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Christiane Erner-Schwab: Psychotherapie im Kindesalter

Cover Christiane Erner-Schwab: Psychotherapie im Kindesalter. Ratgeber für Erwachsene. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2018. 152 Seiten. ISBN 978-3-95558-219-7. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR.
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Thema und Ziesetzung

Die Autorin, eine ausgebildete psychoanalytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Mitwirkende an einem Ausbildungsinstitut, verfolgt mit dem etwa 150 Seiten umfassenden Buch das Ziel, einen „Ratgeber für Erwachsene“, vorrangig Eltern und weitere Bezugspersonen, vorzulegen, deren Kinder, beziehungsweise zu Betreuende im Rahmen einer Kindertpsychoherapie behandelt werden. Durch die Informationen sollen Eltern und weitere Bezugspersonen ermutigt werden, „bei einer vorliegenden Indikation den Schritt zu einer psychotherapeutischen Behandlung ihres Kindes zumindest zu erwägen“ (S. 9).

Der Titel ist insofern in die Irre führend, weil der Schwerpunkt ausschließlich auf eine psychodynamisch orientierte beziehungsweise psychoanalytische Kindertherapie gelegt wird – andere anerkannte und bewährte Formen der Kinderpsychotherapie werden lediglich im Anhang des Buches kurz abgehandelt. Mit dieser Schwerpunktsetzung auf die psychodynamische Form der Kindertherapie erfolgt auf dieser Weise einerseits eine Fokussierung, anderseits handelt es sich dabei dann um eine Engführung und zum Teil auch einen Ausschluss weiterer moderner wissenschaftlicher Erkenntnisse zur Psychotherapie.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist entlang einer fiktiven Kinderpsychotherapie gegliedert. Dieser Aufbau erfolgt sehr stringent und ist auch für Nicht-Fachleute gut lesbar. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Ausgangspunkt sind die als auffällig und herausfordernd empfundenen Verhaltensweisen eines Mädchens; es wird dann der Prozess des Hilfesuchens der Eltern zunächst bis zum Erstkontakt mit der Therapeutin ausführlich geschildert.

Im Weiteren werden der Therapieverlauf, sowie die Zusammenarbeit mit den Eltern, bis dann zur Gestaltung des Therapieendes beschrieben. Zwischen den praktischen Schilderungen, die auch jeweils kursiv abgehoben sind, werden wichtige Aspekte eines psychotherapeutischen Prozesses dargestellt. So wird beschrieben „Was ist Psychotherapie?“ (S. 21), es wird das Finden eines geeigneten Therapieplatzes dargelegt, im zweiten Kapitel werden die Vorgespräche und nötigen diagnostischen Verfahren beschrieben.

Im dritten Teil („Sarahs Therapie“, S. 56 ff.) werden wichtige Elemente des Therapieprozesses (zum Beispiel Übertragung und Gegenübertragung oder Abwehrmechanismen) erklärt. Besonders hilfreich ist, dass auch Probleme, wie zum Beispiel die Schweigepflicht oder auch eine mögliche Konkurrenz zwischen TherapeutInnen und Eltern, von der Autorin dargestellt werden. Dies gilt auch für die Teile zum „Das Spiel in der Kinderpsychotherapie“ (S. 80 f.) oder mögliche Krisen (S. 88 ff.).

Im etwa 40 Seiten umfassenden Anhang des Buches werden einige „Seelische Störungen im Kindes- und Jugendalter“ (S. 112 ff.) kursorisch vorgestellt, wie ebenso „Andere Therapieformen für Kinder, Jugendliche und Familien“. Abschließend werden „Wegweiser in die Therapie und nützliche Internetlinks“ aufgeführt und Literaturtipps zum Weiterlesen gegeben.

Diskussion und Fazit

Die Grundidee des Buches – der Wechsel zwischen der (fiktiven) Fallschilderung und wichtigen Erklärungen zu therapeutischen Elementen – ist für die angedachte Zielgruppe hilfreich, das praktische Vorgehen der Therapeutin wird nachvollziehbar, in der Realität vorkommende Schwierigkeiten werden offen dargestellt. Ebenso ist der Entwicklungsprozess des Therapiekindes gut nachzuvollziehen. Besonders positiv sind immer wieder die beschriebenen Bezüge zwischen der Entwicklung des Mädchens und der Familiendynamik; die kleinschrittige Arbeit mit den einzelnen Familienmitgliedern aber auch der elterlichen Paarbeziehung wird deutlich und kann in jedem Fall entängstigend wirken. Ebenso werden die wertschätzende und an vielen Stellen ressourcenorientierte Haltung der TherapeutIn deutlich und der Kernansatz psychodynamischer Therapie, die Gestaltung korrigierender emotionaler Beziehungs- und Entwicklungserfahrungen ist immer wieder sichtbar.

Kritisch ist die theoretische Sichtweise der Autorin in ihrer Einschränkung auf das klassisch psychoanalytische Paradigma zu sehen, die als solche nur stellenweise verdeutlicht wird. Dies spiegelt sich zum Beispiel am klassischen psychoanalytischen Entwicklungs-Modell („Die Entwicklung vom Säugling zum Erwachsenen“, S. 15 ff.) – hier wird allein auf das empirisch nicht begründbare und auch innerhalb der Psychoanalyse vielfach kritisierte klassische Phasenmodell rekurriert. Weiterentwicklungen innerhalb der Psychoanalyse, zum Beispiel das Entwicklungskonzept von Daniel Stern oder andere Elemente, wie die Bedeutung der Mentalisierung (Fonagy und Target) spielen keine, bzw. nur eine rudimentäre Rolle. An einigen Stellen – zum Beispiel bei der Betrachtung des Themas Aggression (S. 82 f.) – wird gar noch auf das Triebmodell Bezug genommen. Diese Darstellung ist insgesamt zu einseitig und wird durch die knappe Beschreibung anderer Therapieformen im Anhang nicht ausgeglichen.

Insgesamt kann die Darstellung allerdings den avisierten Zielen, nämlich, Eltern und weiteren Bezugspersonen einen Einblick in einen Therapieverlauf zu geben, erreicht werden; darüber hinaus ist diese Schilderung sicherlich auch für AusbildungskandidatInnen interessant.


Rezensent
Prof. Dr. Klaus Fröhlich-Gildhoff
Hauptamtlicher Dozent für Klinische Psychologie und Entwicklungspsychologie an der EH Freiburg. Approbation als Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut. Abgeschlossene Ausbildungen in Psychoanalyse (DGIP, DGPT), Personzentrierter Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen (GwG), Gesprächspsychotherapie (GwG). 20 Jahre Tätigkeit als niedergelassener Psychotherapeut und als Geschäftsführer eines Jugendhilfeträgers (AKGG). Supervisor bzw. Dozent/Ausbilder bei verschiedenen Psychotherapie-Ausbildungsstätten. Gemeinsam mit Prof. Dr. Dörte Weltzien Leiter des Zentrums für Kinder- und Jugendforschung an der EH Freiburg; Forschung im Bereich Jugendhilfe, Pädagogik der Kindheit, Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen.
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Zitiervorschlag
Klaus Fröhlich-Gildhoff. Rezension vom 28.11.2018 zu: Christiane Erner-Schwab: Psychotherapie im Kindesalter. Ratgeber für Erwachsene. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2018. ISBN 978-3-95558-219-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24203.php, Datum des Zugriffs 19.01.2019.


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