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Stadtjugendamt Erlangen, Kira Gedik u.a.: Kinderschutz im Dialog

Cover Stadtjugendamt Erlangen, Kira Gedik, Reinhart Wolff: Kinderschutz im Dialog. Grundverständnis und Kernprozesse kommunaler Kinderschutzarbeit. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. 130 Seiten. ISBN 978-3-8474-2186-3. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
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Thema

Ein konstitutives Merkmal von Professionen ist, dass die Qualität ihren Arbeit in ihrem Kernbereich nicht angemessen durch formale Indikatoren bewertet werden kann. Niemand käme zum Beispiel auf die Idee, die Qualität der Arbeit eines Onkologen an der Zahl der Heilerfolge zu messen. Dieses Merkmal gilt auch für die Kinder- und Jugendhilfe. Die Entwicklung von Familien in der Zukunft ist von Einflüssen abhängig, die nicht vorhersehbar sind. Entscheidungen müssen manchmal auf einer unsicheren Wissensbasis über die Familie getroffen werden. Die Kinder- und Jugendhilfe ist, besonders nach dem „neuen“ KJHG, bzw. SGB VIII, für die Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit von besondere Bedeutung. Einige Autoren sahen in der Gesetzesreform die Chance einer Professionalisierung (vgl. z.B. Bohler 2006), nach Hildenbrand (2014 c) wurde diese Chance jedoch verpasst. Zumindest vom Anspruch her, soll sich die professionelle Haltung der Jugendhilfe von einer stärker paternalistischen zu einer stärker partnerschaftlichen gewandelt haben. Zur Umsetzung stellt jedoch Messmer fest: „Anspruch und Wirklichkeit der Hilfeplanung klaffen den vorliegenden Erfahrungsberichten und Forschungsbefunden zufolge weit auseinander“ (Messmer 2004, S. 86). Wie jede Profession steht die Sozialarbeiterin vor einem Begründungszwang. [1].

Vor diesem Hintergrund ist es notwendig, angemessene Verfahren der Qualitätssicherung zu entwickeln. Ein Verfahren kann die Supervision sein, ein anderes das Konzept, das in diesem Band vorgestellt wird. Dargestellt werden Ergebnisse eines dialogischen Qualitätsentwicklungsprozesses am Stadtjugendamt Erlangen in Zusammenarbeit mit dem Kronberger Kreis für dialogische Qualitätsentwicklung.

Herausgeberin und Herausgeber

Kira Gedik ist Diplom-Sozialpädagogin, Dialogische Qualitätsentwicklerin und Lehrbeauftragte an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

Prof. Dr. phil. Reinhart Wolff war bis zu seiner Emeritierung Professor für Sozialarbeit und Sozialpädagogik an der Alice Salomon Hochschule Berlin und ist Sprecher des Kronberger Kreises für dialogische Qualitätsentwicklung.

Aufbau und Inhalt

Der Band gliedert sich in den Bereich Grundverständnis mit sechs Kapiteln und den Bereich Kernprozesse mit fünf Kapiteln. Die Autoren der einzelnen Kapitel werden jeweils in einer Fußnote genannt. Da es zum Teil viele Namen sind, werden sie in der Rezension nicht namentlich genannt.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

In ihrem Vorwort grenzt sich die berufsmäßige Stadträtin und Referentin für Bildung, Kultur und Jugend Anke Steinert-Neuwirth ab von der Vorstellung, die Arbeit des Kinderschutzes mit standardisierten Programmen messen zu können.

Die Geschichte des Prozesses wird in der Einleitung dargestellt. Diese Geschichte begann 2012. Von Dezember 2014 bis Juni 2016 fanden dann acht zweitägige „Qualitätsentwicklungswerkstätten“ statt. Auch werden Verregelungen und Bürokratisierungen der Kinderschutzarbeit kritisiert, die dazu führen könnten, das wichtige Prinzipien der Sozialarbeit vernachlässigt würden. Auf Grenzen der Machbarkeit wird hingewiesen.

