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Michael Butter: »Nichts ist, wie es scheint« (Verschwörungs­theorien)

Cover Michael Butter: »Nichts ist, wie es scheint«. Über Verschwörungstheorien. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2018. 270 Seiten. ISBN 978-3-518-07360-5. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 25,90 sFr.
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Thema

Verschwörungstheorien haben – so die öffentliche Wahrnehmung – Konjunktur. Neben den ‚Klassikern‘ 9/11, Kennedy-Attentat und Mondlandung kursieren Geschichten über die ‚wahren‘ Hintergründe der Flüchtlingskrise oder der Ukrainekrise. Für alles scheint es eine ‚eigentlich wahre‘ Erklärung zu geben und im Internet findet man tatsächlich ‚Hinweise‘ für jede noch so absurd erscheinende ‚Theorie‘: ‚Nichts ist wie es scheint‘. Michael Butter, Professor für Amerikanische Literatur- und Kulturgeschichte in Tübingen, widmet sich dem Phänomen Verschwörungstheorien mit einem Fokus auf Deutschland und die USA in einer umfassenden und überzeugenden Einführung in das Thema.

Aufbau und Inhalt

Die Kapitel des Buches sollen auch eigenständig lesbar sein – entsprechend wendet sich jedes einer von fünf Fragen zu. Die Fragen ergeben dabei einen kohärenten roten Faden und entwickeln Stück für Stück einen grundlegenden Gedanken zum Wesen von Verschwörungstheorien: sie basieren auf einem spezifischen (vormodernen) Menschenbild und überschätzen systematisch die Steuerungsfähigkeit des Menschen (S. 40). Verschwörungstheorien schließen systematisch vom historischen Ergebnis auf die Intentionen von als zentral identifizierten mächtigen (meist im Verborgenen agierenden) Akteure; Kontingenz, nicht-intendierte Konsequenzen oder unterschiedliche Interessen kommen in diesem Menschen- und Gesellschaftsbild folglich nicht vor.

Das erste Kapitel klärt zunächst die definitorische Frage, was eine Verschwörungstheorie ist. Butter systematisiert hierzu Theorien über Verschwörungen von innen oder außen – sind die Verschwörer „fremde Agenten“ oder eine Gruppe im Land? Zu unterscheiden sind weiter Verschwörungstheorien, in denen „die Eliten“ sich gegen „das Volk“ verschworen haben (Verschwörungen ‚von oben‘) von solchen, die eine minoritäre Gruppe identifizieren, die den Umsturz plant (Verschwörungen ‚von unten‘). Er grenzt Verschwörungstheorien außerdem von realen Verschwörungen ab. Diese haben eine deutlich begrenztere Reichweite und auch der Verschwörerkreis ist meist überschaubar, da sich reale Verschwörungen sonst auch kaum lange (genug) geheim halten ließen.

Das zweite Kapitel untersucht gängige verschwörungstheoretische Argumentationsstrukturen. Butter stellt heraus, wie Verschwörungstheoretiker, insbesondere diejenigen, die es zu Prominenz gebracht haben und die Theorien verbreiten, ihre Theorien möglichst seriös und wissenschaftlich darstellen. Oft wird auch auf (angebliche) Geheimdokumente verwiesen und „errant data“ werden zu Beweisen erhoben. Häufig verdienen prominente Verschwörungstheoretiker mit der (Re-)Produktion konspirationistischen Wissens auch ihr Geld wie der amerikanische Medienunternehmer Alex Jones. Hier tritt ein kommerzielles Interesse hinzu, das mit erklären hilft, warum es immer noch etwas „zu entdecken“ gibt.

Das dritte Kapitel untersucht, warum Menschen an Verschwörungstheorien glauben. Hier entwickelt Butter den Gedanken weiter, dass der Glaube an Verschwörungstheorien auf einem „sehr traditionellen Menschenbild“ (S. 107) beruht, das intentionales Handeln (und die unmittelbare Umsetzbarkeit von Intentionen) annimmt und so von einer Steuerungsfähigkeit der Gesellschaft träumt, die es nicht gibt. Zugleich dient konspirationistisches Denken auch der Konstitution von Gruppen und Identität. Butter wirft zudem einen Blick auf empirische Befunde: Der Glaube an Verschwörungstheorien hängt oft mit einem Gefühl der (drohenden) Machtlosigkeit zusammen, während zu klassischen soziodemographischen Faktoren (Einkommen, Bildung, Geschlecht) widersprüchliche Ergebnisse vorliegen.

