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Silke Birgitta Gahleitner, Dorothea Zimmermann u.a.: Psychosoziale und traumapädagogische Arbeit mit geflüchteten Menschen

Cover Silke Birgitta Gahleitner, Dorothea Zimmermann, Dima Zito: Psychosoziale und traumapädagogische Arbeit mit geflüchteten Menschen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2017. 99 Seiten. ISBN 978-3-525-40480-5. D: 12,00 EUR, A: 12,40 EUR.

Reihe: Fluchtaspekte, Bd. 1.
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Thema

Der Band aus der Reihe „Fluchtaspekte. Geflüchtete Menschen psychosozial unterstützen und begleiten“ definiert gleich zu Beginn sein Ziel: Das Buch soll „sich dem Spannungsfeld zwischen ressourcenorientierter Unterstützung und intensivem traumasensiblem Beistand“ widmen, um dabei „diese beiden Pole fachgerecht auszubalancieren“ (S. 7). Kompakt und nachvollziehbar wird in drei anschaulichen Abschnitten dargelegt, wie es gelingt, eine angemessene Unterstützung für Menschen mit Fluchterfahrung zu leisten, die „im Sinne einer positiven Bewältigung“ und „in sicherer und solidarischer Umgebung“ (S. 7) angesiedelt ist. Außerdem sollen die Ausführungen helfen, „Zusammenhänge zwischen Trauma, Bindung und sozialer Integration zu verstehen“ (S. 16). Dafür werden unter anderem viele anschauliche und leicht umsetzbare praktische Übungen für einen anspruchsvollen und oft intensiven (Arbeits-)Alltag bereitgestellt.

Autorinnen

Prof. Dr. phil. habil. Silke Birgitta Gahleitner ist Professorin für Klinische Psychologie und Sozialarbeit im Arbeitsbereich Psychosoziale Diagnostik und Intervention an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

Dorothea Zimmermann ist Diplom-Psychologin und Psychologische Kinder- und Jugendlichentherapeutin, Supervisorin und Traumatherapeutin. Sie arbeitet langjährig bei Wildwasser e.V. in Berlin.

Dr. phil. Dima Zito ist Diplom-Sozialpädagogin und systemische Traumatherapeutin, sie arbeitet im Zentrum für für Flüchtlinge (PSZ) in Düsseldorf und bildet Fachkräfte in den Bereichen Trauma und Flucht fort.

Aufbau und Inhalt

Der Band ist in drei Teile gegliedert.

  1. Der erste Teil zeigt aus verschiedenen Perspektiven auf, wie Geflüchtete psychosozial Zuflucht erfahren können.
  2. Der zweite bespricht unterschiedliche Formen eines fachlichen und kompetenten Verstehens von geflüchteten Menschen, die trotz der großen Komplexität die Situationen erfassen und die Biografie und den Kontext möglichst ganzheitlich integrieren.
  3. Der dritte Teil schließt den Band mit sehr unterschiedlichen und vielfältigen Praxisvorschlägen ab, die ohne großen Aufwand direkt in den Alltag transferiert werden können.

„Geflüchtete Menschen sind mitnichten als ‚psychisch krank‘ zu deklarieren oder wahrzunehmen“ (S. 16), halten die Autorinnen bereits in der Einleitung zum ersten Teil fest. Grundlegende Definitionen zu den zentralen Themen Trauma, Bindung, Vertrauen und Milieu (soziale Einbettung) werden vorgestellt und bieten jeweils Details für eine Vertiefung an. Grundlegende Definitionen zu allen Themen werden umfassend und erstaunlich prägnant formuliert und bieten jeweils Details für eine Vertiefung an. Sofort leuchtet mir als Leserin ein, dass beim Wissen über Trauma (mit besonderem Fokus auf sequenziellen Traumatisierungen) immer auch das Wissen über positive dyadische Bindungserfahrungen mit ihren „schützenden Inselerfahrungen“ (Gahleitner, 2005, S. 63) mitbedacht werden sollte. Eine große Verantwortung liegt darin, Menschen, die flüchten mussten, die Möglichkeit zu bieten, aus einer positiven und tragfähigen Bindungserfahrung die Chance erwachsen zu lassen, eine innere Sicherheit zu entwickeln. Bestenfalls lässt sich diese Bindungserfahrung auf äußere Strukturen und andere Personen übertragen. Für dieses Ziel legt Vertrauen die Basis. Mit der Verwobenheit der vier Themen wird deutlich, dass es trotz häufig komplexer Double-bind-Situationen in den Händen der Begleiter_innen von Geflüchteten liegen kann, bei ihren Klient_innen posttraumatisches Wachstum zu fördern und damit posttraumatischen Belastungsfaktoren entgegenzuwirken.