Grundverständnis

Das erste Kapitel zur Ausgangslage und zu Herausforderungen und Kontroversen im Kinderschutz beginnt mit einer Skizze der gesellschaftlichen Entwicklung. Eingegangen wird auf die „Mobilität nach unten“, das Fehlen von Arbeitsplätzen für gering Qualifizierte und Probleme mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Nach Ansicht des Rezensenten dürfte sich auch die Konstruktion der „Bedarfsgemeinschaften“ nach dem SGB II negativ ausgewirkt haben. Es könnte ein Anreiz für frühe Schwangerschaften entstanden sein (Auszug aus dem Elternhaus unter 25 Jahren, zur rechtlichen Problematik vgl. Schruth 2008), Alleinerziehende im Bezug von ALG II sind besonders von Armut und anderen Problemen betroffen. (vgl. Lenze 2014, Aschatz u.a. 2013, zu psycho-sozialen Folgen vgl. Franz 2008, 2009) [2] Wer mit einer Alleinerziehenden im ALG II -Bezug zusammenzieht, wird negativ sanktioniert. Eingegangen wird auch auf Veränderungen familialer Lebensumstände durch Scheidungen und Trennungen, auf Alleinerziehende, neu zusammengesetzte Familien und „unkonventionelle Familien“ und Familien mit Migrationshintergrund. Behandelt wird dann die öffentliche Aufmerksamkeit für den Kinderschutz und die Skandalisierung einzelner Vorfälle in den Medien. In der Fachdiskussion wird u.a. eine verstärkte Eingriffsperspektive festgestellt. Es sei von eine, „erhöhten Verantwortungsdruck und Verantwortungsabgabe an das Jugendamt auszugehen“ (S. 20) Eingegangen wird dann auf die Ausgangslage des Stadtjugendamtes Erlangen. Danach werden die Herausforderungen behandelt. Behandelt wird der erzeugten Druck der verstärkten Anwendung standardisierter Kontrollen im Kinderschutz ( vgl. dazu auch Hildenbrand 2014 a. und b.), was zu einer programmatischen Verschiebung mit negativen Folgen führen könne. Als Herausforderungen werden die „Logik der Angst“ ( Angst vor Fehlern, Fehlervermeidung), die „Logik des Verdachts“ (Verdachtsabklärung), die „Logik der Absicherung“ ( eigene Absicherung) und die „Logik der Verantwortungsabgabe“ (zu frühe Delegation der Verantwortung an das Jugendamt).

