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David Ranan: Muslimischer Antisemitismus

Cover David Ranan: Muslimischer Antisemitismus. Eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland? Verlag J.H.W.Dietz (Bonn) 2018. 222 Seiten. ISBN 978-3-8012-0524-9. 19,90 EUR.
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Thema

Es ist immer wieder bemerkenswert, was für ein Medienecho Studien zum „muslimischen Antisemitismus“ auslösen, auch wenn sie faktisch noch so unbedeutend und wissenschaftlich angreifbar sind. Dies war schon 2005 der Fall, als ein keineswegs repräsentativer „Projektbericht“ von Studienanfängern der Alice Salomon Fachhochschule Berlin über „Antisemitismus bei muslimischen Jugendlichen“ in einem Berliner Jugendzentrum einen bundesweiten medialen Aufschrei auslöste. Und dies ist auch bei David Ranans Studie der Fall. Fast alle großen Tageszeitungen berichteten über dieses Buch, der Spiegel brachte ein mehrseitiges Interview mit dem Autor und die Bild titelte reißerisch „Wie Muslime in Deutschland über Juden denken“: „voll übler Nachrede, tiefen Judenhass und Antisemitismus“.

Vermutlich wird Ranan in dieser kompletten Verdrehung seiner Argumentation die These seines Buches bestätigt finden. Diese lautet nämlich, dass die vermeintliche Gefahr eines muslimischen Antisemitismus in Deutschland vor allem eine Erfindung der Medien sowie proisraelischer „Lobbyorganisationen“ ist, die mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat: „Der öffentliche Diskurs über das Thema Antisemitismus unter Muslimen neigt dazu, Schlagzeilen zu produzieren und sich von ihnen zu nähren. Das sind jene Stimmen, die (…) Angst schüren“ (S. 89).

Autor

Laut Jewiki war Ranan nach einem Studium der Wirtschaftswissenschaften als Banker und Unternehmensberater tätig. Später hat der schon über Siebzigjährige ein Studium der Kultur- und Politikwissenschaft absolviert und lebt heute als freier Autor in London und Berlin.

Aufbau und Inhalt

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Will man herausfinden, wie weit Antisemitismus heute verbreitet ist, kommt man nicht umhin, Kriterien zu nennen, woran man ihn erkennen kann. Dennoch steht die Frage nach den Kriterien und damit nach der Definition gerade beim Antisemitismus immer auch unter dem Verdacht, weniger wissenschaftlichen als politischen Interessen zu folgen. Die einen definieren das Phänomen sehr weit, die anderen sehr eng. Antisemiten definieren Antisemitismus heute häufig sogar so eng, dass es ihn eigentlich nicht mehr geben kann: Antisemitismus sei allein der NS-Massenmord an den Juden und müsse diesem vorbehalten bleiben. Dadurch schaffen sie sich den Freiraum, auch weiterhin munter Antisemitismus zu produzieren. Verheerend allerdings wird es, wenn deutsche Gerichte – wie kürzlich in Sachsen-Anhalt geschehen – ihnen darin auch noch folgen und sogar veritable Holocaustleugner freisprechen.

Dabei ist die Frage nach der Definition tatsächlich nicht so einfach zu beantworten. Dies hat damit zu tun, dass sich soziale Sachverhalte aufgrund ihrer Historizität ständig verändern und sich so hieb- und stichfesten Definitionen immer wieder entziehen. Es war Friedrich Nietzsche, der dies unübertrefflich auf den Punkt brachte: Definieren lässt sich nur, was keine Geschichte hat – der Antisemitismus aber hat eine sehr lange Geschichte. Noch die Erfindung des Wortes selbst ist Teil dieser Geschichte: eine Erfindung von Antisemiten, die ihn als politische Selbstbezeichnung im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts einführten, um ihren Judenhass vom traditionellen Judenhass abzugrenzen. Diese Selbstbezeichnung steht am Ende der Transformation des traditionellen Judenhasses in den modernen Antisemitismus. Wie es dazu kam und welche Gestalten der moderne Antisemitismus in den 150 Jahren danach angenommen hat, ist der Gegenstand einer gesellschaftsgeschichtlich orientierten Antisemitismusforschung.

Für diese interessiert sich Ranan allerdings nicht. Da er ja selber Antisemitismus – nämlich Antisemitismus unter Muslimen – ‚messen‘ möchte, braucht er Kriterien, braucht er also eine Definition. Der Suche nach ihr widmet er sich im ersten Kapitel des Buches und findet sie schließlich bei Brian Klug, der im Antisemitismus „eine Art Feindseligkeit gegen Juden als ‚Juden‘“ (S. 37) sieht. Gewiss ist dies nicht die schlechteste Definition, trifft sie doch einen wesentlichen Punkt des Phänomens: seinen irrational-projektiven Charakter, der nicht zuletzt darin besteht, dass der Antisemit „den Juden“ als das absolut Böse imaginiert, das er in allen Juden und Jüdinnen der Welt bekämpft.

