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Bernd Winter: Gefährlich fremd. Deutschland und seine Einwanderung

Cover Bernd Winter: Gefährlich fremd. Deutschland und seine Einwanderung. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2004. 162 Seiten. ISBN 978-3-7841-1543-6. 15,00 EUR, CH: 26,90 sFr.
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Thema und erste Einschätzung

Gefährlich fremd - das war die Titelbotschaft des SPIEGEL am 14. 4. 1997 zur "gescheiterten multikulturellen Gesellschaft". Zusammen mit den BILD-Schlagzeilen gehören viele Ausgaben des SPIEGEL, insbesondere seine gelegentlich recht schlicht montierten Titelbilder, zur medialen Inszenierung der Bedrohungsszenarios, die durch Einwanderung und "Parallelgesellschaften" hervorgerufen werden. Eine Woche lang zierte die Montage in den Alarmfarben rot und gelb die Kioske und bot dem Bürger alles, was ihn erschrecken kann: selbstbewusste Frau mit roter Fahne und Kopftuch tragende Koranschülerinnen, Jugendliche mit Mordwerkzeugen in den ihnen anmontierten Händen. Man kann dieses Titelbild sehr gut vergleichen mit dem Aufruf der Freikorps aus dem Jahr 1919 "Deutsche! Schützt die Grenzen Eures Vaterlandes gegen russische Bolschewisten" mit einem Bild der aus dem Osten kommenden Wölfe, das die Wochenzeitung Die ZEIT im März 2005 in Erinnerung brachte.

Wer nun eine sorgfältige Analyse des exemplarischen Titels "Gefährlich fremd" erwartet, wird enttäuscht. Der Verfasser Bernd Winter behandelt sein Thema global und insgesamt. Das ist nicht misslungen, aber Neues erfährt der Leser nicht, auch wenn das Buch durchaus gelungen ist, zumindest in einzelnen Kapiteln. Der Autor referiert zusammenfassend und punktuell vertiefend die Ergebnisse von anderen Untersuchungen, verwendet auch unsortiert die verschiedensten Quellen, erarbeitet aber nicht eine neue Erkenntnis an eigenem Material. Die Chance, aus diesem SPIEGEL etwas zu machen, ist vertan.

Aufbau und Inhalt

Das Buch enthält fünf Kapitel und beginnt mit einem Überblick zu "Was ist Rassismus?". Wichtige Autoren der Theorien des Rassismus werden referiert und gut zusammengefasst. Doch das Ergebnis dieses Kapitels wird nicht expliziert.

Mit dem Weltmarkt und neuen Formen der Migration, wobei man das "Neue" bezweifeln kann, befasst sich das zweite Kapitel. Dieses kurze Kapitel ist mit dem übrigen Gedankengang des Buchs nicht verbunden.

Im dritten Kapitel gibt der Autor einen gut geordneten und materialreichen Überblick zur Migration nach Deutschland seit den 1950er Jahren. Gemäß dem Anspruch, den Zusammenhang von "staatlicher Politik, Medien, rassistischen Gesellschafts­strukturen und rassistischer Gewalt" (S. 18) herausarbeiten zu wollen, befasst sich der Autor neben dem allgemeinen Überblick genauer mit den Pogromen in Rostock-Lichtenhagen und Mölln und dem rassistischen Diskurs in der Politik und in Medien. Schließlich wird punktuell die neuere Migrationspolitik der rot-grünen Bundes­regierung seit 1998 dargestellt und kritisiert.

Im vierten Kapitel behandelt der Autor "die gegenwärtige Situation von MigrantInnen" in Deutschland. Weil ein so breites Thema nicht wirklich dargestellt werden kann, setzt er Akzente auf das "ethnische Paradigma als Ausgrenzungsstrategie" und die soziale Lage. In diesem Kapitel werden neue Begriffe eingeführt: Ethnisierung, Dominanzkultur, Stigmatisierung, Nationalkultur, ohne dass das im Theoriekapitel entwickelte Begriffsnetz konsistent mit diesen Begriffen verbunden würde. Unterm Strich bleibt der Eindruck einer Dichotomisierung der Welt: es gibt Gutes und Schlechtes. Im Übrigen aber referiert Winter recht gut die Argumente zur Kritik des Multikulturalismus und der Selbstethnisierung. Hier zitiert er auch endlich einmal den Begriff der Ambivalenz (S. 114), mit dessen Hilfe viele vorher behandelte Konstruktionen angemessener rekonstruiert werden könnten. Die soziale Lage der Migranten wird fokussiert untersucht, so werden zu Armut, Arbeitslosigkeit, räumliche Segregation Daten und Erklärungen konzentriert referiert und als "Ethnisierung der sozialen Frage" kapitalismuskritisch, d. h. meines Erachtens angemessen, interpretiert.

Im abschließenden Kapitel fasst Winter seinen Gedankengang zusammen und hebt hervor, dass fremdenfeindliche Einstellungen, staatliche Strukturen der Dis­kriminierung (die aber lediglich auf der Unterscheidung von In- und Ausländern aufruhen), politische Kultur und ethnische Schichtung die Bedingungen sind, die den "Anti-Immigrantenrassismus" konstituieren. Der Argumentation kann man sehr gut folgen, während der Begriff merkwürdig, weil zu konkretistisch auf eine Konstellation in Deutschland bezogen bleibt. Winter stellt abschließend prospektive Überlegungen an und plädiert für "Pluralität und Gleichheit statt Mehrheit und Dominanz".

