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Ingrid Hametner: 100 Fragen zum Umgang mit Menschen mit Demenz

Cover Ingrid Hametner: 100 Fragen zum Umgang mit Menschen mit Demenz. Diagnostik & Symptome - Kommunikation & Hilfe - Krisen & Interventionen. Mit dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2018. 4., aktualisierte Auflage. 135 Seiten. ISBN 978-3-89993-961-3. D: 19,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 25,90 sFr.
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Thema und Zielgruppe

Dieser in Frage- und Antwort-Form verfasste Ratgeber für Pflege(fach)kräfte versteht sich als Wegweiser zum Umgang mit Menschen mit Demenz. Die Autorin ermutigt Pflegende dem CARE-Gedanken – als einem zentralen Element einer am humanistischen Menschenbild orientierten Gesellschaft – zu folgen. So können Menschen mit Demenz trotz ihrer Erkrankung ein gutes Leben haben.

In dieser 4. Auflage thematisiert Ingrid Hametner zudem die mit der Pflegereform 2017 erreichten gesetzlichen Verbesserungen für Menschen mit Demenz.

Autorin

Ingrid Hametner ist Diplom-Pädagogin, Gesundheits- und Pflegefachkraft sowie ausgebildete Management- und Personaltrainerin. Sie ist seit vielen Jahren u.a. in der Fortbildung von Pflegefachkräften tätig.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in neun Abschnitte mit jeweils 4 – 18 Fragen, die in wenigen Zeilen oder mehreren Seiten beantwortet werden:

  1. Was ist eine Demenz?
  2. Demenzielle Veränderungen
  3. Der Herausforderung Demenz begegnen
  4. Wege der Verständigung
  5. Biografie als Schlüssel zur Verständigung
  6. Die Würde des Menschen ist unantastbar
  7. Der milieutherapeutische Ansatz
  8. Schwierige Situationen und entlastende Hilfen
  9. Gesundheit – Welche Beachtung gebe ich meiner Gesundheit?

Im Anhang finden sich wichtige Adressen und ein umfangreiches und aktuelles deutschsprachiges Literaturverzeichnis.

Inhalt

Im ersten Abschnitt „Was ist eine Demenz?“ werden medizinische Informationen mit z.T. recht vielen Fachtermini vermittelt, betont wird die Bedeutung einer sorgfältigen diagnostischen Abklärung.

Hierauf aufbauend wird im 2. Abschnitt herausgearbeitet, was die Erkrankung genau für Betroffene, Angehörige und Pflegefachkräfte bedeutet. Umfangreich geht Ingrid Hametner hierbei auch auf den Pflegebedürftigkeitsbegriff, die neuen rechtlichen Grundlagen und das Pflege-Assessment ein.

Der 3. Abschnitt thematisiert Herausforderungen: Hierbei betont die Autorin die Grundposition, dass herausforderndes Verhalten immer ein Zeichen dafür ist, dass es dem Betroffenen nicht gelungen ist, sich verständlich zu machen. So werden Pflegefachkräfte begleitet, den Sinn hinter dem herausfordernden Verhalten zu erkennen und wahrzunehmen, welche Motive den Menschen mit Demenz beeinflussen. Als Antwort auf die 35. Frage: „Welche Bedürfnisse haben Menschen mit Demenz?“ werden so die Bedürfnisse

  • Trost
  • Einbeziehung
  • Beschäftigung
  • Bindung und
  • Identität

in den Vordergrund gestellt und der person-zentrierte Ansatz nach Kitwood sowie die Validation nach Feil vertieft. Weiterhin schneidet die Autorin kurz die Integrative Validation nach Richard und etwas ausführlicher die Basale Stimulation nach Fröhlich und Bienstein an.

Im Kapitel „Wege der Verständigung“ werden Grundgedanken einer an der humanistischen Psychologie orientierten Kommunikation erläutert und die besondere Bedeutung des Kontaktes zu Menschen mit Demenz vertieft.

Besonders ausführlich wird dann im 5. Abschnitt die Biografiearbeit, u.a. fußend auf dem psychobiografischen Modell nach Böhm (63. Frage), thematisiert. In diesem Abschnitt findet sich in der 57. Frage auch ein schönes Beispiel einer biografischen Erklärung dafür, dass eine Frau nachts den Kleiderschrank aufgeräumt hat und dann erschöpft vor dem Schrank eingeschlafen ist. Ingrid Hametner vertieft im Zusammenhang mit der Biografiearbeit auch Qualitätsaspekte, die Einbeziehung der Angehörigen und Möglichkeiten der Umsetzung in unterschiedlichen Settings (ambulant/ stationär).