Nach Ansicht des Rezensenten, sind dies sicher Gefahren für professionelles Handeln. Man sollte aber berücksichtigen, dass die „Logik des Verdachts“ nicht völlig ausgeschlossen werden kann. Ein schwerwiegender Verdacht muss abgeklärt werden und die Betroffenen wissen das auch. Nach Urban-Stahl u.a. (2018. S. 98) bestätigt sich der Verdacht nur in einem Drittel der Fälle. Für die anderen Betroffenen könnte daher die Abklärung im eigenen Interesse sein. Behandelt werden dann Kontroversen im Kinderschutz. Es gebe einen weiten Begriff des Kinderschutz, der den gesamten Kinder- und Jugendschutz als gesellschaftliche Aufgabe meine, und einen Kinderschutz zur Abwehr unmittelbarer Gefahren für Kinder und Jugendliche. Gegenübergestellt werden dann „Kinderschutzscanner“ mit standardisierten Verfahren versus „Unvoreingenommenheit in komplexen Verhältnissen“, sowie „Eingriffsorientierung versus Hilfeorientierung“ Der Rezensent meint, dass diese Darstellung überspitzt ist. Standardisierte Verfahren mögen unzureichend sein. Aber die Sozialarbeiterin die auf einen Verdacht reagiert, ist auch nicht völlig unvoreingenommen. Sie kann nur offen sein für unterschiedliche Informationen und Perspektiven. Hilfeorientierung mag in den meisten Fällen besser sein, aber in anderen Fällen sind Eingriffe nicht auszuschließen. Auch die Ansicht, dass Eltern- und Kinderrechte „ausbalanciert“ werden sollten, sieht der Rezensent skeptisch, da Elternrechte manchmal eingeschränkt werden müssen. Auch Defizitorientierung und Ressourcenorientierung sind nach Ansicht des Rezensenten keine scharfen Gegensätze, denn ohne Defizite gibt es keinen Hilfebedarf. Der Rezensent sieht hier eher professionelle Paradoxien (vgl. Schütze 2016 S 241 ff.), die nicht prinzipiell auflösbar sind, aber professionell fallspezifisch gehandhabt werden können. Der Abschnitt „ Gesellschaftliche Erwartungen“ versus „Anerkennung von Grenzen“ ist nach Ansicht des Rezensenten auch überspitzt. Die Gesellschaft und die Fachwelt projizierten die Erwartung auf die Jugendhilfe, Kinder und Jugendliche überall vor Gefahren zu schützen ( S. 29). Es gibt jedoch weder „die“ Gesellschaft noch „die“ Fachwelt mit einheitlichen Erwartungen. Die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sollten auf ihre Grenzen hinweisen, sich aber auch nicht einfach gegen Kritik immunisieren.

In Kapitel 2 werden die rechtlichen Rahmenbedingungen für den Kinderschutz dargestellt. Eingegangen wird auf verschiedene Gesetze.

In Kapitel 3 werden Leitidee, Grundorientierungen und Leitbilder des Stadtjugendamtes Erlangen vorgestellt. Gefordert wird, dass die Gesellschaft „familienförderliche Lebensbedingungen“ (S. 41) bieten solle. In den Leitideen und Grundorientierungen wird das Ziel der Wahrung und Förderung der Autonomie der Familien deutlich, Eingriffe durch das Familiengericht sind aber in bestimmten Fällen möglich. Die Leitbilder betreffen vor allem die Arbeitsweise des Jugendamtes.

Im nächste Kapitel (4) werden Aufgaben und Akteure im Kinderschutz behandelt. Den Fachkräften von ASD und BSD hätten an dieser Schnittstelle eine besondere Bedeutung für die Kooperation mit anderen Disziplinen und Fachleuten. Eingegangen wird auf verschiedene Berufsgruppen, u.a. Fachkräfte aus dem Bildungs- und Gesundheitswesen und auf Polizei und Justiz. Dieses Kapitel könnte nach Ansicht des Rezensenten etwas ausführlicher sein. Eingehen könnte man zum Beispiel auf die Kinder- und Jugendpsychiatrie (vgl. Fegert und Schrapper 2004) und auf Jobcenter und Maßnahmen für arbeitslose Jugendliche und arbeitslose, alleinerziehende Mütter. Die Akteure sind Partner, können aber auch Stakeholder im Hilfeplanverfahren sein (vgl. Müller 2016, S. 128 ff.)

In Kapitel 5 werden Rolle, Selbstverständnis und Haltung der Fachkräfte der Abteilung soziale Dienste des Stadtjugendamtes Erlangen behandelt. In den 19 Thesen zum Selbstverständnis wird u.a. u.a. auf die Förderung der selbstbestimmten Lebensgestaltung von Familien, den guten Kontakt zu den Eltern, aber auch auf die manchmal notwendige Einschränkung von Elternrechten durch Familiengerichte eingegangen. Die Haltung wird in 13 Thesen skizziert.

