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Madelaine Leonard: The Sociology of Children, Childhood and Generation

Cover Madelaine Leonard: The Sociology of Children, Childhood and Generation. SAGE Publications, Ltd (London) 2017. 184 Seiten. ISBN 978-1-4462-5924-5. 31,35 EUR.
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Thema

Die Themen Kinder, Kindheit und Generation haben seit den 1980er Jahren verstärkt Aufmerksamkeit gefunden. Insbesondere in den angelsächsischen Ländern und in Skandinavien haben sich verschiedene Lesarten und Forschungsansätze herausgebildet, die gemeinhin unter dem Begriff „New Social Childhood Studies“ zusammengefasst werden.

  • Ein Ansatz versteht sich als „mikrosoziologisch-ethnografische“ Kinderforschung, die sich einzelnen oder Gruppen von Kindern und ihrem Handeln in verschiedenen sozialen und kulturellen Kontexten widmet.
  • Ein zweiter Ansatz wird gemeinhin als „konstruktivistisch“ bezeichnet, da er Kindheit als historisch variable soziale Konstruktion versteht, in der sich insgeheim Machtinteressen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen niederschlagen, die ihrerseits ideologiekritisch dekonstruiert werden.
  • Der dritte im Bunde ist ein „sozialstruktureller Ansatz“, der Kindheit analog zu den Begriffen Klasse oder Gender als eine alle menschlichen Gesellschaften kennzeichnende, je verschiedene gefasste Strukturkategorie versteht, die das Verhältnis verschiedener Generationen ausdrückt und bestimmt.

Über Kontroversen und unterschiedliche Akzentsetzungen hinweg, stimmen alle diese Ansätze darin überein, dass Kinder und Kindheit(en) nicht als natürliche, sondern als soziokulturelle Phänomene zu verstehen sind. Sie wenden sich gegen überkommene und lange Zeit vor allem in der Entwicklungspsychologie verbreitete Vorstellungen, wonach Kinder und Kindheit eine Art Vorstadium zum vermeintlich vollkommenen Erwachsensein seien („becomings“), und bestehen darauf, Kinder und Kindheit als eigenständige Lebensformen mit spezifischen Eigenschaften, Eigeninteressen und Fähigkeiten, folglich auch mit eigenen Rechten zu verstehen („beings“). Kindern wird attestiert, dass sie an der Gestaltung der Gesellschaft und ihres eigenen Lebensprozesses aktiv mitwirken („agency“), wenn auch unter je spezifischen strukturellen Rahmenbedingungen, die über die Relevanz ihrer Kompetenzen und die Reichweite ihres Handelns mitentscheiden.

Entstehungshintergrund und Zielsetzung

Das Buch ist aus Seminaren an der Queen’s University in Belfast, Nordirland, hervorgegangen, wo die Autorin Madeleine Leonard als Professorin für Soziologie tätig ist. Es ist als Einführung in die Soziologie der Kindheit konzipiert und als Studienbuch aufgebaut. Jedes Kapitel beginnt mit einer Beschreibung der Lernziele und der zu erwartenden Ergebnisse und wird mit Diskussionsfragen abgeschlossen.

Aufbau und Inhalt

In der Einleitung betont die Autorin die Notwendigkeit eines interdisziplinären Herangehens an die sozialen Phänomene von Kindern, Kindheit(en) und Generation. Das Verhältnis zwischen Kindheit und Erwachsensein müsse als permanent sich verändernde Relation aufgefasst werden, deren Grenzen in der „modernen Gesellschaft“ fließend geworden sind. Ausdrücklich weist sie darauf hin, dass ihre Ausführungen nicht alle „Typen“ von Kindheit umfassen, sondern auf die „entwickelte“ westliche Welt begrenzt sind.

Im nachfolgenden 2. Kapitel („Becoming and Being: Developments in the Sociology of Childhood“) wird ein Überblick über zentrale Fragen der Kindheitsforschung vermittelt. Es werden die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen psychologischen und soziologischen Forschungsansätzen über Kinder und Kindheit dargestellt, der Beitrag der struktur-funktionalistischen Sozialisationstheorie zur soziologischen Kindheitsforschung wird kritisch evaluiert und es werden epistemologische Grundprinzipien der neueren Soziologie der Kindheit erläutert und hinterfragt.

