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David Eagleman, Anthony Brandt u.a.: Kreativität

Cover David Eagleman, Anthony Brandt, Jürgen Neubauer: Kreativität. Wie unser Denken die Welt immer wieder neu erschafft. Siedler Verlag (München) 2018. 288 Seiten. ISBN 978-3-8275-0018-2. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 33,90 sFr.
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Creare, das schöpferische Tun

Der Mensch ist, wenn er bereit, willens und fähig ist, seine Denkfähigkeit zu gebrauchen, ein Homo Creans (Johanna Gundula Eder). Mit der Absicht, etwas Neues, Außergewöhnliches und Intelligentes zu schaffen, begibt sich der anthrôpos auf den abenteuerlichen, ungewöhnlichen und risikoreichen Weg, eine „Ästhetisierung des Sozialen“ möglich zu machen und ein „Kreativitätspositiv“ herzustellen (Andreas Reckwitz, Die Erfindung der Kreativität, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14393.php). Kreativität tritt deshalb in vielen Bereichen des menschlichen Lebens in Erscheinung und erfordert Sensibilität und Mut zum divergenten Denken und Handeln. Kreative Prozesse zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass nicht von vornherein das Funktionale, Nützliche und Verwertbare gefragt ist (z.B.: Egon Freitag, Lexikon der Kreativität. Grundlagen – Methoden – Begriffe, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/23875.php), sondern das Faszinierende, das den Menschen über das Gewöhnliche und Alltägliche hinaus hebt. In der Kreativitätsforschung wird deshalb überwiegend der Blick gerichtet auf die Eigenschaften und Wirkmöglichkeiten, wie sie unser Gehirn bereit stellt (David Eagleman, Inkognito. Die geheimen Eigenleben unseres Gehirns, www.socialnet.de/rezensionen/13120.php).

Entstehungshintergrund und Autoren

In der Entwicklung der Menschheit hat „kreative Flexibilität“ immer schon Vorteile und Humanität dann bewirkt, wenn die Fähigkeit human eingesetzt wurde und zum Tragen kam; und Nachteile und Inhumanität dann, wenn sie egoistisch und menschenunwürdig tätig wurde. Insbesondere in der sich immer interdependenter, entgrenzender und globaler bildenden (Einen?) Welt kommt es darauf an, kreative Denk- und Handlungsperspektiven für ein humanes, gleichberechtigtes und menschenwürdiges, aktuelles und zukünftiges Leben zu denken und zu entwickeln. Diese Herausforderungen sind nicht im stillen Kämmerlein oder im abgeschotteten Labor, sondern in kreativen, kooperativen und interdisziplinären Prozessen zu bewältigen.

Der Neurowissenschaftler und Hirnforscher von der US-amerikanischen Stanford University, David Eagleman und der Musikwissenschaftler und Komponist von der Rice University, Anthony Brandt, machen sich auf den spannenden Weg um herauszufinden, wie Neues, Kreatives entsteht und durch kreatives Denken immer wieder die Welt neu geschaffen wird. Mit ihrem „faszinierenden Duett“ zwischen Neurowissenschaft und Kunst diskutieren und analysieren sie anhand von zahlreichen historischen und aktuellen Beispielen aus Wissenschaft, Kultur und Alltag die Zusammenhänge, Imponderabilien und Strukturen, die im menschlichen Gehirn vorhanden sind: „Mit unserer Fähigkeit, über Gelerntes hinauszugreifen, nehmen wir die Welt um uns her wahr und stellen uns gleichzeitig andere Welten vor. Wir beobachten Fakten und schaffen Fiktionen. Wir lernen das, was ist, und stellen uns vor, was sein könnte“.

Aufbau und Inhalt

Die Autoren gliedern ihre gemeinsamen kreativen Denkanstrengungen neben der Einleitung, in drei Teile. Im ersten Teil propagieren sie mit der Metapher „Neues unter der Sonne“ das kreative, schöpferische Denken und Tun als grundlegend menschliche Eigenschaft zur Veränderung. Im zweiten Teil analysieren sie „kreative Einstellung“ als den Willen und die Fähigkeit des homo faber, mit den Dingen und Zuständen in der Welt spielerisch, wagend und risikobereit umzugehen. Im dritten Teil schließlich zeigen sie auf, wie eine „Schule der Kreativität“ aussehen kann, in der das Kreative im Denken und Tun Stellenwert und Fokus haben.