Kapitel 6 ist eine Übersicht zur Kindeswohlgefährdung. Zunächst werden Beeinträchtigungen der elterlichen Erziehungskompetenz, u.a. durch Suchterkrankungen, psychische Erkrankungen, geistige Behinderung und durch Bindungsstörungen. Dann wird auf die Formen der Kindeswohlgefährdung, also Vernachlässigung, körperliche Misshandlung, psychische Misshandlung und sexuelle Misshandlung/sexueller Missbrauch eingegangen. Schwierig sind die Abgrenzungen schwerer Kindeswohlgefährdung und leichteren und vorübergehenden Störungen. Nicht jede psychische Erkrankung von Elternteilen wirkt sich zum Beispiel negativ auf die Erziehung aus, die Grenzen zwischen Problemen und Störungen mit Krankheitswert sind manchmal fließend. Wann man von einer schwerwiegenden Vernachlässigung sprechen muss, kann man nur im Einzelfall feststellen.

Kernprozesse

Im ersten Kernprozess wird der Umgang mit Hinweisen auf Kindeswohlgefährdung behandelt. Von dem Begriff „Meldungen“ grenzen sich die Autorinnen und Autoren ab, da er dramatisch aufgeladen sei. Eingegangen wird u.a. auf den Umgang mit anonymen Hinweisen. Zwölf Probleme im Aufgabenfeld werden skizziert. Hierzu gehört zum Beispiel die Kultur der Angst, die zum Absicherungsverhalten der Fachkräfte führe. Anschließend werden zwölf „Eckpfeiler für eine gute Praxis“ skizziert. Dieses Kapitel könnte nach Ansicht des Rezensenten noch differenzierter und ausführlicher sein. In einigen Fällen geht es zum Beispiel um einen schwerwiegenden Verdacht gegen Elternteile oder andere Erwachsene, was die Interaktion mit den Betroffenen und Beschuldigten und die Vertrauensbasis beeinflussen dürfte.

Im zweiten Kernprozess geht es um „multiperspektivisches Fallverstehen“ Auch dieses Kapitel ist wiederum gegliedert in Aufgabe, Probleme im Aufgabenfeld, Eckpfeiler guter Fachpraxis und Schritte zur Weiterentwicklung der Fachpraxis. Auch dieses Kapitel könnte nach Ansicht des Rezensenten etwas ausführlicher sein. Verwiesen wird auf ein gemeinsames Konzept, was aber nicht ausführlich dargestellt wird [3]. Eine professionelle Fallanalyse unterscheidet sich von einer wissenschaftlichen häufig dadurch, dass die Professionellen unter einem höheren Entscheidungsdruck stehen. Professionelle können häufig nicht wochenlang an einer Fallrekonstruktion arbeiten und benötigen daher abkürzende Methoden, die gleichwohl möglichst zuverlässig sein sollen. Zu jede Familiengeschichte und Familiensituation gibt es sehr viele Perspektiven. Welche man auswählt und wie gewichtet, muss im Einzelfall entschieden werden.

Im dritten Kernprozess werden Hilfebedarf, Hilfenotwendigkeit und Hilfeprozessgestaltung behandelt. In der Sprache der Medizin wären dies Indikation und Therapie. Die Aufgabe wird skizziert, dann wird wieder auf Probleme im Handlungsfeld, Eckpfeiler guter Fachpraxis und Schritte zur Weiterentwicklung der Fachpraxis eingegangen. Gefordert wird eine kontinuierliche Reflexion der Kinderschutzarbeit. Auch dieses Kapitel könnte nach Ansicht des Rezensenten etwas ausführlicher und konkreter sein. Eingehen könnte man zum Beispiel auf die Asymmetrien in den Beziehungen zu den Eltern und Kindern. Es besteht eine Asymmetrie auf der Ebene des Fachwissens, der Informationen und der Macht. Für die Entscheidung über Hilfemaßnahmen sind auch die Fachleute primär verantwortlich. Die Betroffenen mögen ein Mitspracherecht haben, es kann aber notfalls auch gegen ihren Willen entschieden werden. Nicht alle Informationen werden an Alle weitergegeben, sodass auch Alle auf dem gleichen Wissensstand sind.