Die Kapitel 4 und 5 zeichnen die Rolle von Verschwörungstheorien in modernen Gesellschaften mit einem Fokus auf Deutschland und die USA nach. Kapitel 4 wirft den Blick auf historische Entwicklungen, während Kapitel 5 der Frage nach geht, ob (und wenn ja, wie) das Internet die Bedeutung von Verschwörungstheorien verändert. Das zentrale Argument ist hier, dass Verschwörungstheorien keinesfalls so neu oder grassierend sind, wie im öffentlichen Diskurs oft angenommen. Butter zeigt, dass der Glaube an umfassende Verschwörungen lange sogar anerkanntes Wissen und in der Mehrheit der Bevölkerung verbreitet war. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts setzte sich die Stigmatisierung konspirationistischen Denkens in der breiten Bevölkerung durch. Mit dem Internet eröffneten sich dann zwar neue Kanäle, sodass Menschen, die aufgrund ihres Weltbildes Verschwörungstheorien zugeneigt sind, leichter auf ‚Bestätigungen‘ stoßen und sich austauschen können. Doch zugleich bleiben Verschwörungstheorien mehrheitlich delegitimiert. Stattdessen verändert sich der Verschwörungsdiskurs durch das Internet: statt ausgearbeiteter, komplexer Theorien nehmen sog. „Verschwörungsgerüchte“ (S. 199) zu, die weder mit Belegen arbeiten, wie die „klassischen“ Theorien, aber auch keine größere Erklärung liefern. Das erscheint auch kaum noch notwendig, da in den Echokammern der polarisierten Öffentlichkeit wenige Stichworte zur Erregung und Bestätigung ausreichen.

Diskussion

Das Buch besticht durch seine systematische Annäherung an ein Thema, das in der öffentlichen Debatte oft wenig trennscharf diskutiert wird und von ad hoc-Erklärungen geprägt ist. Es liefert einen Erklärungsansatz für die Attraktivität von Verschwörungstheorien über die Jahrhunderte hinweg, der anstelle mentaler (Un-)Gesundheit das Menschen- und Weltbild der AnhängerInnen von Verschwörungstheorien in den Fokus rückt. Zudem räumt es mit der gängigen These auf, Verschwörungstheorien würden durch das Internet in nie dagewesener Form um sich greifen: Zwar ermöglicht das Internet durchaus eine einfachere Verbreitung von Verschwörungstheorien – der Glaube an sie bleibt bisher dennoch ein Minderheitenphänomen. Butter gibt zudem einen Überblick über aktuelle Erkenntnisse unterschiedlicher Disziplinen zum Thema und ordnet dabei auch einander auf den ersten Blick widersprechende Befunde ein. Seine systematischen Überlegungen macht Butter an konkreten Fallbeispielen deutlich.

Aus seiner konsistent argumentierten Annahme, Verschwörungstheorien basierten auf einem bestimmten Menschenbild, leitet Butter zuletzt auch praktische Ansätze ab, wie Verschwörungstheorien zu begegnen ist. So ist aus seiner Sicht vor allem die Schulung bestimmter Kompetenzen notwendig: „social literacy“, die ein modernes und sozialwissenschaftlich begründetes Menschenbild und Verständnis von menschlichem Handeln beinhaltet, „media literacy“, also Medienkompetenz im Umgang mit und der Einordnung von Quellen, und „historical literacy“, also die Fähigkeit, reale, begrenzte Verschwörungen von umfassenden Verschwörungstheorien abzugrenzen. Somit leistet sein Buch auch einen fundierten Beitrag zur politischen Debatte zum Umgang mit Verschwörungstheorien.

Fazit

Butters Buch stellt insgesamt einen sehr lesenswerten Überblick zum Thema dar. Darüber hinaus macht es Lust auf mehr. Die Erklärung der Verbreitung konspirationistischen Denkens und auch mögliche Gegenstrategien sind noch nicht abschließend erforscht. Dies ist gesellschaftspolitisch allerdings drängend wie wenige andere Themen. Die Überschneidungen zum Thema Populismus sind offensichtlich und Butter behandelt diese auch selbst in einem Unterkapitel. Weitere Anknüpfungspunkte ergeben sich beispielsweise für Debatten um Medienöffentlichkeit, Geheimhaltung/Transparenz, Bildungs-/Ausbildungsinhalte und andere mehr.


Rezensentin
Dorothee Riese
M.A., wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Leipzig
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Rezensent
Johannes M. Kiess
M.A., wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Siegen
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Zitiervorschlag
Dorothee Riese/Johannes M. Kiess. Rezension vom 14.06.2018 zu: Michael Butter: »Nichts ist, wie es scheint«. Über Verschwörungstheorien. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2018. ISBN 978-3-518-07360-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24187.php, Datum des Zugriffs 18.07.2018.


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