Das 6. Kapitel ist vorrangig rechtlichen Aspekten gewidmet: nach einführenden Überlegungen zum Grundgesetz stehen insbesondere betreuungsrechtliche Fragen im Vordergrund.

Im 7. Abschnitt thematisiert die Autorin milieutherapeutische Aspekte und Haltungsfragen, letztere hätten jedoch noch genauer herausgearbeitet werden können.

Im 8. Abschnitt steht die Frage im Vordergrund, dass Menschen mit Demenz unter Umständen Schmerzen nicht genau genug äußern können, sodass ein gezieltes Assessment von Nöten ist. Im Anschluss werden Weglauftendenzen und Sicherheitsfragen angeschnitten.

Der letzte Abschnitt widmet sich der Selbstsorge und Gesundheit der Pflegekräfte. Hierbei geht es darum, Zeichen von Burnout zu erkennen und Coping Strategien zu entwickeln. Eine Institutionskritik wird hierbei nicht vertieft.

Diskussion

In den ersten beiden Abschnitten liegen Verbesserungspotenziale: Manche Fachtermini wären vermeidbar, insbesondere, wenn man auch Anfänger (wie auf der Buchrückseite vermerkt), Pflegehilfskräfte und Angehörige ansprechen will. Ist dies nicht intendiert, könnte man auf dem Klappentext deutlicher vermerken, dass die Zielgruppe Pflegefachkräfte sind.

Bei den Klassifikationssystemen sind die Bezüge zum veralteten DSM IV nicht mehr hilfreich, in einer kommenden Auflage wäre dann auch das ICD 11 zu thematisieren. Die frontotemporale Demenz wird in Frage 13 als Picksche Erkrankung bezeichnet – hier sollte man bei der aktuellen Bezeichnung bleiben. Auch die Reihenfolge der Fragen wäre optimierbar (Frage 9 und 10 früher). Die 18. Frage enthält deutlich mehr als die Überschrift vermuten lässt.

Bei den Fragen 24 ff wäre es hilfreich, genauer herauszustellen, welche Erhebungsinstrumente eher in der Forschung verwendet werden und welche praxistauglich sind, zudem wäre eine Klärung gut, welche Tests in der ärztlichen Diagnostik und welche im Pflege-Assessment Anwendung finden. Schön ist wiederum die Erläuterung zur Frage 30 (Mäeutik).

Im Kapitel zur Kommunikation könnte man noch auf die Erkenntnisse aus dem marte meo Ansatz eingehen, welcher inzwischen erfolgreich im Umgang mit Menschen mit Demenz angewandt wird. So wäre z.B. in Frage 45 der Hinweis auf ein freundliches Gesicht und warme Stimmtöne bei der Kontaktaufnahme hilfreich.

Eine besondere Stärke des Buches liegt in den Abschnitten 5 und 8. Im 9. Abschnitt, der die Selbstsorge der Pflegekräfte thematisiert, wäre ich noch etwas deutlicher bei der Institutionenkritik geworden.

Es gibt bereits ein etwas ähnlich gelagertes Buch: „100 Fehler im Umgang mit Menschen mit Demenz und was Sie dagegen tun können“, www.socialnet.de/rezensionen/20661.php.

Fazit

Ingrid Hametner hat ihre Erfahrungen aus der Fortbildung von Pflegekräften in ein kurz gefasstes Buch einfließen lassen, das in der vorliegenden 4. Auflage auch einige Neuerungen der Pflegereform 2017 thematisiert. Das Buch begleitet Pflegekräfte bei einem wertschätzenden und methodisch kompetenten Umgang mit Menschen mit Demenz und spannt einen weiten Bogen, bei dem an dieser Stelle besonders die Fragen und Antworten zur Biografiearbeit, zur Schmerzerkennung und zur Selbstsorge der Pflegekräfte gewürdigt werden sollen.


Rezensentin
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
Homepage www.b-tu.de/fg-sozialpsychiatrie/
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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 03.05.2018 zu: Ingrid Hametner: 100 Fragen zum Umgang mit Menschen mit Demenz. Diagnostik & Symptome - Kommunikation & Hilfe - Krisen & Interventionen. Mit dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2018. 4., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-89993-961-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24215.php, Datum des Zugriffs 18.08.2018.


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