Konflikte und Konfliktarbeit werden im vierten Kapitel behandelt. Eingegangen wird auf unterschiedliche Konflikte wie zum Beispiel Übertragungskonflikte, Konflikt zwischen Familienmitgliedern, Deutungskonflikte, Interessenskonflikte um eingeschränkte Ressourcen, Konflikte innerhalb des Jugendamtes oder zwischen professionellen Akteuren. Für den Rezensenten stellt sich die Frage, inwieweit der Hilfebegriff noch passt, wenn Eltern die Interventionen der Fachleute ablehnen. In einzelnen Fällen wird die Jugendhilfe ohne Repressionen und Sanktionen nicht auskommen.

Im Kernprozess 5 werden Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung behandelt. Begonnen wird mit einer Darstellung der gesetzlichen Rahmenbedingungen zur Qualitätssicherung im SGB VIII. Danach wird auf die Aufgabe und Probleme im Arbeitsfeld eingegangen. Zu den „Eckpfeilern guter Fachpraxis“ gehören u.a. eine Kultur der Fehleroffenheit, verschiedene Konzepte des Lernens und Reflexion des Fallverstehen. Zur Weiterentwicklung der Fachpraxis gehören u.a. ein Einarbeitungskonzept für neue Mitarbeiter, rekonstruktive und dialogische Fallwerkstätten

Diskussion und Fazit

Die Lebensbedingungen eines Teils der Familien haben sich in den letzten zwanzig Jahren, auch durch politische Entscheidungen, deutlich verschlechtert. Dies gilt für „Bedarfsgemeinschaften“ nach dem SGB II, für Alleinerziehende mit geringem Einkommen und ihren Kindern, für Familien die von Arbeitslosigkeit betroffen sind und für Familien mit Eltern in prekären Beschäftigungsverhältnissen. Die Verantwortung dafür hat nicht die Jugendhilfe.

Die Jugendhilfe hat aber die Aufgabe, Familien mit Kindern in schwierigen Situationen bei der Bewältigung der Problem zu helfen. Dabei kann es auch zu Fehlern kommen. Wie in anderen Professionen müsste man in der Fachdiskussion stärker zwischen schwer vermeidbaren Fehlern und Kunstfehlern unterscheiden. Professionelle müssen riskante Entscheidungen treffen und daher sind Fehler nicht auszuschließen (vgl. Schütze 1984). Professionelle Fehlerquellen können zum Beispiel die Indikation betreffen. Einerseits können Maßnahmen gewählt werden, die nicht ausreichen, sodass für die Entwicklung des Kindes wertvolle Zeit verstreicht. (vgl. Göbbel u.a. 2000) [4] Andererseits können Maßnahmen gewählt werden, die überzogen sind und zu problematischen Heimkarrieren führen (vgl. Köttgen 2007). Auch die Vermeidung einer Entscheidung kann ein Fehler sein. Auf der anderen Seite stehen Kunstfehler, die nach dem Stand der Wissenschaft und Methodik der Profession nicht hätten passieren dürfen. Auch können sich Fehler aus Arbeitsüberlastungen und mangelnder Strukturqualität ergeben.

Eine wichtige Frage ist, inwieweit die finanziellen und organisatorischen Ressourcen bereitgestellt werden, die für eine wirksame Hilfe notwendig wären. Dies kann zu Kritik an den kommunalen Trägern führen. Die Soziale Arbeit sollte dann keine „konfliktscheue Profession“ (Messmer 2015) sein. Aufgrund dieser Besonderheit von Professionen werden Verfahren der Praxisreflexion und qualitative Evaluation notwendig. Hierzu liefert der Band einen Beitrag. Fallbeschreibungen wären hilfreich. Zu den Besonderheiten professioneller Arbeit gehört, dass ihre Qualität anhand formeller Indikatoren nur unzureichend gemessen werden kann. Dies gilt sowohl für die klassischen Professionen, zum Beispiel Medizin, als auch für Professionen die sich neu entwickeln. Die Therapien oder Hilfeprozesse wirken in eine offene Zukunft, die professionell nicht voll vorhersehbar ist. Die Qualität kann aber gemessen werden. Ob zum Beispiel die Entwicklung eines Kindes durch einen Hilfeplanprozess positiv, negativ oder kaum beeinflusst wurde, lässt sich abschätzen. Mit geeigneten Methoden lassen sich einige Ergebnisse verallgemeinern.