Diskussion

Im Gedankengang des Buchs werden breite Wissensbestände verarbeitet und diskutiert. Der Verfasser hat einen enormen Überblick zur Literatur und weiß diese auch kritisch zu diskutieren. Diese Stärke ist aber auch die Schwäche des Buches. Alles Wichtige und theoretisch/politisch Ambitionierte wird erwähnt und punktuell sowie selektiv verarbeitet. Weniger wäre mehr.

Zur Kritik: Der Autor weiß vom Anfang, was richtig und was falsch ist: "Die Rede vom Motiv der 'Ausländerfeindlichkeit' geht folglich am Kern der Sache vorbei, da es eigentlich um Rassismus geht. Im Prinzip ist der Begriff 'Ausländerfeindlichkeit' eine deutsche Verstümmelung des Begriffs 'Fremdenfeindlichkeit'. Er verweigert die Tatsache, dass auch 'Inländer' zu 'Fremden' gemacht werden können, so wie deutsche Juden, Punks, Homosexuelle und andere." (S. 25) Abgesehen davon, dass ein Begriff nicht eine Tatsache verweigern kann, werden in der Kritik an einem Begriff Sachverhalte ins Feld geführt, die dieser Begriff nicht zu erklären beansprucht. Auch die höchst verschiedenen Verwendungsweisen werden nicht beachtet. Der Autor sucht sich das aus, was er braucht, um seine gedankliche Linie zu entwickeln. Dabei geht er auch jedes fragwürdige Bündnis ein: Wenn beispielsweise der Begriff Xenophobie so weit gedehnt wird, dass damit auch der "Hass auf die Armut" (Hein) gemeint ist und er auch die Ablehnung der einheimischen Minderheiten umfasst, dann wird er vom Autor akzeptiert. Dass diese Verwendungsweise den Begriff dehnt und anthropologisiert und er damit unter das Verdikt gegen die vorher zu Recht kritisierten Biologismen fällt, wird nicht beachtet. Der Autor versammelt alle kritischen Denker des Rassismus, weist vor allem auf die gesellschaftlichen Strukturen hin, die ihn ermöglichen, weitet ihn unter Berücksichtigung vieler Aspekte aus und engt ihn dann wieder - ohne weitere Begründung - auf seinen eigenen Begriff des "Anti-Immigrationsrassismus" aus. Damit erhält aber der häufig erwähnte akzidentielle Umstand, dass die Regierung der Bundesrepublik Deutschland sich formell weigert, die Republik als Einwanderungsland zu "erklären", theoretisch-begriffliche Dignität. Diese Einschränkung lässt sich umstandslos mit dem Hinweis auf "Rassismus" in Einwanderungsländern kritisieren. Der Autor diskutiert den Begriff des Rassismus so, als gäbe es etwas ganz Bestimmtes in der Realität, was rassistisch sei. Hier wäre es zweckmäßig, die methodischen Hinweise von Robert Miles zur "Rassenkonstruktion" aufzugreifen und auf Theorien- und Begriffskonstruktion anzuwenden. Dann verliert die Frage der Begriffsbildung an Bedeutung, die Begriffsverwendung rückt in den Vordergrund und die Praxis, wie von Etienne Balibar referiert wird, ebenfalls.

Dass der Autor selbst relativ locker mit den Begriffen umgeht, zeigt sich bei der zusammenfassenden Charakterisierung der Pogrome von Rostock-Lichtenhage im Jahr 1992.: "Der Name Rostock wurde in diesem Zusammenhang zu einem erschreckenden und warnenden Synonym für Rassismus in Deutschland, dem ein mörderischer Mix aus politischem Kalkül, weit verbreiteten rassistischen Einstellungen in der Bevölkerung, hetzerischer Medienberichterstattung sowie struktureller Diskriminierung von Minderheiten zugrunde liegt." (S. 71)

Politisch problematisch und wissenschaftlich indiskutabel argumentiert der Autor aber dann, wenn er Einzelpersonen diskreditiert, beispielsweise Cem Özdemir als "wohlangepassten türkischstämmigen Deutschen" bezeichnet, dem "völlige Anpassung" zugeschrieben wird.

Fazit

Neben der vorgetragenen Kritik soll auch gewürdigt werden, dass es dem Verfasser gelingt, eine kritische Interpretationslinie zu Migration und Migrationspolitik in Deutschland zu entwickeln, diese materialreich zu belegen und einen inhaltlich interessanten Beitrag zur gesellschaftskritischen Diskussion über Migration und Migrationsfolgen vorzulegen.


Rezensent
Prof. i.R. Dr. Franz Hamburger
Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz e.V.
Homepage www.franz-hamburger.de
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Zitiervorschlag
Franz Hamburger. Rezension vom 19.04.2005 zu: Bernd Winter: Gefährlich fremd. Deutschland und seine Einwanderung. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2004. ISBN 978-3-7841-1543-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2419.php, Datum des Zugriffs 19.07.2019.


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