Ist die Definition gefunden, lassen sich die bisherigen Vermessungsversuche des Antisemitismus beurteilen. Dem widmet sich Ranan im zweiten Kapitel mit Blick auf die quantitative Forschung. So richtig ernst allerdings kann er diese nicht nehmen. Weder die Umfragen der Anti-Defamation League (ADL) noch die Leipziger „Mitte“-Studien und die Forschung des Bielefelder Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) halten seiner kritischen Prüfung stand. Im Gegenteil: die „Messgeräte“ dieser Institute sind, so Ranan, komplett defekt. Die leicht durchschaubare Suggestivität ihrer Erhebungstechniken deute darauf hin, dass hier politische Interessengebundenheit und mangelnde Wissenschaftlichkeit am Werk sei, die die Ergebnisse verzerren, ja manipulieren: „Eine Frage sollte eigentlich auf ein ‚Bild im Kopf‘ der Befragten treffen und kein ‚Bild im Kopf‘ der Befragten erzeugen. Die Tendenz einiger Forschungsinstitute, über viele Jahre hinweg die immer gleichen Fragen zu verwenden, unter anderem, um die Vergleichbarkeit zu gewährleisten, können diesen ‚Implantierungseffekt‘ noch verstärken“ (S. 62). Das Fatale sei, so Ranan, dass durch diese Art der Forschung, wie sie insbesondere die ADL und das IKG betreiben, wider Willen sogar Antisemitismus überhaupt erst erzeugt werde (S. 68 f.).

Ist die quantitative Antisemitismusforschung einer grundsätzlichen Kritik unterzogen, wendet sich der Autor im dritten Kapitel dem eigenen, qualitativen Vorhaben zu, das explizit der Absicht folgt, der antimuslimischen Panikmache in den Medien etwas entgegenzustellen: „Mein Wunsch war es, Narrative kennenzulernen statt Slogans und Substanz statt Schlagwörter, die so oft die Medien, den Diskurs und damit auch die öffentliche Meinung dominieren“ (S. 89). Deshalb hat er eben nicht die Gangsta-Kids aus Berlin-Neukölln befragt, sondern die junge akademische Mittelschicht: 70 in Deutschland und England lebende junge Muslime, „die noch studieren oder schon ihren Abschluss gemacht haben“ (S. 87).

Was und wie diese über Juden denken, präsentiert der Autor im vierten, fünften und sechsten Kapitel des Buches.

Zunächst zeige sich, dass von einer Dominanz des Religiösen, wie sie z.B. Günther Jikeli in seiner Studie über „Antisemitismus und Diskriminierungswahrnehmungen junger Muslime in Europa“ (2012) beobachtet hat, keine Rede sein könne. Im Gegenteil, so das Fazit des sechsten Kapitels: „In den Interviews, die ich geführt habe, teilten viele der Interviewpartner Vorurteile über Juden, glaubten an Verschwörungstheorien und äußerten oft heftige Anti-Israel-Meinungen – aber keiner kannte den Koran als Ursprung oder Erklärung für seine antijüdischen Gefühle, nicht mal, um seine Meinungen über angebliche jüdische Charaktereigenschaften zu unterstreichen“ (S. 113). Daran zeige sich, dass das, was weithin als „muslimischer Antisemitismus“ bezeichnet werde, gar kein „genuin muslimischer Judenhass“ sei. Genau dies aber transportiere der Begriff, indem er die Differenz „zwischen den antijüdischen Einstellungen radikaler Islamisten und den Haltungen in der allgemeinen muslimischen Gesellschaft“ (S. 99) einebne und so einen Generalverdacht über alle Muslime etabliere.

Die beste Forschung ist nicht selten die, die ihre eigenen Forschungshypothesen widerlegt. In Ranans Studie ist genau dies der Fall, auch wenn der Autor es nicht so recht zu akzeptieren vermag. Immerhin stellt er fest: „Der Gedanke, dass man in diesem Bevölkerungsteil (Muslimen aus der akademischen Mittelschicht; ws) keine Vorurteile oder Verschwörungstheorien finden würde, hat sich (…) als Vorurteil bewiesen (sic!)“ (S. 117). Tatsächlich finden sich, wie die Zitate im fünften Kapitel zeigen, in fast allen Interviews „Aussagen über jüdisches Geld, jüdische Macht und jüdische Weltherrschaft“ (S. 127). Da die Identifikation der Juden mit Geld, Geist und Macht zum Kernbestand des modernen Antisemitismus gehört und auch der von Ranan favorisierten Antisemitismusdefinition entspricht, ist die Sache damit eigentlich klar. Doch vollzieht Ranan an dieser Stelle eine kuriose argumentative Volte: Es sei zu prüfen, ob das Phantasma jüdischer Macht nicht doch auf Tatsachen beruhe und deshalb nicht als antisemitisch zu klassifizieren sei. Und genau dies vermutet er für einen Teil seiner Interviewpartner. Im Unterschied zu dem europäischen Phantasma jüdischer Macht habe nämlich das arabische Phantasma jüdischer Macht ein Fundamentum in re, das darin bestehe, so Ranan, dass die „jüdischen Lobbyorganisationen“ ja tatsächlich massiv auf die US-amerikanische Nahostpolitik Einfluss nehmen würden (S. 152 ff.).

