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Anke Dreier-Horning, Karsten Laudien: Zwangsarbeit - über die Rolle der Arbeit in der DDR-Heimerziehung

Cover Anke Dreier-Horning, Karsten Laudien: Zwangsarbeit - über die Rolle der Arbeit in der DDR-Heimerziehung. BWV • Berliner Wissenschaftsverlags GmbH (Berlin) 2018. 189 Seiten. ISBN 978-3-8305-3750-2. 39,00 EUR.
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Erziehung durch Arbeit – Zwangsarbeit

In der Heimerziehungsforschung vollzieht sich die thematische Spannweite von gelingenden, empathischen, pädagogisch, erziehungswissenschaftlich und ethisch begründeten Konzepten (Karl König, Arbeit und Persönlichkeit, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12072.php), den Aufdeckungen über Verirrungen und Missbräuche (Peter Dudek, „Liebevolle Züchtigung“. Ein Missbrauch der Autorität im Namen der Reformpädagogik, www.socialnet.de/rezensionen/12807.php), bis hin zu institutionalisierten, ideologisierten und machtpolitischen Zuständen, wie sie z.B. in der Heimerziehung in der ehemaligen DDR praktiziert wurden ( Ralf Marten, „Ich nenne es Kindergefängnis …“. Spezialheime in Sachsen-Anhalt und der Einfluss der Staatssicherheit auf die Jugendhilfe der DDR, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/20068.php). Es sind Auseinandersetzungen, die sowohl Piep-Show-Effekte, als auch beckmesserische Begründungen zu vermeiden versuchen. In den Forschungsarbeiten geht es vielmehr darum, die Bedeutung von Arbeitskonzepten als Bildungs- und Erziehungsmaßnahmen für die betroffenen Individuen und die beteiligten Gesellschaften zu ergründen, die Ziele zu ermitteln, die Ursachen zu analysieren, biographisch und gesellschaftlich die Auswirkungen aufzudecken.

Entstehungshintergrund und Autorenteam

Bei der wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Aufarbeitung der Auswirkungen der in der SED-Diktatur der DDR im Rahmen der „Jugendhilfe/Heimerziehung“ entstandenen und praktizierten Programme wird die Begründung „Erziehung durch Arbeit“ im Sinne der Theorie von Friedrich Engels angewandt, „dass die Arbeit evolutionär den entscheidenden Schritt zur Menschwerdung darstellt“, als das Ziel zur „Vergesellschaftung des Menschen“ verstanden wird, und „Arbeit im Sozialismus immer auch unter dem Aspekt der Hervorbringung des ‚Neuen Menschen‘ zu betrachten ist“. Die Jugendeinrichtungen in der DDR umfassten verschiedene Heimarten, wie z.B. Jugendwerkhöfe, Übergangsheime, Arbeits- und Erziehungslager. Immer dann, wenn abweichendes Verhalten, ideologisch oder parteipolitisch unerwünschte oder störende Einstellungen von Kindern im Alter von 3 bis 18 Jahren erkennbar waren oder praktiziert wurden, die in den „normalen“ Bildungsstätten nicht mehr korrigiert werden konnten, erfolgte die Einweisung in die Spezialeinrichtungen.

Das Forschungsprojekt „Zwangsarbeit – Über die Rolle der Arbeit in der DDR-Heimerziehung“ wurde von der Behörde der damaligen Bundesbeauftragten für die Neuen Bundesländer, Iris Gleicke, 2014/15 in Auftrag gegeben. Die Leiterin des Deutschen Instituts für Heimerziehungsforschung, Anke Dreier-Horning und der Ethiker von der Evangelischen Hochschule in Berlin, Karsten Laudien haben die Studie erstellt mit dem Ziel, „den Kontext zu entwerfen, der den Charakter der Arbeit in den Jugendhilfeeinrichtungen bestimmt hat und der zugleich auch den Bewertungen durch die Zeitzeugen gerecht wird“.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung, in der das Autorenteam Umfang und Zielsetzung des Forschungsberichts erläutert und Begriffsbestimmungen etwa zu „Zwangsarbeit“ vornimmt, wird die Studie in neun Kapitel gegliedert und mit einer Zusammenfassung abgeschlossen:

  1. Ethische Reflexionen.
  2. Der Untersuchungsgegenstand „Zwangsarbeit im Kontext der DDR-Heimerziehung“.
  3. Das Forschungsprojekt.
  4. Formen der Arbeitsverpflichtungen im alltäglichen Leben
  5. Berufliche Qualifizierung und die Verwendung der Arbeit in den Werkhöfen für die sozialistische Volkswirtschaft.
  6. Aspekte prekärer Arbeitsverhältnisse.
  7. Zwangsbiografien.
  8. Momente des Zwangs.
  9. Die Systemfunktion von Einrichtungen.