Im 3. Kapitel („Macro Childhoods: Prioritising Structure“) dominiert eine strukturelle Perspektive. Es wird dargelegt, wie sich soziale Strukturen auf Kinder und Kindheit auswirken. In einem historischen Abriss wird rekonstruiert wie das heute noch dominierende Kindheitskonzept entstand. Unter Bezug auf empirische Studien wird erklärt, wie sich strukturelle Prozesse im Leben von Familien niederschlagen, wie der verpflichtende Schulbesuch die Stellung von Kindern in der Gesellschaft beeinflusst und wie die Konsumpraktiken von Kindern die Verlaufsformen von Kindheit und das Generationsverhältnis verändern.

Im 4. Kapitel („Micro Childhoods: Prioritising Agency“) wird die Perspektive gewechselt und Kindheit aus der Sicht der handelnden Subjekte beleuchtet. Mit zahlreichen Beispielen wird demonstriert, wie Kinder im alltäglichen Leben und in der Familie handeln, welche Bedeutung der bezahlten Arbeit von Kindern während ihrer Schulzeit zukommt, wie Kinder mit Erwachsenen in Erziehungsverhältnissen interagieren und wie sie die „Konsumentenkultur“ mitprägen.

Im 5. Kapitel („From Rights to Citizenship: Transformations and Constraints“) werden Kinder unter dem Aspekt ihrer Rechte betrachtet. Ausgehend von einer generellen Betrachtung der UN-Kinderrechtskonvention, werden insbesondere die Artikel 3 und 12 der Konvention diskutiert, in denen die Priorität der Kinderinteressen („best interests of the child“) und das Partizipationsrecht, angehört und bei Entscheidungen berücksichtigt zu werden, betont werden. Die Frage der Kinderrechte wird sodann im Hinblick auf ihre (mögliche) Bürgerschaft politisch zugespitzt und an Beispielen aus Großbritannien werden kritische Fragen zum (faktischen) Bürgerstatus minderjähriger Kinder aufgeworfen.

Im 6. Kapitel („Bridging Structure and Agency: Bringing in Inter- and Intra-Generagency“) werden die Struktur- und Agency-Perspektive aufeinander bezogen und mit Überlegungen zu generationalen Verhältnissen verbunden. Es wird erläutert, warum in einigen Kindheitstheorien Generation als eine wesentliche Komponente zeitgenössischer Kindheit betrachtet wird. Das Verständnis von Kindern als Akteuren wird erneut aufgegriffen und verschiedene Konzepte von Agency werden kritisch beleuchtet. Das Kapitel kulminiert in der Entwicklung eines Konzepts „generationaler Agency“ (von der Autorin als „generagency“ bezeichnet), das Beziehungen innerhalb und zwischen den Generationen miteinander verbindet. Am Ende des Kapitels wird demonstriert, warum dieses Konzepts geeignet ist, um das Handeln von Kindern und dessen Reichweite besser zu verstehen.

Im abschließenden 7. Kapitel („Conclusions: Blurred Boundaries“) werden die Grundgedanken des Buches zusammengefasst und auf die Notwendigkeit hingewiesen, die verschiedenen Theorie- und Forschungsansätze der New Social Childhood Studies miteinander abzuwägen und sich ihrer Relevanz für die zu untersuchenden Themen zu vergewissern. Am Ende des Buches folgt neben den bibliografischen Angaben ein detailliertes Sachregister.

Diskussion und Fazit

Das Buch gibt einen bündigen Überblick über die wichtigsten Fragestellungen und Forschungsansätze der New Social Childhood Studies. Sie werden so dargestellt und mit empirischen Daten verknüpft, dass eine kritische Beurteilung möglich wird. Methodische Fragen werden allerdings nur am Rande angesprochen. Ein besonderer Vorzug des Buches ist, dass strukturelle und handlungsorientierte Perspektiven miteinander verknüpft und in ihrer jeweiligen Bedeutung erklärt werden. Kindheit wird, wie sonst eher selten, unter den Aspekten Arbeit, Familie sowie Spiel und Freizeit betrachtet. Dabei kann sich die Autorin auf eigene Studien zur Arbeit von Kindern in Großbritannien beziehen. Die von ihr konzipierte „generagency“ ermöglicht neue Sichtweisen auf generationale Aspekte von Kindheit. Im Unterschied zu Ansätzen, die Generation nur als Strukturkategorie verstehen, betont sie das Handeln und die Handlungsmöglichkeiten von Kindern, ohne dabei ihre strukturellen Begrenzungen auszublenden.