Neben der Wichtigkeit der Wissensvermittlung in den genannten Bereichen arbeiten Gahleitner, Zimmermann und Zito auch die zentrale Aufgabe heraus, „umfassende Beziehungsnetzwerke bis hinein in konstruktive Vernetzungssettings unter Institutionen“ (S. 27) zu schaffen. Sichere Orte und soziale Unterstützung erlebbar zu machen, die eine „zentrale Bedingung der Sicherung von Gesundheit, der Verbesserung von Wohlbefinden und der Förderung von Lebensführung und Lebensbewältigung“ (Nestmann, 2010, S. 3; vgl. Gahleitner et al., 2017, S. 27) darstellen, ergänzen den Aspekt der Herstellung innerer und äußerer Sicherheit.

Den ersten Teil schließt ein psychosozial ausgerichtetes, traumapädagogisches Bewältigungsmodell in drei Phasen, das aus dem therapeutischen Setting für den Betreuungs- und Begleitungsprozess umformuliert wurde. Bei diesem Modell gelten Stabilisierung und Ressourcenerschließung (innere und äußere Sicherheit also) als Basis in der ersten Phase. Erst in der zweiten Phase, in der traumatische Erfahrungen vorsichtig zugelassen werden, kann eine Psychotherapie zur eventuellen Traumakonfrontation hinzukommen. Hier weisen die Autorinnen auf den entscheidenden Unterschied zwischen unterstützender, traumareflektierender und aufdeckender Arbeit hin. In der letzten Phase des Modells können im Alltag Reintegrationsprozesse umgesetzt werden, die traumapädagogisch begleitet werden und so posttraumatische Wachstumsprozesse ermöglichen.

Im zweiten Teil wird das diagnostische und traumapädagogische Fallverstehen näher erläutert: Klassifikatorische, Biografie- und Lebensweltdiagnostik seien „Vorgehensweisen, die als rekonstruktiv zu bezeichnen sind, um der Gefahr vorzubeugen, dass hilfesuchende Menschen zu einem Objekt eines expertokratischen Diagnoseverfahrens degradiert werden“ (S. 36; vgl. auch Friedrich & Weiß, 2014). Es wird deutlich: Selbstdeutungen, Selbstverstehen und Selbstaneignung müssen für die betroffenen Personen dabei sehr viel Raum einnehmen.

Anhand eines anschaulichen Falls werden im Folgenden die Posttraumatische Belastungsstörung in der klinischen Diagnostik nach ICD-10 und die komplexe posttraumatische Belastungsstörung vorgestellt. Anschließend wird zunächst die Biografiediagnostik vorgestellt, die weitere Entwicklungsfaktoren (Leben, Subjekt, Situation) mit einschließt, mit methodischen Umsetzungstipps (wie den Lebensbüchern nach Krautkrämer-Oberhoff, 2009, oder dem Lebenspanorama nach Petzold, Wold, Landgrebe, Josi und Steffan, 2000), darauf die Lebensweltdiagnostik, die soziale, psychische und körperliche Phönomene wie auch soziologische Gegebenheiten berücksichtigt (die fünf Säulen der Identität). Der zweite Abschnitt des Buches endet mit der Darstellung der psychosozialen Diagnostik in einem Koordinatensystem, das die durch vorherige Schritte gesammelten Informationen unter Berücksichtigung ihrer Komplexität kompakt zusammenfasst. Das Koordinatensystem (Stressoren/Belastung, Resscourcen, Umwelt, Person) dient als konkrete Orientierung für die Hilfeplanung.

Der dritte Teil gibt auf fast 30 Seiten unterschiedlichste, sehr konkrete Praxisvorschläge für eine gute Bewältigung des Alltags mit Menschen, die Fluchterfahrung haben. „Es geht (…) nicht um einfach herauslösbare Techniken, sondern um eine verstehensorientierte trauma- und bindungssensible Arbeit mit geflüchteten Menschen, die die Methodik zu Hilfe nimmt. Es ist eine klare Aufforderung, alles vorangegangene Wissen parat zu haben, bevor man sie nutzt“ (S. 48). Zu zahlreichen Themen und potenziellen Hürden in der Begleitung geflüchteter Menschen werden anschauliche Praxismethoden erläutert, eingebettet in dazugehöriges Hintergrundwissen. So finden sich Anleitungen zum Umgang mit Sprache, zu sozialer Stabilisierung oder biografischen Erkundungen, hilfreiche Praxistipps zu traumasensibler Haltung und Psychoedukation („Einem/einer Jugendlichen die Traumafolgestörung erklären“; S. 60-62) und zu Distanzierungsstrategien in starken Erregungsphasen (z.B. Erzeugen von Sinnesreizen, Schreiben eines Briefs an sich selbst aus besseren Zeiten, Zählübungen, Achtsamkeitsspaziergänge, Körperübungen; S. 64-69). Viele Vorschläge vor allem zur Ressourcenorientierung erschließen einen großen Material-Pool, um methodisch gezielter vorgehen zu können. Zum Schluss des Bandes finden sich wichtige Anregungen zum zentralen Thema des Haltgebens in der Entscheidungsphase im Asylverfahren, insbesondere zur guten Vorbereitung und Begleitung der Anhörung.

