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Joachim H. Becker, Helmut Ebert u.a.: Praxishandbuch berufliche Schlüssel­kompetenzen

Cover Joachim H. Becker, Helmut Ebert, Sven Pastoors: Praxishandbuch berufliche Schlüsselkompetenzen. 50 Handlungskompetenzen für Ausbildung, Studium und Beruf. Springer (Berlin) 2018. 234 Seiten. ISBN 978-3-662-54924-7. D: 24,99 EUR, A: 25,69 EUR, CH: 26,00 sFr.
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Autoren

  • Dipl.-Soz.-Wiss. Joachim H. Beckerist seit 15 Jahren Dozent für Kommunikation, Management und Personalwesen an der Fontys International Business School, Venlo (NL). Zudem ist er als Personal-Coach und Berater für mittelständische Unternehmen tätig.
  • Professor Dr. Helmut Ebertist Professor für Sprachwissenschaft an der Universität Bonn, Geschäftsführer der Prof. Ebert Kommunikationsstrategie und Coaching GmbH in Bochum und Berater für strategische Unternehmenskommunikation/PR.
  • Dr. Sven Pastoorsist Dozent für Social Skills an der Fontys International Business School, Venlo (NL), und u.a. Gründer und Kommunikationsmanager des IdeenPaten – Netzwerk für Innovation und Kommunikation

Entstehungshintergrund

Soft Skills oder Schlüsselqualifikationen haben seit langem große Bedeutung für die berufsrelevanten Eigenschaften und Fähigkeiten. Als Dieter Mertens im Jahr 1974 seinen Aufsatz „Schlüsselqualifikationen. Thesen zur Schulung für eine moderne Gesellschaft“ veröffentlichte, brachte er damit eine bis heute andauernde Diskussion um die neben Fachqualifikationen existierenden weiteren Qualifikationen in Gang. Die Autoren sprechen hier von Schlüsselkompetenzen und beruflicher Handlungskompetenz, wobei die Abgrenzung zu Qualifikationen nicht ganz deutlich wird. Gemeinhin wird unter beruflicher Handlungskompetenz die hinreichende Verfügbarkeit situationsadäquater und effektiver Handlungsweisen für berufliche Lebenssituationen verstanden. Da es nach Ansicht der Autoren zu diesem Thema bisher kein umfassendes Werk gibt, haben sie diese Publikation geschrieben.

Aufbau

Das Buch umfasst 25 Kapitel, mit denen dem Leser ein „…Überblick über die Grundlagen des Zusammenlebens und unterschiedliche Handlungskompetenzen geboten wird“. Die einzelnen Kapitel sind jeweils von einem oder zwei der Autoren geschrieben worden und entsprechend zugeordnet. Die Kapitel sind vier Kompetenzbereichen zugeordnet. Es gibt 19 Abbildungen und weiteres Material auf der Seite www.lehrbuch-psychologie.de. Das Buch wird zwar im Titel als Praxishandbuch bezeichnet, wendet sich aber auch an Lehrende, da die Kapitel didaktisch für den Einsatz in Ausbildung und Studium aufbereitet sind.

Inhalte

Kap. 1 „Einleitung“. Hier wird sinnvoller Weise der Kompetenzbegriff definiert, leider allerdings nicht diskutiert. Anschließend werden vier Kompetenzgruppen beruflicher Handlung vorgestellt, die dann noch um Management- und Kulturkompetenzen erweitert werden. Leider nur sehr kurz wird auf das Verhältnis von Kompetenz und Persönlichkeit eingegangen.

Themenbereich I „Sozial-kommunikative Kompetenzen“. In sieben Aufsätzen wird dieser Kompetenzbereich dargestellt. Leider wird hierbei das zugrunde gelegte Modell von Kapitel 1 verlassen und die „Persönlichen Kompetenzen“ irgendwie eingeschlossen (Kapitel 6), obwohl sie von der Systematik her ein eigener Themenbereich wären. Der Bereich beginnt mit der Bedeutung sozialer Kompetenzen für den Erfolg von Kommunikation. Auch die folgenden Kapitel 3, 4 und 5 befassen sich mit Kommunikationsmodellen und der Kommunikation; Grundlagen und umfassendere Erklärungsansätze bis hin zu einzelnen Formen werden referiert. An die persönlichen schließen sich in Kapitel 7 die sozial-kommunikativen Kompetenzen an. Dieses Kapitel besteht aus vielen Aufzählungen. Abgeschlossen wird dieser Themenbereich durch Kapitel 8 Präsentieren und Visualisieren. Wie auch in den meisten anderen Kapiteln liest sich dieses eher wie ein Ratgeber und hat methodischen Charakter. Insofern hätte Kapitel 8 auch gut in den nächsten Themenbereich gepasst.

Themenbereich II „Methodenkompetenzen“. Kapitel 14 ist Medienkompetenz, wobei hierunter vor allem der Umgang mit den sog. Sozialen Medien im weitesten Sinne, also auch dem Telefon, verstanden wird. Die übrigen fünf Kapitel beleuchten unterschiedliche Aspekte der Methodenkompetenz, z.B. in Kapitel 13 Selbst- und Zeitmanagement und Kapitel 9 berufliche Methodenkompetenzen. Allerdings kann man die Kapitel 9 bis 12 eher unter dem Begriff „problemlösendes Denken“, einem Forschungsbereich seit John Dewey, zuordnen: Kapitel 9 als analytisches Problemlösen, die Kapitel 10 (Kreativität) und Kapitel 11 (Kreativitätstechniken) als kreatives Problemlösen und Kapitel 12 (Lernkompetenz) als die generelle Fähigkeit, Neues aufzunehmen.