Das gekonnt und aussagekräftig, mit Schwarz-Weiß- und Farbabbildungen illustrierte Buch beginnt mit zwei scheinbar nicht zusammenhängenden Ereignissen: Da ist zum einen die in einem SW-Bild dargestellte Situation, bei der sich ein Team im NASA-Kontrollzentrum in Houston in sichtlich angestrengter, nervöser und aufmerksamer Weise darum bemühte, das lebensgefährdende technische Problem eines explodierenden Sauerstofftanks in der Raumkapsel in den Griff zu bekommen und die Besatzung heile zur Erde zurück zu bringen; und zum anderen die 60 Jahre zuvor von der Öffentlichkeit so empfundene Provokation und Primitivität des jungen französischen Malers Picasso, Prostituierte in einem Pariser Bordell als „Demoiselles“ darzustellen, als individuelle Gestaltung in seinem kleinen Atelier. Beide kreative Akte, die technische Höchstleistung auf der einen und die künstlerische auf der anderen Seite, symbolisieren das, was in unserem Gehirn als kreatives Schaffen grundgelegt ist: „Genau um diese kreative Software geht es in diesem Buch: Wie funktioniert sie? Warum haben wir sie? Was machen wir damit? Und wohin führt sie uns?“.

Da kommt zur Sprache, wie die notwendigen Eigenschaften Gewohnheit, Erfahrung, Anpassung und Normalität einerseits menschliches Dasein möglich machen, wie gleichzeitig auch be- und verhindern können. Es ist die neuronale Grundausstattung, die Überraschendes, Ungewohntes, Unbekanntes und Fremdes sowohl herausfordert als auch unterdrückt. Es ist aber auch die vielfach überraschende Erkenntnis, dass Veränderungs- und Wandlungsprozesse im menschlichen Leben immerfort wirken und „nie enden“. Wir sind damit bei der Erfahrung, die nicht vom Himmel fällt und auch nicht als Ordre du Mufti aufgegeben werden darf, sondern Menschsein ausmacht: „Neues ist menschlich“.

Humane Kreativität entsteht und entwickelt sich im menschlichen „schöpferischen Gehirn“. Sie wird sichtbar als Produkt, und sie wird wahrnehmbar als unsichtbare, verinnerlichte Haltung und Einstellung. Wie Kreativität gefördert werden kann, drücken die Autoren mit den Metaphern „Biegen“, „Brechen“ und „Verbinden“ aus: „Biegen (als) die Veränderung eines bestehenden Vorbilds“ – Aufbrechen von etwas Festem oder Großem in handliche Stücke: „So zerlegt unser Gehirn die Welt in kleinere Teile, die sich umgestalten oder neu gruppieren lassen“ – Verbinden als „starke Innovationsstrategie, weil hier unterschiedliche Denkweisen zusammenkommen und etwas ganz Neues hervorbringen“.

Kreative Einstellungen bilden und entwickeln sich individuell, im kollektiven Miteinander und in der konfrontativen Auseinandersetzung. Sie brauchen Einflüsse, Aha-Erlebnisse und Geistesblitze. Sie erfordern sozialen Mut, den Sprung über den festgezimmerten, traditionellen, fundamentalen und populistischen Gartenzaun und das Selbstbewusstsein, neues, unbekanntes Terrain zu betreten und damit möglichst viele Optionen zu denken und auszuprobieren, sich zu trauen, Fehler zu machen, um daraus einen neuen Blick zu gewinnen. Sas sind Eckpunkte für Kreativität: „Das Gehirn ist formbar“.

Längst wird in produktiven, ökonomischen Prozessen kreatives (Mit-)Denken und Handeln gefordert, und „raboti“ als zu überwindende, mechanische Einbahn- und Stoppstraßen-Tätigkeit eingestuft. Der Arbeits- und Lernplatz muss vom Fließband und „Nürnberger Trichter“ weg- und hin zu einer „kreativen Wende“ gebracht werden. Lebenslanges Lernen, inter- und transkulturelle Bildung im Betrieb wie in der Schule brauchen Kreativität. Eine humane Gegenwartsbewältigung und -gestaltung ist nicht möglich ohne die Wende, zum einen mit der Blick- und Wissensrichtung in die menschliche Vergangenheit, zum anderen mit dem visionären, kreativen Blick in eine humane, menschenwürdige und gerechte Zukunft: „Das Fundament für morgen wird heute gelegt“.

Fazit

„Wir müssen alle Setzlinge gießen“. Mit dieser Aufforderung bringen Eagleman und Brandt ihre reich informativ und bildhaft ausgestattete Analyse für eine „kognitive Kreativität“ auf den Punkt. Aus unscheinbaren Samen und Setzlingen entstehen Gebilde, Einstellungen und Verhaltensweisen, die Aufmerksamkeit, Erstaunen, Überraschung, Déja-vu und Gewusst-wie-Erlebnisse und -Erfahrungen bewirken. Die Entdeckung, dass Kreativität menschlich ist und damit jeder Mensch auch schöpferisch schaffend sein kann, ist in den Zeiten von Fake News, fundamentalistischen und populistischen Verlockungen eine hoffnungsvolle und widerständige Zeichensetzung, die es gilt, erkannt und benutzt zu werden!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 24.04.2018 zu: David Eagleman, Anthony Brandt, Jürgen Neubauer: Kreativität. Wie unser Denken die Welt immer wieder neu erschafft. Siedler Verlag (München) 2018. ISBN 978-3-8275-0018-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24184.php, Datum des Zugriffs 18.08.2018.


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