Der pädagogische Diskurs über „Zwang“ in der Erziehung wird im Allgemeinen, wenn nicht damit Gewalt, Erniedrigung und illegitimer Freiheitsentzug verstanden wird, die im Kantischen „Kategorischen Imperativ“ grundgelegte Aufforderung vertreten: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als auch in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel gebrauchst“. Damit sollten in Aufklärungs-, Bildungs- und Erziehungsprozessen grundsätzlich „Funktionalisierungsverbot“ und „Demütigungsverbot“ gelten. In der Theorie und Praxis der DDR-Heimerziehung wurde „Zwangsarbeit“ entweder als „erzwungene Arbeit“, oder als „Häftlingszwangsarbeit“ im Rahmen der sozialistischen Rechtsauffassung und Verfassungsgebung so verstanden: „Das Recht auf Arbeit und die Pflicht zur Arbeit bilden eine Einheit“. Bei den wissenschaftlichen Aufarbeitungen zum „Unrechtsstaat DDR“ werden bei der Definitionsbestimmung über „Zwangsarbeit“ kontroverse Auffassungen vertreten, und die Tatsachen werden umschrieben mit „erzwungene Arbeit“ oder „Zwang zur Arbeit“. Dass das Autorenteam in ihrer Studie trotzdem den Begriff „Zwangsarbeit“ benutzt, wird u.a. damit begründet, dass in den Richtlinien der „International Labour Organisation“ (ILO) der ideologisch und politisch bestimmte Begriff auf „Tätigkeiten unter Zwang (verweist), die der Strafe oder Erziehung dienen, die Arbeitsdisziplin herstellen sollen und die als Methode zur Rekrutierung von Arbeitskräften und als Mittel der Disziplinierung eingesetzt werden“.

Bei den begrifflichen und faktischen Bewertungen bei der Erforschung der theoretischen und praktischen Rechtfertigungen zur „Zwangsarbeit / erzwungene Arbeit in den Jugendhilfeeinrichtungen der DDR“ kommt es darauf an, die verschiedenen Formen, Modelle und Methoden der Arbeitsverpflichtungen im alltäglichen Leben zu betrachten. Da ist zum einen die auch in der Heimerziehung in anderen Ländern geübte Praxis, dass Heimkinder bestimmte Pflichten, Dienste und Ämter übernehmen, die für die Aufrechterhaltung und den alltäglichen Ablauf im Heim notwendig sind. In den Richtlinien der DDR-Heimerziehung wurden diese „Ämterdienste“ mit dem Begriff „Selbstbedienung“ ausgewiesen. In den in der Studie aufgeführten Zeitzeugenberichten wird deutlich, dass sowohl in den „Normalkinderheimen“, vor allem aber in „Spezialkinderheimen“ solche Dienste als „Strafarbeiten“ verordnet wurden

Eine besondere Aufmerksamkeit erhalten im Forschungsbericht die Zustände in den „Jugendwerkhöfen“. Die als „gesellschaftlich nützliche Arbeit“ definierten Zwangsmaßnahmen aber haben in den meisten Fällen, das zeigen wiederum die Interviews, zur „Arbeit als Strafe“ geführt. In der Quellendiskussion in der Studie wird deutlich, dass die pädagogischen Bemühungen seit Ende der 1940er Jahre durchaus erkennbar waren, in der Heimerziehung die Aspekte der „Arbeitswilligkeit“, „Arbeitsfähigkeit“, „berufliche Qualifizierung“ zu betonen und die Gedanken der „Strafe“ hintan zu stellen; doch im Verlaufe der folgenden Jahrzehnte wurden die Jugendwerkhöfe in immer stärkerem Maße verpflichtet, die ökonomischen Anforderungen in der zentralistischen, sozialistischen Volkswirtschaft zu unterstützen. So wird an Beispielen aufgezeigt, dass die verpflichteten Arbeitseinsätze der Jugendlichen nach dem Prinzip der Leiharbeit organisiert waren und ohne oder nur mit geringer Entlohnung abgegolten wurden. Im Mittelpunkt der meist mechanischen Arbeitsleistungen stand die Planerfüllung, nicht selten mit der Einführung von Sonderschichten zur Erfüllung von Exportplänen. Die Jugendlichen wurden immer mehr zu „Hilfsarbeitern“, ohne Anspruch auf selbstbestimmte Tätigkeiten, ohne berufliche Qualifizierungsmöglichkeiten und mit prekärer Endgeltung.