Themenbereich III „Managementkompetenzen“. Dieser Bereich gehört nicht zu klassischen berufsrelevanten Kompetenzen, da er, wie der Name schon aussagt, nur für eine kleine Gruppe relevant ist. In allen Fällen geht es um Führungsskills. Die Kapitel 15 und 16 beschäftigen sich mit Management Skills und wertorientierter Führung. In den folgenden Kapiteln geht es um Teams (17) und Teamführung (18). Die weiteren Kapitel beschäftigen sich mit Konflikten (19) sowie Konfliktmanagement (20), wobei die nächsten Kapitel bestimmte Konflikte thematisieren: Umgang mit Mobbing, sexueller Belästigung und Stalking (21) sowie Umgang mit Diskriminierung und sozialer Ungleichbehandlung (22).

Themenbereich IV „Interkulturelle Kompetenz“. Während in der Einleitung auch von kultureller Kompetenz gesprochen wurde, die ja auch Kulturtechniken wie Rechnen, Lesen und Schreiben einbezieht, ist jetzt nur noch von interkultureller Kompetenz die Rede. Dies entspricht dem Inhalt und Kapitel 23 Kulturelle Identität setzt sich dann auch gleich mit dem bekannten Modell von Geert Hofstede auseinander. In Kapitel 24 geht es um die Interkulturelle Kompetenz, wobei der Begriff als solcher fragwürdig ist. In der nordamerikanische Forschung wird eher von „cross cultural“ gesprochen, weil es ja keine Kompetenz gibt, z.B. als Deutscher mit den Angehörigen aller anderen rund 200 Länder kommunizieren zu können. Kulturelle Unterschiede gibt es nur zwischen zwei Kulturen und nicht zwischen einer und allen anderen. Die Autoren greifen diesen Gedanken auf, wenn sie in Kapitel 25 interkulturelles Lernen von landes- und kulturspezifischen Seminaren/Trainings sprechen.

Diskussion

Dieter Mertens hatte seine Schlüsselqualifikationen in materiale Kenntnisse, formale Fähigkeiten und personale Verhaltensweisen differenziert. Die Autoren diese Buchs haben vier Themenbereiche entwickelt: die sozialen/persönlichen, die methodischen, die kulturellen/interkulturellen und die Managementkompetenzen. Dies ähnelt sich doch sehr, wenn man die Managementkompetenzen – auch da sie insbesondere nur für Führungskräfte bedeutsam sind – ausklammert. Im Unterschied zu Mertens fehlt jedoch ein umfassendes Kompetenzmodell; die einzelnen Kompetenzen werden nur referiert. Und es wird auch nicht genau zwischen Qualifikationen und Kompetenzen unterschieden, sondern die Bedeutung von Kompetenzen wird empirisch anhand von Stellenanzeigen etc. begründet. Dies kann fatale Folgen haben, wie die Diskussion darum zeigt, ob Fachqualifikationen oder Soft Skills wichtiger sind. Beides ist untrennbar miteinander verbunden und Sozialkompetenzen sind nicht in allen Berufen gleichermaßen wichtig und nicht gleich. Leider werden die Soft Skills heute oft überbetont, z.B. weil sie die Personalauswahl nach „Networking“ ermöglichen. Und natürlich ist es für Lernende interessanter, in Rollenspielen Sozialkompetenzen zu erwerben als trockene Buchführung zu pauken. Dabei wird oft übersehen, dass Berufe auf Formalqualifikationen basieren und erst bei deren Umsetzung die Soft Skills bedeutsam werden. Insofern wäre es wichtig gewesen darauf hinzuweisen, dass Soft Skills immer an Fachqualifikationen gebunden sind, um berufliche Handlungskompetenz zu erlangen. Zudem stellt sich die Frage, ob das kognitive Wissen und Verstehen darüber, was eine Sozialkompetenz ist, auch dazu führt, dass diese Kompetenz beim Lernenden verbessert wird? Hieran darf doch sehr gezweifelt werden.

Fazit

Geschrieben ist diese Publikation als ein „Lehrbuch“, doch erfüllt wird dieser Anspruch nur teilweise. Zu enumerativ stehen die 50 Handlungskompetenzen nebeneinander, was wiederum der postulierten lexikalischen Struktur als Nachschlagewerk geschuldet ist. Einerseits ist es ein gut lesbares Buch mit der entsprechenden wissenschaftlichen Verankerung. Dies macht das Buch empfehlenswert. Andererseits stellt sich die Frage, welchen Sinn es für einen Leser macht, die „50 wichtigsten Kompetenzen für den beruflichen Alltag“ zu kennen. Hier ist dann auch zu fragen, ob es sich immer um Kompetenzen handelt, z.B. bei „Fachkompetenzen“ oder „Kreativität“.


Rezensent
Prof. Dr. Rüdiger Falk
em. Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Human Resource Management, an der Hochschule Koblenz
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Zitiervorschlag
Rüdiger Falk. Rezension vom 07.06.2018 zu: Joachim H. Becker, Helmut Ebert, Sven Pastoors: Praxishandbuch berufliche Schlüsselkompetenzen. 50 Handlungskompetenzen für Ausbildung, Studium und Beruf. Springer (Berlin) 2018. ISBN 978-3-662-54924-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24194.php, Datum des Zugriffs 24.06.2018.


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