Fazit: Das Buch ist ein Beitrag zur Qualitätssicherung im Kinderschutz. Es könnte aber an vielen Stellen ausführlicher und differenzierter sein.

Literatur

Achatz, Juliane; Hirseland, Andreas; Lietzmann, Torsten; Zabel, Cordula (2013) IAB Forschungsbericht 8/2013, Alleinerziehende Mütter im Bereich des SGB II online verfügbar
doku.iab.de/forschungsbericht/2013/fb0813.pdf

Bohler, Karl Friedrich (2006): Die Professionalisierung der Sozialen Arbeit als Projekt. Untersucht am Beispiel ostdeutscher Jugendämter. In: Sozialer Sinn, S.?3-34.

Franz, Matthias (2008) Abschlussbericht. Implementierung und Evaluation eines evidenzbasierten primärpräventiven Interventionsprogramms für alleinerziehende Mütter und ihre Kinder in Kindertagesstätten (PALME) online verfügbar, letzter Zugriff 19.5.2014
edok01.tib.uni-hannover.de/edoks/e01fb10/619856173.pdf

Franz, Matthias (2009) Palme – präventives Elterntraining für alleinerziehende Mütter geleitet von Erzieherinnen und Erziehern, 2. Erg. Auflage, Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht

Fegert, Jörg M.; Schrapper, Christian (Hrsg.) (2004): Handbuch Jugendhilfe – Jugendpsychiatrie. Interdisziplinäre Kooperation. Weinheim und München: Juventa, S. 203–218.

Inge Göbbel, Martin Kühn, Eckhard Thiel, Hilfeplanung auf dem Prüfstand. Erfahrungen aus dem Hilfeverbund SOS-Kinderdorf Worpswede, in: SOS-Dialog, Fachmagazin des SOS-Kinderdorf e.V. 2000, S. 19 f. (www.sgbviii.de/S77html)

Hildenbrand, B., (2014a) Frühe Hilfen aus soziologischer Sicht, in: Kontext, Zeitschrift für systemische Therapie und Familientherapie, 295 -319

Hildenbrand, B. (2014b) Denn erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Prävention im 21. Jahrhundert, in: Familiendynamik 3/Juli 2014, 180 -186

Hildenbrand, B. (2014 c), Das KJHG und der Kinderschutz. Eine verpasste Professionalisierungschance der Sozialpädagogik, in: Bütow R. u.a., Sozialpädagogik zwischen Staat und Familie – alte und neue Politiken des Eingreifens, Wiesbaden, S 175 -202

Köttgen, Charlotte (Hg.) (2007): Ausgegrenzt und mittendrin. Jugendliche zwischen Erziehung, Therapie und Strafe. Frankfurt am Main: IGfH-Eigenverlag

Lenze, Anne (2014), Alleinerziehende unter Druck, Studie im Auftrag der Bertelsmannstiftung, online verfügbar, letzter Zugriff 2. Mai 2014
www.bertelsmann-stiftung.de/

Messmer, H. (2004) Hilfeplanung, in: sozialwissenschaftliche Literaturrundschau 27/28 S. 73 -93

Messmer, H, (2015), Soziale Arbeit als konfliktscheue Profession.. Konversationsanalytische Beobachtungen aus dem Feld der Kinder- und Jugendhilfe, in s. Stövesand, D. Röh (Hrsg.) Konflikte- theoretische und praktische Herausforderungen für die soziale Arbeit, Opladen: Budrich K. 80 – 90

Müller, Hermann (2016 ) Professionalisierung von Praxisfelder der Sozialarbeit, Opladen u.a.0.: Verlag Barbara Budrich

Schütze, Fritz. (1984). Professionelles Handeln, wissenschaftliche Forschung und Supervision. Versuch einer systematischen Überlegung. In Lippenmeier, N. (Hrsg.). Beiträge zur Supervision. Band 3 (S. 262–389). Gesamthochschule Kassel.