Diskussion und Fazit

Das übersichtliche Bändchen beinhaltet erstaunlich viele Informationen auf sehr unterschiedlichen Ebenen und spricht damit eine Vielzahl von Personen gleichermaßen an. Manche Themen sind eher für Einsteiger_innen angelegt, vermutlich, um einen gemeinsamen Grundstein an Wissen für alle zu legen. Weiterführende Aspekte können dafür zwar nicht immer ausgeführt werden, dennoch wird für diejenigen, die vertiefende Ausführungen wünschen, stets durch prägnante Literaturverweise eine gute Basis gelegt. Gahleitner, Zimmermann und Zito gelingt es insgesamt immer wieder, dieses umfangreiche Thema mit äußerst präzisen Formulierungen sehr gut in absoluter Kürze treffend, verständlich und manchmal sogar kritisch darzulegen.

Für alle, die dieses kleine Buch lesen, dürften vor allem die verständliche, stringente Struktur sowie Form und die hilfreiche Einbettung der wichtigen theoretischen Inhalte verbunden mit praktischen Umsetzungsmöglichkeiten sehr nützlich und hilfreich sein. Trotz der Komplexität aller erwähnten Themen und der damit verbundenen Verantwortung für die Begleitung von Geflüchteten vermitteln die Inhalte Positivität und Mut, statt dem Ohnmachtsgefühl Raum zu geben, das des Öfteren mit Thematiken von Flucht einhergeht und auch innerhalb des Bandes nicht ausgeblendet wird. Es ist nicht leicht, so viel Klarheit in ein solch aktuelles, oft mit starken Emotionen und konträren Meinungen verbundenes Thema zu bringen und dabei trotzdem zu motivieren. Schon gar nicht in einer kompakten und gleichzeitig informativen Form wie dieser.

Auf den Satz der drei Autorinnen im Ausblick „wir hoffen, dass es mit diesem kleinen Einführungsbändchen gelungen ist, einige zentrale Anregungen für die psychosoziale Arbeit mit geflüchteten Menschen zu vermitteln“ (S. 84), kann ich eindeutig antworten: Ja, das ist in der Tat gelungen!

Wenn bei der nächsten Publikation sogar noch das einheitliche und durchgängige Gendern gelingt, wäre jegliche Kritik meinerseits hinfällig.

Literatur

  • Friedrich, E. K. & Weiß, W. (2014). Wege und Möglichkeit der Diagnostik der Dissoziation in der Traumapädagogik. In W. Weiß, Friedrich, E. Kamala, E. Picard & U. Ding (Hrsg.), „Als wenn ich ein Geist wär, der auf mich runterguckt“. Dissoziation und Traumapädagogik (Reihe: Edition Sozial; S. 60-76). Weinheim: Beltz Juventa.
  • Gahleitner, S. B. (2005). Neue Bindungen wagen. Beziehungsorientierte Therapie bei sexueller Traumatisierung (Reihe: Personzentrierte Beratung & Therapie, Bd. 2). München: Reinhardt.
  • Krautkrämer-Oberhoff, M. (2009). Traumapädagogik in der Heimerziehung. Biografiearbeit mit dem Lebensbuch „Meine Geschichte“. In J. Bausum, L. Besser, M. Kühn & W. Weiß (Hrsg.), Traumapädagogik. Grundlagen, Arbeitsfelder und Methoden für die pädagogische Praxis (S. 115-126). Weinheim: Juventa.
  • Nestmann, F. (2010). Soziale Unterstützung – Social Support. In W. Schröer & C. Schweppe (Hrsg.), Enzyklopädie Erziehungswissenschaft Online (S. 1-39). Weinheim: Juventa.
  • Petzold, H. G., Wolf, H. U., Landgrebe, B., Josi, Z. & Steffan, A. (2000). „Integrative Traumatherapie“ – Modelle und Konzepte für die Behandlung von Patienten mit „posttraumatischer Belastungsstörung“. In B. A. v. d. Kolk, A. C. McFarlane & L. Weisaeth (Hrsg.), Traumatic Stress. Grundlagen und Behandlungsansätze. Theorie, Praxis und Forschung zu posttraumatischem Streß sowie Traumatherapie (Reihe: Innovative Psychotherapie und Humanwissenschaften, Bd. 62; S. 445-549). Paderborn: Junfermann.

Rezensentin
Marilena de Andrade
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Zitiervorschlag
Marilena de Andrade. Rezension vom 27.04.2018 zu: Silke Birgitta Gahleitner, Dorothea Zimmermann, Dima Zito: Psychosoziale und traumapädagogische Arbeit mit geflüchteten Menschen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2017. ISBN 978-3-525-40480-5. Reihe: Fluchtaspekte, Bd. 1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24201.php, Datum des Zugriffs 18.08.2018.


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