Ein Nachteil des Buches ist, dass es sich – wie die Autorin selbst hervorhebt – nur auf Kinder und Kindheiten im Globalen Norden bezieht und dabei häufig auf Begriffe wie „entwickelte“ oder „moderne“ Gesellschaften zurückgegriffen wird, die ich problematisch finde. Obwohl das Buch also nicht frei von eurozentrischen Einseitigkeiten ist, ist anzuerkennen, dass die Autorin sich verschiedene Kindheiten vorstellen kann und dazu konkrete empirische Hinweise gibt. Eine Begrenzung des Buches, die auch für andere englischsprachigen Veröffentlichungen zutrifft, besteht darin, dass relevante Literatur in anderen Sprachen nicht berücksichtigt wird.

Ein vergleichbares Studienbuch existiert in deutscher Sprache bisher leider nicht. Das als Einführung gedachte Buch „Kindheit heute“ von Heidrun Bründel und Klaus Hurrelmann (Beltz, 2017; siehe www.socialnet.de/rezensionen/23295.php) ist erziehungswissenschaftlich akzentuiert und vermittelt nur knappe Einblicke in die sozialwissenschaftliche Kindheitsforschung. Ihm gegenüber hat das Studienbuch von Madeleine Leonard auch den Vorteil, dass es die Lernziele klar benennt und Diskussionsfragen formuliert, die in Lehrveranstaltungen aufgegriffen werden können.

Fazit: Ein für Lehrveranstaltungen geeignetes Studienbuch, das trotz eurozentrischer Begrenzungen einen bündigen Einblick in Themenfelder und theoretische Ansätze der sozialwissenschaftlichen Kindheitsforschung bietet und zugleich ihre kritische Reflexion nahelegt.

Discussion and Summary

The book gives a concise overview of the most important questions and research approaches in New Social Childhood Studies. They are presented and linked to empirical data in such a way that a critical assessment is possible. However, methodological issues are only marginally addressed. A particular advantage of the book is that structural and agency-oriented perspectives are linked and explained in their respective meaning. Childhood is, as is rarely the case, considered in terms of work, family, play and leisure. The author can refer to her own studies on the work of children in Great Britain. The newly conceptualized approach of "generagency" enables new perspectives on generational aspects of childhood. In contrast to approaches, which understand generation only as a structural category, she emphasizes children's agency and corresponding opportunities without ignoring their structural limitations.

One disadvantage of the book is that – as the author herself points out – it only refers to children and childhoods in the Global North, often using terms such as "developed" or "modern societies", which I find problematic. Although the book is not free of Eurocentric one-sidedness, it must be acknowledged that the author can imagine different childhoods and gives concrete empirical indications. A limitation of the book, which also applies to other English-language publications, is that relevant literature in other languages is not considered.

Unfortunately, a comparable textbook in German does not yet exist. The book "Kindheit heute" by Heidrun Bründel and Klaus Hurrelmann (Beltz, 2017; see www.socialnet.de/rezensionen/23295.php), which is intended as an introduction, is accentuated in educational science and provides only brief insights into childhood research in the social sciences. Madeleine Leonard's textbook also has the advantage of clearly defining the learning objectives and formulating discussion questions that can be taken up in courses.

Summary: A textbook suitable for courses, which, despite Eurocentric limitations, offers a concise insight into subject areas and theoretical approaches of New Social Childhood Studies and at the same time, suggests their critical reflection.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Liebel
Master of Arts Childhood Studies and Children‘s Rights (MACR) an der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften
Homepage www.fh-potsdam.de/person/person-action/manfred-lieb ...
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 17.07.2018 zu: Madelaine Leonard: The Sociology of Children, Childhood and Generation. SAGE Publications, Ltd (London) 2017. ISBN 978-1-4462-5924-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24196.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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