Nicht anders verhalte es sich, wie Ranan im sechsten Kapitel behauptet, auch beim israelbezogenen Antisemitismus. Auch hier liege der Fehler in der europäischen und insbesondere deutschen Perspektive, die bei Judenhass immer gleich Antisemitismus sehe. Wenn Muslime aber über Juden sprechen, so Ranan, meinen sie „eigentlich“ Israel. Und deshalb sei ihr Judenhass „eigentlich“ ein in der Sache – hier der Siedlungspolitik Israels – begründeter Israelhass und könne deshalb im Sinne der Klugschen Definition (siehe oben) nicht als Antisemitismus gelten. Ist dies scharfsinnig argumentiert? Oder beruht dies nicht vielmehr auf einem grotesken Fehler des „Messgeräts“, dieses Mal dem des Autors selbst? Was, wenn die befragten Muslime, wenn sie von Juden sprechen, tatsächlich Juden meinen und ihr Judenhass tatsächlich auch Judenhass ist? Ranan behauptet das Gegenteil, aber erstens kann er es nicht beweisen und zweitens würde es auch nichts am antisemitischen Gehalt der Aussage ändern. Antisemitismus ist eine Praxis, die Juden in Wort und Tat verletzt – egal, ob die Täter sich dessen bewusst sind oder nicht.

Diskussion

Der Autor macht es sich hier – bei dem Rettungsversuch seines eigenen „Vorurteils“ – viel zu einfach, wie das Buch insgesamt in theoretischer und methodischer Hinsicht viel zu einfach ist. Ist es überhaupt ein wissenschaftliches Buch oder eher eine Mischung aus Populärwissenschaft und ziemlich wilder Polemik?

Der Eindruck des Letzteren stellt sich an vielen Stellen ein, z.B. in der Diskussion der Antisemitismusdefinition, die bei weitem nicht den Stand der theoretischen Diskussion erreicht, oder auch bei der Darstellung der Methodik der Forschung, die den Stand der qualitativ-empirischen Antisemitismusforschung – insbesondere wissenssoziologischer, objektiv-hermeneutischer und tiefenhermeneutischer Provenienz – komplett ignoriert. Das ist bedauerlich, weil das empirische Material, das Ranan erhoben hat, deutlich mehr herzugeben scheint. Allein die vom Autor präsentierten Interviewsequenzen schreien geradezu nach semantischer Analyse. Es deutet sich in ihnen ein Alltagsantisemitismus ganz eigener Art an, dessen Struktur Sequenz für Sequenz freizulegen wäre. Ranan aber wertet das Material nicht nach den Regeln der wissenschaftlichen Kunst aus, er verwendet es vielmehr zur Illustration der eigenen Hypothesen und da, wo dieses zu den Hypothesen so gar nicht passt, beginnt er argumentative Volten zu schlagen, die wenig überzeugend sind.

Dieser Mangel an theoretischer und methodischer Expertise erklärt vielleicht auch das Übermaß an polemischer Abgrenzung. So wirft der Autor nicht etwa nur Zeitungen wie der „Jüdischen Allgemeinen“ vor, dass ihre Berichterstattung über israelbezogenen Antisemitismus einer „Gehirnwäsche“ (S. 17) ähnele; sondern spricht auch gleich noch dem „Unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus“ des Deutschen Bundestags Unabhängigkeit und Wissenschaftlichkeit ab und sieht in seinen Handlungsempfehlungen gar „eine Wunschliste zu weiteren Aufträgen für die Experten und ihre Kollegen“ (S. 84), wirft dem Bielefelder Institut für Konflikt- und Gewaltforschung, namentlich Beate Küpper und Andreas Zick, manipulative „Implantierungseffekte“, absichtliche Verdrehungen und „irreführende Interpretationen“ (S. 79) vor und sieht in NGOs (gemeint sind wohl u.a. die Amadeu Antonio Stiftung und das Anne Frank Zentrum) „Einflussagenten“ (S. 20) am Werk, die Panik in den jüdischen Gemeinden erzeugen und durch ihre Übertreibungen dazu beitragen, dass Antisemitismus in Deutschland wieder stärker wird. Kann es sein, dass hier jemand seine eigene Inkompetenz kompensiert, indem er mit großer Geste alle abwatscht, die sich in der Arbeit über und gegen Antisemitismus wissenschaftlich und pädagogisch engagieren?

Fazit

Der mediale Lärm um dieses Buch steht in keinem rechten Verhältnis zu seiner Bedeutung. Und dies ist das eigentlich Bemerkenswerte. Wenn Ranan in einem Recht hat, dann darin, dass die öffentliche Debatte über Antisemitismus in Deutschland nach wie vor etwas tief Irrationales hat.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfram Stender
Homepage www.hs-hannover.de
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Zitiervorschlag
Wolfram Stender. Rezension vom 18.07.2018 zu: David Ranan: Muslimischer Antisemitismus. Eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland? Verlag J.H.W.Dietz (Bonn) 2018. ISBN 978-3-8012-0524-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24200.php, Datum des Zugriffs 25.08.2019.


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ISSN 2190-9245

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