Der Tagesablauf der Insassen im Jugendwerkhof Olgashof/Reinsdorf aus dem Jahr 1966 vermittelt einen Einblick in die Zucht und den Zwang:

6.00 Uhr Wecken, Frühsport, Waschen, Frühstücken, Revierreinigung;
7.00 Uhr Verlassen des Werkhofs;
7.30 Uhr Arbeitsbeginn LPG Dorf Mecklenburg, Ortsteil Kletzin;
11.30 Uhr Mittagspause im Jugendwerkhof;
13.30 Uhr Arbeitsbeginn;
17.15 Uhr Arbeitsende. Rückkehr in den Werkhof;
18.00 Uhr Abendessen, Waschen und Umziehen
19.00 Uhr GST-Schulung oder Polit-Schau
21.00 Uhr Bettruhe.

In einigen Fällen hat es seitens der Jugendlichen Widerstandsformen gegen die Zwangsarbeit und die Zustände in den Spezialheimen der DDR gegeben. Im Bericht werden Beispiele von Arbeitsverweigerungen und Verabredungen zur Nicht-Erfüllung von Normen genannt (Streiks durfte und konnte es in der DDR nicht geben!). Die darauf erfolgten rigiden Strafmaßnehmen wurden begründet und ausgeführt nach den von der SED erlassenen Bestimmungen „zur Bekämpfung des Rowdy- und Arbeitsbummelantentums unter den 14-18jährigen Jugendlichen“. Über die Zustände, Organisationsformen und Strafen wird im Forschungsbericht über die Situation im „Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau“ informiert: „Torgau war eine Endstation. Pädagogische Vorhaben spielten in dieser Einrichtung keine Rolle mehr“. Die dort praktizierten Zwangs- und Unterdrückungsmittel waren für die anderen Einrichtungen Exempel, und für die Anpassungs- und Bewusstseinsbildung von Kindern und Jugendlichen Richtschnur und Fingerzeig.

Fazit

Die vorsichtige, faktisch und mit Zeitzeugenberichten ausgestattete Studie zur Situation von Zwangsarbeit in der DDR-Heimerziehung vermittelt teils bekannte und in anderen Forschungsarbeiten aufgezeigte Tatsachen und stellt sie in einen anderen Zusammenhang. Als bedeutsam wird hervorgehoben, dass die Auswertung der Quellen ein Dokumentationsungleichgewicht zwischen der frühen und späteren DDR zeigt: Während bis in die 1950erund 1960er Jahre die Rechts- und Gesetzesbestimmungen bei der Einrichtung und Organisation von allgemeinen und speziellen Kinder- und Jugendheimen überwiegend zentral vom zuständigen Ministerium für Volksbildung veranlasst wurden, veränderten ab den 1970er Jahren die Zuständigkeiten auf Bezirks- und Kreisebene die Bedingungen und Zustände: „In dieser Konstellation entstanden Situationen, die zu Arbeitsformen führten, die man Zwangsarbeit nennen kann“. Die in der Anlage des Forschungsberichts aufgeführte „Aufstellung von Jugendhilfeeinrichtungen mit den Landwirtschafts- und Industriebetrieben, in denen die Jugendlichen der Einrichtungen arbeiteten“ nennt auf 11 Seiten fast 80 Jugendwerkhöfe, in denen von 1948 an Zehntausende von Jugendlichen zwangsweise untergebracht und zur Zwangsarbeit verpflichtet wurden. Zeitzeugenberichte, Erzählungen, Berichte und wissenschaftliche Analysen sind notwendig und hilfreich, um zu wissen, wie wir geworden sind, wie wir sind – gestern, heute und morgen!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 05.06.2018 zu: Anke Dreier-Horning, Karsten Laudien: Zwangsarbeit - über die Rolle der Arbeit in der DDR-Heimerziehung. BWV • Berliner Wissenschaftsverlags GmbH (Berlin) 2018. ISBN 978-3-8305-3750-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24172.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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