Schütze, Fritz (2016) Sozialwissenschaftliche Prozessanalyse, Opladen: Verlag Barbara Budrich

Schruth, Peter, (2008), Zur Rechtsqualität des § 22 Abs. 2a SGB II für Volljährige mit Verselbstständigungsbedarf, Rechtsgutachten, online verfügbar, letzter Zugriff 11.4.2014, www.harald-thome.de

Ulrike Urban-Stahl; Maria Albrecht; Svenja Gross-Lattwein (2018), Hausbesuche im Kinderschutz. Empirische Analysen zu Rahmenbedingungen und Handlungspraktiken in Jugendämtern, 2018, Verlag Barbara Budrich,


[1] Oevermann (1996) spricht von einer „widersprüchlichen Einheit von Entscheidungszwang und Begründungsverpflichtung“.

[2] Lenze (2014,75) folgert aus ihrer rechtswissenschaftlichen Studie: „Die prekären Lebenslagen von Alleinerziehenden sind immer wieder Gegenstand der öffentlichen Debatte und es ist unbestritten, dass dringender Handlungsbedarf besteht, um die Armut von Ein-Eltern-Familie zu reduzieren. Umso erstaunlicher sind die Entwicklungen in den verschiedenen Rechtsbereichen, die in dieser Studie aufgezeigt wurden und die nahezu alle zu einer Verschlechterung der finanziellen Lage von Alleinerziehenden geführt haben.“

[3] Der Familienuntersuchungsrahmen des Kronberger Kreises im Anhang des Buches ist ein nützlicher Fragekatalog, aber noch kein Konzept und keine Methode.

[4] „Viele Kinder, Jugendliche und Familien haben bereits eine regelrechte Karriere in den Hilfen zur Erziehung hinter sich, wenn sie zu uns kommen. Sie richten an ein weiteres Hilfeangebot keine großen Erwartungen mehr und zeigen wenig Bereitschaft, sich überhaupt noch auf eine Maßnahme einzulassen. Der Grund dafür liegt zum Teil darin, dass Jugendämter nicht offen legen, nach welchen Kriterien Entscheidungen getroffen werden, und Fakten setzen, die ihrer internen Logik entsprechen: Der finanzielle Druck, die Entwicklungen in der Fachdiskussion, aber auch persönliche Präferenzen der beratenden Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter im Jugendamt führen dazu, dass grundsätzlich erst einmal die Spannbreite ambulanter Hilfe eingesetzt und ausprobiert wird. Hier kommt es nicht selten zu einer Eskalation professioneller Hilfe, die sich häufig nicht als problemlösend, sondern unter Umständen sogar als problemstabilisierend erweist.“ Inge Göbbel, Martin Kühn, Eckhard Thiel, 2000. S. 19/20


Rezensent
Dr. Hermann Müller
Universität Hildesheim, Institut für Sozial- und Organisationspädagogik
Homepage HermannMuellerHildesheim.de
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Zitiervorschlag
Hermann Müller. Rezension vom 15.05.2018 zu: Stadtjugendamt Erlangen, Kira Gedik, Reinhart Wolff: Kinderschutz im Dialog. Grundverständnis und Kernprozesse kommunaler Kinderschutzarbeit. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. ISBN 978-3-8474-2186-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24186.php, Datum des Zugriffs 18.11.2018.


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ISSN 2190-9245

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