellen Lebensläufen und den Lebensverhältnissen danach – bis heute.

Den Schatz der Tonbänder überhaupt zu entdecken, auszuwerten und der Fachöffentlichkeit zugänglich zu machen (das BOLSA-Archiv wurde inzwischen im Historischen Datenzentrum an der Universität Halle-Wittenberg digitalisiert), ist – neben der Niederschrift des Buches – eine große Leistung der Historikerin. Methodisch ist die Arbeit mit dem detaillierten Quellenbezug der verwendeten Interviewausschnitte sauber und nachvollziehbar, wenngleich die situative Einbettung mancher Zitate in frei geschilderte Frühstücks- und Café-Szenen eher als stilistischer Kunstgriff für eine lesbare Fassung zu verstehen ist. Und: Die Behauptung, hier läge „die erste wahre Gesellschaftsgeschichte der Revolte von 1968“ (Klappentext) ist ärgerlich – und wahrscheinlich weniger der Autorin als der Werbeabteilung des Verlages zuzuschreiben.

Fazit

Es handelt sich um ein flüssig geschriebenes, überaus lesbares Buch, das den Blick weg lenkt von einzeln hervorgehobenen Personen, wie im Falle der 68er auf die von den Medien praktizierte Fixierung auf Dutschke und Mitglieder der Kommune 1, hin zu den „anderen 68ern“ in ihrer gesamten Variationsbreite, hin zu regionalen Ausfächerungen. Die Wiederentdeckung z.B. der Bonner Längsschnittstudie des Alters ist dabei, wie gesehen, nicht nur für in der Altenarbeit Tätige und für Gerontologen aufschlussreich.

Die in den 1960ern im Aufbruch befindliche junge Generation stellt heute die ältere Generation dar, mit bisher für die Alten unbekannten Engagementbereitschaften und im Vergleich zu früheren Altenkohorten kritischerem Bewusstsein.

Ob und wie sich heute zwischen der jüngeren, der mittelalten und der älteren Generation in Bezug auf aktuelle Fragen (z.B. zum Klimawandel, zur Migration und sozialen Gerechtigkeit) Übereinstimmungen bzw. Konflikte, Kompromisse und/oder Bündnisse auftun, ist für ein Gelingen sozialer und sozialpolitischer Strategien nicht unerheblich. Dabei ist der lebensgeschichtliche Erfahrungshintergrund jeder dieser Generationen von besonderer Bedeutung für Einstellungen und Verhaltensweisen nicht nur in der Gegenwart, sondern auch der nahen Zukunft.


Rezensent
Prof. Dr. Fred Karl
Berlin, Hochschullehrer i.R.
Homepage www.soziale-gerontologie.de
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Zitiervorschlag
Fred Karl. Rezension vom 16.05.2018 zu: Christina von Hodenberg: Das andere Achtundsechzig. Gesellschaftsgeschichte einer Revolte. Verlag C.H. Beck (München) 2018. ISBN 978-3-406-71971-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24170.php, Datum des Zugriffs 28.05.2018.


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